Inhaltsverzeichnis
Einleitung
S. 1
1. Identitätsproblem Ruth Klügers
S. 2
1.1 Ihre österreichische Identität S. 3
1.2 Ihre jüdische Identität S. 4
1.3 Ihre deutsche Identität S. 5
1.4 Ihre amerikanische Identität S. 6
2. Der Umgang mit der jüdischen Katastrophe
S. 6
2.1 Das Problem des Umganges mit der NS- Vergangenheit/
Auschwitz S. 7
2.2 Revisionismus des jüdischen Schicksals S. 9
2.3 Die Beispiele Christoph und Gisela S. 10
2.4 „Postkartenmotiv“ S. 11
2.5 Die Verkitschung der jüdischen Katastrophe S. 12
3. Ihr Anliegen mit dem Buch
S. 14
4. Meine Meinung zu dem Buch/ Schlusswort
S. 16
5. Quellenverzeichnis
S. 19
1
Einleitung
„Ein Buch, das still ist und zugleich alarmierend wirkt.“ 1 So denkt Marcel Reich- Ranicki über das Buch von Ruth Klüger „weiter leben. Eine Jugend“. Ich habe dieses Zitat von ihm als Thema dieser Arbeit gewählt, weil es absolut zutrifft. Es sagt alles Nötige über dieses Buch aus und ich stimme der Meinung Marcel Reich- Ranickis völlig zu. Es ist kein gewöhnliches Buch über die Judenverfolgung oder den Holocaust. Nein, es stellt viele Bücher, die von derselben Problematik handeln, in den Schatten. Mit ihrem Buch hat Ruth Klüger „ neue Worte, einen neuen Ton, eine neue Aufrichtigkeit [in den] Auschwitz-Diskurs“ 2 gebracht. Es handelt nicht nur von ihrer individuellen Lebensgeschichte, sondern ist von so einer Vielseitigkeit geprägt, die einfach beeindruckend ist. In die Beschreibung ihres Werdeganges fließen Reflexionen, kritische Bemerkungen und Hinterfragungen zu dem Thema Auschwitz, Judenverfolgung und Vergangenheitsbewältigung ein. Die Autorin selbst steht sich selbstkritisch gegenüber, übt andererseits aber auch Kritik an zeitgenössischen Diskursen.
Ich glaube, Reich- Ranicki hat das Wort „alarmierend“ gewählt, weil er derselben Meinung ist wie Ruth Klüger. Das Buch rüttelt den Leser sprichwörtlich wach. Es soll ihm die Augen öffnen und die Relevanz aufzeigen, dass Vergangenheit oder deutsche Geschichte nicht verdrängt oder gar vergessen werden darf. Diese Tatsache sollte sich der Leser immer wieder ins Gedächtnis rufen und verinnerlichen, und die Erinnerungen an die Geschichte zum Teil seines Lebens machen. Ruth Klüger weist ihre Leser immer wieder auf die Probleme und Fehler hin, die der Auschwitz- Diskurs nach sich zieht. So berichtet sie beispielsweise von Menschen, die das Vergangene nicht ernst genug nehmen oder das jüdische Schicksal mit anderen Verbrechen vergleichen. Solche Vergleiche sind aber unakzeptabel, denn Auschwitz ist einmalig. Ich denke, sie will die Leser warnen: Die aufgezeigten Fehler der Menschen sind vielleicht die eigenen. Jeder sollte seine Haltung zum Thema überdenken und hinterfragen. Alles, was sie wünscht, ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema und der nationalsozialistischen Geschichte, welche einfach nicht vergessen werden darf. Mit „alarmierend“ ist also gemeint: Reflektiert eure Haltung und Handlungen! Steht dem Thema nicht gleichgültig gegenüber!
