I. Einleitung
Mit der sogenannten „First Fleet“, die am 18. Januar 1788 in der Botany Bay nahe des heutigen Sydney vor Anker ging, kamen nicht nur die ersten britischen Strafgefangenen nach Australien, sondern auch Deutschsprachige, ein Navigator und ein Sträflingsaufseher. Dieses Datum, wie auch die folgenden Tage (bis zum 7. Februar 1788), da die erste britische Kolonie auf australischem Boden - New South Wales - gegründet wurde, sollte bereits auf die Rolle Australiens nicht nur als 20.000 Kilometer entfernter „Abschiebekontinent“ für unliebsame Strafgefangene, sondern auch als Auswanderungsziel für unzählige Gruppen und Individuen, die aus politischen, wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen in den darauffolgenden zweihundert Jahren ihre Heimat hinter sich ließen, vorausdeuten. Unter den Einwanderern befand sich stets eine beachtliche Zahl an Deutschen oder Deutschsprachigen, die sich im 19. Jahrhundert vornehmlich in den Goldgräberorten wie auch in den sechs Kolonien des damaligen Australiens niederließen oder geschlossene homogene deutsche Siedlungen bildeten.
Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den Phasen der Emigration Deutschsprachiger nach Australien - dies unter Berücksichtigung der Entstehung von Sprachinseln - wie auch auf der Entwicklung ihrer Muttersprache angesichts der englischsprachigen Dominanz bzw. politischer und historischer Ereignisse, die einen erheblichen Einfluss auf den Gebrauch des Deutschen ausübten. Im folgenden seien die linguistischen Merkmale des Deutschen in Australien nachskizziert. Vor diesem Hintergrund ist abschließend zu untersuchen, in welcher Weise von deutschen Sprachinseln in Australien gesprochen werden kann. Dies impliziert eine Untersuchung unter Berücksichtigung der definitorischen Bestimmungen von Sprachinseln nach dem heutigen Stand der Forschung. Ist es denn möglich, von deutschen Sprachinseln in Australien zu sprechen? Und welche Faktoren könnten sich Sprachinsel stabilisierend auswirken, unter welchen Bedingungen lösen sich Sprachinseln auf?
2
II. Phasen der deutschsprachigen Besiedlung Australiens
Mit der sogenannten „Preußischen Union“, die 1817 unter Friedrich Wilhelm III. in Preußen gegründet wurde und die lutherische mit der reformierten Kirche vereinigte, kam es in Deutschland als Protest gegen die vom preußischen Königshaus forcierte Politik zur Bildung lutherischer freikirchlicher Gemeinden, die als Altlutheraner bezeichnet wurden. Viele dieser Gemeinden verließen ihre Siedlungsgebiete in Brandenburg, Ostpreußen, Pommern und Schlesien; über zweihundert Mitglieder einer orthodoxen lutherischen Gemeinde aus dem kleinen Ort Klemzig bei Züllichau im Südosten von Brandenburg folgten ihrem Pastor August Ludwig Christian Kavel in die 1836 gegründete britische Kolonie South Australia (die mit Religionsfreiheit und in ihrer Rolle als „sträflingsfreie“ Siedlungskolonie für sich warb), wo sie am 20. November 1838 vom Schiff „Prinz Georg“ an Land gingen. Sechs Kilometer von Adelaide entfernt gründeten sie ein Dorf am Ufer des Flusses Torrens und gaben ihm gemäß ihrer Herkunft den Namen Klemzig. 1 Nur wenige Wochen später, am 2. Januar 1839, legte das Schiff „Zebra“ mit weiteren 187 Einwanderern, vorwiegend aus dem Dorf Kay im Kreis Züllichau im Hafen von Adelaide an.
Abbildung I: Australien 1851
(Quelle: Microsoft Encarta 2001)
Ihr Kapitän Dirk Hahn arrangierte für sie einen Pachtvertrag im Glen Osmond Gebiet und sie gründeten eine Siedlung, die sie ihm zu Ehren Hahndorf nannten. Viele Lutheraner folgten gemeinsam mit ihren Pastoren bis in die 50er Jahre des 19. Jahrhunderts und gründeten
1 Heute ist Klemzig ein Vorort im Nordosten von Adelaide.
3
weitere deutsche Siedlungen in der Umgebung von Adelaide 2 , etwa Lobethal 3 (1841), Bethanien (1842) und Langmeil (1843). So wurde ab 1842 auch das nahegelegene Barossa Valley erschlossen. Um 1848 entstanden in der angrenzenden Kolonie Victoria deutsche Siedlungen bei Melbourne und Geelong, seit 1853 zwischen Melbourne und Adelaide, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Süden von Queensland, in Nordwestvictoria und im südlichen Teil von New South Wales. Unter diesen Emigranten befanden sich nunmehr solche, die weniger aus religiösen als aus politischen wie auch sozialen und wirtschaftlichen Gründen auswanderten. Die Revolution von 1848 war gescheitert, und im Zuge der Industrialisierung in den Städten wie auch als Folge schlechter Ernten auf dem Lande herrschten größtenteils Armut und Arbeitslosigkeit in Deutschland, die viele zur Auswanderung motivierten.
