Einleitung
Diese Seminararbeit behandelt eine Westafrikanische Ethnie, die unter dem Namen Fulbe bekannt ist. Die Fulbe besitzen eine, durch arabische Dokumente erwiesene, Kontinuität von mindestens 600 Jahren 1 . Die Menschen, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden, zeichnen sich durch eigene ethische Prinzipien, das pulaaku, eine gemeinsame Sprache, die landläufig als Ful, Fulfulde und Pulaar bekannt ist und durch eine Präferenz für eine nomadische Form der Rinderhaltung aus. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich auf die gesamten Sahelzone Westafrikas, vom Senegal bis an den Tschadsee, und sogar im Sudan finden sich etablierte Gruppen der Fulbe. In dieser Arbeit soll eine Beschreibung des Wohnraumes der Fulbe und eine Interpretation von Raumstrukturen bei den Fulbe erreicht werden.
Viele Wissenschaftler haben sich mit ethnologischen und linguistischen Aspekten der Fulbe beschäftigt. Die ethnologischen Arbeiten, die in diesem Beitrag Eingang gefunden haben, sind 1. eine ethnographische Arbeit von Stenning (1959), der eine Gruppe nomadischer Fulbe in Nigeria unter Einbeziehung historischer Aspekte untersuchte 2. Schareika (2003), der sich mit Umweltwissen und Rationalität der Weidewanderungen einer Gruppe nomadischer Fulbe im Niger beschäftigte 3. Bierschenk (1997), der ökonomische Strategien agropastoraler Fulbe in mehreren Regionen Nordbenins analysierte. Aus diesen Arbeiten wurden Karten und Beschreibungen des Wohnraumes der untersuchten Menschen exzerpiert, um diese als Datengrundlage für diesen Beitrag zu verwenden. Wohnraum meint hier den Bereich, in dem der Alltag eines Haushaltes stattfindet, wobei der Raum der Weidung der Herde davon ausgeschlossen wird.
Um den Wohnraum der Fulbe begreifen zu können, war es notwendig auf Raumansätze in der wissenschaftlichen Literatur zurückzugreifen. Theorieorientierte Arbeiten, die Eingang in diesem Beitrag gefunden haben, sind 1. Rappaport (1994), aus dessen Arbeit die Definition des Begriffes Setting entnommen wurde 2. Haller (1994), aus dessen Arbeit verschiedene Raumdefinitionen und eine sozial orientierte Analyse der Nutzung von „Orten“ Anwendung fanden 3. Rolshoven (2003), aus deren Arbeit soziale Merkmale von Raum generiert wurden 4. Bordieu (1991), aus dessen Arbeit eine
1 Siehe Abu-Manga Al-Amin. 1986. “Fulfulde in the Sudan”. Dietrich Reimer Verlag. Berlin
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Theorie der Genese und Funktion von (bewohntem) Raum angewandt wurde und 5. Dickhardt; Hauser-Schäublin (2003), aus deren Arbeit eine Analyse empirischer Erfassungsmöglichkeit von Raum verwendet wurde. Diese Ansätze sind von westlichen Wissenschaftlern erarbeitet worden, um das Konzept Raum verständlich, empirisch erfassbar und interpretierbar zu machen. Dabei schließen die Ansichten der verschiedenen Autoren sich nicht aus, sondern fokussieren jeweils unterschiedliche Sachverhalte und Aspekte der Raumentwicklung und Raumkonstruktion durch handelnde Menschen und Menschengruppen, um eine universal gültige Verbindung zwischen Raum und Mensch herzustellen. Der Mensch als soziales Wesen, dessen Handlungen als soziale Prozesse zu verstehen sind, die mit Raum oder Räumen Verbindungen eingehen.
In meinem Beitrag versuche ich die wissenschaftlichen Ansätze und die Daten über die Fulbe in Interaktion treten zu lassen, indem ich einerseits die Daten mit den wissenschaftlichen Konzeptualisierungen analysiere und andererseits die
wissenschaftlichen Ansätze anhand der Daten auf ihre Anwendbarkeit überprüfe. Auf diese Art möchte ich einerseits eine Konkretisierung der wissenschaftlichen Ansätze erreichen, andererseits möchte ich eine These bezüglich Raumkonstruktion durch die Fulbe gewinnen. Dieser Bericht ist nicht in Kapiteln organisiert, sondern wird durch die verschiedenen Analyseeinheiten 1. Haus. 2. Hof. 3. Kamp strukturiert, die sukzessive analysiert werden.
