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Inhaltsverzeichnis
Text übersetzung 2
Vorüberlegungen 3
Exkurs : Über den Sinn exegetischer Überlegungen in einer Predigtarbeit. 4
Homiletische Beobachtungen - Karfreitag als Sinndeutungs-Kasualie. 5
Sinnwelt des Textes 7
Exkurs : Sühne- und Versöhnungsvorstellungen. 8
Jesu Tod und Sinn 12
Jesu Tod, Existenz und Homiletik 15
Predigt 19
Quellenverzeichnis. 23
Literaturverzeichnis 23
Anhang 1: Erklärung 25
Anhang 2: Fragebogen zum Karfreitag / zu Ostern 26
Zur Vereinfachung des Leseflusses wird bei Gruppenbezeichnungen ausschließlich die maskuline
Form verwendet, die Frauen und Männer gleichermaßen mit einschließt.
Die Arbeit folgt der unreformierten („alten“) deutschen Rechtschreibung.
Text übersetzung
2 Kor 5,14-21
5,14: Die Liebe Jesu Christi hält uns zusammen, zumal wir überzeugt sind: Einer
ist für alle gestorben, folglich sind alle gestorben.
5,15: Und für alle ist er gestorben, damit die Lebenden niemals für sich selbst
leben , sondern für den, der für sie gestorben ist.
5,16: So kennen wir niemanden mehr nach dem Fleisch 1 : Wenn wir aber Christus
dem Fleisch nach gekannt haben, kennen wir ihn nun nicht mehr so
5,17: Daher: Wenn einer in Christus ist, so ist er ein neues Geschöpf. Das Alte ist
abgelegt , siehe, das Neue ist geworden.
5,18: Alles ist durch Gott, der sich mit uns versöhnt hat durch Christus und der
1 Die Übersetzung „Fleisch“ für
§ ist unglücklich, aber leider stark geprägt. Daß die paulinische
Anthropologie mitnichten von einem trichotomischen anthropologischen Schema vergleichbar
Platon ausgeht, hat Rudolf Bultmann hinreichend nachgewiesen (vgl. Bultmann: Theologie
§22), nach Bultmann wäre eine korrekte Übersetzung etwa „uneigentliches Dasein“ im Sinne
Heideggers (vgl. Heidegger: Sein und Zeit §§ 25-27) Bemerkenswert: die katholische
Einheits übersetzung übersetzt hier „menschliche Maßstäbe“, was dem Bultmannschen Anliegen
recht nahe kommt
3
uns den Dienst der Versöhnung aufgegeben hat.
5,19: Denn Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt 2 , und er hat ihnen ihre Sünden nicht angerechnet, und hat den Vertrag 3 der Versöhnung aufgesetzt.
5,20: An Christi Statt sind wir nun Gesandter, indem Gott gleichsam die Aufforderung ergehen läßt durch uns: Wir bitten euch an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott.
5,21: Den, der die Sünden nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.
Vorüberlegungen
Am Karfreitag zu predigen, ist schwer. Der Ballast überkommener Sühnetraditionen drückt auf Prediger wie auf der Gemeinde. Unverständnis steht am Anfang der Überlegungen.
Am Karfreitag zu predigen, ist leicht. Denn es geht, was auch der Predigttext nahelegen will, um das Ganze. Es geht um den hin- und hergerissenen Menschen, der angesichts verschiedenster Kontingenzerfahrungen der Versöhnung bedarf.
Im folgenden 4 soll zunächst die, will man es so nennen, „Karfreitags-Religiosität“ 5 unserer Zeitgenossen in den Blick genommen werden. 6 Diese Religiosität soll in der Predigt aufgenommen und verarbeitet werden. Hier liegt die eigentliche Aufgabe dieser Predigtarbeit - denn an der Religionsfähigkeit einer Predigt entscheidet sich ihre Rezeptionsfähigkeit. 7 Die Wahrnehmung der Karfreitags-Religion wird in dem Vorschlag münden, den Karfreitag als Kasualie zur Sinndeutung zu verstehen.
, zu übersetzen. Zur Begründung dieser wichtigen exegetischen Entscheidung vgl. unten. ¡ ¢ ¤ £
das von E. Lange vorgeschlagene Konzept.
sich z.B. bereits 1903 bei Drews: Predigt S. 24ff.
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Dieser Vorschlag soll dann anhand der im zweiten Schritt folgenden exegetischen Überlegungen als textgemäß herausgearbeitet werden. Wie sich zeigen wird, korrelieren die Interpretation der Wirklichkeit und die sachgemäße und gleichzeitig moderne Interpretation des Textes eng miteinander.
