Vor Allem außenpolitisch stellt der Übergang von Otto III. zu Heinrich II. einen Wendepunkt dar. Denn nicht zuletzt die Politik im Osten sorgte in der Nachfolge Ottos für Kontroversen. Während der jugendliche Kaiser Otto mit den Polen eine Politik der Freundschaft führ- te, war Heinrichs Regierungszeit im Wesentlichen durch kriegerische Auseinandersetzungen im Osten geprägt. In der vorliegenden Arbeit sollen die Grundzüge der Po- lenpolitik Heinrichs dargestellt werden, wobei der ers- te Teil einen kurzen Abriss zur Ausbreitung der Slawen und der damit untrennbar verbundenen Entstehung des Staates Polen darstellt. Die Etablierung der Piasten- herrschaft auf polnischer Seite und die freundschaftli- chen Beziehungen zu Otto III. sollen einerseits den weiteren Verlauf der Arbeit bilden, andererseits aber auch eine Art Vergleichsbasis bezüglich der Polenpoli- tik Heinrichs II.
Abschließend wird versucht zu klären, worin die Ursa- chen des Wandels in den Beziehungen zu Polen zu suchen
Um Christi Geburt lebten die Völker slawischer Sprache in Osteuropa, vor Allem im Stromgebiet des mittleren und oberen Dnjepr. 1 In den folgenden Jahrhunderten aber drangen sie bis an die Elbe, bis in die Alpen und bis an die Adria vor und besiedelten dabei viele Gebiete, die in der Völkerwanderungszeit von germanischen Stäm- men verlassen worden waren. Die gewaltige räumliche Ausdehnung der Slawen in der Zeit nach der Völkerwande- rung führte zu ihrer Aufgliederung in Ost,- Süd- und Westslawen. Die nördliche Gruppe der Westslawen bestand im frühen Mittelalter aus den Elb- und Ostseeslawen so- wie aus den Stämmen, die dann seit dem 10. Jahrhundert zum polnischen Volk zusammenwuchsen.
Der wichtigste dieser Stämme war der der Polanen, dem Polen auch seinen Namen verdankt. Er saß im Bereich der Warthe, in der Landschaft, die seit dem Mittelalter „Großpolen“ heißt. Östlich von den Polanen, an der mittleren Weichsel, waren die Masowier ansässig, weiter südlich, am Oberlauf des Stromes, die Wislanen. In Nie- derschlesien lebten hauptsächlich die Slenzanen, in O- berschlesien die Opolanen und Golensizen. Nördliche Nachbarn der Polanen – zwischen unterer Weichsel und Oder – waren die Pomoranen, ein ostseeslawischer Stamm.
Durch das Gebiet der Pomeranen und Polanen führten seit etwa 900 Handelswege, die Skandinavien mit dem Schwar- zen Meer und weiterhin mit dem Orient verbanden. Manche Mittelpunkte des Fernhandels in den slawischen Ländern wurden zu Keimzellen von Herrschaftsbildungen.
Meyer, Enno, Grundzüge der Geschichte Polens, 3. erweiterte Auflage, Darmstadt 1990, S. 1.
Das galt vor Allem für die Orte Posen und Kruschwitz, denn von hier nahm die Herrschaft der Piasten ihren Ausgang. Der erste piastische Fürst, Mieszko, verfügte über bedeutenden Reichtum und eine stattliche bewaffne- te Gefolgschaft. 2 In den rund dreißig Jahren seiner Herrschaft konnte sich Mieszko nicht nur eine angesehe- ne Stellung in der christlichen Welt verschaffen, son- dern auch seinen Machtbereich festigen und zeitweilig durch Unterwerfung der Pomoranen erweitern. Durch An- nahme des Christentums sowie durch Bindung an Kaiser und Papst fügte Mieszko sein Land und damit das spätere polnische Volk in die vom römischen Christentum be- stimmte Welt ein. Er sah seinen gesamten Herrschaftsbe- reich als Patrimonium, d.h. als gemeinsamen erblichen Besitz seines Hauses, das der Piasten, an. Nach seinem Tode (992) wurden dessen Mitglieder Erben seines Besit- zes, doch setzte sich bald sein Sohn Boleslaw I. (992- 1025) als Alleinherrscher durch. Er unterstützte auch 996 den Bischof Adalbert von Prag, der ihn um Hilfe bei der Bekehrung der heidnischen Prußen gebeten hatte. Als Adalbert bei den Prußen das Martyrium erlitten hatte, kaufte Boleslaw (Chrobry = der Tapfere) ihnen dessen Leichnam ab und ließ ihn in Gnesen bestatten, wo sich der Überlieferung zufolge, auch bald Wunder ereignen sollten. Nach der Heiligsprechung Adalberts wurde Gne- sen zum kirchlichen Zentrum Polens und sakraler Mittel- punkt des Piastenlandes.
Otto III., inzwischen deutscher Kaiser, wollte, auch wegen seiner geistigen Nähe zu Adalbert, Boleslaw als Mitstreiter bezüglich der renovatio imperii, der geis- tigen Erneuerung des Römischen Reiches gewinnen und
Meyer, Enno, Grundzüge der Geschichte Polens, 3. erweiterte Auflage, Darmstadt 1990, S. 2.
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Christian Gräber, 2005, Die Polenpolitik Heinrichs II, Munich, GRIN Publishing GmbH
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