INHALTSVERZEICHNIS
0. EINLEITUNG. Seite 3
0.1 Aufbau der Arbeit. Seite 5
1. NORMALITÄT. Seite 7
1.1. Etymologie. Seite 7
1.1.1 Normal, Normalität. Seite 9
1.2. Normativität. Seite 13
1.3 Normenkonzepte. Seite 15
1.3.1 Die Statistische Norm. Seite 17
1.3.2 Technische Normen. Seite 19
1.3.3 Biologische/funktionelle Normen. Seite 20
1.3.4 Idealnorm. Seite 21
1.3.5 Soziale Norm. Seite 22
1.3.5.1 Bestandteile der sozialen Norm. Seite 23
1.3.5.3 Normverbindlichkeiten. Seite 23
1.4 Normalismus. Seite 25
1.4.1 Protonormalismus. Seite 27
1.4.2 Der Flexible Normalismus. Seite 27
1.5 Zusammenfassung - 1.Kapitel. Seite 29
2. NORMALITÄT und GEISTIGE BEHINDERUNG. Seite 31
2.1 Behinderung. Seite 31
2.1.1 WHO-Klassifikationen. Seite 33
2.1.2 Sozialpolitische Definition. Seite 35
2.1.3 Soziologische Definition. Seite 36
2.1.4 Definition: geistige Behinderung (behindertenpädagogisch) Seite 37
1
2.1.4.1 Medizinische Sichtweise. Seite 39
2.1.4.2 Psychologische Sichtweise. Seite 39
2.1.4.3 Soziologische Sichtweise. Seite 42
2.1.5 Statistische Häufigkeit. Seite 42
2.2 Behinderungen als Abweichung. Seite 44
2.3 Zusammenfassung - 2.Kapitel. Seite 48
3. BEHINDERUNG als NORMALITÄT. Seite 49
3.1 Behinderung auf dem Weg zur Normalität. Seite 49
3.2 Verschiedenheit als neue Normalität. Seite 54
3.3 Integration als Aussonderungsabsage. Seite 57
3.4 Zusammenfassung - 3.Kapitel. Seite 60
4.FAZIT/ STELLUNGNAHME zur FRAGESTELLUNG. Seite 62
5. LITERATUR. Seite 64
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0. EINLEITUNG
In meiner Arbeit gilt es herauszufinden, ob Menschen mit geistiger Behinderung ‘normal’ sind. Der Begriff des ‘Normalen’, der ‘Normalität’ scheint eindeutig zu sein - im Alltag wird er ganz selbstverständlich benutzt. Doch es gibt kaum einen Begriff wie den der ‘Normalität’, der so verworren und so vieldeutig ist. Auf die Frage, ob Menschen mit geistiger Behinderung normal sind, können verschiedene Menschen unterschiedlich antworten. So können zwei Personen der Ansicht sein, dass sie Menschen mit Behinderung nicht normal finden und doch etwas Unterschiedliches damit meinen, den Begriff des Normalen unterschiedlich deuten. Der Erste könnte meinen, dass es nicht normal ist, behindert zu sein, weil er ‘normal’ mit der biologischen Norm gleichsetzt, welcher Menschen mit Behinderung nicht entsprechen; der Zweite könnte ‘normal’ mit seinem Alltag vergleichen, in dem Menschen mit Behinderung nicht (oder nur in unterdurchschnittlicher Anzahl) vorkommen. Zwei weitere Personen, die die Ansicht vertreten, dass Menschen mit Behinderung normal sind, übersetzen diesen Begriff für sich wieder anders. Der Erste findet Behinderung normal, da Behinderung für ihn eine natürliche Daseinsform darstellt und der Zweite, weil er in einer Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung arbeitet und jeden Tag mit dieser Personengruppe im Kontakt kommt und es so für ihn zu seiner persönlichen Normalität geworden ist. An diesen Beispielen wird deutlich, dass es eben nicht die eine, richtige Definition von ‘Normalität’ gibt und sich die verschiedensten Bedeutungen hinter ihr verbergen.