Als 1851 in Victoria und New South Wales (bei Ballarat und Bendigo) Gold gefunden wurde, zog dies Goldgräber und Abenteuer aus der ganzen Welt auf den fünften Kontinent. Auch unter jenen Einwanderern befand sich eine beachtliche Zahl an Deutschsprachigen, die ihre Spuren hinterließen: „German Track“ - ein Buschweg bei Tarnagulla im Herzen des „Goldenen Dreiecks“ von Victoria. Dieser Weg liegt in der Nähe von German Gully, hier arbeiteten deutsche Goldgräber an dem Kangaroo Reef in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts. Viele dieser Deutschen siedelten in den Goldgräberorten an und lernten zugunsten der Verständigung Englisch.
In den deutschen Siedlungen in New South Wales und im südlichen Queensland vollzog sich der Sprachwandel zum Englischen weitaus schneller als in den deutschen Siedlungen in South Australia und Victoria. Clyne kommentiert schlüssig:
„In Queensland, convict origins, the conservatism of central authorities in Brishbane, and late non-British settlement in outlying areas outweighed the numerical strength of the non-English-speaking population. Language shift was accelerated by co-settlement of German and Scandinavian Lutherans in some areas and the diglossia between the Low German of the home and the High German of church and school in other areas. […] In New South Wales the population composition (relatively few non-English speakers) and convict settlement created a stronger British bias right from the
2 Am 28. Oktober kam das Schiff „Skjold“ in Adelaide an. 30 Familien gründeten verschiedene kleine
Siedlungen, die im folgenden benannt werden.
3 Lobethal erhielt seinen Namen nach einem Gottesdienst von Pastor Fritzsche am 4. Mai 1842, im dem er aus
der Bibel (von Martin Luthers Übersetzung der Bibel: 2. Chronik, Kapitel 20, Vers 26) las: „Am vierten Tage
aber kamen sie zusammen im Lobethal; denn daselbst lobten sie den Herrn. Daher heißet die Stätte Lobethal, bis
auf diesen Tag.“ Sie benannten die Ansiedlung im Mount-Lofty-Gebirge gemäß diesem Bibel-Zitat. Siehe hierzu
auch http://www.teachers.ash.org.au/dnutting/germanaustralia/d/d-lobethalnm.htm.
4
beginning than in the two states [Victoria wie auch South Australia] mentioned first […].” 4
Etwa 40.000 5 gebürtige Deutsche lebten um 1900 in Australien, vorwiegend in South Australia. Der Anteil Deutscher und Österreicher betrug circa 4,5 Prozent der australischen Bevölkerung, wobei zu erwähnen bleibt, dass der Prozentsatz bei den Nachkommen sehr viel höher lag. 6
Abbildung II: Deutschsprachige Siedlungen in Südaustralien um 1900
(Quelle: Borrie, Wilfried: Italians and Germans in Australia. A Study of Assimiliation. Melbourne 1954. Seite
98.)
Erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte eine weitere große Einwanderungswelle Deutschsprachiger nach Australien ein: Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933, der Anschluss Österreichs 1938 und die Annexion des Sudetenlandes 1939 zwangen viele, meist jüdische Deutschsprachige, auf der Flucht vor dem NS-Regime zur Emigration. Die Zahlen der Flüchtlinge, die sich in Australien, vornehmlich in Sydney und Melbourne,
4 Clyne, Michael: Community Languages. The Australian Experience. Cambridge et al. 1991. Seite 26.
5 Zahl entnommen aus Pütz, Martin: Sprachökologie und Sprachwandel. Die deutsch-australische
Sprechgemeinschaft in Canberra. Frankfurt am Main et al 1994. Seite 70.
6 vgl. Clyne, Michael: Deutsch als Muttersprache in Australien. Zur Ökologie einer Einwanderersprache.
Wiesbaden 1981. Seite 1.
5
niederließen, schwanken: Clyne spricht von 9.500 7 deutschsprachigen Einwanderern, die im Zeitraum von 1933 bis 1939 in Australien sesshaft wurden; Pütz hingegen geht für den selbigen Zeitraum von circa 5.000 8 Emigranten aus. Angaben auf der Homepage der sogenannten „German Speaker“ 9 , einer Informationsseite für Schüler und Lehrer des bilingualen, deutsch-englischen Schulunterrichts in Australien, stützen sich auf Primärquellen der Universitäten und Gemeinden; sie führen folgende Zahlen an, die Clynes Aussagen weitestgehend unterstützen:
Diese Einwanderer der Vorkriegs- und Kriegszeit waren vornehmlich Akademiker oder Geschäftsleute, häufig aus Wien oder Berlin. Ein Großteil ließ sich in den Städten wie Sydney oder Melbourne nieder und beabsichtigten, mit der Vergangenheit wie auch mit der Herkunft und dem mit ihr assoziierten nationalsozialistischem Regime zu brechen. Nur wenige waren bestrebt, ihre Muttersprache aufrechtzuerhalten. An dieser Stelle ist hervorzuheben, dass jene Vorkriegs- und Kriegsflüchtlinge keine Sprachinseln bildeten. Der deutsche Sprachgebrauch wurde in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zudem durch eine energische antideutsche Atmosphäre in Australien erschwert, und auch die Isolierung der Emigranten vom deutschsprachigen Ausland trug ihren Anteil zur Sprachumstellung bei.
