INHALT
1. EINLEITUNG 4
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN 6
2.1 Einführung in das Forschungsgebiet der Theatralisierungsthese 6
2.2 Zur Imagekonstruktion - Allgemeine Begriffsdefinitionen 9
2.3 Methodisches Vorgehen 12
3. ABSICHTEN BEI DER IMAGEKONSTRUKTION - DIE
SENDERORIENTIERTE PERSPEKTIVE 14
3.1 Methodik und Grundlagen. 14
3.2 Retrospektive - Das private und politische Leben des
Roland Koch 16
3.2.1 Persönliche Vitae 16
3.2.2 Politische Vitae 16
3.3 „Inszenierst Du schon oder wirst Du inszeniert?“ Wie konstruiert
Roland Koch sein Image? 17
3.3.1 Zur reflexiven Beurteilung von Roland Koch 18
3.3.2 Die Selbstinszenierung des Roland Koch. 19
3.4 Zwischenfazit 20
4. „WER IST KOCH UND WER IST KELLNER?“ INWIEWEIT
MANIPULIEREN MEDIEN BEI DER IMAGEKONSTRUKTION VON
ROLAND KOCH? 21
4.1 Systematik und Auswertung 22
4.2 Dialektische Konstruktion von Roland Kochs Image durch die
Medien - Jedoch: „Koch bleibt Koch.“ 22
4.2.1 Die Darstellung des Privatmenschen Roland Koch in den
Medien 23
4.2.2 Der „Lügner“ Koch - Skandale und Affären im politischen
Leben des CDU-Spitzenkandidaten 24
4.2.3 Der brillante Politprofi Roland Koch - Positive Zuschreibungen
und Charakterisierungen in den Medien. 27
4.3 Zwischenresümee 28
2
5. „ROLAND KOCH DER KÖNIG VON HESSEN“ - PERZEPTION DES
ÖFFENTLICHEN BILDES BEIM WÄHLER 29
5.1 Methodisches Vorgehen und Datenbasen 29
5.2 Authentizität vom Schein und Sein - entscheidende Relevanz zu
Zeiten ökonomischer Knappheit? 31
5.3 Zwischenfazit 36
6. DISKUSSION. 37
7. LITERATUR 42
8. LINKVERZEICHNIS 45
3
1. EINLEITUNG
Ende der neunziger Jahre befand sich die Inszenierungsthese auf ihrem Höhepunkt (siehe ausführlich dazu Willems/Jurga, 1998). Eine moderne Gesellschaft die durch die mediale Logik 1 bestimmt und deren Strukturen (Organisationsformen, rechtliche Verfasstheit und ökonomische Ausrichtung) durchzogen ist, neige, so Befürworter der Inszenierungsthese, zur Theatralisierung aller sozialer Systeme (vgl. Meyer, 2003, S.12). Der Wandel hin zu einer Mediengesellschaft und dessen Auswirkungen auf das politische System sind unverkennbar. 2 Eine nivellierende Ausrichtung hin zu einer kurzfristigen Medienresonanz auf Kosten eines sorgfältigen Arbeitens in den Parlamenten ist mit Bedauern systemübergreifend festzustellen, egal ob in einer parlamentarischen oder präsidentiellen Demokratie, in einem Zwei- oder Mehrparteiensystem oder in Systemen mit einem Mehrheits- oder Verhältniswahlrecht (vgl. Korte/Hirscher, 2000, S.7). Vor allem aus legitimatorischen Gründen sind besonders politische Akteure darauf angewiesen, ihre Politik mit der Öffentlichkeit abzustimmen bzw. politische Vorstellungen und deren Umsetzung an die Bevölkerung zu kommunizieren. In einer Mediendemokratie ist es deshalb nicht verwunderlich, dass Spitzenakteure von Parteien intentionale Telepolitik betreiben, um so ihre Wählerschaft zu erreichen (vgl. Jarren, 2001, S.10). Im Zuge einer Ökonomisierung der Gesellschaft und nachlassender parteipolitischer Bindungen setzen politische Spitzenakteure vermehrt auf Techniken des politischen Marketings. Die Imagekonstruktion und -pflege parteipolitischer Spitzenmänner ist dabei nur eines von vielen Instrumenten, welches im modernen politischen System Einzug gehalten hat (vgl. Pries, 2004, S.153ff).
