INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 3
2. HAUPTTEIL: BUCH VI KAP 1-3 4
2.1. 1 KAPITEL 4
2.1.1. PROSA 4
2.1.2. LYRIK 6
2.2. 2 KAPITEL 7
2.2.1. PROSA 7
2.2.2. LYRIK 8
2.3. 3 KAPITEL 8
2.3.1. PROSA 8
2.3.2. LYRIK 10
3. SCHLUSSGEDANKE 13
4. LITERATURVERZEICHNIS 14
2
1. Einleitung
Anicius Manlius Torquatus Severinus Boethius (ca. 480 – 525 n. Chr.) verlor aus nicht geklärten Gründen die Gunst des Ostgotenkönigs Theoderich und wurde wegen Hochverrats verurteilt und hingerichtet. Während der Zeit seiner Inhaftierung verfasste er die „consolatio philosophiae“. Anlass dafür war, dass er sich ungerecht behandelt fühlte. In seinem Werk, das einen fiktiven Dialog mit der Philosophie darstellt, beklagt er zunächst den Verlust seines früheren Glücks, um schließlich mithilfe der Klärung philosophischer Fragen Trost in seiner unglücklichen Lage zu finden.
Er lässt sich im Folgenden von der Philosophie über die Beschaffenheit des wahren Glücks (Buch II und III) aufklären, das darin bestehe, dass es im vollkommenen Guten, das bedeutet letztendlich in Gott, zu finden sei. Die Frage, die sich daraus entwickelt, nämlich warum Gott – das vollkommene Gute – das Schlechte zulässt und warum gerade die Guten unter dem Schlechten leiden müssen – wie er selbst –, wird im Buch IV erörtert (Theodizee). Nachdem die Philosophie festgestellt hat, dass diese Ungerechtigkeit nur eine scheinbare ist, und Boethius nach „weiterer Belehrung über die Ursachen des scheinbaren Unglücks der Guten“ verlangt, erfährt er, „dass das gestellte Problem eine ganze Reihe der schwierigsten Dinge in sich schließe. Fünf Punkte werden ausdrücklich aufgeführt: erstens die Vorsehung, zweitens die Verkettung des Schicksals, drittens der Zufall, viertens das Vorauswissen Gottes und
fünftens die Freiheit der menschlichen Entscheidung.“ (S. 357) 1 .
Während die ersten zwei dieser Probleme – Vorsehung und Schicksal – im Buch IV geklärt werden, werden die weiteren drei Probleme im Buch V behandelt, Kontingenz, die Zufälligkeit in Hinsicht auf eine übergeordnete schicksalhafte Notwendigkeit, Vorauswissen Gottes und die Freiheit der menschlichen Entscheidung.
1 Gegenschatz, Ernst/ Gigon, Olof (Hrsg.): Boethius. Trost der Philosophie. Artemis & Winkler Verlag,
Düsseldorf Zürich 2004.
(daraus wird im Folgenden zitiert)
3
2. Hauptteil: Buch VI, Kap. 1-3
Der Hauptgedankengang der ersten drei Kapitel:
Es gibt einen Zufall. Dieser Zufall wird definiert. Die Definition nun wirft die Frage auf, ob es die Freiheit des Willens gibt. Die Philosophie sagt, es gibt die Willensfreiheit, aber sie ist abgestuft. Der göttliche Wille allein ist wahrhaft frei, der menschliche Wille ist dann am freiesten, wenn er das Göttliche betrachtet; je mehr er sich jedoch dem Irdischen und seinen Leidenschaften widmet, wird er Sklave derselben und verliert seine Freiheit. Dieser Verlust der menschlichen Freiheit ist von der göttlichen Vorsehung vorausgesehen und sie hat demgemäß alles angeordnet. Doch an diesem Punkt tritt der entscheidende Widerspruch auf: Wenn Gott, der allwissende und alles sehende Weltenregent, alles im Voraus weiß – nicht nur das menschliche Handeln, sondern auch das menschliche Planen –, dann gibt es keine Freiheit des menschlichen Willens, dann verlieren Gut und Böse, Strafe und Belohnung ihren Sinn, liegt der Weltenlauf nicht in der Hand des Menschen, dann ist Gott nicht nur Quelle alles Guten, sondern auch allen Übels, dann verliert das Gebet seinen Sinn und die Hoffnung auf Gottes Erbarmen ebenso.
