Seminar: Novellen um 1800
Semester: SS 2003
Universität: FSU Jena
Georg Büchner: Lenz
von
Philipp Gaier
Inhaltsverzeichnis:
1. Vorwort S.1
2. Stationen des Leidens S.1-14
2.1. Der Wanderer S.1-4
2.2. Lenz und Oberlin S.4-5
2.3. Die Predigt S.5-7
2.4. Das Kunstgespräch S.7-9
2.5. Das kranke Mädchen S.9-10
2.6. Die gescheiterte Wiederauferweckung S.10-12
2.7. Der „Riss“ S.12-14
3. Die Sprache/Erzählsituation S.14-17
3.1. Syntax S.14-15
3.2. Wortfelder S.15-16
3.3. Erzählperspektive S.16-17
4. Nachwort S.17-18
5. Bibliographie S.19-20
5.1. Primärliteratur S.19
5.2. Sekundärliteratur S.19-20
1. Vorwort:
Büchners Werk Lenz, welches in dem Zeitraum „Sommer 1835 und Frühjahr 1836“1 in Straßburg entstand und die einzige Erzählung im Repertoire des Autors darstellt2, basiert zum größten Teil auf den Aufschrieben des Pfarrers Friedrich Oberlin, in dessen elsässisches Heimatdorf der Sturm und Drang – Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz im Jahre 1778 gelangte und wo es zum Ausbruch seiner geistigen Krankheit kam.3 „Der Pfarrer Oberlin [...] hat die Schreie, Ausrufe, Erschütterungen, Selbstmordversuche eines vom Wahnsinn Bedrohten aufgezeichnet“4. Büchners Werk wird auch als „erste klinisch exakte Fallbeschreibung der Schizophrenie“5 betrachtet. Diese Arbeit soll die Leidensgeschichte Lenzens, seine innere Zerrissenheit aufzeigen, wobei auch untersucht werden soll, inwieweit sich dies in der sprachlichen Gestaltung von Büchners Erzählung niederschlägt.
2. Stationen des Leidensweges:
2.1. Der Wanderer:
„Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“6 (S.225) Das Bedürfnis Lenz`, auf dem Kopf gehen zu wollen und damit die Umwelt aus einer verkehrten Perspektive zu betrachten, zeigt dem Leser, schon von Anfang an, eine Orientierungslosigkeit beim Protagonisten Lenz. Über das „Motiv des Kopfgangs“7 ist bereits vielfach diskutiert worden. Die Interpretationen reichen von Lenzens Verlangen, „die in seinen Augen mißratene Welt nach den eigenen Ideen umzugestalten“8 bis zu der Theorie, dass ein Kopfstand durch die „verminderte Augenhöhe und der damit notwendigen Bodenperspektive“9 die Umwelt gewaltig schrumpfen ließe, was durch den Glauben des Wanderers, „er müsse Alles mit ein Paar Schritten ausmessen können“(S.225), unterstrichen wird. Auch ein realistisches zeitliches Vorstellungsvermögen scheint nicht vorhanden, ist es Lenz doch nicht nachvollziehbar, „dass er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunter zu klimmen, einen fernen Punkt zu erreichen“(S.225). Auch die Naturbeschreibungen zu Beginn der Erzählung vermitteln ein verzerrtes, unrealistisches Bild, welches Lenz bei seinem Marsch in das Dorf Waldbach wahrnimmt. So erscheint die Natur zunächst wie eine trostlose, lebensfeindliche Landschaft:
„Es war naßkalt,[...]. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber Alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.“(S.225)
Wenig später im Text lässt sich das Gegenteil aufzeigen – prachtvolle Naturschilderungen lassen ein romantisches Panorama erahnen, das sich vor Lenz erstreckt. Die Wolken werden als „wiehernde Rosse“(S.225), die Sonnenstrahlen wie ein „blitzendes Schwert“(S.225) beschrieben, der Wind erklingt „wie ein Wiegenlied und Glockengeläute“(S.225). Angetan von diesem Schauspiel natürlicher Kräfte, fühlt sich Lenz zur Natur hingezogen. War er anfangs eher unbefriedigt von der unwirtlichen winterlichen Umgebung, „es drängte in ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlornen Träumen, aber er fand nichts“(S.225), so möchte sich Lenz nun den Sturm einverleiben und eins mit der Natur werden: „[E]r meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, Alles in sich fassen“(S.226). Gepackt von Begierde, versucht Lenz „einen Zugang zur Landschaft und Umwelt zu gewinnen“10 und „wühlte sich in das All hinein“(S.226).
Die Charakterisierung der Umwelt erfährt an dieser Stelle einen deutlichen Wandel. Die Natur erscheint anfangs bedrohlich und aufdringlich. „Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß“(S.225) und dem Leser wird beinahe schon der Eindruck vermittelt, dass sich selbige dem Protagonisten in den Weg stellen möchte: „[D]as Wasser [...] sprang über den Weg.“(S.225) Nun jedoch wenden sich die natürlichen Elemente von Lenz ab: „[D]ie Erde wich unter ihm, sie wurde klein“(S.226). Auch Lenz` Reaktionen auf das ihm Dargebotene erfahren an dieser Stelle einen Umbruch. Zu Beginn des Textes zeigt sich Lenz uninteressiert und nur wenig motiviert am Schauspiel der Natur teilhaben zu wollen – „Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nicht´s am Weg“(S.225) – was sich dann, wie schon beschrieben, schlagartig ändert.
[....]
1 Hasselbach, Karlheinz: Georg Büchner. Stuttgart 1997. (Literaturwissen für Schule und Studium) S.66.
2 Ebda., S.66.
3 Ebda., S.66ff.
4 Mayer, Hans: Georg Büchner und seine Zeit. Frankfurt a. M. 1972. (suhrkamp Taschenbuch 58) S.272.
5 Hasselbach: Georg Büchner. (Literaturwissen) S.69.
6 Dieses, wie auch die folgenden Zitate der Primärliteratur sind entnommen aus:. Büchner, Georg: Lenz. In: Georg Büchner sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Bd.1: Georg Büchner Dichtungen. Hrsg. von Henri Poschmann. Frankfurt a. M. 1992. (Bibliothek deutscher Klassiker 84) S.225-250.
7 Pilger, Andreas: Die „idealistische Periode“ in ihren Konsequenzen. Georg Büchners kritische Darstellung des Idealismus in der Erzählung Lenz. In: Georg Büchner Jahrbuch 8 (1990-94) S. 104-125. Hier: S.111.
8 Ebda., S.111.
9 Erb, Andreas: Georg Büchner. Lenz eine Erzählung. München 1997. (Oldenbourg Interpretationen 87) S.55.
10 Fischer, Heinz: Georg Büchner. Untersuchungen und Marginalien. Bonn 1972. (Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik 14) S.37.
Arbeit zitieren:
Philipp Gaier, 2003, Zu: Georg Büchners "Lenz". , München, GRIN Verlag GmbH
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