Einstieg
Eine literarische Einordnung der Dichtung Georg Trakls ist nicht leicht. Wahrscheinlich `der Einfachheit halber´ wurde Trakl den Expressionisten zugeordnet, was aber nur für die Zeitspanne zutreffen kann, in der Trakl seine Gedichte schrieb. Die Lyrik Georg Trakls unterscheidet sich von denen der Expressionisten. Nur wenige Zeitgenossen haben das "Neue und Unwiederholbare" von Trakls Lyrik erkannt, "ihre völlig geschlossene, in sich beruhende Welt". 1 Trakls bedeutendste Dichtungen sind zwischen 1910 und 1914 entstanden, zu seinen Lebzeiten publiziert in einem Band Gedichte, der 1913 bei Kurt Wolff in der Reihe Der jüngste Tag erschien, sowie in dem Zyklus Sebastian im Traum, der ebenfalls bei Kurt Wolff herausgegeben wurde, kurz nach Trakls Tod.
Die Deutung der Gedichte ist oft schwierig. Trakls Dichtung ist rätselhaft, in jeder Strophe der einzelnen Gedichte ruft Trakl verschiedene Bilder auf, die am Ende zu einem Ganzen verschmelzen, das oft rätselhaft bleibt. Dass es nicht um die Auflösung von Rätseln gehen kann, wenn man sich der Lyrik nähert, beschreibt der Literaturwissenschaftler Peter Schünemann mit den folgenden Worten, die gerade für die Lyrik Trakls passend erscheinen: "Nach einem Sinn, der über die Geschichte dieser Bilder hinausginge, zu fragen, hieße, ihren rätselhaften Charakter einfach verwerfen. Das wäre überdies ein Widerspruch in sich selbst: die Rätsel bei Trakl sind die aller Kunst. Deutung kann nur nach anderen Bildern fragen, die die Rätsel ins Licht bringen, nicht lösen wollen." 2 Trakl entwirft in seinen Gedichten keine traditionelle Verklärung der Wirklichkeit. Wenn ein Gedicht die Idylle beschreibt, so ist es eine abgestorbene, wenn ein Gedicht "Heiterer Frühling" heißt, so beschreibt er ein Gegenbild, in dem Verfall und Krankheit überwiegen. Man könnte sagen, Trakl "hat eben ein Gemüt für all diese Untergehenden, Verfallenden, Irre werdenden, dem Irrsinn und allem anderen durch scheußliche Krankheiten Verfallenden(...)". 3 Die Gedichte Georg Trakls sind sicherlich zum großen Teil aus seinem Leben hervorgegangen. Was er aber aus ihnen gemacht hat, ist keine persönliche
1 Leitgeb, J., zitiert nach P. Schünemann: Das lyrische Werk von Georg Trakl, in: Kindlers Neues Literaturlexikon, Band 16, S.748 2 Schünemann, Peter: Georg Trakl, München 1988, S.92 3 Karl Röck in: Tagebuch 1891-1946. 3 Bände. Hrsg. u. erläutert von Christine Kofler. Salzburg 1976. (= Brenner- Studien, Sonderbände 2-4). In: Weichselbaum, S.118
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Erlebnislyrik, und auch kein Spiegel der damaligen Zeit, sondern Lyrik, die über den jeweiligen Anlaß der Entstehung weit hinausreicht. Georg Trakl hat stets auch an seinen fertigen Gedichten gearbeitet, von vielen Gedichten gibt es mehrere Fassungen. 1 Man kann sagen, dass diese Gedichte mit ihrem Dichter sehr viel zu tun haben, was deutlich wird, wenn man seinen Lebenslauf kennt. Beim Lesen der Gedichte könnte man meinen, Trakl sei ein Dichter `ohne Weg´ gewesen, einsam, ohne einen rechten Sinn in seinem Leben zu sehen. Ob das so ist, soll am Ende der Arbeit abschließend erneut aufgegriffen werden.