Umso mehr verwundert es, dass dieses Wort so selbstverständlich verwendet wird - und das nicht nur im alltäglichen Sprachgebrauch. Auch in der Wissenschaft wird Normalität bisher weitestgehend unreflektiert benutzt. Selbst die Sonder- und Heilpädagogik hat sich mit dem Begriff der ‘Normalität’ nur sehr sporadisch beschäftigt und das, obwohl die
Dichotomisierung 1 zwischen Behinderung und Normalität der
1 Dichotomisierung; Zweiteilung (Fremdwörterduden 1992, 108)
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Sonderpädagogik fundamental ist und Behinderung seit jeher als Abweichung vom ‘Normalen’ definiert wurde, was sich in Begriffen wie ‘anormal’ oder auch ‘Anomalien’ widerspiegelt (vgl. Kap. 1.1). Link (1996) bezeichnet Normalität und Behinderung als „diskurstragende Kategorien“, ohne die „das heilpädagogische Theoriegebäude wie ein Kartenhaus’ in sich zusammenfallen würde, würde man ihm diese Kategorien entziehen“ (Link 1996, zit. n. Waldschmidt 2004, 98). Die Sonder- und Heilpädagogik lebt sozusagen von dieser Unterscheidung. Aus diesem Grund ist es besonders für die Heil- und Sonderpädagogik von Bedeutung, sich nicht nur mit dem Phänomen der Anormalität oder der Abweichung zu beschäftigen, sondern auch Normalität theoretisch zu fundieren.
Doch trotz der fehlenden theoretischen Fundierung hat der Normalitätsbegriff Hochkonjunktur - gerade auch in der Behindertenpädagogik. Ein Beispiel dafür ist die Aktion Grundgesetz, die 1997 eine Werbekampagne ins Leben rief, die den Begriff der Normalität in den Vordergrund setzte, um für mehr Anerkennung Behinderter in der Öffentlichkeit zu werben. Die Plakate arbeiteten mit Slogans, die alle den Begriff des Normalen verwendeten: ‘Was ist schon normal?’, ‘Sind Sie etwa normal?’, ‘Geistig behindert ist auch normal!’ (vgl. Heiden 1997). Diese Slogans bringen wieder unterschiedlichste Bedeutungen mit sich. Einmal scheint Normalität als etwas Erstrebenswertes (‘Geistig behindert ist auch normal’), ein anderes Mal scheint Normalität etwas zu sein, dass nicht durchweg positiv zu verstehen ist („Sind Sie etwa normal?“) - was auch an einem Beispiel aus der ‘Krüppelbewegung’ verdeutlicht werden kann; hier lautet ein Leitspruch: ‘Lieber lebendig als normal’(vgl. Mattner 2000, Waldschmidt 2003).
In meiner Arbeit wird es um Fragen gehen, die ein wenig ‘Licht ins Dunkle’ des Normalitätsbegriffs bringen sollen, um mit dieser ‘Klarheit’ den unterschiedlichen Definitionen und Erklärungsmodellen näher zu kommen und die Ausgangsfrage (Sind Menschen mit geistiger Behinderung ‘normal’?) aus unterschiedlichen Perspektiven beantworten zu können:
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Was meint Normalität, und was ist normal? Was meint Normativität und ist normal gleich Norm? Welche Normen gibt es und welchen muss man entsprechen, um ‘normal’ zu sein?
Dann: Welche Strategien gibt es in unserer Gesellschaft, um Normalität zu produzieren, und wie wirken sich diese auf Menschen mit geistiger Behinderung und deren Position im ‘Normalfeld’ aus; was ist mit ‘Normalfeld’ eigentlich gemeint? Wie werden Menschen mit (geistiger) Behinderung klassifiziert und werden sie durch diese Klassifikation als ‘anormal’ stigmatisiert?
Meine Arbeit erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und kann lediglich einen Überblick über dieses Thema und die Diskussion bezüglich des Normalitätsbegriffes in der Behindertenpädagogik bieten. Obschon diese Arbeit in der Geistigbehindertenpädagogik verfasst wird, wird vorwiegend die gesamte Personengruppe der Menschen mit Behinderung ins Blickfeld genommen, da dieses Thema in weiten Teilen die gesamte Behindertenpädagogik betrifft. Da es aber zwischen den Behinderungsarten neben vielen Gemeinsamkeiten auch Unterschiede in Bezug auf das Thema und die Fragestellung gibt, werden diese für Menschen mit geistiger Behinderung noch einmal speziell herausgearbeitet.