1 Bei der medialen Logik handelt es sich um zwei aufeinander abgestimmte Regelsysteme, der
Selektions- und Präsentationslogik. „Das erste Regelsystem besteht in der Auswahl berichtens-
werter Ereignisse nach Maßgabe ihrer Nachrichtenwerte, das zweite aus einem Kanon von attrak-tionssteigernden Inszenierungsformen für das so ausgewählte Nachrichtenmaterial, um die Maxi-
mierung eines anhaltenden Publikumsinteresses zu sichern.“ (Meyer, 2003, S.15)
2 Thomas Meyer stellt die „kopernikanische Wende“ - den Wandel von der Parteien- hin zur Me-
diendemokratie - ausführlicher in seinem Werk „Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch
das Mediensystem“ dar (vgl. Meyer, 2001).
4
Im Rahmen des Hauptseminars „Versöhner“, „Macher“, und „Eiserne Ladies“ - Zur Imagekonstruktion politischer Spitzenakteure - im Sommersemester 2005 unter der Leitung von Martin Florack, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen, sollten nicht nur die Auswirkungen des Wandels von einer parlamentarischen hin zu einer Mediendemokratie problematisiert werden, sondern auch praxisnah erforscht und untersucht werden, wie das politische System versucht, die Medien zu instrumentalisieren und wie die Marketingtechnik der Imagekonstruktion in der politischer Praxis Anwendung widerfährt.
Die Teilnehmer des Seminars bekamen die Aufgabe, in kleinen Teams politische Spitzenakteure hinsichtlich ihres Images, dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und dessen Konstruktion durch die Medien intensiv zu analysieren. Der vorliegende Forschungsbericht fast die Ergebnisse einer dieser Untersuchungen zusammen. Dabei konzentrierte sich ein Projektteam von fünf Studenten/innen auf die Image-Generierung von Roland Koch (CDU).
Im anschließenden Abschnitt werden die theoretischen Grundlagen für das Forschungsprojekt dargestellt. So wird zunächst eine wissenschaftliche Rahmung und Einführung in das Forschungsgebiet der Theatralisierungsthese vorgenommen, die theoretische Herleitung des Begriffs Imagekonstruktion und die Methodik der Forschungsgruppe Roland Koch differenziert erläutert.
5
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1 EINFÜHRUNG IN DAS FORSCHUNGSGEBIET DER THEATRA-LISIERUNGSTHESE
In den Kommunikationswissenschaften wird der Wandlungsprozess dynamischer und moderner Gesellschaften anhand des prägenden Merkmals der Evolution der Medien charakterisiert. 3 Werden Medien als komplexe institutionalisierte Systeme, die sich aus überwiegend technisch organisierten Kommunikationskanälen mit spezifischen Leistungsvermögen zusammen setzen, definiert und wirken diese in alle Ebenen individuellen und kollektiven Seins hinein, egal ob in kultureller, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht, kann medienvermittelte Kommunikation auch als soziales Totalphänomen bezeichnet werden. (vgl. Saxer, 1998, S.52ff). Angesichts der fortschreitenden Globalisierung, der technisch induzierten grundsätzlichen Veränderung des Mediensystems und der Dualisierung des Rundfunksystems in vielen europäischen Ländern Mitte der achtziger Jahre erachten es viele Wissenschaftler für sinnvoll, von einer Mediengesellschaft zu sprechen (vgl. Kaase, 1998, S.24-25). In diesem immer komplexer werdenden und ökonomischen Gesetzmäßigkeiten folgenden sozialen System gewinnt Kommunikation, der Prozess der Zeichen- und Bedeutungsvermittlung, für den Zusammenhalt und die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft eine immer größer werdende Relevanz (vgl. Saxer, 1998, S.52-53).
Politische Öffentlichkeit in einer Mediengesellschaft ist hinsichtlich ihrer Inhalte, Strukturen und Prozesse weitgehend medial beeinflusst. In dem Maße wie sich allgemeine Kommunikations- und Informationspraxen durch die Mediatisierung verändern, 4 wandelt sich auch die politische Kommunikation. Die Mediatisierung der politischen Kommunikation wird im Rahmen
3 So betrachten beispielsweise McLuhan (1964/1995) und - im Anschluss daran Meyrowitz (1987) -
die Entwicklung der Gesellschaft als Geschichte ihrer Medien (vgl. Meyer u.a., 2000, S.71).
