Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Geschichte des Rathaussaals 3
3. Isselburgs „Emblemata politica“ als wichtigste Rekonstruktionsquelle 4
4. Das Emblemprogramm im Nürnberger Rathaussaal 6
5. Die thematische Ordnung der Embleme 7
6. Beispiel zur Lesbarkeit des Emblemprogramms 9
7. Nürnberger Emblematik und Deutung des Programms im Ganzen 11
8. Schlusswort 13
9. Literaturverzeichnis 14
10. Abbildungsverzeichnis 15
11. Abbildungen 16
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1. Einleitung
Insbesondere für die Verwendung in Dekorationsprogrammen war die offene Form des Emblems und die sprachliche Leistungsfähigkeit des Bildes wichtig, denn innerhalb eines Dekorationsprogramms war es kaum möglich, durch ausführliche Epigramme den Auslegungsteil mitzuliefern. Bei der angewandten Emblematik ist so eine Reduktion der Embleme auf Pictura und Motto zu erkennen. Als Bestandteile von festen Programmthemen stehen die Embleme dort nämlich in einem Kontext, der die Beziehungsfindung anstelle der epigrammatischen Auslegung vorgibt. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es zahlreiche Emblemzyklen, die außerhalb literarischer Publikationszusammenhänge entstanden und erst nachträglich in Buchform publiziert wurden. 1
In meiner Hausarbeit möchte ich anhand des Emblemprogramms im Großen Saal des Nürnberger Rathauses zeigen, dass es für eine angemessene Interpretation eines außerliterarischen Programms unerlässlich ist, den ikonographischen und architektonischen Kontext einzubeziehen. Ebenso spielt auch die Funktion des Gebäudes im sozialen und historischen Prätext eine Rolle. Die Hierarchien in der Raumgestaltung geben Hinweise darauf, wie das emblematische Programm zu lesen ist. In meinen Ausführungen soll besonders deutlich werden, dass sich die Embleme im Rathaus anders lesen und deuten lassen, als die gleichen Embleme in der späteren Buchpublikation Peter Isselburgs. Im Verlauf meiner Arbeit werde ich ein Beispiel für die Lesbarkeit des Programms geben, nach dessen Muster sich das gesamte Programm lesen lässt. Dabei werde ich mich auf zwei Embleme und ein Rundbild, welche miteinander im Zusammenhang stehen, beschränken. An diesem Muster soll ersichtlich werden, auf welche Weise sich das restliche Emblemprogramm des Rathauses deuten lässt.
2. Geschichte des Rathaussaals
Der Große oder Goldene Saal des Nürnberger Rathauses ist der älteste Teil des Gebäudekomplexes und wurde im Jahre 1340 vollendet. Acht Jahre zuvor kaufte der Rat der Stadt Nürnberg vom Kloster Heilsbronn ein Anwesen und ließ durch den Stadtbaumeister Philipp Groß den Rathaussaal errichten. 2 Er war mit einem Tonnengewölbe ohne Pfeiler der größte Saal und wurde als Versammlungshalle genutzt. Er war 40 Meter lang, 12 Meter breit und 14 Meter hoch. 3
Im 14. und 15. Jahrhundert wurden die an die Nordflügel des Rathauses stoßenden Bürgerhäuser aufgekauft, um so den Rathausbau erweitern zu können. Im Zuge von Instandsetzungsarbeiten wurde der Saalbau 1520/21 einer Erneuerung unterzogen. Das Innere wurde mit Gemälden nach Entwürfen