0.1 Aufbau der Arbeit
Wie bereits angedeutet, werde ich so vorgehen, dass zunächst der Bereich der Normalität möglichst genau skizziert wird. Hier werden Normalität, Normativität, Normen, Normalismus und seine Strategien vorgestellt, begriffsgeschichtlich aufgearbeitet und miteinander verglichen, um Unterschiede klarer zu machen und so die Abgrenzung der Konzepte zueinander deutlicher werden zu lassen. Teilweise werde ich auch im ersten Teil, besonders, wenn es um die Normenkonzepte geht, schon Bezüge zum Personenkreis der Menschen mit (geistiger) Behinderung herstellen. Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich dann den Personenkreis der Menschen mit (geistiger) Behinderung aus unterschiedlichen Perspektiven genau definieren und immer wieder den Bezug zur Normalität herstellen und
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auf diesen hinweisen. Es werden die im ersten Teil erarbeiteten normalistischen Strategien auf die Kategorie der Behinderung angewendet und so untersucht, ob und inwieweit sich Behinderung im Normalfeld etablieren kann und welche Fortschritte ‘auf dem Weg in die Normaliät’ bereits gemacht wurden.
Der letzte Teil stellt sozusagen einen Ausblick dar. Es sollen traditionelle Denk- und Gesellschaftsmuster abgelöst und Verschiedenheit als neue Normalität etabliert werden.
In einem Fazit werde ich abschließend Stellung zu meiner Ausgangsfrage nehmen und diese zusammenfassend beantworten.
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1. NORMALITÄT
Bevor ich im Einzelnen auf den Begriff der Normalität, seine unterschiedlichen Bedeutungen und auf das Verhältnis zwischen Normalität und Normativität eingehe, folgt zunächst ein begriffsgeschichtlicher Exkurs des Normen- und Normalitätsbegriffs.
1.1. Etymologie
Der Begriff der Normalität und der Norm geht etymologisch auf den lateinischen Begriff ‘norma’ zurück, der so viel bedeutet wie ‘Winkelmaß’ und in der antiken Architekturlehre das rechtwinklige Werkzeug eines römischen Baumeisters bezeichnete. Der Ausdruck des Winkelmaßes hat sich im Laufe der Zeit auch auf das menschliche Denken und Handeln übertragen; die „Natur als Baumeisterin, die das rechte Maß und den Maßstab für jegliches menschliches Handeln vorgibt“ (Gröschke 2002, 185) und im übertragenen Sinne wurde daraus die „Regel“ oder „Vorschrift“ (vgl. Weinmann 2001, 427). Etwa 1050-1350 entstand aus dem lateinischen ‘norma’ das deutsche Substantiv ‘Norm’, das viele Bedeutungen enthielt (und teilweise bis heute enthält): Richtschnur, Regel, Maßstab, sittliches Gebot oder Verbot, Rechtsvorschrift als Grundlage der Rechtsordnung, Leistungssoll, Arbeitsleistung, Richtwert (für Arbeitsaufwand, Materialeinsatz), Größenanweisung für die Technik.
Im Laufe der Jahrhunderte leiteten sich mehrere Begriffe aus dem Terminus ‘Norm’ ab:
- Anfang des 18. Jahrhunderts das Adjektiv normal: „der Norm
entsprechend, regelrecht, vorschriftsmäßig, allgemein üblich, gewöhnlich, durschnittlich, geistig gesund“ (vgl. Ritter 1984).
- Anfang des 19. Jahrhunderts: das Verb normieren, das so viel bedeutete
wie ‘nach dem Winkelmaß abmessen’, ‘so wie es angenehm ist, einrichten, vereinheitlichen’.
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- Im 20. Jahrhundert: das Verb normen: regeln, einrichten, nach einem
Vorbild, Muster einheitlich festsetzten, gestalten, (Größen) regeln.
- Gleichzeitig entstand das Substantiv Normung: Festsetzung von Normen,
Größenregelungen, einheitliche Gestaltung, Vereinheitlichung.
- Ebenfalls in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand das Verb
normalisieren: normal gestalten, auf ein normales Maß zurückführen, den normalen Zustand wieder herstellen, wieder normal werden, einheitlich machen.
- Nach Canguilhem (1974, 161f.) taucht der Begriff normal 1759 und der
Begriff normalise 1834 im französischen Sprachgebrauch über die Institutionen des Gesundheits- und des Erziehungswesens erstmals auf. Die Gegensatzbegriffe zu den vorangegangenen Termini lassen sich ebenfalls in ihrer Entstehung historisch und etymologisch verorten:
- Um 1700 taucht das Substantiv Anomalie auf: Abweichung von der
Regel, vom Normalen, Ausnahme.
- Anfang des 19. Jahrhunderts entsteht das Adjektiv anomal: von der
Regel abweichend.
