Heinrich – Heine – Universität Düsseldorf
Seminar: Zeichentheorie
Semester: SS 2002
Theorie der Metapher
von: Phillip Gläsel
„Man müßte sich einmal eine neue linguistische
Wissenschaft ausdenken; sie müßte nicht mehr die
Herkunft der Wörter, oder Ethymologie,
untersuchen, ja nicht einmal mehr ihre Verbreitung,
oder Lexikologie, sondern ihr fortschreitendes
‚Hart- und Starrwerden’, ihre Verdickung im
Verlaufe des historischen Diskurses; eine solche
Wissenschaft wäre zweifellos subversiv und würde
viel mehr als den historischen Ursprung der
Wahrheit aufzeigen: nämlich den rhetorischen, ihren
Sprachcharakter.“
(R. Barthes: Die Lust am Text. Ffm 1974. S. 64.
Aus: www.uni-paderborn.de/~winkler/metapher.html)
1. EINLEITUNG:
Um Sprache verstehen zu können, bedarf es einiger Regeln, bekannten Vereinbarungen und Theorien. Ein Großteil der existierenden Regeln und Theorien nehmen Bezug auf wörtlich zu verstehende Ausdrücke und Sätze. Die Zahl derjenigen, die für das Verstehen der nichtwörtlichen Rede oder Sprache relevant sind, ist jedoch begrenzt.
Der Bereich des uneigentlichen Sprechens beinhaltet unter anderem die metaphorisch verwendete Sprache, die sowohl in unserer Alltagssprache, als auch in literarischen oder poetischen Texten Verwendung finden kann. Gerade der Metaphernbegriff ist mit seiner zweieinhalb Jahrtausende zurückliegenden Geschichte eines der ältesten Phänomene unserer Sprache. An diesem Punkt kommt unweigerlich die Frage auf, warum und wie bzw. ob Regeln dazu fähig sein können, das Metaphern – Verstehen bzw. das Verstehen poetischer Texte im Allgemeineren, in ihr Regelwerk aufzunehmen und zu erklären. Hinzu kommt die Frage nach der Notwendigkeit einer Regel für dieses bereits so lange existente Stilmittel. Doch gerade der metaphorische Sprachgebrauch birgt Problemrisiken, da Metaphern so einzigartig in ihrer Bedeutungsvielfalt sind. Je nachdem, ob der jeweilige Hörer oder Leser sie in ihrer wörtlichen Bedeutung oder im übertragenen Sinn versteht, können Metaphern als sinnlos – dementsprechend wird der Kontext des gesamten Satzes in diesem Fall nicht verstanden - oder als besonders bedeutungsvoll aufgefasst werden. Daher ist jeder Bereich, in dem Sprache angewandt wird, auf Methoden der Analyse angewiesen, die den kreativen Denkvorgang beim Interpretieren und Verstehen von Metaphern lenken und erklären.