1 Warncke: Sprechende Bilder - sichtbare Worte, S. 189 ff.
2 Liebel: Das Rathaus zu Nürnberg, S. 4
3 Mödersheim: Duce virtute, comite fortuna, S. 33
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Albrecht Dürers geschmückt. Schon hundert Jahre später waren die Innenwände so verblasst, dass man im Jahre 1613 Maler mit ihrer Erneuerung beauftragte. 4
Erst im Jahre 1613 wurde der Saal durch einen Zyklus von Emblemen in den Fenstern erweitert. Es gab 32 paarweise angeordnete Embleme in den Gewänden der beiden seitlichen Fenster der Ostwand, in allen elf Fenstern der Südseite und den drei Fenstern der gotischen Westwand. Bei den Emblemen handelte es sich um Sinnbilder mit staatspolitischen Aussagen zum guten Regiment und zur Gerichtspflege. Im Jahre 1621 kamen unter Georg Volckamer noch fünf weitere Embleme hinzu. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Nürnberger Rathaus von Bomben schwer getroffen und brannte vollständig aus. Die Bomben vernichteten die - inzwischen wiederhergestellte - Holzdecke vollkommen und auch - die noch immer nicht wieder restaurierten - malerischen Dekorationen der Wände bis auf marginale Reste. Glücklicherweise konnte das fast vollständig zerstörte Rathaus aus verschiedenen Quellen wieder rekonstruiert werden. So sind zum Beispiel die Vorlagenzeichnungen für die emblematischen Medaillons erhalten oder auch Fotografien des Rathauses aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die wichtigste Quelle für die Motive der Embleme und ihre Bedeutung liefert allerdings das Emblembuch von Peter Isselburg mit seinen 32 Kupferstichen. Nach Kriegsende konnte der Rathauskomplex wieder neu entstehen. Man restaurierte den ältesten gotischen Teil (1332-1340) des Rathauses, ebenso die von Hans Behaim um 1515 erbaute spätgotische Fassade an der Rathausgasse, weiterhin den 1616-1622 von Jakob Wolff d. J. errichteten Spätrenaissance-Frühbarockbau, die Erdgeschosshalle und den Hof. 5
3. Isselburgs „Emblemata politica“ als wichtigste Rekonstruktionsquelle
Das erste sich selbst als Sammlung von politischen Emblemen bezeichnende Buch und somit auch das früheste veröffentlichte Emblembuch war Peter Isselburgs „Emblemata politicia. In aula magna Curiae Noribergensis depicta“ von 1617. Übersetzt heißt der Titel: „Poltische Embleme, die im großen Nürnberger Rathaussaal gemalt sind“. Bei dem Buch handelt es sich also um die Publikation des architektonischen Dekorationsprogramms im Nürnberger Rathaus.
Der größte Unterschied zwischen Saal- und Buchemblemen ist das Fehlen der im Stich hinzugesetzten erläuternden Epigramme, also der emblematischen Subscriptio. An der entsprechenden Stelle befanden sich im Rathaus Blumen- oder Fruchtmotive. Über den querovalen Mottokartuschen schlossen Groteskenmalereien jede Dekorationseinheit nach oben ab.
Die Stiche in Isselburgs „Emblemata politica“ sind genauso angeordnet wie im Rathaus. So sind bei Isselburg insgesamt 32 Embleme überliefert.
4 Liebel: Das Rathaus zu Nürnberg, S. 4
5 Schwemmer: Merian Nürnberg, S. 70
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Die Autoren der Embleme waren die Nürnberger Patrizier Georg Volckamer und Andreas Imhof. Volckamer war wie viele Patrizier Gelehrter und Staatsmann zugleich. Seit 1616 amtierte er auch als oberster Bauherr. Sein Anteil an der Erneuerung des Rathauses beschränkte sich nicht nur auf die Auswahl und Anordnung der Embleme; er war auch mit allen Entscheidungen und Problemen des Baus und der Ausstattung des neuen Rathauses befasst. 6
Bei der Themenzusammenstellung der Rathausembleme griff Volckamer auf den Fundus der Altdorfer Preismedaillen zurück. Er selber war ein Zögling der Altdorfer Schule, die damals den Status einer Universität hatte, gewesen. Nicht weniger als 15 Rathausembleme gehen auf Altdorfer Medaillen zurück, also nahezu die Hälfte des Programms. Viele der Vorbilder wurden allerdings variiert, gemäß den Aussagen innerhalb eines politischen Programms. 7
Ein Beispiel für den Rückgriff auf Altdorfer Medaillen ist das Sic orbis iter - Emblem (Abb. 1) des Rathausprogramms. Es versinnbildlicht den rückschrittlichen Lauf der Welt und geht zurück auf die Spruchweisheit vom Krebsgang der Welt, die schon in den „Adagien“ des Erasmus von Rotterdam vorkommt, sich auf ein Stück des Aristophanes bezieht und die Vorlage für die entsprechende Hieroglyphe in Valerians „Hieroglyphica“ bildet. Noch mit der Inscriptio Sic vertitur orbis iter (So wird der Lauf der Welt verkehrt) kam dieses Emblem in Camarius’ „Symbolorum et Emblematum centuriae“ vor, welches der Akademie in Altdorf schließlich auch als Vorlage für eine ihrer Preismedaillen diente. 8
