Inhalt 1
1.) Einleitung 2
2.) Quellen 3
2.1) Literarische Quellen 3
2.1.1) Zeitgenössische Überreste 4
2.1.1.1) Dionysius 5
2.1.1.2) Cyprian 7
2.1.2) Spätere, historiographische Zeugnisse 10
2.1.2.1) Zosimus 10
2.1.2.2) Orosius 11
2.1.2.3) Historia Augusta 12
2.1.2.4) Eutropius 13
2.1.2.5) Zonaras 14
2.1.3) Fazit der Quellenanalyse 14
2.2) Indirekte Hinweise auf Bevölkerungsrückgänge 15
3.) Antike und Demographie 17
4.) Schluss 19
5.) Literatur 20
6.) Anhang: Quellen 21
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1.) Einleitung
“Das Faktum mehrerer Seuchenwellen in der Mitte des 3. Jhs. mit zahlreichen Toten in Alexandria, Carthago und an anderen Orten ist als solches sicherlich unbestreitbar.” 1 So schreibt Witschel in seinem Aufsehen erregenden Werk “Krise - Rezession - Stagnation? Der Westen des römischen Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr.” Es gelte aber, nach der tatsächlichen Bedeutung der Epidemien zu fragen, aus denen “man gerne auf einen erheblichen Bevölkerungsrückgang als einem weiteren Krisenfaktor geschlossen hat.” 2 Es geht Witschel darum, die bisher vorherrschende Sichtweise, das 3. Jahrhundert sei eine Zeit gewesen, in der vielfältige Krisenfaktoren zu einer Globalkrise des römischen Reiches zusammen kamen, zu hinterfragen. Neben den Seuchen kam es zu wirtschaftlichen Krisen, zu gewaltsamen und schnellen Thronwechseln, zu zahlreichen “Barbaren”-Einfällen, unsicheren Grenzen und ähnlichen Ereignissen, die als “Krisen”-Phänomene gewertet werden können. HistorikerInnen müssen jedoch der Versuchung widerstehen, Einzelphänomene in ein vorgefertigtes Bild einzupassen. Witschel versucht, durch eine umfassende Kritik von Wissenschaft und Quellen Schritte zu einem differenzierteren Bild vom 3. Jahrhundert zu machen.
In dieser Hausarbeit soll der Aspekt der Seuchen im 3. Jahrhundert diskutiert werden. Es soll der Frage nachgegangen werden, was den vorhandenen Quellen tatsächlich an brauchbaren Informationen entnommen werden kann. Es soll abgewogen werden, welche Schlussfolgerungen daraus für das Ausmaß und die demographischen Auswirkungen der Seuchen möglich sind. Des weiteren stellt sich die Frage, ob die Seuchen subjektiv als Krisenphänomen wahrgenommen wurden.
Das Fehlen statistischer Daten 3 zwingt dazu, sich vor allem an den literarischen Quellen zu orientieren, also an Briefen, Chroniken usw., in denen allein direkte Aussagen zu Seuchen zu finden sind. Des weiteren müssen die verschiedenen Versuche, andere Quellen mit “indirekten” Hinweisen zu Seuchen für demographische Aussagen zu nutzen, vorgestellt und eingeschätzt werden.
Verschiedene Positionen der Forschung, die mehr oder weniger aufgeschlossen bzw. skeptisch gegenüber der Möglichkeit sind, demographische Aussagen für die Antike zu machen, gilt es gegenüber zu stellen, um so die Frage des objektiven Ausmaßes der Seuchen
1 Witschel, Christian: Krise - Rezession - Stagnation? Der Westen des römischen Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr. Frankfurt am Main 1999. S.40.
2 Ebd.
3 Auf die vermeintliche Ausnahme Alexandria wird noch einzugehen sein.
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besser beurteilen zu können. Ich stütze mich in meinen Ausführungen vor allem auf Witschels Kritik.
