Die Regenbogenflagge
distinguierende und integrierende Symbole im Wandel der Zeit
Thorsten Kadel, 1999
Inhalt
Einleitung 3
Die Regenbogenflagge als Objekt der industriellen Massenkultur 4
Situation der Homosexuellen im Nationalsozialismus 9
RETROSPEKTIVE BETRACHTUNG 10
Der Rosa Winkel. 11
Zur Bedeutung der Farben. 14
Variationen der Symbole 15
Verbreitung der Symbole. 16
Die Regenbogenflagge als Politikum in der Berliner Lokalpolitik. 19
Schlussbetrachtung 21
Bibliographie 23
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Die Regenbogenflagge ist ein Objekt der industriellen Massenkultur. Sie ist das heute weltweit verbreitete Symbol der Schwulen und Lesben. Dennoch herrscht in der Bevölkerung weitgehend Unklarheit über ihre Bedeutung, und auch Homosexuelle wissen oft nicht, was genau das Symbol repräsentiert.
Welche Bedeutung(en) hat die Regenbogenflagge, von wem wird und wurde sie wann und wofür verwendet, woraus hat sie sich entwickelt, gilt sie für Schwule und Lesben gleichermaßen und wie hängt sie mit der Aids-Aufklärungs-Bewegung zusammen? Die vorliegende Arbeit will den Stellenwert, den die Regenbogenflagge einnimmt, aus ihrer Geschichte heraus darstellen, ihr Aufkommen erläutern und die Entwicklung des Symbols transparent machen.
Bei dem Versuch nachzuvollziehen, wie die Regenbogenflagge zu ihrer heutigen Bedeutung kam, waren Interviews mit Zeitzeugen i eine große Hilfe. Gerade bei der internationalen Recherche war ich auf das Internet angewiesen. Die Zuverlässigkeit - auch der gedruckten - Quellen ist nicht immer selbstverständlich.
Manches in dieser Arbeit ist aufgrund der schwierigen Recherchesituation nur angedeutet oder vernachlässigt - Primärliteratur zu diesem Thema ist selten, Sekundärliteratur fast nicht zu finden.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht das Objekt Regenbogenflagge, auf die Geschichte der Homosexuellenbewegung wird nur in so weit eingegangen, wie es zum Verständnis erforderlich ist.
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Flaggen sind „mit heraldischen Farben bedruckte Tücher. Sie können im Gegensatz zu Fahnen mit einer Leine an Masten oder Stöcken gehißt werden und sind Erkennungszeichen.“ (Meyers Taschen Lexikon 1990, 7:114), Dagegen ist eine Fahne ein „einseitig und direkt an einer Stange befestigtes Tuch“ (ebd. 6:315). Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe jedoch meist synonym verwendet. Fahnen dienten bereits den altorientalischen Völkern und den Römern als „Kampf-, Sieges- und Herrschaftssymbol, ...seit dem 10. Jahrhundert wurden sie von der Kirche zu liturgischen Zwecken verwendet...Die heutigen Batallionsfahnen haben bei der Bundeswehr lediglich die Funktion eines Identifikationssymbols.“ (ebd.)
Der Regenbogen ist ein Naturphänomen. Er entsteht durch Lichtbrechung an in der Atmosphäre vorhandenen Wasserteilchen. Die Farbenfolge des Hauptregenbogens verläuft von außen nach innen von Rot über Orange, Gelb, Grün und Blau nach Violett, die eines eventuell auftretenden Nebenregenbogens umgekehrt.
Die Regenbogenflagge (Abb. 1) hat als Objekt der industriellen Massenkultur vorwiegend Repräsentationswert, ihr Gebrauchswert ist eher marginal. Um ihre Entstehung und Verbreitung kreisen mehr Gerüchte als verifizierbare Fakten. Man kann die Regenbogenflagge direkt mit den Mythen über den Regenbogen assoziieren, die in fast allen Kulturen existieren.
Im Alten Testament heißt es: „Meinen Bogen habe ich in die Welt gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde...daß hinfort keine Sintflut mehr komme.“ (I. Mose 9,13-15). Der Kommentar erläutert näher „zum Bund gehört das Zeichen - die einseitige Garantieerklärung wird ‚unterzeichnet‘ mit dem Zeichen des Regenbogens“.