Wissenschaftliche Raumauffassungen
Das Wort wuro bezeichnet in der Sprache der Fulbe, dem Fulfulde, eine Heimstätte (Stenning 1959:107). Das Wort Heimstätte impliziert eine „flächenmäßige Ausdehnung im physischen Raum“ (Haller 1994:6). Gleichzeitig geht eine Heimstätte eine untrennbare Verbindung mit dem Wesen Mensch bzw. mit dem Leib ein. Der „Leib“ als der grundsätzliche, minimalistische „Ort des Menschen, von dem aus er handelt und interagiert“ (Dickhardt; Hauser-Schäublin 2003:16). Aber auf welche Art verbindet sich bei den Fulbe im Ausdruck wuro die Flächenextension mit der Leiblichkeit? Haller (1994:11) analysiert, dass „Flächenextension“ vorerst willkürlich sei und erst durch Interaktion, Bedeutungszuweisung und Identität zur Lokalität, zum Ort oder zum Territorium werde. Er definiert „Lokalität“ als eine „ ...geographische Extension mit Identität, Namen und Grenzen.“ Unter dem Begriff „Ort“ versteht er „...den Aspekt der
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tatsächlichen Nutzung einer Lokalität als Interaktionsfeld durch eine soziale Gruppe...“ und Territorium sei, wenn „...zum Aspekt der Nutzung ein Besitzanspruch auf die Lokalität dazu [kommt]...“ (ebd.:5). Haller verknüpft Menschen mit Raum, indem dem Raum durch die Menschen eine Bedeutung gegeben würde. Bedeutung suche sich einen Raum in dem sie sich manifestiere. Darüber hinaus gebe es Mechanismen der Traditionalisierung, die Interaktionskontexte und Identitäten an Orte fixierten. Menschen würden ihre Interaktion und ihre Identität verorten (ebd.:9ff). Entgegen den früheren Raumauffassungen in den Gesellschaftswissenschaften, die
Forschungssubjekte anhand eines geographischen Raumes definierten, plädiert auch Rolshoven (2003) für eine Konkretisierung der Analysen. Physischer Raum sei kein entsozialisiertes Gefäß kultureller Erscheinungen (ebd.:191f). Sozialwissenschaftlich orientiert, betrachtet sie Lefevre folgend Raum als Instrument und Modell (ebd.:199f), welches individuelles Handeln „als Teil sozialer Prozesse und somit Teil der Konstitution von Kultur“ abbilde. Sie sieht in dem aus der Perspektive des Individuums gedachten und aus seiner empirischen Erfahrung heraus entwickelten Raumbegriff ein Gerichtetsein der Ausdehnungsdimensionen des physischen Raumes als oben/unten, hinten/vorne, rechts/links, welches zugleich Kulturmuster und symbolische Verortungen in der Gesellschaft beschreibbar machten. Räume seien begreifbar als 1. Dialektik des Wahrnehmens und Realisierens 2. konzipierter Raum, in dem sich ein diskursiver Moment ergäbe und 3. individuell realisierte Räume. Auch Bordieu (1991:26) analysiert konzipierte Gegensätze im materiellen Raum als „Struktur des sozialen Raums (...), wobei der bewohnte (oder angeeignete) Raum als eine Art spontaner Metapher des sozialen Raums fungiert.“ Er führt weiter aus, dass in einer hierarchischen Gesellschaft Räume und Raumstrukturierungen soziale Distanzen zum Ausdruck brächten. Diese Ansätze betrachten den handelnden Menschen als Ausgangspunkt der Strukturierung und Konstruktion von Raum. Angeeigneter Raum wird strukturiert und impliziert demnach auch immer einen sozialen Aspekt der dort lebenden Menschen. Welche Relevanz aber haben diese Ansätze für diese Arbeit? Die Heimstätte wuro wird von den Fulbe als eigenständiges Konzept zu allen anderen Flächenextensionen dichotomisiert, indem sie artikuliert und mit einem eigenen Ausdruck belegt wird. Diese Tatsache scheint Beweis und Rechtfertigung genug, um diese Flächenextension als Analyseeinheit einzugrenzen. Eignen sich die genannten Ansätze der Wissenschaft, um
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das Konzept des wuro und die Karten, die von Forschern von den Heimstätten der Fulbe angelegt wurden, zu interpretieren?