2.) Quellen
2.1) literarische Quellen
1967 schrieb Alföldi: “ [...] damals [unter Gallus und Volusianus] nahm die furchtbare Pest ihren Anfang, die 15 Jahre hindurch im Reiche überall wütete.” 4
Alföldi schrieb diesen Satz nicht im Rahmen einer Diskussion der damaligen Seuche, sondern er schilderte relativ knapp den “Gang der Ereignisse der Jahre 249 bis 270. Trotzdem mag überraschen, dass er mehrere Fakten in den Raum stellte, ohne diese zu belegen, auf die Forschung zum Thema zu verweisen oder wenigstens einen Hinweis auf entsprechende Quellen zu geben. Zumal er genau das bei der Nennung einiger Ereignisse der politischen Geschichte kurz vorher tut.
Deshalb vermute ich, dass dafür nicht der teilweise eher erzählende Charakter seiner Ausführungen verantwortlich ist, sondern dass diese vermeintlichen Fakten als common sense der Forschung galten. Sie passten sich bestens in das vorherrschende Bild der “Krise des 3. Jahrhunderts” 5 ein.
Angesichts der Schwierigkeiten, die für die historische Demographie besonders in der Antike bestehen 6 , stellt sich jedoch die Frage, wie solche Fakten gewonnen und von der Wissenschaft übernommen werden.
Direkte Aussagen zu antiken Ereignissen liefern vor allem literarische Quellen. Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es, diese der Kritik zu unterziehen und auf ihre Aussagefähigkeit hin zu befragen. Ein besonders drastisches Beispiel für die Wichtigkeit dieser Kritik liefert der Übersetzer der Historia Ecclesiastica des Eusebius, August Cloß, 1839 in seinen Anmerkungen zu der Pest:
“Sie [die Pest] dauerte vom Jahre 250 bis zum Jahre 265 ohne Unterbrechung und wüthete nicht bloß in Aegypten, sondern in jeder Provinz, jeder Stadt und fast jeder Familie des römischen Reichs. Eine Zeit lang starben in Rom täglich 5000 Menschen und viele Städte wurden gänzlich entvölkert.” 7
4 Alföldi, Andreas: Studien zur Geschichte der Weltkrise des 3. Jahrhunderts nach Christus. Darmstadt 1967. S.345.
5 Vgl. Wierschowski, Lothar: Die historische Demographie - ein Schlüssel zur Geschichte? Bevölkerungsrückgang und Krise des römischen Reiches im 3. Jh. n. Chr., Klio 76, 1994, 355-380; hier: S.355.
6 Vgl. Witschel, Krise, 1999, S.42.
7 Eusebius‘, Bischofs von Cäsarea, Kirchengeschichte. Zum ersten mal vollständig übersetzt mit Anmerkungen und dem Leben des Verfassers von August Cloß. Stuttgart 1839.
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Hier übernimmt Cloß die Aussagen von Orosius 8 , der Historia Augusta 9 und des Zosimus 10 fast wörtlich. Antike Literatur gilt ihm als Faktum.
Das muss meiner Meinung nach im Hinblick auf den im 19. Jahrhundert dominierenden Historismus gesehen werden, welcher die “Suche nach Wahrheit” 11 forderte. Simon erläutert:
“Eine konsequentere Handhabung des Postulats, direkt auf die Originalquellen zurückzugehen, gehörte zu den Kennzeichen der neuen Historie. [...] jetzt hieß historische Kritik die Anwendung philologischer Verfahren zur Rekonstruktion des wahren Textes und dann Rekonstruktion von Sachverhalten, Ereignissen und Intentionen von Menschen aus den so vorbereiteten Texten. Eine wahre historische Aussage mußte sich auf einen more philologico gesichterten Text stützen [...]” 12
Ohne Frage bedeutete das einen wichtigen methodischen Fortschritt. In über anderthalb Jahrhunderten Wissenschaftsgeschichte wurden weitere Schritte hin zu einer modernen Quellenkritik gemacht. 13 Ein gutes Beispiel hierfür ist die Interpretation einiger für unsere Fragestellung wichtigen Quellen bei Strobel. 14 Es wird ihm Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich sein, alle Quellen mit diesen Methoden und in diesem Umfang zu untersuchen. Es soll jedoch der Versuch unternommen werden, die Frage nach Seuchen im 3. Jahrhundert als einem Krisenphänomen im Lichte der kritischen Untersuchungen Strobels und Witschels und anhand eigener Überlegungen zum Aussagewert der Quellen zu umreißen und gegebenenfalls zu beantworten.
