Jean- Jacques Rousseaus Epochenwerk „Emile oder Über die Erziehung“ von 1762 stellt einen gesellschaftskritischen Erziehungsroman dar, der sich vor allem an die mondäne Pariser Gesellschaft des 18. Jahrhunderts und ihren Lebenswandel richtet. Rousseau sieht in der Verweigerung bzw. Vernachlässigung der natürlichen Pflichten den Grund für den Zerfall der Familie, ergo der Gesellschaft, da viele Frauen des aristokratischen Standes lieber den Freuden des gesellschaftlichen Lebens nachgehen, anstatt ihren natürlichen Pflichten wie dem Gebären von Kindern nachzukommen. Zu Rousseaus Zeit ist es üblich die Kinder nach der Geburt in die Obhut einer Amme zu geben und die Erziehung nicht durch den Vater, sondern durch Klöster, Internatschulen oder Heime vollziehen zu lassen. In der Erkenntnis dieser Missstände, d. h. seiner Kritik an der allgemeinen gesellschaftlichen Entfremdung, sieht er die Beweggründe eine fiktive und utopische Abhandlung über die Erziehung zu verfassen, welche in 5 Bücher unterteilt ist, in denen er sein Erziehungsideal ausführlich darlegt. 1. Buch
Die zentrale These seines Werkes, die gleichzeitig den Auftakt des ersten Buches darstellt lautet: „Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des Menschen.“ (Reclam, S. 107)
Der Mensch ist demnach von Natur aus gut. Erst die Gesellschaft lässt ihn entarten. Da das Kind von Natur aus gut ist und eine natürliche Entwicklung zur Sittlichkeit in sich trägt, muss man es unterstützen auch gut zu bleiben. Es bedarf somit der Erziehung, deren Ziel es ist, den schwach geborenen Menschen zu stärken, so dass ihm bei Eintritt in die Gesellschaft, diese nichts anhaben und ihn nicht verbiegen kann. Laut Rousseau sollte der Zögling möglichst lange von der Gesellschaft und somit von schädlichen Einflüssen fern gehalten werden, um seinen Naturzustand zu erhalten, was eine Utopie in sich darstellt. Denn es dürfte sich als kaum möglich erweisen das Kind von der Gesellschaft fern zu halten, um es unabhängig von ihr zu erziehen. Die Menschen sind in der natürlichen Ordnung alle gleich und werden mit den denselben natürlichen Voraussetzungen geboren. Im Naturzustand ist der Mensch einfach nur Mensch. Er wird erst von der Gesellschaft zum Bürger erzogen und somit seiner Natur beraubt. Da der Mensch in der Gesellschaft und nicht wie der natürliche Mensch autark lebt, klassifiziert Rousseau die Menschen in zwei Kategorien: den „natürlichen Menschen“ als ungebrochene Einheit und den „bürgerlichen Menschen“ als Teil der Einheit.
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Die Erziehung erfolgt mit Hilfe von drei Erziehern. Zum einen der Natur, die die Fähigkeiten (natürlichen Anlagen) und Kräfte (Organe) entwickelt. Zum anderen der Menschen, die den Gebrauch dieser Fähigkeiten und Kräfte lehren sowie der Dinge, welche sich mittels Erfahrungen und Sinneswahrnehmungen einprägen, die der Mensch beim Einwirken von Gegenständen auf ihn erfährt. Die Natur als Erzieher ist völlig unabhängig von jeglicher Einflussnahme und darf nicht unterdrückt werden. Aus diesem Grunde muss das menschliche Handeln und der Einfluss durch die Dinge auf den nicht beeinflussbaren Faktor Natur ausgerichtet werden. Das Zusammenwirken der drei Erzieher ist für ihren Erfolg notwendig. Sie dürfen also nicht gegeneinander arbeiten, sondern auf ein gemeinsames Ziel hin. Ziel der Erziehung ist es, wie bereits erwähnt, den Naturzustand und die daraus resultierende naturgemäße Entwicklung zur Sittlichkeit nicht zu ersticken. Das Ziel der Erziehung liegt folglich im Ziel der Natur selbst.
