Inhalt
1. Einleitung
2. Der Rational-Choice-Ansatz
3. Probleme des Rational-Choice-Ansatzes
3.1 Framing
3.2 Simplifizierung
3.3 Kognitive Aspekte
3.4 Diskussion
4. Rational Choice im Spannungsfeld der Wissenschaftskonzeptionen
5. Schlussbemerkungen
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1. Einleitung
Die ökonomische Theorie des Handelns ist - um ein ökonomisches Bild zu verwenden - der „Exportschlager“ der Wirtschaftswissenschaften schlechthin. Theorien des rationalen Wahlhandelns (Rational Choice) erobern seit Jahren fast alle Zweige der Sozialwissenschaft (Braun 1999: 7). Unumstritten ist der Rational-Choice-Ansatz - im Folgenden kurz RC genannt - dabei keineswegs. RC hat ebenso begeisterte Anhänger wie erbitterte Feinde gefunden. Sehen die einen in der Theorie ein Gottesgeschenk für die Sozialwissenschaften, so verteufeln sie andere als tautologische, unwissenschaftliche Egoismus-Ideologie bar jeglicher Erklärungskraft (vgl. Schmidt 1996: 106). Das Ziel dieser Hausarbeit ist es deshalb, der Frage nachzugehen, ob es sich beim „Exportschlager RC“ um ein Qualitätsprodukt oder um fehlerbehaftete Billigware handelt. Im Mittelpunkt steht dabei der Rationalitätsbegriff selbst. Die ursprüngliche, eng gefasste Variante wurde um zahlreiche Annahmen ergänzt, dennoch ergeben sich auch mit diesem weiter gefassten Rationalitätsbegriff Probleme und Anomalien. Ein Problem ist dabei die Erweiterung des Rationalitätsbegriffes selbst - Kritiker wenden ein, dass der Ansatz auf diese Weise durch post-hoc-Einschränkungen und -Abwandlungen immer weiter immunisiert wird, bis er schlussendlich keinerlei Aussagekraft mehr besitzt (vgl. Kirchgässner 1991: 59). Um sich mit diesen Problemen überhaupt kritisch auseinandersetzen zu können, sollen zunächst die Grundzüge von RC skizziert werden. Dabei ist zur Kenntnis zu nehmen, dass es „die“ Rational-Choice-Theorie so nicht gibt, sondern eine Vielzahl von Konzepten, denen ein einheitlicher Kern gemein ist (vgl. Green/Shapiro 1999: 24). Als diesen Kern benennt Kenneth Arrow - einer der maßgeblichen Protagonisten, die RC zum Durchbruch verholfen haben - grob „irgendeine Form der Maximierung“ von Individualinteressen (zitiert nach Green/Shapiro 1999: 25). Damit sind der methodologische Individualismus, also die Betrachtung des Individuums als relevanter Akteur, und die Nutzenmaximierung auf rationale Weise als gemeinsamer RC-Kern angelegt. Eine explanatorische Unvollständigkeit der Theorie wird dabei in Kauf genommen, diese empirisch-theoretische Leerstelle des RC-Ansatzes wird mit Brückenannahmen aufgefüllt (vgl. Kappelhoff 2004: 79). Der Kern von RC und für diese Arbeit wichtige Zusatzannahmen werden im ersten Kapitel vorgestellt.
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Die Zusatzannahmen haben eine Reihe von unterschiedlichen Konzepten hervorgebracht und den Rationalitätsbegriff stark erweitert, ohne das Auftreten von Anomalien vermeiden zu können. Exemplarisch sollen einige Probleme auf der Akteursebene behandelt werden: erstens das Framing, wonach Akteure Handlungsoptionen nach Schemata statt nach dem Nutzen bewerten (vgl. Stocké 1998: 200), zweitens die Beobachtung, dass Akteure - zum Beispiel durch Routinen oder Satisficing - versuchen, Entscheidungsprozesse zu simplifizieren (vgl. Braun 2003: 225) sowie schließlich drittens kognitive Aspekte und hierbei besonders das Streben nach kognitiver Konsonanz auch nach einer Entscheidung für eine Handlungsoption oder gar nach einer bereits erfolgten Handlung (vgl. Donsbach 1991: 73 und Ehrlich/Guttman/Schönbach/Mills 1957: 98-102). Anschließend folgt eine Diskussion, inwieweit es angesichts der Einschränkungen des Rationalitätsbegriffs noch sinnvoll ist, von „Rationalität“ zu sprechen. Diese Diskussion muss zwangsläufig auch zu methodologischen Aspekten leiten. In einem weiteren Kapitel soll deshalb beleuchtet werden, inwieweit die oben zitierten Kritiker Recht haben könnten, wonach es sich bei RC um eine unwissenschaftliche, weil empirisch nicht falsifizierbare Theorie handelt. Der Umgang mit RC soll hier anhand unterschiedlicher Wissenschaftskonzeptionen diskutiert werden.