4 Das Fernsehen ist bei der Mediatisierung nicht nur als Faktor zu betrachten, sondern hat
mittlerweile auch die Funktion des Leitmediums oder Meinungsführers inne. Von Relevanz ist somit,
dass die Bildung der öffentlichen Meinung immer stärker an die Medien abgetreten wird und ein
Wandel weg von realen hin zu virtuellen Opinion-Leader festzustellen ist (Vgl. Merten, 1999,
S.243)
6
dieser Arbeit holistisch betrachtet. D.h. auf die drei wesentlichen Perspektiven der Mediatisierungsthese, der wachsenden Verschmelzung von Medienwirklichkeit und politischer sowie sozialer Realität, der zunehmenden Wahrnehmung von Politik im Wege medienvermittelter Erfahrung und der Ausrichtung politischen Handelns und Auftretens an der Medienlogik, wird hier im Einzelnen nur ansatzweise und nicht detailliert eingegangen (vgl. Jarren, 2001, S.12).
Theatralische Darstellungen und die damit im Zusammenhang stehende Inszenierungsthese des Politischen, verbreitet durch immer modernere und weitreichendere Medientechniken, finden zunehmend in der Öffentlichkeit Zuspruch. 5 Begründbar ist dies durch die Machtverschiebung vom geschriebenen oder gesprochenen Wort hin zur bildlichen Darstellung. Durch die Visualisierung, hauptsächlich generiert durch das Leitmedium TV und dessen innere Funktionslogik, 6 spielt es keine Rolle mehr, wer was sagt, sondern wie das zu vermittelnde durch Bildhaftigkeit die Sinne des Rezipienten in Regie nimmt (vgl. Meyer u.a., 2000, S.89). Politik in der Demokratie lebt von der immerwährenden Legitimation ihrer Intentionen, Verhaltensweisen und von ihren Handlungserfolgen. In einer Mediengesellschaft kann und muss dies über medienvermittelte - explizit elektronische - Kommunikation erfolgen. Die durch mediale Logik bestimmte Gesellschaft zwingt das politische System allerdings dazu, sich in die Abhängigkeit des Mediensystems zu begeben. Um Aufmerksamkeit zu erlangen und die Bürger zu erreichen, müssen politische Ereignisse oder Akteure theatralisiert bzw. inszeniert werden (vgl. Meyer, 2003, S.12ff).
5 Nach Merten ist eine analytische Differenzierung zwischen Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung
ratsam. Dabei kann Öffentlichkeit als Situation mit fünf typischen Elementen definiert werden: „1)
der Beobachtbarkeit von allem durch alle [...], die 2) Diskurse anstößt zu 3) Themen, die 4) nach
Relevanz behandelt werden und 5) dazu Meinungen provozieren.“ (Merten, 1999, S.217-218) Öf-
fentliche Meinung in der Mediengesellschaft wird systemisch als neuzeitliche Struktur von Kommu-nikation verstanden, die nicht mehr auf Authentizität, sondern viel eher auf die Unterstellung von
Wahrhaftigkeit aufbaut. Dabei spielt die Akzeptanz einer Meinung, welche nicht authentisch sein
muss, eine immer größere Rolle, wobei die Akzeptanz einer Meinung über die Öffentlichkeit be-schafft werden kann (vgl. Merten, 1999, S.217ff). Bei unseren Arbeiten und schriftlichen Ausfüh-
rungen wird allerdings nicht zwischen diesen beiden theoretischen Konstrukten unterschieden.
6 Jarren thematisiert in dem Artikel „Mediengesellschaft - Risiken für politische Kommunikation“
detailliert die inneren Strukturen und Regelsysteme etablierter Medienorganisationen (vgl. Jarren,
2001, S.13ff).