Es erscheint mir sinnvoll, die vorhandenen schriftlichen Quellen zur Thematik 15 methodisch in zeitgenössische Überreste und in Traditionsquellen, also spätere, historiographische Zeugnisse, zu gliedern. Wie im folgenden zu zeigen sein wird, spielt dabei die Frage der subjektiven Krisenwahrnehmung eine wichtige Rolle.
8 Oros. hist. 7, 21, 5 (“nulla ferre prouincia Romana, nulla ciuitas, nulla domus fuit, quae non illa generali perstilentia correpta atque uacuata sit.”)
9 HA v.Gall. 5, 5 (“nam et pestilentia tanta existiterat vel Romae vel in Achaicis urbibus, ut uno die quinque milia hominum pari morbo perirent.”)
10 Zos. 1, 37, 3 (“Unter ihrem Eindruck priesen sich die von der Krankheit ergriffenen Menschen glücklich und ebenso die bereits betroffenen Städte, nachdem sie ganz und gar entvölkert waren.” übersetzt von Otto Veh )
11 Simon, Christian: Historiographie. Stuttgart 1996. S. 107.
12 ebd., S.109f.
13 Vgl. Witschel, Krise, 1999, S. 25ff.;
Vgl. Sommer, Michael: Die Soldatenkaiser. Darmstadt 2004. S. 13ff.;
Vgl. Günther, Rosmarie: Einführung in das Studium der Alten Geschichte. Paderborn 2001. S. 60ff.
14 Strobel, Karl: Das Imperium Romanum im ‚3. Jahrhundert‘. Modell einer historischen Krise? Zur Frage mentaler Strukturen breiter Bevölkerungsschichten in der Zeit von Marc Aurel bis zum Ausgang des 3. Jahrhunderts n.Chr. Stuttgart 1993. S.167ff.; S.185ff.
15 Witschel, Krise, 1999, listet die Belege auf: S. 39.
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2.1.1) Zeitgenössische Überreste
Augenzeugenberichte der Seuchenwelle des 3. Jahrhunderts sind uns von Dionysius und Cyprian überliefert. 16
2.1.1.1) Dionysius
Die “Historia Ecclesiastica” des Eusebius -im Original auf syrisch verfasst- zählt zu den Chroniken christlicher Autoren, enthält also heils- und kirchengeschichtliche Aspekte. 17 Eusebius zitiert in seinen Ausführungen zu Bürgerkriegsereignissen in Alexandria einen Brief, den der Bischof Dionysius Ostern 249 formell an den ägyptischen Bischof Hierax schrieb, der sich jedoch an die christliche Gemeindeöffentlichkeit richtete. 18 Denn diese Art von Brief war ein “offizielle[s] kirchenpolitische[s] ... Dokument ...”, für das Dionysius eine “eigenständige ... inhaltliche ... Konzeption” entwickelte.
Zunächst geht Dionysius auf die Bürgerkriegsereignisse infolge eines lokalen antichristlichen Pogroms ein, bei deren Schilderung er sich deutlich an das Alte Testament anlehnt. Die Pest, die mit dem Bürgerkrieg in Zusammenhang stand, muss nach Strobel von “der großen Epidemie” getrennt werden, die erst später einsetzte. Auch Dionysius macht den Zusammenhang von Pest und Bürgerkrieg deutlich:
“Die Dämpfe der Erde, die Winde des Meeres, die Dünste der Flüsse und die Nebel der Häfen sind der Art, daß der Tau Blutwasser ist, da in allen Stoffen, aus denen er entsteht, Leichen faulen. Und da wundert man sich und fragt, woher die andauernde Pest, die schweren Krankheiten, die verschiedenartigen Seuchen, das mannigfaltige und häufige Sterben der Menschen kommen [...]” 19
Nach Strobel müssen an das gesamte von Eusebius gezeichnete Schreckensgemälde kritische Mäßstäbe angelegt werden, da dieser in einem rhetorisch-dramatischen Stil schreibt und -besonders in oben zitiertem Abschnitt- zu “rhetorischen Übersteigerungen” kommt. Des weiteren sei das “mannigfaltige” Sterben eben nicht nur eine Folge der Seuche, sondern vor allem des Bürgerkriegs, dessen Begleiterscheinung die Seuche war. Deshalb muss mit Schlussfolgerungen in Bezug auf die Auswirkungen der Seuche vorsichtig umgegangen werden.