7 Clyne, Michael: Deutsch als Muttersprache in Australien. Zur Ökologie einer Einwanderersprache.
Wiesbaden 1981. Seite 22.
8 Pütz, Martin: Sprachökologie und Sprachwandel. Die deutsch-australische Sprechgemeinschaft in Canberra.
Frankfurt am Main et al. 1994. Seite 69.
9 Siehe http://www.teachers.ash.org.au/dnutting/germanaustralia/d/chron/d-chron6.htm
6
Clyne differenziert die deutschsprachigen Einwanderer der Vorkriegs- und Kriegszeit in drei Gruppen 10 :
Emigranten, die bestrebt waren, mit ihrer Vergangenheit vollständig zu brechen und den deutschen Sprachgebrauch vermieden;
Emigranten, die die deutsche Sprache weiter pflegten und sich als Erhalter der deutschsprachigen Kultur verstanden;
Emigranten, die jüdischen Organisationen angehörten und dort in informellen Situationen sowohl Deutsch als auch Englisch sprachen.
Eine andere Gruppe deutschsprachiger Einwanderer kam 1941 unfreiwillig nach Australien: Sie zählte 680 Mitglieder der sogenannten „Tempelgesellschaft“, eine 1861 von Christian Hoffmann und G. D. Hardegg in Süddeutschland gründete und aus der pietistischen Bewegung innerhalb der lutherischen Kirche hervorgegangene Freikirche, die im Zeitraum von 1868 bis zum ersten Weltkrieg deutsche Siedlungen und Gemeinschaften in Jerusalem, Haifa, Sarona, Wilhelma, Bethlehem und Waldheim bei Nazareth gründete, um den „Tempel, das Reich Gottes“, im Heiligen Land (Palästina) zu verwirklichen. In einer Zeit, da Rommel mehrere wichtige Schlachten in der Wüste Nordafrikas gewonnen hatte, deportierte die britische Regierung Palästinas die sogenannten „Templer“ nach Australien; dort wurden sie in Tatura, 192 Kilometer nördlich von Melbourne interniert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gestattete man den Templern, sich in Australien niederzulassen, untersagte ihnen jedoch, geschlossene Siedlungen zu gründen. Während zu vermuten ist, dass die Tempelgemeinschaft bis 1945 eine geschlossenen Sprachgemeinschaft bildete, so bleibt dies für die Nachkriegszeit nur schwer zu bestimmen. Trotz der Untersagung der australischen Regierung etablierten sich Gemeinde-Zentren der Tempelgesellschaft: im Jahre 1957 in Boronia (am östlichen Rand Melbournes), 1961 in Bayswater (in der Nähe von Boronia) wie auch in Meadowbank (Sydney) und 1965 in Bentleigh-Moorabbin (Melbourne). Zudem emigrierte eine 1948 von Palästina nach Zypern geflüchtete geschlossene Gruppe von Templern 1949 nach Australien, der viele gleichgesinnte Flüchtlinge aus Deutschland und Palästina in den Nachkriegsjahren folgten. Bis heute hat sich der vornehmliche Gebrauch der deutschen Sprache in diesen Kreisen durchgesetzt - sicherlich ist die Tempelgesellschaft, so
10 vgl. Clyne, Michael: Deutsch als Muttersprache in Australien. Zur Ökologie einer Einwanderersprache.
Wiesbaden 1981. Seite 22.
7
Arbeit zitieren:
2002, Sprachinselforschung - Deutsche Sprachinseln in Australien, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Joseph von Eichendorff: Das Schloss Dürande - Der Dichter und die Re...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Autobiographical Elements in "The Snows of Kilimanjaro" by E...
Hausarbeit, 15 Seiten
Die deutsche Sprachinsel Kanada: Die religiösen Gemeinden der Mennonit...
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Die Symbolik in Theodor Storms "Viola Tricolor"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Analyse von Bret Hartes Kurzgeschichte -The Luck of Roaring Camp-
Seminararbeit, 19 Seiten
Über E.T.A. Hoffmanns "Bergwerke zu Falun"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 12 Seiten
Gründe für den Zerfall. Die Figur des Elis Fröbom in E.T.A. Hoffmanns ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 11 Seiten
Ideologie, Macht und Herrschaft in der Kulturindustrie
Gedanken zur „Dialektik der Au...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 13 Seiten
Mörike, Eduard - Mozart auf der Reise nach Prag
Referat / Aufsatz (Schule), 9 Seiten
Kulturelle Unterschiede bei der Werbung
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Studienarbeit, 22 Seiten
Romantische Motive in Josephs von Eichendorffs Novelle 'Aus dem Le...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 24 Seiten
Anonym hat den Text Sprachinselforschung - Deutsche Sprachinseln in Australien veröffentlicht
Australien West 1 : 1 1 800 000
R Wilson
0 Kommentare