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Ein Zeitzeuge ii vertritt die Auffassung, daß Teile gerade einer frömmelnden Öffentlichkeit in der Immunschwächekrankheit AIDS diese Sintflut sehen, wobei als Antwort die Aids-Bewegung das Symbol des Regenbogens als jenes Hoffnungszeichen sehe. Diese Einzelaussage steht nicht in Widerspruch zu einer Erklärung der deutschen AIDS-Hilfe e.V., die sie in ihren Publikationen verwendet iii : „Dieser Regenbogen sagt, daß ich mich mit allen Menschen solidarisiere, deren Leben von HIV und AIDS ge- oder gar zerstört wird. Diese Menschen gehören zu mir.“
Dem Regenbogen wird oft der Aspekt des Verbindenden zugeschrieben - in der jüdischen Religion zur Verbindung von Himmel und Erde, in China wird er als die Verbindung von Jing und Jang interpretiert, und in der griechischen Mythologie personifiziert die menschenfreundliche Götterbotin Iris den Regenbogen, und die Germanen glaubten, die Toten gelangten über den Regenbogen ins Jenseits (vgl. Vollbrechtshausen/Taubhorn 1995, 51).
Eine weitere Legende scheint zwar weniger plausibel, aber dennoch erwähnenswert: Am 22.Juni 1969 starb die Schauspielerin Judy Garland, zur damaligen Zeit eine Art Ikone der Homosexuellen. Sie sang das Lied „Somewhere Over The Rainbow“ in dem Film „Der Zauberer von Oz“. Fünf Tage später fand in der New Yorker Christopher Street im Lokal „Stonewall-Inn“ jener Aufstand statt, der den heutigen weltweiten Christopher Street Day (CSD) begründet. Dort soll zu ihrem Lied jemand eine Regenbogenfahne geschwenkt haben, denn, so der Text, „Irgendwo jenseits des Regenbogens“ liege das Land der Träume (vgl. Hagel 1999, 11).
Daß die Regenbogenflagge auf diese Weise und zu diesem Zeitpunkt Verbreitung gefunden oder überhaupt schon existiert hat, ist weitgehend unwahrscheinlich, erste Belege für die Verwendung einer Regenbogenflagge finden sich für den Christopher Street Day 1979 in San Francisco (s.u.).
Die amerikanische „Human Rights“-Bewegung, die „Black Civil Rights Groups“ und die Hippie-Bewegung verwandten dem Regenbogen ähnliche Symbole. Auch die Friedens-, Menschenrechts- und Ökologiebewegung gebrauchen den Regenbogen - Rainbow Warrior hieß beispielsweise jenes Greenpeace-Schiff, das von der französischen Regierung gesprengt wurde.
In Amerika wird mit dem Regenbogen traditionell an die 42. Division (sog. „Regenbogendivision“) im Ersten Weltkrieg erinnert. Die Regenbogenfarben sollten die
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unterschiedliche regionale Herkunft der Soldaten symbolisieren, gleichzeitig kam ihnen die Bedeutung des Hoffnungsträgers zu (Helle, 1989, 33f). Der „Alyson Almanac“ beinhaltet als einziges von vielen „Nachschlagwerken für Schwule“ (Subtitel im Original: „A Treasury of Information for the Gay and Lesbian Community“) eine plausible Erklärung. Hier heißt es:
„Die erste Regenbogenflagge wurde im Jahre 1978 von Gilbert Baker entworfen, einem Künstler aus San Francicso. Es war ein Auftrag für einen örtlichen Aktivisten, der ein Symbol für die schwule Gemeinschaft suchte. [...] Er kreierte eine Fahne mit acht Streifen: Pink, Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett.[...] Er färbte den Stoff mit selbstgemischten Farben und nähte seine Flagge eigenhändig zusammen.“ (The Alyson Almanac, 1989).
Entwurf und Herstellung des Einzelstücks waren noch unabhängig von den Notwendigkeiten der Massenproduktion, so daß produktionstechnische Aspekte zunächst für Veränderungen der Flagge sorgten.
Baker wandte sich für Serienproduktion und Vermarktung an die Paramount Flag Company in San Francisco. Dabei stellte sich heraus, daß die selbstgemischte Farbe "Hot Pink&qout“ nicht kommerziell verfügbar und damit die Massenproduktion der achtstreifigen Flagge unmöglich war. Daher wurde der rosa Streifen weggelassen. Die nun siebenstreifige Flagge wurde weiter verändert.