Das Wort „still“ bezieht sich meines Erachtens auf die Problematik Holocaust und Vergangenheitsbewältigung. Diesem Thema wurde bzw. wird einfach zu wenig Beachtung geschenkt. Es ist noch nicht genug über Auschwitz gesagt wurden und man kann auch nie
1 Feuchert, Sascha: Erläuterungen und Dokumente. S.149
2 Heidelberger- Leonard, Irene: weiter leben. Eine Jugend. S.80
2
genug darüber sagen, denn die Vergangenheit vergeht nicht. Auschwitz muss allgegenwärtig sein und in den Alltag, in das eigene Handeln einbezogen werden. Eine zweite, plausible Interpretation des Wortes „still“, so finde ich, könnte folgende sein: Das Buch ist „still“, weil die Autorin Ruth Klüger die Grausamkeiten und die Untaten während ihrer Lageraufenthalte nur sehr wenig beschreibt. Doch das tut sie bewusst nicht, denn darauf kommt es ihr nicht an. Sie möchte nicht in die Opferrolle „gesteckt werden“ und Mitleid erregen. Ihr Anliegen ist die Auseinandersetzung, das Nachdenken über die Problematik Auschwitz. Deshalb befasse ich mich nachfolgend intensiv mit der Frage, wie Ruth Klüger mit der jüdischen Katastrophe und der Vergangenheitsbewältigung umgeht. Zuvor jedoch möchte ich kurz auf das Identitätsproblem Klügers eingehen und ihre verschiedenen Identitäten erörtern. Anschließend komme ich zu den Problemen des Umgangs mit der nationalsozialistischen Geschichte. Hier werden Klügers zahlreiche Kritiken und ihre Vorstellungen der Vergangenheitsbewältigung einfließen. Probleme, wie der Revisionismus der jüdischen Katastrophe und das beispiellose Handeln der Menschen, am Beispiel von Christoph und Gisela werden dabei nicht außer Acht gelassen. Außerdem wird der Bruch zwischen der jüdischen und der deutschen Welt, am Beispiel des „Postkartenmotivs“ beleuchtet. Des weiteren wird dem Problem der Verkitschung der jüdischen Katastrophe besondere Beachtung geschenkt. Anschließend folgt der Punkt 3, in dem ich erörtere, was Ruth Klüger mit ihrem Werk „weiter leben“ bezwecken und erreichen möchte. Das Schlusswort stellt meine Meinung zum Buch dar. Auf die Frage, ob es sich bei dem Buch um eine Autobiografie handelt, bin ich nicht eingegangen, denn es ist ohne Zweifel eine Autobiografie.
1. Identitätsproblem Ruth Klügers
„An Identitäten fehlt es [Ruth Klüger] nicht.“ 3 Die Autorin des Werkes „weiter leben“ hat ein Identitätsproblem, denn sie fühlt sich keiner genauen Identität zugehörig. Sie selbst bezeichnet sich als einen Menschen, der „nirgendwo lange tätig ist und oft auszieht, aus Städten und Wohnungen“. 4 Dies könnte, meiner Meinung nach, aus der Zeit der Judenverfolgung resultieren, die sie selbst, als Jüdin, miterleben musste. Schon als Kind musste sie ihren Geburtsort Wien aufgrund der Deportation der Juden verlassen. Später war ihr Leben durch weitere „Judentransporte“ und durch Flucht gekennzeichnet. Schon damals konnte bzw. durfte sie nie lange an einem Ort verweilen. Ich würde sie deshalb auch als heimatlos bezeichnen, doch keineswegs als identitätslos. Sie hat vier wesentliche Identitäten,
3 Feuchert, Sascha: Erläuterungen und Dokumente. S.156
4 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.9
3
auf die ich nachfolgend eingehen möchte: die österreichische, die jüdische, die deutsche und die amerikanische.
1.1 Ihre österreichische Identität
Vor Beginn der systematischen Judenverfolgung in Österreich fühlte sich Ruth Klüger dort sehr wohl. Sie war sehr stark an Wien, ihren Geburtsort, gebunden und stolz auf ihr Vaterland. Sie verfasste als Kind sogar „vaterländische Verse“. 5 Dort hat sie auch sprechen und lesen gelernt, was sehr prägend für das weitere Leben ist. Ruth Klüger fügt aber die makabere Aussage hinzu: „An judenfeindlichen Schildern hab ich die ersten Lesekenntnisse ... geübt.“ 6 Später betont die Autorin auch immer wieder ihre Wiener Herkunft, welche ausschlaggebend für sie ist. Wien ist ihr Ursprungsort, nicht Auschwitz. „... ich komm nicht von Auschwitz her, ich stamm aus Wien. Wien läßt sich nicht abstreifen, ... Wien ist ein Teil meiner Hirnstruktur und spricht aus mir.“ 7 Sie hat auch nie die Hoffnung aufgegeben. „Wenn die Deutschen erst weg sind ... dann ist das alles auch wieder meine Vergangenheit, ..., und die Stadt ein Ort, wo auch ich hingehöre.“ 8 Doch während der Judenverfolgung entwickelte sich ihr Wien immer mehr zum „Gefängnis“ 9 , denn „schon mit sieben [durfte