Jean- Jacques Rousseau vereinigt alle erforderlichen Eigenschaften eines idealen Erziehers in sich, die er sich in seinem Werk „Emile oder Über die Erziehung“ selbst andichtet. Zu diesen zählt unter anderem die, dass er nicht käuflich sein darf. Die Erziehungsarbeit muss unentgeltlich erfolgen, zumal der Beruf des Erziehers einen so hohen moralischen Stellenwert hat, dass man ihn nicht gegen Bezahlung ausüben kann, ohne sich dadurch als seiner unwürdig zu erweisen. Der Erzieher muss selbst gut erzogen - im Grunde für den Zögling erzogen worden sein, um diesem vermitteln zu können, was er im Leben lernen muss. Zudem soll er jung und weise sein; am besten selbst noch ein Kind, da es zwischen Kindern und Erwachsenen zu wenige Gemeinsamkeiten gibt. Er hat als Lehrer und Erzieher seinen Schüler bzw. Zögling von dessen Geburt an bis zum 25. Lebensjahr zu begleiten. Bis dieser ein „fertiger Mann“ ist und keiner fremden Führung mehr bedarf. Bei den genannten Vorstellungen Rousseaus von einem idealen Erzieher wird erneut der utopische Charakter seiner Erziehungstheorie deutlich, die sich in der Praxis in dieser Form nicht durchführen lässt.
Auch an den Zögling stellt Rousseau bestimmte Anforderungen. So sollte es sich bei diesem im günstigsten Fall um einen Durchschnittsgeist handeln, weil nur dieser der Erziehung bedarf. Ferner sollte der Zögling in einer gemäßigten Klimazone aufwachsen, da er nur so alle Qualitäten, die er besitzt entwickeln kann. Laut Rousseau würde sich demnach ein Franzose als optimal erweisen. Dieses aus einer gemäßigten Zone stammende Kind wäre überall lebensfähig und könnte sich klimatischen Gegebenheiten leichter anpassen. Der zu Erziehende sollte reich sein, da der Arme keiner Erziehung bedarf, weil sich diese bereits zwangsläufig aus seinem Stand ergibt. Aus diesem Grunde ist Emile, der theoretische und
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imaginäre Zögling Rousseaus, ein Adliger mit französischer Herkunft. Des Weiteren ist er Waise. Somit kann Rousseau alle Rechte und Pflichten des Erziehers übernehmen, welche ansonsten dem Vater obliegen würden. Erzieher und Zögling dürften nicht voneinander getrennt werden und ihre Beziehung zueinander sollte durch eine starke Verbundenheit geprägt sein. Der zu Erziehende muss stark und gesund sein. Rousseau würde sich nach eigenen Angaben nie einen Krüppel als Zögling wählen, da nur ein starker, gesunder Körper einen starken und gesunden Geist hervorbringen kann. Emile verfügt über alle genannten erforderlichen Eigenschaften und stellt somit den idealen Zögling dar. Jean- Jacques Rousseau beschreibt im ersten Buch die ersten Lebensjahre des Kindes (0. bis
2. Lebensjahr). Seine Erziehungstheorie vereinigt die nachfolgenden vier Leitsätze:
1. Maxime: Freier Gebrauch ihrer Kräfte
Rousseau kritisiert die mumienhafte Einwicklung der Kinder, wie sie zu dieser Zeit üblich ist. Die Kinder können sich nicht natürlich bewegen und werden in ihrer Freiheit eingeschränkt.
2. Maxime: Helfend und ergänzend beistehen
Kinder verfügen über einen ausgesprochen starken Tätigkeitstrieb, der vom Erzieher nicht unterdrückt werden sollte. Rousseau bevorzugt daher den Begriff des Erziehers als den des Lehrers, da es weniger darum geht zu lehren als zu leiten.
3. Maxime: Unterstützung nur bei realem Nutzen
Ferner warnt Rousseau davor, dem Kind sobald es schreit, alle willkürlichen Wünsche zu erfüllen. Es gilt lediglich auf die natürlichen Bedürfnisse (z. B. Hunger), die von realem Nutzen sind einzugehen, anstatt auf grundlose Begierden des Kindes, um zu verhindern, dass es zum Tyrannen wird.
4. Maxime: Sprache und Andeutungen sorgfältig studieren Beginnt das Kind zu sprechen, muss man unterscheiden können, ob sein Verlangen unmittelbar der Natur entspringt oder nur seinem Gutdünken.
2. Buch
Im zweiten Buch geht Rousseau auf den Lebensabschnitt vom 2. bis zum 12. Lebensjahr ein in dem die eigentliche Wahrnehmung des Kindes beginnt. Emile wird sich seiner selbst bewusst und entwickelt sich zum Individuum. Er lernt laufen und sprechen, erfährt Leid und Mitleid. Jean- Jacques Rousseau betont, dass man Kinder nicht vor allem beschützen soll, da sie durch Erfahrungen lernen und kleine Leiden ertragen können. So gehört es beispielsweise zur kindlichen Entwicklung dazu, dass dieses auch mal hinfällt und sich die Knie
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Arbeit zitieren:
Claudia Hoffs-Langhans, 2005, Rezension zu: Jean-Jaques Rousseau - Emile oder über die Erziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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