Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Kriterien totalitärer politischer Systeme. 2
2.1 Theoretische Vorüberlegungen. 2
2.2 Der klassische Totalitarismuskriterienkatalog. 3
2.3 Kritik an und Weiterentwicklung von Friedrichs und Brzezinskis Totali-
tarismuskonzeption. 5
3. Das Fallbeispiel „Sowjetunion“ 11
4. Zusammenfassung. 14
5. Literatur 15
-1-1. Einleitung
Die Totalitarismus-Theorien gehören zu den wichtigsten inhaltlichen Kategorien des Feldes „Analyse und Vergleich politischer Systeme“ in der Politikwissenschaft. 1 Die Diskussion um die Kriterien totalitärer politischer Systeme hat die Wissenschaftler seit Begründung dieser Theorie beschäftigt. Zunächst eine „oberflächliche“ Annäherung aus dem Duden an den Begriff „totalitär“ und seine Bedeutung in Bezug auf ein politisches System: Die Gesamtheit umfassend, ganzheitlich; und im Sinne des Staat: alles erfassend und seiner Kontrolle unterwerfend. 2
Im Falle der Totalitarismus-Konzeption sahen sich die Politikwissenschaftler in den 30er Jahren mit einem neuen politischen Phänomen konfrontiert: Das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland gaben Anstoß zu einer Theoriebildung, um die offenbar neuartigen politisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten innerhalb dieser Systeme einordnen zu können. 3 Welche Annahmen ließen die Wissenschaftler glauben, dass es sich hier um ein neues politisches Phänomen handelte und wie sahen die Kriterien zur Einordnung dieser „totalitären“ Systeme aus? Wie werden die damals aufgestellten Kriterien heute beurteilt und wie hat sich die Diskussion im Laufe der Jahre um sie entwickelt?
In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst einige theoretische Vorüberlegungen anstellen und die sich vom Totalitarismuskonzept abgrenzenden zwei Typen politischer Systeme nach Merkel als Bezugsrahmen darstellen. Dann wird eine der ersten (und vielleicht die wichtigste) Totalitarismuskonzeption von C.J. Friedrich, unter der Mitarbeit von Zbigniew Brzezinski, im Vordergrund stehen. Die Diskussion um diese Konzeption wird im Laufe der Arbeit angeführt werden sowie Beispiele für die Weiterentwicklung von Friedrichs Kriterienkatalog. Als Fazit wird eine heutige Einordnung dieser Kriterien vorgestellt werden. Zudem werde ich den klassischen Kriterienkatalog totalitärer politische Systeme an dem Beispiel der Sowjetunion unter Stalin anwenden.
1 Vgl. Schlangen 1978: 51.
2 Vgl. Duden 1996: 745.
3 Vgl. Schlangen 1978: 51.
-2-2. Kriterien totalitärer politischer Systeme
2.1 Theoretische Vorüberlegungen
Wolfgang Merkel stellt in Anlehnung an andere Politikwissenschaftler sechs Kriterien auf, mit deren Hilfe man alle politischen Systeme in drei Grundtypen einteilen kann: Demokratische, autoritäre oder totalitäre Regime. Die Kriterien heißen Herrschaftslegitimation, Herrschaftszugang, Herrschaftsmonopol, Herrschaftsstruktur, Herrschaftsanspruch und Herrschaftsweise. 4
„Demokratien sind im Herrschaftszugang offen, in der Herrschaftsstruktur pluralistisch, im Herrschaftsanspruch begrenzt, in der Herrschaftsausübung rechtsstaatlich und sie gründen ihren Herrschaftsanspruch auf das Prinzip der Volkssouveränität. In autoritären Systemen unterliegt der Herrschaftszugang erheblichen Einschränkungen, die Herrschaftsstruktur ist in ihrem Pluralismus deutlich eingeschränkt, der Herrschaftsanspruch geht weit in die Individualsphäre hinein, die Herrschaftsweise ist nicht rechtsstaatlich normiert und die Legitimation der Herrschaft wird über die Inanspruchnahme bestimmter Mentalitäten herzustellen versucht.“ 5 Totalitäre und autoritäre Systeme werden auch unter dem Oberbegriff „autokratische Systeme“ geführt, da beide Regierungsformen der „Selbstherrschaft“ - so die Übersetzung aus dem Griechischen - bzw. einem unumschränkten Herrscher gleichkommen. 6 Oder auch wie es Merkel in Anlehnung an Hans Kelsen formuliert, „[...] können alle nicht-demokratischen Systeme Autokratien genannt werden.“ 7 Daher ist auch verständlich, dass zwischen demokratischen und autoritären Systemen eine strengere Trennlinie gezogen werden kann als zwischen den beiden autokratischen Herrschaftsformen, bei welchen die Kriterien teilweise ineinander übergehen. 8 Methodelogisch gesehen konzipiert Merkel hier einen idealtypischen Kriterienkatalog, wobei er die in politischen Systemen vorliegende „chaotische Vielfalt“ in seinem theoretischen Konstrukt durch die Beschränkung auf „wesentliche Merkmale“ logisch ordnet. 9
