gewesen sein dürfte, ist das Pamphlet, das Wagner mit „Das Judentum in der Musik“ (1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank) veröffentlichte. Dort stellt er verschiedene antisemitische Thesen auf:
Es bestünde eine unbewusste Empfindung im Volke, die sich als Abneigung gegen das jüdische Volk äußere. Seine Vorwürfe gegen das Judentum kritisieren deren finanzielle Vormacht, ihre angebliche Uneignung zur Kunst, (auch als künstlerisch Abgebildeter!), ihre – so Wagner - abstoßende Sprache:
„In dieser Sprache, dieser Kunst kann der Jude nur nachsprechen, nachkünsteln, - nicht wirklich redend dichten oder Kunstwerke schaffen.“ 2
Weiter schreibt Wagner: „Steigert der Jude seine Sprechweise [...] gar zum Gesang, so wird er uns damit geradewegs unausstehlich.“ 3 Als Beispiele führt Wagner Mendelsohn, Meyerbeer (Ungenannt) und Heine an. Die Lösung, die Wagner allen Juden empfiehlt ist „aufhören, Jude zu sein“ 4 Seiner Meinung nach kann dieses Ziel in einem harten Kampf erreicht werden. Daher sein Appell:
„Nehmt rückhaltlos an diesem selbstvernichtenden, blutigen Kampfe teil, so sind wir einig und untrennbar! Aber bedenkt, dass nur Eines Eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluche sein kann, die Erlösung Ahasvers: Der Untergang!“ 5
Diese geballte Ansammlung von Vorurteilen, die Wagner mit der scheinbaren Kompetenz des Kunstschaffenden gibt, offenbart natürlich eine starke antisemitische Tendenz.
2 Wagner, R „Die Kunst und die Revolution. Das Judentum in der Musik. Was ist deutsch?“,
(Hrsg. Tibor Kneif), München 1975, S. 58.
3 S.o. S. 60
4 S.o. S. 70
5 S.o. S. 77
2
Allerdings befindet er sich seinerzeit damit in „bester“ Gesellschaft: Auch Luther, die Grimms, Goethe, Maria Theresia, Voltaire 6 und andere Geistesgrößen waren sich nicht zu schade für antisemitische Hetze. Doch entschuldigen lässt sich Wagners Antisemitismus natürlich auch damit nicht. Der einzige Unterschied zum Antisemitismus des dritten Reiches ist, dass Wagner den Juden die Assimilation empfiehlt, um sich so aus der rassenbedingten Determinierung zu lösen. Bei den Rassentheoretikern des dritten Reiches ist das nicht möglich: da blieb nur die „Endlösung“ als Ausweg. Dass Wagner nach seinen überlieferten Schriftdokumenten Antisemit war, wird niemand leugnen. Doch floss diese Haltung auch in seine Werke ein? Am Beispiel der „Meistersinger“ soll das überprüft werden.
2. Die „Meistersinger von Nürnberg“ - ein antisemitisches Stück?
Dass die „Meistersinger“ durchaus als antisemitisches Werk gewertet werden können, bestätigen zwei Kritiken, die überschrieben sind mit „Bösartige Judenkarikatur“ und „Deutschtümelei, nicht zu retten“. Dort heißt es:
„Wer sich heutzutage an dieses durch Deutschlands jüngste Geschichte stark belastete Stück wagt, muss in seiner Inszenierung nachweisen, warum ausgerechnet er dieses Stück hier und heute inszeniert. (…) ... ein Stück zur Unzeit, nicht zu retten aufgrund der ideologischen Lasten des Textbuches, das auf der herrlichen Musik liegt wie Bleigewicht“ 7
Auf der Suche nach dramaturgischen oder textlichen Elementen der „Meistersinger“, die als Antisemitismus gewertet werden können, kristallisieren sich in der Literatur bald Einschränkungen heraus - schließlich fällt in der ganzen Oper nicht einmal das Wort „Jude“. Also muss der Antisemitismus, der nachgewiesen werden soll, immanent im Werk zu finden sein.
6
Prawy M. „<
7 Zeitschrift „Musik & Theater“(7/8 1993)
3
2.1. Sachs als Rassentheoretiker ?
Ein Argument, mit dem Vertreter der Theorie des Antisemitismus ihre Ansicht begründen, ist die Schlussansprache Hans Sachs im 3. Akt.