- Substantiv Anomalie und Adjektiv anomal gehen zurück auf: ‘an-
omalos’ bzw. ‘an-omalia’ (gr.): uneben, ungleichartig, ungleichmäßig, nicht glatt.
- Das griechische Wort ‘an-omalos’ setzt sich zusammen aus ‘a’ bzw.
‘an’ und ‘homalos’; ‘homalos’ bedeutet: gleich, eben(mäßig), glatt, ist verwandt mit ‘homos’: gemeinsam, ein und derselbe, gleich, ähnlich, eben.
- Um 1800 entstand das Adjektiv abnorm: nicht normal, krankhaft,
ungewöhnlich, gegen die Regel.
- Zu dem Adjektiv abnorm gehören das Adjektiv abnormal und das
Substantiv Abnormität: Regelwidrigkeit, ungewöhnliche Erscheinung, krankhaftes Verhalten, Missbildung.
Der Terminus ‘normal’ steht im 19. Jahrhundert für den Prototyp der Schule (Normalschule) und für den organischen Gesundheitszustand. „Ausgehend
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vom Bereich der Medizin, ist im 19. Jahrhundert der Begriff ‘Gesundheit’ allmählich durch den der ‘Normalität’ ersetzt worden“ (Ritter 1984 vgl. dazu Kap. 1.1). Auch in der philosophischen Tradition Griechenlands wurde ‘normal’ mit ‘naturgemäß’ gleichgesetzt (vgl. Kudlien, 1984). “Hier liegt die bis heute erhaltene Verquickung von ‘normal’ und ‘natürlich’ bzw. von ‘anormal’ und ‘abnormal’ als un- oder gar widernatürlich” (vgl. Gröschke 2002, 185) begründet. Diese Verquickung fand ebenso in der Medizin wie in der Psychologie statt, ‘normal’ wurde mit ‘gesund’ gleichgesetzt und das Gesunde als das von Natur aus Gegebene gesehen (vgl. Kapitel 2.1.1).
1.1.1 Normal, Normalität
Für den Normalitätsbegriff gibt es, wie eingangs angesprochen, keine einheitliche, für alle zugängliche Definition. Stattdessen gibt es viele verschiedene ‘Normalitäten’, die sich in der Literatur und in unserem Sprachgebrauch ‘tummeln’ und darüber hinaus schwer zu fassen sind. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff des Normalen meist mit dem Gewöhnlichen, dem Regelmäßigen und dem Häufigen gleichgesetzt. Es gelten Phänomene als normal, die dem Menschen vertraut vorkommen. Das, was wir jeden Tag erleben und sehen, das, was uns jeden Tag begegnet, stellt für uns das ‘Normale’ oder die ‘Normalität’ dar.
Man kann verschiedene Definitionsansätze von Normalität grob in drei Erklärungsbereiche aufteilen, die ich im Folgenden aufzeigen möchte.
Eine erste Definition setzt Normalität und Normativität kongruent 2 . Im Duden ist eine Definition zu finden, die den Begriff ‘normal’ mit „der Norm entsprechend, regelrecht; üblich, gewöhnlich“ (Duden. Das Herkunftswörterbuch 2001, 563) definiert und damit Normalität und Normativität gleichsetzt. Auch in der Alltagskommunikation wie in Teilen der Wissenschaft wird der Bereich der Normalität meist mit dem Begriff des Normativen, den ich im Weiteren noch genau skizzieren und definieren werde, gleichgesetzt. In der „Enzyklopädie der Sonderpädagogik und ihrer Nachbargebiete” wird beispielsweise diese Definition von Normalität gegeben:
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Normal ist, nach diesem Ansatz, was der Norm entspricht - regelrechtes Verhalten.
Der zweite Definitionsansatz von Normalität sieht diese als eine Unterkategorie der Normativität. Normativität steht in diesem hierarchischen Verhältnis über der Normalität, welche als statistische Normalität der
Normativität 3 unterzuordnen ist.
‘Normalität’ (im Sinne von Normativität) beinhaltet demnach zwei Facetten: zum einen das Regelrechte, das der Norm entsprechende Verhalten, und zum anderen das Übliche, das Gewöhnliche, sprich das regelmäßige Verhalten. Sohn und Mehrtens (1999) beschreiben diesen Sachverhalt wie folgt:
Ritter (1984) beschreibt die Zweideutigkeit des Begriffes wie folgt und verweist in seiner Erklärung auf die Etymologie:
Eine dritte Sichtweise auf Normalität sieht diese als Gegensatz zur Normativität. Normalität kann als statistische Normalität verstanden werden und steht dichotom zur Normativität.
