Einleitung
In der durch Fernsehen, Computer- und Videospiele reizüberfluteten Mediengesellschaft, in der die Kinder heutzutage aufwachsen, muss der Literaturunterricht Kinder in besonderer Weise für das Lesen zu interessieren wissen. Heute konkurriert das Buch mehr noch als vor einigen Jahren mit anderen Freizeitbeschäftigungen. Zudem besitzen viele Kinder gar keine eigenen Bücher mehr oder sie sind gar von ihren Eltern so „verplant“, dass sie keine Zeit mehr für das entspannte Lesen finden. Die Gründe, warum Kinder weniger lesen, sind vielfältig. Vielfältig ist jedoch auch das Angebot an Kinder- und Jugendliteratur, dass Lehrkräften für ihren Unterricht zur Verfügung steht.
Durch den Boom um „Harry Potter“ wieder sehr in den Fokus gelangt, sind Fantasy- oder auch Phantastische Erzählungen. Texte über fremde Welten und fremde Völker fesseln die Menschen aber nicht erst seit Harry Potter. Schon „Alice im Wunderland“ verzauberte die Kinder der damaligen Zeit.
Was ist neu und anders an „Harry Potter“ und seinen literarischen Konkurrenten? Was zieht die Kinder in den Bann dieser Art von Literatur? Ich stelle mir in dieser Arbeit die Frage, inwieweit Lehrkräfte die Anziehungskraft der phantastischen Literatur für die Verwirklichung von Zielsetzungen des Literaturunterrichts nutzen können. Wie kann ich als Lehrkraft die Kinder für das Arbeiten an einem Buch gewinnen und welche Möglichkeiten der Umsetzung gibt es? Dazu erscheint es mir als nötig, das von mir ausgewählte Buch „Die Medlevinger“ von Kirsten Boie 1 kurz vorzustellen und inhaltliche Analyse in Bezug auf die Themen und Anknüpfungspunkte, sofern es welche gibt, an die Lebenswelt der Schüler aufzuzeigen. Anschließend werde ich eine von mir entwickelte Unterrichtseinheit mit Anlehnung an das Buch von Kirsten Boie vorstellen.
Unter anderem werde ich mich dabei auch mit der Überlegung auseinandersetzen müssen, wie man den meist großen (die Seitenzahl betreffenden) Umfang bei phantastischer Kinder- und Jugendliteratur („Die Medlevinger“ 431 Seiten) in ein grundschulgerechtes und somit auch für leseschwache Schüler zugängliches Format bringen kann.
1 Zur Quellenangabe: falls nicht anders vermerkt, beziehen sich alle Seitenangaben auf das Buch: Boie, Kirsten: Die Medlevinger, Hamburg, Oetinger 2004
1
Inhalt
1 „Die Medlevinger - ein Überblick 3
2 Phantastische Kinder- und Jugendliteratur im Fokus unserer Zeit 4
2.1 Eine theoretische Überlegung: phantastische Literatur, Fantasy
oder nur phantastisches Element? 4
2.2 Die Grundmodelle nach Gansel 6
2.3 Einordnung der Medlevinger nach Gansels Grundmodellen 7
2.4 Reiz des Phantastischen 8
3 Die Medlevinger in der Schule 9
3.1 Phantastische Elemente und intertextuelle Bezüge 9
3.2 Überlegungen zu den Medlevingern - Verbindungen zum Alltag der
Sch üler 10
3.3 Möglichkeiten der Umsetzung 11
4 Schlussbemerkung 13
5 Anhang 14
- Unterrichtsplanung 1. und 2. Stunde
- Unterrichtsplanung 3. Stunde
2
1 „Die Medlevinger“ - ein Überblick
In dem Kinder- und Jugendroman „Die Medlevinger“ von Kirsten Boie geht es um das Verbleiben zweier verschwundener Medlevinger und das Zusammentreffen von Medlevinger-Kindern mit einem Menschenjungen. Die Medlevinger sind ein Volk von kleinen menschenähnlichen Wesen, die nach einem Zwischenfall mit den Menschen unter die Erde gezogen sind.