sie] auf keiner Parkbank sitzen“. 10 Die Kinder konnten nur noch auf einem Friedhof spielen. Die Stadt nahm Ruth Klüger die Kindheit: Es wurden Kinoverbote verhängt, der Zugang zu Schwimmbädern war den Juden untersagt. Des weiteren veränderte sich das Schulleben der Juden gravierend und der Judenstern wurde eingeführt. Hinzu kam die Trennung der Juden von der übrigen Gesellschaft und die beginnende Diskriminierung der jüdischen Rasse, sei es durch Zerstörung der Synagogen oder durch psychische Erniedrigung. Aus Wien gelang Ruth Klüger die Flucht nicht, denn von dort wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Es war die Stadt von der aus sie in den Tod fahren sollte. Aus der Perspektive einer Erwachsenen reflektiert sie über die Stadt Wien: „Freudlos war sie halt und kinderfeindlich. Bis ins Mark hinein judenkinderfeindlich.“ 11
5 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.41
6 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.19
7 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.139
8 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.41
9 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.19
10 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.19
11 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.68
4
1.2 Ihre jüdische Identität
Als sie in Wien die schmerzlichsten Erfahrungen hinnehmen musste, „[geriet ihr] ungefestigter Glaube an Österreich ins Schwanken“ und sie wurde „jüdisch in Abwehr“. 12 Die Autorin bekommt schon im Alter von acht Jahren die Bedrohung durch die beginnende Judenverfolgung mit, welche sie zur Selbstbehauptung herausfordert. Sie legte ihren bisherigen Rufnamen „Susanne“ ab und bestand von nun an, auf ihren klar erkennbaren jüdischen Namen „Ruth“. Zunächst, so glaube ich, nahm sie ihre jüdische Identität nicht wahr. Das geschah erst in Theresienstadt, wo sie, laut ihrer Aussage, zur Jüdin geworden ist. Ruth Klüger hat Theresienstadt auf eine gewisse Art und Weise geliebt, weil sie hier zu einem „soziale[n] Wesen ... durch Kontakte, Freundschaften und Gespräche“ 13 geworden ist. Hier bekennt sie sich zum ersten Mal zum Judentum und fühlt sich erstmals mit ihm verbunden. Sie nimmt „ die jüdische Nationalität für sich in Anspruch.“ 14 Sie ist stolz auf das, „was die Juden daraus zu machen verstanden, wie sie diese Fläche von weniger als einem Quadratkilometer tschechischer Erde mit ihren Stimmen, ihrem Intellekt, ihrer Freude am Dialog, am Spiel, am Witz überfluteten“. 15 Hier ist sie mit vielen gleichaltrigen Mädchen zusammen und entwickelt ein Gefühl für Freundschaft, das ihr vorher verborgen blieb. Denn in Wien hatte sie nur wenige Freunde und fühlte sich als Außenseiterin, wohl auch deshalb, weil sie nur mit Erwachsenen zusammengelebt hat. Jedoch kann sie für sich kein ungebrochenes Verhältnis zum Judentum verzeichnen, denn ihre jüdische Identität begründet sich nicht „in der Verbundenheit durch den Glauben [oder] in der Orientierung auf ein gemeinsames Land“. 16 Sie übt sehr starke Kritik an der jüdischen Religion, weil die Frau nicht als vollwertiges Mitglied betrachtet wird. Nur die Männer dürfen an bedeutenden jüdischen Festen teilnehmen. So bleibt es Ruth Klüger beispielsweise versagt, das Totengebet (Kaddisch) für ihren toten Vater zu sagen, was sie sehr stark belastet. Sie fühlt sich gedemütigt und von der Religion herabgesetzt. Sie spottet über die Religion des Judentums und kann sich aufgrund dieses zwiespältigen Verhältnisses nicht an die jüdischen Feste erinnern und gesteht sich selber ein, dass sie „eine sehr schlechte Jüdin“ 17 ist. Ihre jüdische Identität begründet sich nur in „der Schicksalsgemeinschaft und vor allem [in der]
12 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.41
13 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.103
14 Heidelberger- Leonard, Irene: weiter leben. Eine Jugend. S.54
15 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.103
16 Heidelberger- Leonard, Irene: weiter leben. Eine Jugend. S.57
17 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. S.44
Quote paper:
Janine Pohle, 2006, Ruth Klüger "weiter leben. Eine Jugend", Munich, GRIN Publishing GmbH
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