7
Von politischen Begebenheiten kann dann als theatralisches Event gesprochen werden, „wenn es sich um Darstellungsaktivitäten handelt, die vor allem mit dem tätigen Körper und/oder seinen mediatisierten Bildern operieren“ (Meyer u.a., 2000, S.45). Findet politische Kommunikation als das Vorzeigen „bewegter Körper und der Führung des Blicks in einem öffentlich hervorgehobenen Raum statt, wobei unterschiedliche Sinnbereiche, Medien und Zeichensysteme zusammenwirken“, kann von Theatralität des Politischen gesprochen werden (Meyer u.a., 2000, S.45). Der Begriff der Inszenierung meint in diesem Kontext „das Ensemble von Techniken und Praktiken, mit denen etwas absichtsvoll und hochselektiv zur Erscheinung gebracht wird und zugleich den Prozess des Erscheinens selbst. Das erklärt auch das Verhältnis zwischen den beiden Schlüsselbegriffen Inszenierung und Theatralität: Die Inszenierung ist das, was Theatralität zur Erscheinung bringt“ (Meyer u.a., 2000, S.54). Die Inszenierungsthese besagt im Kern, dass moderne politische Kommunikation nur noch den Gesetzmäßigkeiten des medialen Systems folgt und jegliche Art von politischer Kommunikation und politischem Handeln allein symbolischen Wert besitzt, um die Aufmerksamkeit des Bürgers bzw. potentiellen Wählers zu gewinnen bzw. seine Meinung über den politischen Akteur, dessen Partei oder Programmatik intentional zu beeinflussen. In einer Mediengesellschaft fehlt dieser Darstellungspolitik jedwede politische Substanz und Entscheidungspolitik wird als irrelevant kategorisiert (vgl. Korte/Hirscher, 2000, S.11).
Aus anthropologischer Sicht lässt sich zur Inszenierungsthese zwar anmerken, dass politische Akteure bereits vor Jahrhunderten versucht haben, ihre Ziele oder Verdienste, ihre Person oder die Gruppe, die sie vertraten, durch entsprechende Inszenierungspraktiken für eine breite Öffentlichkeit ins rechte Licht zu setzten. Allerdings hat sich durch den Wandel hin zur bildlichen Kommunikation sowie durch die inflationäre Mitteilungsflut und der damit zu problematisierenden Aufmerksamkeitsmalaise eines Massenpublikums der Konkurrenzdruck in der Politik drastisch verschärft. Die Situation und die Möglichkeiten der politischen Kommunika-
8
tion haben sich damit grundlegend verändert (vgl. Meyer, 2003, S.13-14; Müller, 1999, S.41-42).
In einer von Bildern durchzogenen und geleiteten Gesellschaft ist es für politische Akteure essentiell und überlebenswichtig geworden, auf PR- und Marketingtechniken (evtl. unter Zuhilfenahme von Medienberatern) zurückzugreifen, um überhaupt noch Aufmerksamkeit erlangen zu können (vgl. Kahler, 2004, S.184ff). Folgender Forschungsbericht über den politischen Spitzenakteur Roland Koch, Ministerpräsident des Landes Hessen und CDU-Abgeordneter im Deutschen Bundestag, thematisiert die Inszenierungsthese aus einer praktischen Perspektive. Dabei soll das Bild oder besser Image, welches ein politischer Spitzenakteur besitzt, aus angesprochenem Anlass - der Inszenierungsthese - näher analysiert werden. Welche Möglichkeiten der Inszenierung bieten sich für den Politiker oder dessen Image-Broker? Wie können die Medien von diesen Akteuren instrumentalisiert werden und zugleich manipulieren? Welche Auswirkungen haben die unterschiedlichen Intentionen und Regelsysteme der beteiligten Akteure auf die Öffentlichkeit und deren Meinung (vgl. Priess, 2003, 157ff; Korte, 2004, S.211ff)? 7
2.2 ZUR IMAGEKONSTRUKTION - ALLGEMEINE BEGRIFFSDEFI-NITIONEN
Im Folgenden soll das Instrument der Inszenierung des Politischen an der Praktik der Imagekonstruktion exemplarisch behandelt werden. Der Begriff Image leitet sich von dem lateinischen Wort Imago (Bild) ab. Ein Image ist definiert als die Gesamtheit von Vorstellungen, Einstellungen und Gefühlen, die eine Person im Hinblick auf ein Objekt, z.B. eine Person, eine Organisation, ein Produkt oder eine Idee, besitzt (vgl. Merten, 1999, S.244).
7 Arnswald geht in seinem Essay „Die Inszenierung der Politik in einer theatralisierten Gesellschaft“
von der Prämisse aus, dass drei Akteure - die politischen Eliten als Protagonisten der Inszenierung,
die Medien und das allgemeine Publikum - bei der Inszenierung eines Images von Relevanz sind
(vgl. Arnswald, 2003, S.28).
9
Arbeit zitieren:
Marc Petrovic, 2005, ROKO I. - König von Hessen - Intention, Manipulation und Rezeption - Roland Koch und sein Image als politischer Spitzenakteur in der mediatisierten Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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