Die Geschichte der Medlevinger und Menschen wird aus zwei Perspektiven in der dritten Person von einem allwissenden Erzähler geschildert. Die unterschiedlichen Perspektiven werden auch durch unterschiedliche Schriftarten verdeutlicht. Die erste Perspektive, mit der die Erzählung auch beginnt, ist die des Menschenkindes Johannes, der mit seiner Mutter Britta in einer Wohnung nahe des Hamburger Hafens wohnt. Die zweite Perspektive zeigt die Bewohner im Land der Medlevinger, insbesondere die Medlevingerkinder Moa (ein elfjähriges Mädchen) und Nis (einen dreizehnjährigen Junge).
Johannes ist ein dreizehnjähriger Junge, nicht besonders gut in der Schule, vor allem nicht in Englisch. So ist er seinem Englischlehrer ein Dorn im Auge. Seine beste Freundin Line, die er schon seit seiner Geburt kennt, unterstützt ihn bei den Hausaufgaben und ist seine Ansprechpartnerin bei sonstigen Problemen in der Schule oder zu Hause. Seine Mutter möchte Johannis ungern mit Problemen belasten, da diese mit dem Nachholen eines Schulabschlusses und dem Kellern in einer Bar bereits sehr gestresst ist. Seine Freundin Line wohnt zusammen mit dem guten Freund von Britta, Thomas, auf einem Boot unten am Hafen. Als Johannes eines Abends sein Kaninchen in den im Hof befindlichen Stall sperren möchte, hört er aus diesem plötzlich menschliche Stimmen…
Nis wohnt mit seinem Vater Vedur und seiner Mutter Munna in dem Dorf der Medlevinger. Vedur war einmal Lehrer in dem Dorf bis er zum glücklosen Erfinder allerlei merkwürdiger Maschinen geworden ist, die allesamt, zur Scham von Nis, nicht funktionieren. Nis Freundin Moa soll einmal eine L-Fee werden. L-Feen sind zarte Gestalten, die Schweben können. Moa ist allerdings nicht sehr angetan von der Vorstellung, dass ihr Weg bereits so vorbestimmt sein soll. Zur L-Fee wird Moa allerdings erst an ihrem großen Tag. Am großen Tag bekommen die Medlevinger ihr Wort (früher diente das Wort zur Aktivierung von übernatürlichen Kräften) und ihre Fibel, eine Gürtelschnalle. Als Nis’ Vater Vedur an seinem großen Tag nicht erscheint, um ihm sein Wort zu geben, macht sich Nis zusammen mit Moa auf den Weg Vedur zu suchen. In der Werkstatt des Vaters gelangen sie durch einen Tunnel in die Welt der Menschen. Von Menschen hat er bisher nur aus Märchen und Sagen gehört…
3
Moa und Nis versuchen mit Johannes Hilfe hinter das Rätsel um die verschwundenen Medlevinger zu gelangen.
Die Schilderungen von Kirsten Boie lassen den Kinder- und Jugendroman zwischen Kinderkrimi und phantastischer Literatur pendeln. Die Suche der Kinder nach den verschwundenen Vätern lässt sie aufregende und spannende Abenteuer durchleben
Kurz zur Autorin:
Kirsten Boie wurde 1950 in Hamburg geboren. Sie studierte Deutsch und Englisch, promovierte in Literaturwissenschaft und war von 1978 bis 1983 Lehrerin an einem Gymnasium und an einer Gesamtschule, bevor sie für Kinder und Jugendliche zu schreiben begann.
Inzwischen sind zahlreiche Bücher von ihr erschienen, die mit den verschiedensten Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. Heute wird Kirsten Boie zu den renommiertesten deutschen Autorinnen des modernen Kinder- und Jugendromans gezählt.
2 Phantastische Kinder- und Jugendliteratur im Fokus unserer Zeit
Um verstehen zu können, warum Harry Potter und co. eine so große Anziehungskraft auf unsere Kinder auswirken, lohnt es sich einmal der Unterschiede dieser Art von Literatur zu anderer Literatur bewusst zu werden. Was genau ist phantastische Literatur, was zeichnet sie aus und warum lesen gerade Kinder gerne diese Art von Geschichtenerzählung?
2.1 Eine theoretische Überlegung: phantastische Literatur, Fantasy oder nur
phantastisches Element?
