Inhalt:
1. Einleitung
2. Literatur als Soziologie
3. Identität
3.1 Charles Taylors Gedanken zur Gesellschaft
und individueller Identität
3.2 Der Fremde
3.3 Kollektive Identitäten
4. Soziologie und Literatur mit migrationsspezifischen
Hintergrund
4.1 Türkische Jugendliche und Ich-Identität
4.2 Selbstbewusste türkische Jugendliche in der Literatur?
5. Resümee
Literatur
Einleitung
„Meine Mutter wollte mich in Deutschland zur Welt bringen. Sie gab viel darauf, aus mir einen Deutschen zu machen. So wurde nach meiner Geburt zu Hause kein Türkisch mehr gesprochen, obwohl das früher wohl ab und zu der Fall gewesen sein muss. Als ich sie mit meinen Fragen löcherte, erklärte sie diese Maßnahmen damit, mir ein unbequemes Leben zwischen den Welten erspart haben zu wollen.“ 1
Dieses Zitat aus dem Buch „Gefährliche Verwandtschaft“ von Zafer ùenocak gibt sehr deutlich wieder, wie ein Jugendlicher türkischer Herkunft seine Kindheit reflektiert. Die Tatsache in Deutschland aufgewachsen zu sein, perfekt Deutsch sprechen zu können und zur Türkei kaum mehr Beziehungen zu haben, als zu einem Urlaubsland, reicht bei diesem Jugendlichen nicht aus, auch tatsächlich als Deutscher anerkannt zu werden. Er selbst hat nicht das Gefühl „zwischen den Kulturen“ zu stehen, in der Hinsicht hatte die Mutter sicherlich Erfolg. Dennoch wird er von der deutschen Gesellschaft immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass er bzw. seine Herkunft (schon allein wegen seines Namens) 2 Ausländer sei. Allein dadurch sieht er sich vor das Problem gestellt, nach seinen Wurzeln suchen zu müssen, da er wissen will, welche Identität er eigentlich hat. Das wird wohl auch die Motivation seiner Mutter gewesen sein: Nur Deutsch reden, damit der Junge gut Deutsch (akzentfrei) lernt, damit ihm so die lästige Fragerei erspart bleibt. „Zwischen den Kulturen“, das ist eine beliebte Formulierung, wenn es darum geht erklären zu wollen, mit welchen Problemen Jugendliche mit integrationsspezifischen Hintergrund zurecht kommen müssen. Was heißt das eigentlich „Zwischen den Kulturen“? Wenn man schon aus dem oben Gesagten etwas schließen möchte, dann doch wohl, die Tatsache, dass jemand „zwischen den Kulturen“ lebt, weil genau diese Ansicht immer wieder an ihn herangetragen wird. Von den Eltern, der deutschen Gesellschaft oder auch der Familie, die in der Türkei geblieben ist. Um diese Fragen zu beantworten, soll es in den ersten drei Abschnitten um Fragen nach individueller und kollektiver Identität gehen. Zuerst aber soll der Frage nachgegangen werden, ob man das, was man an Aussagen in Literatur mit migrationsspezifischen Hintergrund finden kann bzw. in Literatur allgemein, auf die Realität beziehen kann.
1 ùenocak S. 58
2 Vgl. ebd. 128
Anders ausgedrückt: Können literarische Texte Fragen nach realen Gegebenheiten beantworten und sogar mit wissenschaftlichen Untersuchungen mithalten? Anschließend soll eine Untersuchung von Klaus Hoffmann vorgestellt werden, um im Anschluss einen Vergleich zwischen den Ergebnissen dieser Studie und den Inhalten einiger ausgewählter Texte von Autoren mit migrationsspezifischen Hintergrund ziehen zu können.