2 kongruent: übereinstimmend, deckungsgleich (Duden, Fremdwörterbuch 1992, 244)
3 Zur Begriffsklärung siehe Kapitel 1.2
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Im Folgenden möchte ich diese dritte Sicht auf Normalität, die die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Normativität und Normalität aufzeigt, nach Jürgen Link genau skizzieren. Seine Studie „Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird“ (1997) ist angelehnt an den französischen Medizinhistoriker und Epistemologen George Canguilhem (1904-1995) sowie an den Philosophen und Diskurstheoretiker Michel Foucault (1926-1984) und stellt eine umfassende Theorie zur Normalität dar (vgl. Weinmann 2003, 43). Link beschreibt die Kategorie der Normalität als eine diskursabhängige, keine allgemein natürliche, sprachhistorisch einzuschränkende und vom Bereich der Normativität streng zu trennende Kategorie, die sich als eigener strategischer Zweig seit ca. 1800 mit Ausbreitung der Statistik im “sozialen Raum” in den westlichen Kulturen durchsetzten konnte (vgl. Weinmann 2003, 45, Waldschmidt 1998) und gilt für Link als „historisch spezifische Errungenschaft“ (Link 1997). Damit ist gemeint, dass er es ablehnt, ‘normal’ mit ‘natürlich’ gleichzusetzen, da es sich eben nicht um eine „allgemein natürliche“ (ebd.) Kategorie handelt, die etwas von ‘Gott gegebenes’ bezeichnet, sondern eine Kategorie, die sich erst mit der Verbreitung der Statistik im sozialen Raum durchsetzten konnte. Auch sprachhistorisch taucht der Begriff des ‘Normalen’ erst Anfang des 19. Jahrhunderts auf (vgl. Kap. 1.1).
Wie oben bereits beschrieben, werden ‘Normativität’ und ‘Normalität’, in der Wissenschaft und in der Alltagskommunikation häufig miteinander vermischt und deckungsgleich benutzt, was Link zufolge sich aus der etymologischen Abstammung der beiden Begriffe vom selben Wort (‘norma’) erklären lässt (vgl. 1.1). Außer des selben Ursprungs haben diese Begriffe, laut Link, nichts gemeinsam und sind zu unterscheiden. Er sieht es als falsche These an, „dass ‘normal’ einfach das Adjektiv zu ‘Norm’ im Sinne von ‘Regel’ oder ‘Vorschrift’ wäre, und dass das Substantiv ‘Normalität’ dementsprechend das Gleiche bedeuten würde wie das Substantiv ‘Norm’, also ‘Regel’“ (Link 2004, 130). Wenn jemand umgangssprachlich sagt, dass er ‘ganz normal ticke’ meine er, zumindest in den meisten Fällen, nicht, dass er nach den Regeln lebe und
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sich immer Normkonform verhalte. Er meine, so Link, dass er sich so verhalte, wie die Meisten es tun (vgl. auch 1.2).