Zur Einordnung des von mir behandelten Romans, möchte ich im Folgenden eine Begriffsklärung anführen. Die Unterscheidung der Gattungen Fantasy und phantastische Literatur erscheint mir als wichtig für die weiteren Ausführungen, sowie eine Abgrenzung dieser Gattungen von Erzählungen mit phantastischen Elementen. Prof. Dr. Bernhard Rank (Pädagogische Hochschule Heidelberg) spricht von Phantastik immer dann, wenn die „Grundstruktur dominant durch ‚Phantastisches’ geprägt ist“ 2 , das heißt im Gesamtkonstrukt einer real-fiktiven Welt finden sich phantastische Elemente, die die
2 Rank, Bernhard: Phantastik in der (Kinder- und Jugend-)Literatur. Unter: http://www.phheidelberg.de/wp/rank/fantastik/materialien/thesen.htm
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Handlung bzw. die Geschichte der Hauptpersonen deutlich mitbestimmen bzw. durch sie gelenkt sind. Unter Erzählungen mit phantastischen Elementen fasst Professor Rank dagegen Geschichten, in denen zwar Wesen vorkommen, die unserer Ansicht von der Weltordnung widersprechen (wie z.B. Geister, Zwerge, etc.), diese haben jedoch keinen direkten bzw. entscheidenden Einfluss auf den Handlungsstrang. Im Gegensatz dazu fasst man im Allgemeinen unter die Gattung Fantasy eher Erzählungen und Romane, die zum Inhalt ausschließlich eine uns fremde Welt, mit uns fremden Wesen haben. Diese Wesen und diese Welt können unserer Welt ähnliche Strukturen vorweisen, sie ist aber deutlich unterscheidbar von einer real-fiktiven Welt (z.B. Welten, auf denen ausschließlich Elfen leben, diese leben aber beispielsweise auch in Häusern)“ 3 . Es lässt sich jedoch sagen, dass auch eine solche Zuordnung in Gattungen bzw. Kategorien häufig nicht eindeutig vorzunehmen ist. In der Literatur des Phantastischen/ des Fiktiven ist nahezu alles möglich und erwünscht. Gerade das macht den Reiz aus. Das Ungewisse, zum Teil Schaurige, was diesen Texten anheim ist, ist das, was den Leser fesselt. Dadurch entstehen natürlich Mischformen, der von mir vorgeschlagenen Kategorien. Auch Professor Rank nimmt eine etwas andere Kategorisierung vor, als ich sie hier vorstelle. Und auch bei Gansel sind die Zuordnungen oft nicht einfach. Das Buch „Die Medlevinger“ lässt in Anlehnung an die Ausführungen von Professor Rank zu die Gattung der Phantastik und hier zu der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur zählen (siehe Punkt 1). Die Rahmenhandlung wird deutlich durch das Erscheinen der Medlevingerkinder in Johannes’ Welt geprägt. Zudem ist die Geschichte auf den Ereignissen um die Medlevinger und die Menschen aufgebaut.
Ein entscheidendes literarisches Element bei den Medlevingern sowie bei vergleichbarer phantastischer Literatur stellt der so genannte „Ordnungskonflikt“ 4 dar. Der Ordnungskonflikt meint das Aufeinandertreffen phantastischer Elemente und real-fiktiver Strukturen und das daraus entstehende „Durcheinander“ für die Protagonisten. Genau diese Aufeinandertreffen zweier Welten macht phantastische Literatur für den Leser interessant, weil es spannend sein kann, der Frage nachzugehen, wie die Protagonisten die aus der neuen Situation entstehenden Konflikte lösen. 5
3 vgl. ebd.
4 Penning, Dieter: Die Ordnung der Unordnung. In: Thomsen, C. &Fischer, J.: Phantastik in Literatur und Kunst. Darmstadt 1980, S.35
5 Buddecke, Wolfram: Phantastik in Kunstmärchen und Jugendliteratur am Beispiel motivverwandter Texte. In: Lange, Günther & Steffens, Wilhelm (Hrsg.): Literarische und didaktische Aspekte der phantastischen Kinder-und Jugendliteratur, Würzburg 1993, S. 51
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Arbeit zitieren:
Jasmin Crone, 2005, Die Medlevinger - Phantastische Kinder- und Jugendliteratur im Unterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Kinderbuchreihe King-Kong von Kirsten Boie
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