Für die Christopher-Street-Day Parade 1979 in San Francisco hatten die Organisatoren beschlossen, Bakers Flagge zu benutzen, indem sie auf beiden Seiten der Straße jeweils drei Streifen der Flagge verwendeten. Da sich die ungerade Streifenzahl nicht symmetrisch auf beide Straßenseiten aufteilen ließ, wurde der indogofarbene Streifen weggelassen (vgl. Zomcheck 1986, 21). Damit ist zum ersten Mal die Verwendung der Regenbogenflagge als Symbol der Schwulenbewegung in der Öffentlichkeit dokumentiert. Diese Version mit sechs Streifen ist heute vom „International Congress of Flag Makers“ offiziell anerkannt. (vgl. www. rhrk.uni-kl.de/~leibran/texte/gay.flagge.html) Inwiefern die Verwendung der Regenbogenfahne von der amerikanischen Regenbogenkoalition abgeleitet ist, kann nicht klar nachvollzogen werden - Jesse Jackson bemühte sich, alle Teile „sozialer Minderheiten“ mit dem Versprechen von Weiterbildung, sozialem Wohnungsbau, geschlechtsspezifischer Gleichberechtigung und Bürgerrechten für Homosexuelle zu einer (Wähler-)gemeinschaft zu verschmelzen, einer sogenannten
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„rainbow coalition“ (Unterberg 1997, 205ff). Dieser Slogan kam jedoch erst bei seinem Wahlkampf 1984 auf, also sechs Jahre nach der Erfindung der Regenbogenflagge. Keine der oben beschriebenen Entstehungsgeschichten ist dabei völlig schlüssig, aber am plausibelsten (und vielleicht auch daher am häufigsten zitiert) ist die des Alyson Almanac. Übereinstimmende Versionen finden sich beispielsweise auf zahlreichen Internetseiten und in einem Beitrag über „Schwule Symbole“ der Zeitschrift „magnus“ (Ausgabe 2/95). Eine zusammenfassende Deutung bleibt daher im Bereich des Spekulativen. Es ist wenig verwunderlich, daß ein in fast allen Kulturen bekanntes und durchweg positiv besetztes Symbol von verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen für sich in Anspruch genommen wird, wobei ihm jede Gruppe eine spezifische Bedeutung zuweist. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Verwendung von aus dem Regenbogen abgeleiteten Symbolen durch die verschiedenen Subkulturen ist hypothetisch allenfalls aus einem Solidaritätsgedanken zu konstruieren - Minderheiten schließen sich zusammen, auch symbolisch.
Diesem Erklärungsmodell der Vereinigung unterschiedlicher Gruppen schließt sich die deutsche AIDS-Hilfe in einer Information an, die sie auf der Rückseite der von ihr verteilten Aufkleber abdruckt:
„Die Regenbogenflagge kam in den 70er Jahren während der ‚Gay Pride marches‘ (CSD, Anm.d.Verf.) in den USA auf. Heute ist sie das Zeichen des Stolzes der schwul-lesbischen Gemeinschaft in Europa wie auch in Nordamerika. Die sechs Farben der Regenbogenflagge symbolisieren die Vielfalt der schwul-lesbischen Gemeinschaft, die alle Schichten, Rassen, Nationalitäten sowie verschiedene Weltanschauungen und Erfahrungen umfaßt.“
Laut Alyson Almanac war die Intention bei der Entwicklung dieses Objekts „ein Symbol für die Schwule Gemeinschaft zu schaffen“ (The Alyson Almanac, 1989). Symbole wirken sinn- und identitätsstiftend für eine Gruppe und tun dies nach außen hin kund. Als Zeichen werden dabei „alle Mittel verstanden, die dazu benutzt werden, in der Kommunikation etwas mitzuteilen. Das können Texte oder Bilder sein, aber auch Gegenstände wie die Kleidung“ (Kroeber-Riehl, 1993, 26).
Ernst Cassirer sah den Menschen bereits 1920 als DQLPDOV\PEROLFXP. „Er nahm an, daß der Mensch seine Welt nur durch unterschiedliche Symbole zu erkennen und ordnen vermöge...Im Unterschied zur rationalistischen These, die Erfahrung des Menschen
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Thorsten Kadel, 1999, Die Regenbogenflagge - distinguierende und integrierende Symbole im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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