Exkurs: Über den Sinn exegetischer Überlegungen in einer Predigtarbeit. Setzt man in einer Predigtarbeit mit der Beobachtung der Religiosität der Predigthörer an, ist bereits eine Vorentscheidung über die Stellung des exegetischen Teiles getroffen. Denn Ausgangspunkt ist ja nicht der Text, dessen Sinn exegesiert und leicht verständlich vorgetragen werden müßte, sondern die gelebte Religion. Zweck der Exegese ist dann aber vor allem, Anbindungspunkte zwischen Text und Religion zu knüpfen und selbige hermeneutisch zu reflektieren, sprich: die Grundlage für die Zusammenführung von
8 Sieht man die Stellung der Exegese so, wird Situations- und Textauslegung zu setzen.
die Gefahr, die Predigt in eine oberlehrerhafte Vorlesung abgleiten zu lassen, geringer. Eine gelungene Exegese hingegen wird daher die religiösen Implikationen eines Textes in bezug auf seine historische und heutige Hörerschaft geltend machen und die Predigt unter Weiterentwicklung der Situationsanalyse beeinflussen. Damit ist die Exegese dann aber keineswegs funktionslos - denn an diesem ihr zugeordneten Platz bildet sie auch
9 einen Wall gegen Genitivtheologien, die auf die Exegese letztlich verzichten könnten.
Zusammenführung und Weiterentwicklung unter Berücksichtigung von Rhetorik und Liturgik bilden den Abschluß dieser Predigtarbeit. Schwerpunkt der letzten Abschnitte bildet die Frage nach dem Tod Jesu und seiner Sinnvermittlungsfähigkeit, nach der menschlichen Existenz und nach den homiletischen Konsequenzen daraus.
Schleiermacher und Bultmann hinreichend hingewiesen; vgl. Schleiermachers Begriff der „divinatorischen Hermeneutik“ (Hermeneutik S. 109) oder Bultmanns Verständnis des existentiellen Bezugs der Exegese, vgl. Problem.
geistig anspruchslos zu sein (wovor die Exegese schützt) und der Gefahr des Gebrauchs von „Quisquilien, die allein Intellektuellen etwas bedeuten können“ S. 75.
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Homiletische Beobachtungen - Karfreitag als Sinndeutungs-Kasualie
Der Karfreitag ist ein Feiertag, der nur wenig im Bewußtsein der Menschen ist, besonders in den neuen Bundesländern. Repräsentative Umfragen zeigen einen Befund, der zum Nachdenken Anlaß gibt:
Betrachtet man zum Beispiel den Kirchenbesuch an Karfreitag, so liegt der Kirchenbesuch in meiner eigenen Landeskirche, der Pommerschen Evangelischen Kirche, nur leicht über dem Durchschnitt eines normalen Sonntages, d.h. bei 5-10%. 10 Dem ist mit der Studie „Fremde Heimat Kirche“ von 1993 gegenüberzustellen, daß dieses Bild bei den Konfessionslosen noch drastischer ist - während immerhin rund 15% der Konfessionslosen Weihnachten in die Kirche gehen und ebenfalls rund 15% an Kasualien wie Trauungen und Beerdigungen teilnehmen, ist der Karfreitag völlig außerhalb des Interesses (0%). 11 Eine 2002 veröffentlichte Umfrage bestätigt sogar, daß der Inhalt von Karfreitag und Ostern nur 54% der Bundesbürger im Bewußtsein ist. 12
Das fehlende Interesse hat seinen Grund: Karfreitag ist ein Feiertag, der das religiöse Bewußtsein der Menschen nur noch wenig berührt. Der Tod Jesu Christi ist außerhalb seiner Sphäre.
In einer von mir selbst durchgeführten, freilich nicht repräsentativen Umfrage Menschen 13 unter jüngeren gaben 83% an, angesichts von
Kontingenzerfahrungen über den Sinn des Lebens nachgedacht zu haben, gleichzeitig aber gaben von den nach Sinn Fragenden 66% an, daß bei ihrer Religions- und Sinnsuche das Karfreitags- bzw. Ostergeschehen keine Rolle spielt.
Diese Umfrage bestätigt, was Ernst Lange bereits vor gut 20 Jahren konstatierte: „Verlorengegangen ist die Selbstverständlichkeit und die Allgemeingültigkeit
Christoph Poldrack, Anklam / Greifswald, in einer email vom 1.2.2002.
11 aus den alten Bundesländern. 10 insgesamt sind evangelisch, 2 katholisch. Theologen / Theologiestudenten sind nicht befragt worden. Das Gefühl von Erlösungsbedürftigkeit angesichts von Kontingenzerfahrungen bestätigt auch eine von Klaus-Peter Jörns veröffentlichte Umfrage, vgl. Jörns: Menschen, Frage 73 S. 322. Gleichzeitig wird auch der zweite Teil im wesentlichen bestätigt: die Verknüpfung Jesus - Kreuz - Erlösung - Vergebung ziehen bei den Nichttheologen nur rund 20 - 30% der Befragten.