1. Literatur als Soziologie
In diesem Abschnitt soll zusammenfassend darauf eingegangen werden, warum es Kuzmics und Mozetiþ für möglich halten, Literatur als ergänzendes Material zur Soziologie und deren wissenschaftlichen Methoden einsetzen zu können. 3
Die beiden hier angeführten Soziologen stellen dabei gleich zu Anfang klar, dass es ihnen nicht darum geht die Grenzen zwischen Literatur und Wissenschaft aufzuheben. Sie wird in ihrem Buch „Literatur als Soziologie“ die Literatur auch als etwas angesehen, dass dazu befähigt ist das Feld der Soziologie zu bereichern. Dabei erfasst die Literatur oft Bereiche, die der wissenschaftlichen Methode unzugänglich sind, aber dennoch für die Wissenschaft dienlich gemacht werden könnte, wenn man zum Beispiel Romane heranzieht, um alltägliche Erfahrungen, Stimmungen innerhalb der Gesellschaft zu einer bestimmten geschichtlichen Epoche oder gewisse moralische Vorstellungen einer Gesellschaft und die daraus resultierenden Handlungsweisen der Menschen untersuchen woll. Wissenschaftliche
Untersuchungen geben über solche individuellen und gesellschaftliche Vorgänge oft wenig oder keine Auskünfte: „Die spezifische Behandlung, die ein schöpferischer Schriftsteller der Natur oder der Liebe, bestimmten Gesten oder Stimmungen, menschlicher Geselligkeit oder Einsamkeit angedeihen lässt, ferner das Gewicht, das er in seinen Werk der Reflexion, Beschreibungen oder Gesprächen einräumt - all diese Phänomene mögen auf den ersten Blick soziologisch unergiebig scheinen. Sie sind in Wirklichkeit jedoch echte und ursprüngliche Quellen, will man untersuchen, wie weit die privaten und intimen Bezirke des individuellen Lebens von dem gesellschaftlichen Klima durchdrungen sind, indem sich dieses Leben schließlich vollzieht. Für vergangene Epochen ist die Literatur häufig die einzig verfügbare Quelle, aus der wir Kenntnisse über private Sitten und Gebräuche entnehmen können.“ 4
3 Vgl. Kuzmics/Mozetiþ S. 9-58 u. 288-303
4 Rockwell, Joan zitiert in Kuzmics/Mozetiþ S. 30
Literatur kann auf verschiedene Wege für die Soziologie nutzbar gemacht werden. Zum Einen kann man (so wie in dem vorangegangen Zitat schon anklingt) Literatur als Quelle ansehen, wenn andere Quellen dürftig oder gar nicht vorhanden sind. Dabei bedarf es natürlich größter Vorsicht. Literatur selbst sieht sich nicht als empirische Wissenschaft, die gesellschaftliche Gegebenheiten korrekt wiedergibt. Will man Literatur als Quelle benutzen, ist es ratsam mehrere Werke zur Verfügung zu haben, die man auf Parallelen untersuchen kann. Aussagen, die sehr häufig vorkommen können so als echt angesehen werden. Der Rest sollte als Fiktion und Imagination behandelt und so aus der wissenschaftlichen Arbeit herausgehalten werden. Literatur als Quelle kann dann einen hohen Stellenwert besitzen, wenn es um gesellschaftliche und subjektive Vorgänge geht, oder wie Kuzmics und Mozetiþ dies beschreiben: „Literatur ist daher [...] für diejenige Soziologie interessant, in welcher die subjektive Verarbeitung und emotionale Valenz der sozialen Welt einen hohen Stellenwert besitzen.“ 5
Literatur kann allerdings auch als illustratives Mittel benutzt werden, wenn man als Wissenschaftler bereits gefundene soziologische Forschungsergebnisse verdeutlichen will. Da sich die Literatur oft gesellschaftliche Vorgänge und soziale Phänomene zum Thema macht, kann man sie nutzen um ein gesellschaftlichen Sachverhalt deutlicher darstellen zu können. Hier geht es also weniger darum, Literatur als Erkenntnisquelle nutzen zu wollen, sondern man nutzt sie „metaphorisch“, da Literatur anschaulicher und konkreter zu sozialen Tatsachen Stellung nimmt.
Als weiteres Beispiel der Nutzbarmachung der Literatur für die Soziologie ist das Analysevermögen der Literatur hinsichtlich sozialer Vorgänge und Veränderungen. Literatur beschreibt diese Vorgänge nicht einfach nur, sondern versucht sie oft auch zu hinterfragen, noch ehe sich die Wissenschaft dieser Phänomene annimmt. Man könnte die Kunst des Schreibens als eine Art „Frühwarnsystem“ bezeichnen, welches durch viel Sensibilität schon vor den Sozialwissenschaften Erkenntnisse zu gewinnen vermag. 6 Der Soziologie steht es in diesem Fall zu, diese Erkenntnisse zu untersuchen und zu vervollständigen. Beispielsweise hat Thomas Mann darauf hingewiesen, dass er in seinem Werk „Die Buddenbrooks“ bereits auf den Zusammenhang zwischen moderner kapitalistischer Erwerbstätigkeit und
5 Kuzmics/Mozetiþ S. 31
6 Nach Nisbet, Robert in Kuzmics/Mozetiþ S. 32
protestantischer Ethik hingewiesen habe und dass Soziologen wie Weber, Troeltsch oder Somabart durchaus durch die Literatur beeinflusst worden sein könnten. 7 Dennoch muss man sagen, dass sich diese, durch die Literatur gewonnenen, Erkenntnisse erst durch die wissenschaftlich arbeitende Soziologie bewähren müssen. Dennoch kann man sagen, dass Literatur als Symptom für vorherrschende Bewusstseinslagen, sozialen Wandel und sich verändernde Handlungshorizonte geltend gemacht werden kann. In diesen Falle wäre Literatur nicht als Quelle oder als Illustration anzusehen, sondern vielmehr als Ideengeber.