Im Gegensatz zur Urfassung von 1862 8 , wo noch die Meistersinger als versöhnendes Element zwischen den streitenden Zünften geschildert wurden, warnt Sachs in der endgültigen Fassung schließlich vor „welschen Dunst“ und „welschem Tand“ 9 und schlägt somit sehr patriotische Töne an, wenn er „die heil'ge deutsche Kunst“ als höchsten und beständigsten aller Werte rühmt. Für heutige Zuhörer weckt dies natürlich den unangenehmen Beigeschmack vom Patriotismus des Nationalsozialismus und dem nahezu krankhaften Abgrenzungszwang der damaligen Deutschen gegen andere „Rassen“ - ein Faktor, der letztendlich Vertreibung und Konzentrationslager nach sich zog. Doch für Wagner stand nicht die Schöpfung einer Nationaloper im Vordergrund, vielmehr ging er vom Projekt der komischen Oper aus. Die politische Komponente, die im Schlussteil zum Tragen kommt, kann sich natürlich nicht auf den Nationalsozialismus beziehen sondern schlicht auf die politische Situation zur Entstehungszeit der Meistersinger. Aufschluss bietet dabei ein Brief Richard Wagners an seinen Gönner König Ludwig II von Bayern:
„...wer ein Herz hat, begreift heute, was es mit diesen „Meistersingern von Nürnberg“ für ein Bewenden hatte, die ihr Schöpfer in schlimmster Zeit deutschen Verrates entwarf, und mit denen er nun den einzigen deutschen Fürsten begrüsst, der ihn und in ihm den deutschen Geist begreift. Glauben Sie, das wird ein harter Tag für Graf Bismarck und den norddeutschen Bund, aber ein hoher, schöner für Ludwig den Deutschen und seinen Richard werden! Ich weiss es, ich sehe es! Drum Geduld: „Getrost in Tat und Werk! - Hier meine Hand: Wir siegen!“ 10
8 Vgl hierzu Bott G. „Die Meistersinger von Nürnberg. Die Rezeptionsgeschichte einer Oper von 1868 bis heute“, S. 68 9 Csampari A. und Holland D. (Hrsg) „Richard Wagner. Die Meistersinger von Nürnberg. Texte, Materialien, Kommentare“ Hamburg 1987, S. 138 10 Bott G. „Die Meistersinger von Nürnberg. Die Rezeptionsgeschichte einer Oper von 1868 bis heute“, S.65
4
Quote paper:
Dr. Sabine Busch-Frank, 1998, Der Antisemitismus in den 'Meistersingern' von Richard Wagner, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Überregionales Projektmanagement mit dem Schwerpunkt Marketing
Am Beispiel "Imperium - K...
Geography / Earth Science - Economic Geography
Research Paper, 38 Pages
Pedagogy - Common Didactics, Educational Objectives, Methods
Termpaper, 12 Pages
Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen
Gattungsinterferenz in Johann ...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Unfreundliche Unternehmensübernahmen aus der Sicht von Vorstand, Aktio...
Business economics - Miscellaneous
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Richard Wagners Instrumentalmusik am Beispiel des Siegfried-Idylls aus...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Die Mauer der Schande - Ursachen und Folgen des Berliner Mauerbaus.
History Europe - Germany - Postwar Period, Cold War
Research Paper (Pre-University), 19 Pages
Von Wagner zu Hitler - Wagner-Rezeption bis in die Anfänge des Dritten...
History Europe - Germany - Modern History
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Eine Interpretation von Thomas Brüssigs Sonnenallee
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 39 Pages
Diskussion Thomas Brussigs "Am kürzeren Ende der Sonnenallee&quo...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 13 Pages
»Die Meistersinger von Nürnberg« in der Tradition der deutschen Komisc...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 33 Pages
Didaktische Modelle und das normativ-deontologische wirtschaftsdidakti...
Business economics - Didactics, Economic Pedagogy
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Sabine Busch-Frank's text Der Antisemitismus in den 'Meistersingern' von Richard Wagner is now available as a printed book
Sabine Busch-Frank has published the text Der Antisemitismus in den 'Meistersingern' von Richard Wagner
Sabine Busch-Frank has uploaded a new text
Richard Wagner for the New Millennium: Essays in Music and Culture
Alex Lubet, Matthew Bribitzer-Stull, Gottfried Wagner
0 comments