Aus methodischer Notwendigkeit soll zunächst der Begriff des „Setting“ nach Rappaport (1994) eingeführt werden.
Rappaport (1994:461) definiert ein Setting als, „a milieu with an ongoing system of activities, where the milieu and the activities are linked by rules as to what is appropriate and expected in the setting.” (ebd.:462). Ein Setting unterscheidet sich demnach von den Hallerschen Begriffen „Lokalität“ und “Ort” durch Regeln des angemessenen und zu erwartenden Benehmens innerhalb dieses definierten Raumes bzw. Aktionsfeldes. Rappaports Terminus des Setting bleibt allerdings indifferent bezüglich der Träger der Aktivitäten, genauer gesagt, bezüglich der zu erwartenden Menge von Trägern von Aktivitäten, die durch ihre Handlung(en) ein Setting konstituierten. Die Regeln der angemessenen und zu erwartenden Aktivitäten scheinen auf den ersten Blick mehrere Partizipanten für ein Setting vorauszusetzen, die in einem System von Aktivitäten eingebunden sind und über die ausgehandelten Regeln der adäquaten Handlung wachen und Aktivitäten gegebenenfalls bewerten und sanktionieren. In der genaueren Analyse lässt sich dieses Konzept aber weiter ausdifferenzieren. Als Bezugspunkt sei mein Arbeitsplatz als Beispiel angeführt. Mein Arbeitsplatz ist eine Ecke in meinem Zimmer, in der ein Schreibtisch, ein Computer, Bücher, Dateien und anderes situiert sind. Meine Aktivitäten in dieser Ecke reduzieren sich vornehmlich auf das Schreiben und Recherchieren. Diese Aktivitäten unterscheiden sich von denjenigen, die ich in anderen Bereichen meines Zimmers unternehme. Nicht nur die Konzentration von Arbeitsgeräten unterscheidet meinen Arbeitsplatz von allen anderen Bereichen des Zimmers, sondern ich erwarte auch nicht (und nur ich, da ich alleine wohne), dass ich in dieser Ecke mit Freunden zusammen sitze oder ein Mahl einnehme oder schlafen werde. Selbst, wenn sich eine größere Zahl von Menschen in meinem Zimmer aufhalten, rücke ich meinen Schreibtischstuhl aus dieser Ecke hervor und integriere ihn in die weitere Aufenthaltsfläche. Ich erwarte zu keiner Zeit, dass jemand anderes als ich selbst an meinem Schreibtisch sitzt, außer ich fordere ihn aus einem bestimmten Grund dazu auf. In der Raumkonzipierung habe ich diese Ecke auch optisch von den anderen Bereichen durch ein Regal getrennt 2 . Obwohl ich erwarte, dass
2 Rappaport (1994:461) geht davon aus, dass Menschen Raum zuerst konzeptuell organisierten und dann bebauten. In dieser Arbeit werden bauliche Aspekte des Raumes keiner Analyse unterzogen.
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Besucher diese Ecke des Zimmers als eigenes Setting wahrnehmen, erwarte ich allerdings nicht, dass meine Aktivitäten dort auf ihre Angemessenheit von Anderen bewertet oder sanktioniert werden. Mein Arbeitsplatz ist ein Setting in meinem Zimmer, welches sich durch bestimmte Gegenstände und Aktivitäten auszeichnet, die nur ich in dieser Ecke erwarte oder ausführe und als angemessen erachte. Aufgrund dieser Analyse muss der Begriff des Setting, wie von Rappaport definiert, dahingehend erweitert werden, dass ein Milieu von Aktivitäten mit Regeln zu erwartender und angemessener Handlung(en) auch dann ein Setting konstituierten, wenn es nur einen Partizipanten für diese Handlung(en) gibt. In Anbetracht des Gesagten folgt diese Arbeit der These Rappaports, dass auch innerhalb eines „Ortes“ sich verschiedene Settings auszeichnen könnten. Ein Setting sei also eine Flächenextension, an der jeweils unterschiedliche Regeln und Aktivitäten zu erwarten seien. Sei es durch eine Gruppe von Akteuren oder durch einen individuellen Akteur.