Zu einer wesentlichen Funktion der Metapher hat sich Paul Henle dementsprechend geäußert, dass sie darin besteht, die Sprache zu bereichern. Durch Metaphern läßt sich ausdrücken, was mit der eigentlichen Bedeutung eines Wortes oft nicht möglich wäre. Noch nicht existente Dinge kann man beispielsweise mit Metaphern seinem Gegenüber so beschreiben, dass er sie bildlich vor Augen sieht, ohne je den entsprechenden Gegenstand gesehen zu haben. Ohne den Gebrauch der Metapher würde dies bedeuten, einen Namen für das Neue erschaffen zu müssen. Dieser Neologismus würde zu Anfang ein so großes Novum darstellen, dass niemand dazu in der Lage wäre, dem neu geschaffenen Wort eine verständliche Bedeutung zuzuschreiben. Die Folge daraus wäre zwangsläufig Unverständnis. Bei diesen Wortneubildungen und Metaphern, die aus einer sprachlichen Not heraus geboren sind, aus Mangel eines adäquaten Wortschatzes - wie es manchmal bei Ausländern zu bemerken ist, die des Deutschen nicht in allen Themenbereichen der Gesellschaft mächtig sind – läßt sich meist nur ein äußerst umständliches Äquivalent für den Informationsgehalt der Metapher finden. Hier wird man schwer die eigentlich hinter der Metapher stehende Redeweise zuordnen können.1 Betrachtet man unter diesem Umstand die Theorie, dass Metaphern einen Ersatz für „eigentliche Ausdrücke“2 darstellen, wie es Pelc in seinem metaphorischen Dreieck getan hat, kann ein Analyseansatz wie dieser nicht angenommen werden. So war unter anderem der heute bereits lexikalisierte Ausdruck „Motorhaube“ in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Metapher. Dabei beschreibt >lexikalisiert< den Vorgang der Symbolwerdung von Metaphern3. Als Abdeckung für den Motor steht die Haube hier in der gleichen Beziehung zum Auto wie zum Menschen.4
Bei der Verwendung von Metaphern ist ein Phänomen unseres sich stets weiterentwickelnden Sprachgebrauchs zu bemerken, welches die Bedeutung der Metaphern noch zusätzlich hebt. Nimmt man das Beispiel „Der Fuß des Berges“ als Anschauungsobjekt hinzu, so kann man daran die angedeutete Verschiebung des ursprünglich metaphorischen zum wörtlichen Gebrauch festmachen und findet damit eine gewisse Dynamik in unserer Sprache. Viele sind wohl der Auffassung, auch deutsche Muttersprachler, bei der oben genannten Formulierung handele es sich um einen bereits lexikalisierten Ausdruck und sind nicht mehr in der Lage, den Ursprung ethymologisch richtig einzuordnen5. Wird ein nicht–wörtlicher Sinn häufig gebraucht, kann er bei steter Verwendung durch den Prozeß der Symbolifizierung zum wörtlichen werden; eine nähere Erläuterung folgt.
Wenn also die übertragene Bedeutung so allgemeingültig ist, das der Leser / Hörer die wörtliche Phrase ohne eigene Übertragungsarbeit verstehen kann, nennt man das vorliegende Phänomen ein Idiom oder eine >tote Metapher<.6 Betreffend einer allgemeingültigen Theorie zur Explikation einer Metapher sind sich die Literaturwissenschaftler untereinander nach Meinung von Gudrun Frieling noch nicht ganz schlüssig. Folglich gibt es noch keine allseits anerkannte Theorie, die alle Aspekte des Verstehensprozesses und die Definition der in verschiedensten Formen auftretenden Metaphern berücksichtigt, obwohl eine große Anzahl von Essays über dieses Thema vorhanden ist.
[...]
1 Vgl. Köller, Wilhelm: „Semiotik und Metapher. Untersuchungen zur grammatischen Struktur und kommunikativen Funktion von Metaphern.“ J.B. Metzler Stuttgart. 1975. S. 188f.
2 s.o. S. 354.
3 Keller, Rudi: „Zeichentheorie. Zu einer Theorie semiotischen Wissens.“ Franke Verlag Tübingen und Basel. 1995. S. 183.
4 Vgl. Henle Paul: „Metaphor“ in: Language, Thought, and Culture. In: „Theorie der Metapher“. Hrsg. Anselm Haverkamp. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. 2. Auflage. S. 96f.
5 Frieling, Gudrun: „Untersuchungen zur Theorie der Metapher: das Metaphern – Verstehen als sprachlich – kognitiver Verarbeitungsprozess“, Universitätsverlag Rasch Osnabrück. 1996. Vgl. S 17.
6 Vgl. Henle Paul: „Metaphor“ in: Language, Thought, and Culture. In: „Theorie der Metapher“. Hrsg. Anselm Haverkamp. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. 2. Auflage. S. 92.
Arbeit zitieren:
Phillip Gläsel, 2002, Theorie der Metapher, München, GRIN Verlag GmbH
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