4 Vgl. Merkel 1999: 25 f.
5 Ebd.: 26 f.
6 Vgl. Der Grosse Brockhaus 1977: 495.
7 Merkel 1999: 34.
8 Vgl. ebd.: 27.
9 Vgl. ebd.: 25.
-3-2.2 Der klassische Totalitarismuskriterienkatalog
Die Einordnung totalitärer politischer Systeme unter den Typ „Autokratie“ geht unter anderem auf Carl Joachim Friedrichs und Zbigniew Brzezinskis „The General Characteristics of Totalitarian Dictatorship“ zurück. In diesem Essay beschreiben sie die totalitäre Diktatur als Anpassung der Autokratie an die Industriegesellschaft des 20ten Jahrhunderts und behaupten somit, dass es zu früheren Autokratien einen entscheidenden Unterschied geben muss: Eine der ersten Thesen aus dem oben angeführten Essay ist, dass die totalitäre Diktatur eine historische Neuerung ist. 10 Bemühungen um die totale (auch gedankliche) Lenkung einer Gesellschaft habe es schon oft gegeben. Das Neue seien die „[...] mit Hilfe moderner technischer Geräte entwickelten und eingesetzten Organisationen und Methoden, die dazu dienen sollen, im Dienst einer ideologisch motivierten Bewegung, die sich der totalen Zerstörung und dem Wiederaufbau einer Massengesellschaft verschrieben hat, eine derartige totale Kontrolle wieder aufleben zu lassen.“ 11 Mit dem Aspekt der modernen technischen Möglichkeiten „angereichert“ hat ihr Kriterienkatalog totalitärer politischer Systeme sechs Wesensmerkmale: „1. Eine ausgearbeitete Ideologie, bestehend aus einem offiziellen Lehrgebäude, das alle lebenswichtigen Aspekte der menschlichen Existenz umfasst, und an die sich alle in dieser Gesellschaft Lebenden zumindest passiv zu halten haben; diese Ideologie ist charakteristisch auf einen idealen Endzustand der Menschheit ausgerichtet und projieziert - das heißt, sie enthält eine chiliastische Forderung, gegründet auf eine radikale Ablehnung der bestehenden Gesellschaft mit der Eroberung der Welt für die neue. 2. Eine einzige Massenpartei, im typischen Fall von einem einzelnen, dem `Diktator`, geführt, und aus einem relativ niedrigen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung (bis zu zehn Prozent) von Männern und Frauen bestehend, in der ein fester Stamm der Ideologie leidenschaftlich und ohne Vorbehalte abhängt und bereit ist, die Durchsetzung ihrer allgemeinen Übernahme in jeder Weise zu fördern. Eine solche Partei ist hierarchisch,
10 Vgl. Friedrich und Brzezinski 1965: 600.
Arbeit zitieren:
Daniela Daus, 2004, Kriterien totalitärer politischer Systeme, München, GRIN Verlag GmbH
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