Es ist klar, dass mit Literatur vorsichtig umgegangen werden muss, will man sie soziologisch nutzbar machen. Literatur ist nicht auf die Grenzen der Realität beschränkt, sondern kann sich auch dem Irrealen und der Phantasie bedienen. Allerdings kann uns die Literatur Informationen liefern, die soziologische Erkenntnisse erweitern können. Theodor Fontanes „Effi Briest“ 8 kann einen Zugang zur Alltagswelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts liefern, die uns mittels der Soziologie nicht zugänglich ist. Man kann also mit Hilfe dieses Romans Denkweisen und Gefühlslagen verstehen, die Beschränktheiten und Zwangslagen verursachen erzeugen, die wir ohne die Literatur nicht recht verstehen könnten. Wenn man weitere literarische Werke aus dieser Zeit hinzuzieht, kann man vergleichen und zu tatsächlichen soziologischen Erkenntnissen führen, die uns die Alltagswelt der im damaligen Preußen lebenden Menschen, näher bringen kann. Wichtig ist bei der Behandlung der Literatur zum soziologischen Erkenntnisgewinn, dass sie mit einem „soziologischen Blick“ gelesen wird, einzelne Textstellen nicht aus ihrem Kontext gerissen werden und ein Zusammenhang mit anderen Daten, Quellen und Deutungen herstellt wird. 9
3. Identität
Es kann an dieser Stelle keine ausführliche Darstellung aller Identitätstheorien, welche von der Soziologie bisher hervorgebracht wurden, erfolgen. Ich denke dass dies auch nicht unbedingt erforderlich sein wird. Stellvertretend für verschiedene Ansätze möchte ich einen kanadischen Philosophen und Politologen und seine Gedanken zur Identitätenbildung und zum Zusammenhang von Identität und
7 Vgl. ebd. S. 33f.
8 Vgl. Kuzmics/Mozetiþ S. 288
9 Vgl. ebd. S.293
Gesellschaft vorstellen, ehe ich auf das Thema „kollektive Identitäten“ zu sprechen komme, welches aber auch nur angerissen werden kann.
3.1 Charles Taylors Gedanken zu Gesellschaft und individuelle Identität So wie viele Wissenschaftler vor ihm (Durkheim, Weber, Husserl, Schütz oder auch Luckmann und Luhmann), konstatiert auch Taylor einen Zusammenhang zwischen der individuellen Identität und der Gesellschaft. Allerdings ist dieses Verhältnis stark einseitig, was heißt, dass der Mensch eher von der Gesellschaft abhängt, als das dies umgekehrt der Fall wäre. Also die Gesellschaft „schafft“ das Individuum, nicht umgekehrt. Das was von der Gesellschaft an Weltanschauung, Moral, Deutungen usw. vorgegeben wird, eignet sich das Individuum an, um in ihr zurecht kommen zu können und sich so als Individuum zu begreifen. Ohne Gesellschaft also kein Individuum und keine Individualität. 10 Das klingt zunächst etwas widersprüchlich, ist es aber mitnichten.
In seinem Essay „Die Politik der Anerkennung“ (1992) versucht Taylor eine Politik der Gerechtigkeit zu formulieren, wobei die Anerkennung individueller und kollektiver Identitäten eines seiner ersten Argumente für die Notwendigkeit einer solchen Politik darstellt. Dabei besagt er, dass die individuelle Identität zwei „Charaktere“ besitzt: Den Monologischen und den Dialogischen. Der monologische Charakter ist dabei derjenige, welcher sich nur innerhalb des Individuums abspielt und im weitesten Sinne nicht mit der Umwelt korrespondiert. Mit Hilfe diesen Teils der Identität kann sich der Mensch selbst als moralische Instanz verstehen, die uns, unabhängig von den Meinungen Anderer, zu Entscheidungen führen kann, die ganz den Vorstellungen des Individuums selbst entsprechen. 11
Nun stellt er aber fest, dass diese Identität nicht allein monologisch erzeugt werden kann. Will ich mich und meine Identität begreifen, muss ich mir erst die „Ausdrucksweisen“ der Gesellschaft aneignen, was nur im Dialog mit Anderen geschehen kann. Wir sind dementsprechend in der Genese der Identität (und das meint nicht nur die Genese vom unfähigen Neugeborenen bis hin zu erwachsenen, selbstbewussten Menschen, sondern bezieht sich auf die Tatsache, dass sich Identitäten ständig neu- und umbilden) von den „Anderen“ abhängig.
10 Vgl. (u.a.) Schütz/Luckmann S. 44-47
11 Vgl. Taylor S. 18
Arbeit zitieren:
Marko Tomasini, 2006, Das Bild türkischer Jugendlicher in der Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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