Die Arbeit will zeigen, dass der Dichter Georg Trakl kein Expressionist im Sinne der Literaturwissenschaft war, sondern seinen ganz persönlichen Stil hatte, und was an seinen Gedichten so Besonderes ist. Dafür wurden vier Gedichte ausgesucht. Diese Gedichte sind zwischen 1912 und 1914 entstanden, drei der ausgewählten Gedichte bewegen sich zwischen den Farben Schwarz, Blau, Weiß, Grün, Braun, Rot, Silber und Gold, und werden eingebettet in Beschreibungen der Natur. Allen drei Gedichten haftet etwas Dunkles an, es werden Bilder des Untergangs gemalt, religiöse Themen scheinen durch. Ein Gedicht hebt sich von den dreien in der Aussage ab (Gesang einer gefangenen Amsel), ähnelt ihnen aber in Bezug auf den Gebrauch der Sprache. Die Gedichte, die besprochen werden, gehören zum Spätwerk. Die Gedichte Geburt, Siebengesang des Todes und Gesang einer gefangenen Amsel sind 1915 in der Sammlung Sebastian im Traum erschienen, Stunde des Grams stammt aus dem Nachlass. Die Arbeit will anhand der Gedichte zeigen, wie und wodurch es Trakl gelingt, seine unverkennbaren Stimmungsbilder zu schaffen. Dabei werden drei Gedichte besonders intensiv untersucht, Stunde des Grams, Geburt und Siebengesang des Todes.
Den Anfang der Arbeit bildet eine kurze Erläuterung darüber, was die expressionistischen Dichter ausmacht, und inwiefern sich Georg Trakl von ihnen unterscheidet. Es folgt ein etwas umfangreicherer Lebenslauf des Dichters. Anschließend werden die Gedichte analysiert, an denen Trakls besonderer Stil erkennbar wird. Den Schluß bildet eine Zusammenfassung der zusammengetragenen Erkenntnisse und die Auflösung der im Titel der Arbeit aufgestellten Frage, ob Georg Trakl ein Mensch `ohne Weg´ war.
1 Siehe dazu: Georg Trakl: Das dichterische Werk, Auf Grund der historisch- kritischen Ausgabe von Walther Killy und Hans Szklenar, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1985 (1972)
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1 Literarische Einordnung
Georg Trakl wird zu den Expressionisten gezählt. Der Expressionismus ist ein "Sammelbegriff für vielfältige Strömungen einer neuen Ausdruckskunst (etwa 1910-20), die in radikalem Gegensatz stand zu vorangehenden Stilrichtungen wie Naturalismus, Impressionismus, Jugendstil, Neuromantik, Symbolismus.(...) Gemeinsam ist den meisten Vertretern des E. ein neues Lebensgefühl: der Protest gegen das "in alten Autoritätsstrukturen erstarrte Wilhelminische Bürgertum und gegen eine zunehmende Mechanisierung des Lebens". 1 Die Expressionisten rebellierten gegen die Welt der Väter und alle Repräsentanten des patriarchalischen Systems, fühlten sich politisch verantwortlich und traten Industrialisierung, Technisierung, Verwissenschaftlichung, Bürokratisierung und der Expansion der Massenkommunikation kritisch entgegen. 