Die Ausführungen des Dionysius gelten unter den Quellen in der Hinsicht als Ausnahme, dass hier die einzige Zahlenangabe über demographische Folgen einer Seuche gemacht wird, die auf exakten Unterlagen zu beruhen scheint:
16 Für eine vollständige Wiedergabe der Quellen siehe Anhang, S.21
17 Vgl. Sommer, Soldatenkaiser, 2004, S. 14f.
18 Vgl. Strobel, Imperium, 1993. S.187; ebenso zu den folgenden Ausführungen: Strobel, S.187ff.
19 Eusebius, Kirchengeschichte, 1989.
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[Und da wundert man sich und fragt ...] “warum die so große Stadt, einschließlich der kleinen Kinder und der ältesten Greise, an Einwohnern nicht mehr die Zahl derer aufweist, die sie vormals als das sogenannte beginnende Alter 20 verpflegte. Dieser Vierzig- bis Siebzigjährigen 21 waren seinerzeit so viele, daß ihre Ziffer heute nicht mehr erreicht würde, selbst wenn man die Leute vom vierzehnten bis zum achtzigsten Lebensjahre in das Verzeichnis der öffentlich Verpflegten eintrüge und mitzählte. Und die dem Aussehen nach Jüngsten sind gleichsam Altersgenossen der betagtesten Greise von einst geworden.”
Parkin geht -wenn auch vorsichtig- davon aus, dass diese Unterlagen bzw. diese Angaben durchaus ernst genommen werden müssen. Er hat errechnet, dass eine Dezimierung der Bevölkerung um 310.000 und somit 62% stattgefunden haben müsste. Er urteilt: ”This is indeed a catstrophic decline in numbers, though not impossible as a short term phenomenon.” 22
Strobel verweist jedoch auf die Schwierigkeiten, überhaupt eine Zahl für die Gesamtbevölkerung Alexandrias zu nennen. Witschel geht noch kategorischer vor: “Ohne die modernen Methoden der Demographie war in der Antike selbst bei einem durchaus vorhandenen Archivmaterial kaum eine statistische Auswertung möglich.” 23
Auch Grant meint, dass Dionysius
“von seiner Stellung her Daten und Fakten zugänglich waren. Die Auswirkungen der Pest auf die Bevölkerung, die christliche ebenso wie die nichtchristliche, müssen verheerend gewesen sein.” 24
Strobel kritisiert jedoch den Kontext der Ausführungen. Zum einen weist er auf die Probleme des Bischof hin, in der beschriebenen chaosartigen Situation genaue Unterlagen oder Angaben zu beschaffen. Des weiteren bleibe bei vielen Interpretationen unberücksichtigt, dass es eine Fluchtbewegung, vor allem von Christen, gegeben habe, die ebenfalls zu einem Nichterscheinen bei der annona, der städtischen Getreideausgabe, führte. Die Altersangaben sieht Strobel als
“eine von ihm so ad hoc im rhetorischen Zusammenhang aufgestellte illustrierende Behauptung, die nichts über die tatsächlichen Bevölkerungszahlen aussagt, die sich nach der allgemeinen Beruhigung der Lage einstellten.” 25 (Hervorhebung durch mich, C.W.)
Witschel ergänzt diese Anmerkungen Strobels:
20 ώµογέροτες. Diese erhielten auf Staatskosten Getreide und waren in ein eigenes Verzeichnis eingetragen.
21 Diese sind die ώµογέροτες.
22 Parkin, Demography, S.63f.
23 Witschel, Krise, 1999, S.39.
24 Grant, Robert M.: Christen als Bürger im Römischen Reich. Göttingen 1981. S.19.
25 Strobel, Imperium, 1993, S.198.
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Christoph Wälz, 2004, „Magna mortalitas fuit” - Seuchen im dritten Jahrhundert und die „Krise“ des römischen Reiches, München, GRIN Verlag GmbH
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