Georg Volckamer, der nach Abschluss seiner Altdorfer Studien 1579 zwei Jahre zur Ausbildung nach Italien gegangen war, griff auch auf ein ihm damals bekanntes Emblem zurück, und zwar auf die Festina lente - Imprese des toskanischen Medici-Großherzogs Cosimo I. 9 Die 32 Embleme setzten sich im Großen Saal aus den vier Emblemen der Ostwand, den 22 der Südwand und weiteren sechs an der Westwand zusammen. Dieser Zustand bestand jedoch nur so lange bis Volckamer oberster Bauherr des Rathauses wurde. Aufgrund eines Umbaus des Gebäudekomplexes und zur Wahrung der achsensymmetrischen Ordnung musste die Westwand um eine Achse verbreitert werden. Der Neugestaltung fielen das elfte Fenster der Südwand und alle Fenster der alten Westwand zum Opfer, also acht Embleme des Programms von 1613. Der Bauteil wurde dann schließlich 1621 dekoriert, und es wurden 13 weitere Embleme hinzugefügt bzw. erneuert, so dass die Anzahl der Embleme jetzt 37 betrug. Die fünf neuen Embleme entnahm man aus damals verbreiteten Büchern; auf diese Weise entstand beispielsweise das Unde pluvat - Emblem, das den Gott Merkur zeigt, der Lorbeer begießt. 10
6 Mende: Das alte Nürnberger Rathaus, S. 333
7 Warncke: Symbol, Emblem, Allegorie, S. 138
8 Ebd., S. 95
9 Ebd., S. 139
10 Ebd., S. 142
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Grundsätzlich gilt für die Gattung der Emblembücher der vom heutigen Verständnis abweichende damalige Inhalt der Termini „Politik“ und „politisch“, der neben den Staats- und Gesellschaftsangelegenheiten auch das kluge Verhalten des Einzelnen im Umgang mit seinen Mitmenschen beinhaltete. Entsprechend diesem weit gefassten Politikbegriff ist auch die Mehrzahl der sich selbst als „politisch“ bezeichnenden Emblembücher allgemeiner moralisierend gemeint. 11
4. Das Emblemprogramm im Nürnberger Rathaussaal
Die Ausarbeitung der Dekorationen des Nürnberger Rathaussaals wurde nach den Vorgaben Albrecht Dürers von den besten und begabtesten Künstlern ausgeführt. Die Inschriften und Texte stammten teils von Willibald Pirckheimer, einem frühen Humanisten. Andere Künstler, die die Wandbilder ausführten und die Ausstattung des Saals in mehreren Gemälden dokumentierten, waren Veit Fischer und Paul Juvenel der Ältere. 12
In den Jahren 1515 und 1517 entwarf Dürer auch den großen Triumphbogen für Kaiser Maximilian I. und arbeitete die Details für die feierliche Festinszenierung im Triumphzug des Kaisers aus. Eine Darstellung dieses Triumphzugs findet sich in der Rathausdekoration, was darauf schließen lässt, dass das Bildprogramm in engem Zusammenhang mit der kaiserlichen Politik und Repräsentation gesehen werden kann. 13
Die Abfolge des Programms erschließt sich, wenn man der Topographie folgt, wie sie der Besucher des Rathaussaals erfährt: Beim Eintreten wendet sich der Besucher nach links und sieht, wie sich das Bild des Triumphwagens Kaiser Maximilians entlang der nördlichen Wand erstreckt - in Anlehnung an den wirklichen Triumphzug. Auf der Schmalseite der östlichen Wand befinden sich der Regalienschrein und in der südöstlichen Ecke der Kaiserthron. Beginnend in den beiden Fensternischen der östlichen und entlang der südlichen Wand sieht der Besucher die emblematischen Kartuschen. Die südliche Wand wird von 12 Fenstern unterteilt. Zwischen den Fenstern befinden sich Medaillons mit Szenen aus der antiken Geschichte und erläuternde Inschriften. Entlang der westlichen Wand zeigt ein Wandfresko die Szene des Jüngsten Gerichts. Das Bildprogramm schließt ab mit dem Fresko der Verleumdung des Apelles zum Thema der Gefahr von Betrug und Fehlinterpretation. 14 Wie am Beispiel des Nürnberger Rathaussaals gezeigt werden kann, bestimmt die Raumfunktion den Bedeutungsrahmen der Embleme. Ein Motiv, das an sich mehrdeutig sein könnte, erhält durch seine Platzierung eine Spezifikation, die die Inscriptio allein nicht gewährleisten kann. In der Buchemblematik sind es gewöhnlich Inscriptio und Subscriptio, die den Kontext herstellen und den
11 Warncke: Sprechende Bilder - sichtbare Worte, S. 182
12 Mödersheim: Duce virtute, comite fortuna, S. 34
13 Ebd.
14 Ebd.
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Doreen Fräßdorf, 2006, Außerliterarische Anwendungen der Emblematik: Das Emblemprogramm des Großen Saals im Nürnberger Rathaus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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