2 All dies trifft auf Trakl nicht zu. Trakls Themen sind Leid und Verfall, ein Aufbegehren und Revolutionieren gegen bestehende Verhältnisse sucht man in seinen Texten vergebens. In der Anthologie Menschheitsdämmerung, die Kurt Pinthus herausgegeben hat, ist Trakl gut aufgehoben. Den Leser erwartet in dieser Sammlung "weder ein Gesamtbild der lyrischen Dichter unserer Zeit, noch eine nach (lügnerischen) absoluten Maßstäben der Qualitätsbeurteilung zusammengestellte Auswahl der besten zeitgenössischen Gedichte. Sondern charakteristische Gedichte jener Jugend, die recht eigentlich als die junge Generation des letzten Jahrzehnts zu gelten hat, weil sie am schmerzlichsten an dieser Zeit litt, am wildesten klagte und mit leidenschaftlicher Inbrunst nach dem edleren, menschlicheren Menschen schrie." 3 Kurt Pinthus spricht von der Dichtung, die man die `jüngste´ oder `expressionistische´ nennt, und nicht von `den Expressionisten´. In der Beschreibung der Dichter, die der Herausgeber gibt, findet man Trakl leicht wieder: "Aus irdischer Qual griffen ihre Hände in den Himmel, dessen Blau sie nicht erreichten; sie warfen sich, sehnsuchtsvoll die Arme ausbreitend, auf die Erde, die unter ihnen auseinanderbarst; sie riefen zur Gemeinschaft auf und fanden noch nicht zueinander; sie posaunten in die Tuben der Liebe, so dass diese Klänge den Himmel erbeben ließen, nicht aber durch
1 Vgl.: Expressionismus, in: Der Literatur - Brockhaus: in acht Bänden, hrsg. von Werner Habicht, Wolf- Dieter Lange und der Brockhaus- Redaktion, Mannheim 1995, Band 3, S.129/130 2 Vgl.: Thomas Anz: Die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts: Die expressionistische Generation, in: Kindlers Neues Literaturlexikon, München 1988, Band 20, S.163/164 3 Menschheitsdämmerung, Symphonie jüngster Dichtung, hrsg. von Kurt Pinthus, Ernst Rowohlt- Verlag, Berlin, 15.-20.Tausend, S.6 bis 7
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das Getöse der Schlachten, Fabriken und Reden zu den Herzen der Menschen drangen." 1 Man hat Trakl wohl deswegen zu den Expressionisten gezählt, weil man "die poetische Produktion der Epoche zwischen 1910 und 1920 als überpersönliche Antwort auf die Wende eines Zeitalters" sah. 2
2 Lebenslauf
Georg Trakl wird 1887 in Salzburg geboren. Er ist das dritte Kind von Tobias und Maria Trakl, die insgesamt fünf Kinder haben. Seine jüngere Schwester Margarethe bedeutet ihm Zeit seines Lebens viel. 3 Nach Aussagen des Bruders Fritz las sie "all seine Bücher mit, und sie steckten viel zusammen". Zwischen ihnen herrschte ein grundlegendes Einverständnis und Vertrauen, begleitet von einer "Tendenz, zur Überhöhung des Anderen". 4 Die Kinder verlebten von außen betrachtet eine unbeschwerte Kindheit, allerdings war der Vater aus Berufsgründen wenig zu Hause, die Mutter galt als nicht besonders herzlicher Mensch. Die Geschwister wurden seit Georgs drittem Lebensjahr von einer Gouvernante erzogen, die ein strenges aber herzliches Regiment führte. Die Kinder lernten die französische Sprache und das Klavierspielen und konnten ihre künstlerischen Neigungen vertiefen. Auch die katholische Religion spielte, durch die Erziehung der Gouvernante, eine große Rolle.