2.1. 1. Kapitel
Das V. Buch beginnt mit dem dritten Problem, dem des Zufalls.
2.1.1. Prosa
Boethius fragt danach, „ob irgend etwas überhaupt sein könne, was wir Zufall nennen, und was es denn sei“ (S 229) („an esse aliquid omnino et quidnam esse casum arbitrere.“, Z. 6 f). Die Philosophie erachtet dieses Problem nicht als dringend und fürchtet, den
Gesprächspartner damit zu ermüden und vom rechten Weg abzubringen („verendum [...] est, ne deviis fatigatus ad emetiendum rectum iter sufficere non possis“, Z. 11 ff).
Er beruhigt sie, dass diese Furcht unbegründet sei („Ne id [...] prorsus vereare.“, Z. 14), so dass sie nun dieses Problem in summarischer Vorgehensweise behandelt:
4
Zunächst wird festgestellt, dass es Zufall im Sinne der „vollkommenen Ursachlosigkeit“
(S. 361) überhaupt nicht gibt („Si quidem [...] aliquis eventum temerario motu nullaque causarum conexione productum casum esse definiat, nihil omnino casum esse confirmo“, Z. 19 ff).
Philosophie beruft sich auf die alten Vorsokratiker (S. 361) und deren Erkenntnis, dass nichts aus nichts werden könne („Nam nihil ex nihilo exsistere vera sententia est, cui nemo umquam veterum refragatus est“, Z. 25 f).
Die logische Folgerung daraus ist, dass alles auf einen bestimmten Ursprung zurückgehen muss („At si nullis ex causis aliquid oriatur, id de nihilo ortum esse videbitur. Quodsi hoc fieri nequit, ne casum quidem huiusmodi esse possibile est, qualem paulo ante definivimus.“, Z. 29 f).
Dennoch scheint es den Zufall im alltäglichen Leben tatsächlich zu geben, wenn nämlich
etwas eintritt, was man weder erwartet noch vorhergesehen hat („Quotiens [...] aliquid cuiuspiam rei gratia geritur aliudque quibusdam de causis, quam quod intendebatur, obtingit, casu vocatur!“, Z. 40 ff). Aber dies ist nur scheinbar ein Zufall. Die Philosophie beruft sich hier auf Aristoteles und seine Untersuchung über den Zufall in der Physik („Aristoteles meus
id [...] in Physicis et brevi et veri propinqua ratione definivit.“, Z. 37 f). In Wirklichkeit handelt es sich um ein Zusammentreffen von Ursachenreihen, die unabhängig von einander ablaufen.
Dies wird an einem Beispiel verdeutlicht: Ein Mann findet beim Umpflügen eines Ackers wider Erwarten einen Geldschatz, den ein anderer dort zuvor vergraben hat, und betrachtet dieses Ereignis als Zufall. Weder der eine noch der andere beabsichtigte, dass jenes Geld gefunden werden sollte („Neque enim vel qui aurum obruit vel qui agrum exercuit, ut ea pecunia repperiretur, intendit“, Z. 51 ff), doch Ein- und Ausgraben finden unbeabsichtigt am gleichen Ort statt („quo ille obruit, hunc fodisse convenit atque concurrit“, Z. 53 f). Zufall ist demnach das unerwartete Ergebnis eines Zusammentreffens von Ursachen in dem, was zu irgendeinem Zweck unternommen wurde („casum esse inopinatum ex confluentibus causis in his, quae ob aliquid geruntur, eventum“, Z. 55 ff). „Der Zufall ist also nicht mehr als eine Lücke im Vorauswissen der Menschen“, wie Olof Gigon feststellt (S. 362). Dass die Ursachen so zusammentreffen, bewirkt die Ordnung, die letztlich der ordnenden
Vorsehung entstammt („Concurrere vero atque confluere causas facit ordo ille [...], qui de providentiae fonte descedens cuncta suis locis temporibusque disponit.“, Z. 57-60).
5
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Beate Leiter, 2006, Boethius - De consolatione philosophiae: Vorauswissen und Kontingenz - Das Problem, Munich, GRIN Publishing GmbH
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