Im Folgenden werden Karten und Beschreibungen des Wohnhauses suduu, welches sich innerhalb der Fläche des wuro befindet, und der Heimstätte (Hof) wuro mit den dargestellten Ansätzen entschlüsselt 3 .
A. Das Haus suduu
Karte.1. 4 Plan einer Wohnhütte (suudu) agropastoraler Fulbe (Bierschenk 1997:125)
3 Es wird in dieser Arbeit davon ausgegangen, dass sich Haus und Hof sesshafter (agropastoral) und nomadischer (pastoral) Fulbe konzeptuell nicht unterscheiden und dass das für die Einen Gesagte jeweils auch für die andere Gruppe Gültigkeit besitzt.
4 Diese und alle folgenden Karten zeigen normative Strukturierungen der Wohnanlagen der Fulbe, wie sie von einschlägigen Forschern in der Literatur dargestellt werden. Es ist mir leider nicht bekannt, inwieweit diese Strukturierungen von allen Fulbe verfolgt werden.
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Das Haus suduu liegt innerhalb eines Gehöfts wuro und zwar an der Hinterseite bzw. am östlichen Ende des wuro und gleichzeitig gegenüber dem Eingangs, der sich am westlichen Ende des wuro befindet.
Das suduu der Fulbe scheint sechs verschiedene Settings aufzuweisen, die sich nach Bierschenk in vier Raumstrukturen (nach meiner Zählung allerdings fünf), ausgehend von der Eingangstür, verteilen.
1. Hinten im Haus befindet sich die eingelagerte Milch. Diese Milch lagert in verschiedenen Kalebassen auf einem Regalgestell. Diese wird von dem Herdenbesitzer seiner Ehefrau zum individuellen Gebrauch zur Verfügung gestellt. Eine Vorbedingung für die Einwilligung in die Ehe ist das Vermögen des Mannes seiner Frau eine ausreichende Menge an Milch zur Verfügung stellen zu können. Die Frau benutzt Milch einerseits, um das Mahl für die Familie zuzubereiten, andererseits verarbeitet sie die Milch zu Käse (und Anderem) und vermarktet diese Produkte zum eigenen Vorteil auf dem Markt. Mit anderen Worten ist im Haus einer Ehefrau zu erwarten, dass im hinteren Teil Regale angebracht sind auf denen Milchkalebassen stehen, über die nur sie ein Verfügungsrecht besitzt. Der Setting-Begriff Rappaports stößt m.E. hier an Grenzen, da die Frau in diesem Bereich keine Aktivitäten in eigentlichem Sinn ausführt. Trotzdem soll dieser Bereich als Setting aufgefasst werden, da die exklusive Zugangsberechtigung der Frau zu diesem Bereich und den dort gelagerten Objekten eine Regel des angemessenen und zu erwartenden Verhaltens ableitet. In diesem Setting findet keine direkte Interaktion nach Haller statt, aber es ist eine Extension, an der Interaktionen zwischen Ehepartnern und auf Märkten sich niederschlagen, nämlich eheliche Vereinbarungen und Handelsaktivitäten. Das Recht einer Ehefrau auf Milch ist im hinteren Teil des Hauses präsent. Dies ist außerdem der Ort, an dem eine Ehefrau die Produkte ihrer privaten (sozioökonomischen) Ziele lagert (die ihr vom Ehemann zur Verfügung gestellt werden). In diesem Setting materialisieren sich soziale Komponenten. Sich auf Lefebvre beziehend fordert Rolshoven (2003:199), Raum als Instrument zu betrachten, welches in der Lage sei Kulturkonstitution abzubilden. Ihr folgend, wird in der Raumkonzipierung als gesellschaftliche Praxis ein diskursiver Moment zwischen Ehepartnern sichtbar. Auf der empirischen Erfahrung der Frau, die eine bestimmte Menge Milch zur Verfügung hat, basiert ein Teil ihrer sozialen Rolle und Identität 1. als Ehefrau und 2. als Einkommenhabende. Mit Bordieu’s (1991:26) Worten könnte man sagen, dass mit der Tatsache, dass die Milch der Frau einen eigenen
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Arbeit zitieren:
Schirin Agha-Mohamad-Beigui, 2006, Der Wohnraum der Fulbe mit wissenschaftlichem Blick, München, GRIN Verlag GmbH
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