Georg Trakl unterscheidet sich von den anderen Kindern, nach Aussagen seines langjährigen Freundes Erhard Buschbeck, durch "ein Sichfernhalten von den anderen, ein scheues Absonderungsbedürfnis". 5 Er gilt als ein Kind, das alle Bewegung haßt und von einer Sehnsucht nach Stille und Ruhe beherrscht wird. In jungen Jahren schon muß er die Hänseleien seiner Mitschüler über sich ergehen lassen, er ist "dick und feist"(...) Darob hatte er vieles zu erdulden." 6 Seine Mitschüler im Gymnasium bezeichnen Georg Trakl als Außenseiter, den sie allerdings respektieren: "(...) aber er hatte etwas Besonderes an sich - er war
1 ebd., S.15
2 Schünemann, P.: Das lyrische Werk von Georg Trakl, in: Kindlers Neues Literaturlexikon, Band 16, S.748 3 Ein Schulfreund berichtet, dass Grete schon während der Gymnasialzeit für ihn "das schönste Mädchen, die größte Künstlerin, das seltenste Weib" war, über sie habe er "aus innerer Notwendigkeit hymnisch gesprochen". Zitiert nach Weichselbaum, S.57 4 Zitiert nach Weichselbaum, S. 57- 59 5 Erhard Buschbeck, zitiert nach: Weichselbaum, S.34 6 ebd., S.38
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anders als wir. Auch ging er meist vorgeneigt, wie gebeugt, und sein Blick war nachdenklich und grüblerisch, manchmal auch forschend oder verloren. In der Schulbank saß er gewöhnlich unbeweglich wie eine Statue, brütend, die Nase mit geblähten Nüstern auf die Hand gestützt. (...) Niemand in der Schule hat ihn je ernst gesehen - immer lag ein stiller, obstinater Spott in seinen Minen." 1 Schon mit 17 Jahren schreibt Trakl Theaterstücke, wendet sich aber, da diese nur mäßig ankommen, schon bald ausschließlich der Lyrik zu. In jungen Jahren liegen seine Schwerpunkte bei Askese und Sinnlichkeit, Eifersucht und dem Willen zur Unterwerfung, bei Wahnsinn und Todesgedanken. Auch religiöse Themen finden immer wieder Erwähnung.
Nach der siebten Klasse geht Trakl vom Gymnasium und entscheidet sich, hauptsächlich aus finanziellen Gründen, für eine Laufbahn als Apotheker. Trakl betäubt sich schon früh mit Chloroform und anderen Drogen. 2 Immer wieder betonen Freunde und Bekannte den Drogengebrauch Trakls, und auch er selbst verheimlicht dies nicht: Trakl berichtet einem Schulfreund, er habe "leider wieder zum Chloroform" seine Zuflucht genommen, und, dass die Wirkung "furchtbar" gewesen sei: "Ich widerstehe der Versuchung, mich durch solche Mittel zu beruhigen, denn ich sehe die Katastrophe zu nahe". 3 Er widersteht der Versuchung leider nur kurzfristig. Hinzu kommt, dass Trakl sich zu einem starken Trinker entwickelt. 4 Dass es Trakls Anliegen ist, durch Drogen das Bewußtsein zu dämpfen, kann angenommen werden. Dass der Alkohol im Zusammensein mit anderen seine Zunge lockert und seine Unsicherheit dämpft, ist für Trakl sicher eine angenehme `Nebenwirkung´.
Trakl ist ein Einzelgänger, gewissermaßen ein Exot, auch wenn es um ihn herum immer Freunde gibt, die sich seiner annehmen. Trakls Schulfreund Buschbeck kümmert sich schon früh um die Veröffentlichung seiner Gedichte und sucht nach Publikationsmöglichkeiten. Ludwig von Ficker, sein späterer Freund und Publizist, publiziert und beherbergt ihn immer wieder, wenn Geldnöte Trakl in Schwierigkeiten bringen. Es gibt eine Handvoll Menschen, die sich um Trakl kümmern. Trakl ist fast immer angewiesen auf finanzielle Hilfe und auch auf eine Art `Lebenshilfe´. Freunde und Bekannte organisieren für ihn Wohnungen,
1 Franz Grimm, zitiert nach: Weichselbaum, S.41
2 "Ich erinnere mich, daß er als Junge seine Zigaretten mit Opiumlösung bestrich." Fritz Trakl in: Bondy, Barbara: "Ein Kind, wie wir anderen auch...", zitiert nach: Weichselbaum, S.45 3 Zitiert nach: Weichselbaum, S. 45 4 Trakl war "ein starker Trinker und Drogenesser", äußert sich Ludwig von Ficker. In: L.v.Ficker: Denkzettel und Danksagungen. Aufsätze und Reden. Hrsg.v. Franz Seyr, München 1967, S.31, zitiert nach: Weichselbaum, S.45
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Arbeit zitieren:
Claudia König, 2002, Georg Trakl - Ohne Weg?, München, GRIN Verlag GmbH
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