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bestimmter religiöser Systeme, nicht aber die Notwendigkeit, sich des Sinnes von Dasein zu vergewissern und sich mit anderen über diesen Sinn von Dasein in religiösen Symbolen zu verständigen und zu vereinen.“ 14
Die Erkenntnis dieser Notwendigkeit geht einher mit einem Aufschwung des Religiösen in der Gesellschaft, von einer „Rehabilitierung der Religion“ ist die Rede, die aber von abnehmender Kirchlichkeit geprägt ist. 15
Kontingenzbewältigungspraxis“ 16 , also die Praxis einer „vernünftigen Anerkennungskultur gegenüber Unverfügbarkeiten“. 17
Festzuhalten ist daher zunächst, daß es eine große Gruppe von Menschen gibt, für die das, was kirchlicherseits mit dem Karfreitag verbunden ist, durchaus relevant ist: Rechtfertigung eigener Lebensgeschichte, Versöhnung mit dem Woher der individuell empfundenen Abhängigkeitserfahrungen und Sinndeutung sind Wünsche, die viele haben. Mit dem Karfreitag verbunden werden diese Wünsche aber meistenteils nicht, zumal das Karfreitagsgeschehen diesen Konnex für externe Betrachter auch nicht nahelegt. 18
Neben die Gruppe derer, die dem Karfreitagsgeschehen gegenüber gleichgültig sind, tritt die Gruppe derer, die mit kirchlich beliebten Deutungen des Todes Jesu ihre Probleme haben. Ihr Anliegen formuliert Tilmann Moser: „Seltsam, seltsamkeiner von den Predigern hat je Verdacht geschöpft, daß vielleicht nicht mit uns, sondern mit dir [sc. Gott, kj] etwas nicht stimmt, wenn du vor lauter Menschenliebe deinen Sohn schlachten lassen mußtest.“ 19
Schon - aber nicht allein deswegen - weil es nun aber auch eine Gruppe von Menschen gibt, die eine Verbindung zwischen dem Tod Jesu und ihren eigenen Kontingenzerfahrungen setzen, kann eine Karfreitagspredigt nicht von der Berücksichtigung des Todes Jesu abrücken.
Aber sie kann mehr leisten. Denn wenn, wie es auch der Predigttext tut, Tod
einem sogenannten „häretischen Imperativ“, der die Abkehr von z.B. kirchlicherseits überkommenen Sinnstiftungsangeboten beinhaltet. Vgl. dazu auch Berger: Zwang.
7
Jesu und Nichtanrechnung der Sünden, Kreuz und Versöhnung verknüpft werden, hat der Karfreitag zwei Pole, an denen angesetzt werden kann: neben den Tod Jesu tritt die Versöhnungsbotschaft. Hier liegt die Schnittstelle zum Hörer der Predigt.
Wenn nun nicht das Kreuz, sondern die Versöhnungsbotschaft den Dreh- und Angelpunkt bildet, ist die Möglichkeit geschaffen, die den Schwerpunkt der Karfreitagspredigt vom Karfreitagsgeschehen auf die Karfreitagsbotschaft zu legen. Wie oben gezeigt werden konnte, ist die Karfreitagsbotschaft relevant für den sinnsuchenden Menschen. Gerade der Karfreitag bietet in der Verkündigung der Versöhnungsbotschaft die Möglichkeit, zu einer Sinndeutungs-Kasualie zu werden. 20
Ein kurzer Blick sei noch auf die Situation des Predigers geworfen. Im Zusammenhang einer Beschreibung eines sinnvoll ausgestalteten Pfarramtes zieht Ernst Lange den heutigen Predigttext heran: im Zuge der Herausstellung der Funktionalität des Pfarramtes kann er mit Luthers Übersetzung das Pfarramt als „das Amt, das die Versöhnung predigt“ bezeichnen. 21 Hier könnte sich eine Perspektive abzeichnen, die über den Karfreitag hinaus wirkt: indem wir den Karfreitag als Sinndeutungs-Kasualie verstehen, determinieren wir auch die Aufgabe des Pfarrers als denjenigen, der Versöhnung predigt, der bei der Sinndeutung mithilft, der Religion zur Sprache bringt.
Inwieweit diese Beobachtungen der Karfreitags-Religiosität der Sinnwelt des Textes entsprechen, ist im folgenden Schritt zu fragen.
Sinnwelt des Textes
Der Predigttext steht im umfassenden Kontext des 2 Kor, dessen durchgängige Themen Legitimität und Wesen des paulinischen Apostolats sind. 22 Ein Aspekt des Apostelamtes ist der Dienst der Versöhnung 2 Kor 5,18. Paulus versteht sich, wie unmittelbar aus dem Text erkenntlich, als Künder der
Leiden der Welt und der dann daraus sich ergebenden Konsequenz einer „politischen Predigt“, vgl. Walther-Sollich: Festpraxis S. 153-174.
Arbeit zitieren:
Dr. theol. Karsten Jung, 2002, Entwurf einer Karfreitagspredigt zu 2 Kor 5,14-21, München, GRIN Verlag GmbH
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