Normalität in diesem Sinne ist, im Gegensatz zur Normativität, deskriptiv (beschreibend) und orientiert sich an Mittelwerten und Normalverteilungen (vgl. Weinmann 2003). Deskriptive Normen beschreiben das, was im Allgemeinen geschieht (vgl. Gröschke 2002, 186). Sie beschreiben lediglich Sachverhalte und werten diese nicht (Ritter 1984, 918). Beschreibende Normen sind demnach „Normen, die eine Regelmäßigkeit im Verhalten oder in einem Handlungsablauf ausdrücken“ (Stinkes 2003). Sie bietet den Individuen erst nachträglich (ex post) und im Vergleich mit anderen „flexible Spielräume der Orientierung für verschiedene Verhaltensweisen […]“ (Weinmann 2003, 46) oder anders ausgedrückt, die als üblich erlebten und dokumentierten Verhaltensweisen oder Merkmale können für den Einzelnen zu Richtschnüren und Maßstäben werden (vgl. Waldschmidt 1998, 10). Normalität ist demnach nicht auf äußere Regeln bezogen, „sondern beinhaltet den Vergleich mit anderen auf einer eigenen [...] Orientierungs- und Kontrollebene“ (vgl. Weinmann 2003, 46; Link 1997, 343f.), womit hier die Normalverteilungskurve (vgl. 1.3.1), als „Feld des Üblichen“ (Waldschmidt 1998) gemeint ist. „Die Menschen werden nicht auf eine Norm hin ausgerichtet, sondern vor dem Hintergrund eines Maßstabes miteinander verglichen“ (Waldschmidt 2004, 100). Trotzdem ist die Normalität, auch wenn sie nicht von Regeln im normativen Sinne beeinflusst wird, nicht wertfrei. In die Beschreibung von Menschen, ihrem Verhalten und ihrer Merkmale (durch die statistische Normalverteilung), gehen „über die Kategorienbildung, die Definition der Standartabweichung und des Mittelwertes“ (vgl. Waldschmidt 1998, 11) Wertungen ein. Diese werden willkürlich gesetzt. Nach Waldschmidt (1998, 2003) geschieht das jedoch erst im Nachhinein, nach der Herstellung einer statistischen Mitte, der die objektive, „auf Zahlenmaterial beruhende Deskription“ (Waldschmidt 1998, 11) voraus geht. Es existieren nach wie vor soziale Normen, an denen sich die Individuen orientieren, allerdings hat sich die statistische Normalität im Laufe des 20. Jahrhunderts „als eine spezielle Gabelung herausgebildet, die heute neben der
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Normativität ebenfalls menschliches Verhalten beeinflusst“ (Waldschmidt, 2003, 87). Durch die Tatsache, dass alle Subjekte einer Gesellschaft die Normalität ‘schaffen’, ist sie weniger statisch und weniger stabil. Wenn sich die Subjekte ändern, ändert sich dadurch die Normalität. Normalität in diesem modernen Sinne beruht demnach auf Veränderung.
1.2 Normativität, normative Normen
Aus soziologischer Sicht ist die Normativität die „Wirkmächtigkeit“ von sozialen und juristischen Normen „oder mit anderen Worten, die Problematik, dass eine gesellschaftliche Regel existiert, die durchgesetzt werden soll“ (Peuckert 1995 zit. n. Waldschmidt 2003, 87). Sie umfasst juristische Regeln,
Subjekte einer Gesellschaft.
Normative Normen sind Normen, „die einen Anspruch auf Richtigkeit formulieren, weil hier bestimmte Verhaltensvorschriften ins Spiel kommen“ (Stinkes 2003), sie geben vor, wie sich die Mitglieder einer Gesellschaft
eine Bedeutung des Normalen dar, die einen „juristischen Beigeschmack“ hat. Für die Einhaltung dieser sozialen Normen sorgen bestimmte Kontrollmechanismen, die Strafen und Sanktionen bei Nichteinhaltung bereithalten.
„Diesen normativen Normen ist gemeinsam, dass sie bestimmten Menschen in bestimmten Situationen klare Regeln für das Verhalten geben und dass sie bei Verstößen Sanktionen androhen“ (Link 2004, 132). Die normative Norm kann, nach Waldschmidt (2003), demnach als eine “Punktnorm” beschrieben werden. Es wird von den Individuen verlangt, sich ‘auf den Punkt genau’ zu verhalten. Sie funktionieren nach dem „Ja oder Nein“-Prinzip - entweder man hat sich norm(en)konform verhalten oder nicht. Ein ‘Dazwischen’ gibt es nicht.
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Die Form der normativen Normen gibt es in jeder Gesellschaftsstruktur und gab es auch in der Vergangenheit in jeder bisherigen Gesellschaft - im Unterschied zur Normalität, die sich nach Link erst 1800 mit der Statistik entwickeln konnte. Laut Link (1999) ist eine Gesellschaft weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft ohne Normativität denkbar, denn ihre gesellschaftliche Funktion ist, Stabilität und Konformität zu schaffen und damit gleichwohl Chaos und Aufruhr zu verhindern (vgl. Waldschmidt 2003). Alles, was vom (normativ gesetzten) Sollzustand in die eine oder andere Richtung abweicht, ist von der Norm abweichend und somit nicht mehr normal.
Die Unterschiede zwischen der Normativität und der Normalität im modernen Sinne (nach Link) sollen in folgender Tabelle noch einmal verdeutlicht werden:
Abb.1: Normativität vs. Normalität nach Link (1997/1999)
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Arbeit zitieren:
Christina Bohlen, 2006, Sind Menschen mit geistiger Behinderung "normal"? - Reflexionen zur Normalismusdiskussion, München, GRIN Verlag GmbH
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