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2. Der Rational-Choice-Ansatz in der Politikwissenschaft RC ist eine Makrotheorie, die sich des methodologischen Individualismus bedient. Das heißt: Das Explanandum von RC sind Ereignisse auf der Makroebene (oder: kollektive/soziale Phänomene). Das Explanans hingegen befindet sich auf der Mikro- oder Individualebene, es ist also das individuelle Handeln von Akteuren. Durch Aggregation der Individualhandlungen von Akteuren wird auf kollektive Erscheinungen geschlossen. Esser verdeutlicht diese Worte in folgendem Schaubild (vgl. Esser 1996: 246):
Soziale Akteure Handeln Kollektives Situation Explanandum
Zum Kern gehört ferner neben dem methodologischen Individualismus, der das Individuum in den Mittelpunkt des Interesses rückt, auch die Annahme, dass dieses Individuum sich in einer Situation der Knappheit befindet, was bedeutet, dass es nicht alle Bedürfnisse gleichzeitig befriedigen kann, sondern sich zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden muss (vgl. Kirchgässner 1991: 12). RC nimmt an, dass das Handeln zielgerichtet ist. Der Akteur wägt unter Berücksichtigung seiner Vorlieben (Präferenzen) sowie der Begrenzungen durch die Umwelt (Restriktionen) den Nutzen und die Kosten von Handlungsalternativen ab (vgl. Kunz 2004: 36 f.). Anschließend erfolgt auf rationale Weise die Auswahl einer Handlungsalternative, wobei im Sinne von RC unter rational zu verstehen ist, dass der Akteur diejenige Option auswählt, die der Verwirklichung seiner Ziele am besten dient oder - anders ausgedrückt - die seinen Nutzen maximiert (vgl. Green/Shapiro 1999: 24 und Zimmerling 1994: 16).
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Die Vielzahl von Zusatzannahmen, die an diesen Kern angedockt wurden, können hier nicht im Einzelnen vorgestellt werden. Erwähnenswürdig ist aber, dass in der Literatur bis heute diverse Menschenbilder vorgeschlagen worden sind, so unter anderem der Homo Oeconomicus und der Homo Sociologicus in unterschiedlichen Varianten. Das laut Esser brauchbarste Menschenbild ist Siegwart Lindenbergs Resourceful, Restricted, Expecting, Evaluating, Maximizing Man, kurz: der RREEMM (vgl. Esser 1996: 237 f.). Im Unterschied zum ursprünglichen Homo Oeconomicus ist der RREEMM nicht perfekt informiert über seine Handlungsoptionen und deren Folgen. Nach Zimmerling können Entscheidungen grundsätzlich unter drei Bedingungen getroffen werden: Unter Sicherheit, wenn der Akteur alle Folgen seines Handelns exakt kennt, unter Risiko - der Akteur weiß, welche möglichen Folgen sich mit welcher Wahrscheinlichkeit ergeben - und unter Unsicherheit, wenn der Akteur die Folgen seines Handelns nur grob abschätzen kann, ohne die Wahrscheinlichkeit für deren Eintreffen zu kennen (vgl. Zimmerling 1994: 18). Der Akteur versucht deshalb, seinen „erwarteten Nutzen“ zu maximieren. Das bedeutet, dass der Akteur nicht zwangsläufig die Handlungsalternative mit dem objektiv höchsten Nutzen wählt. Er kombiniert stattdessen den Nutzen einer Handlung mit der subjektiven Wahrscheinlichkeit, dass diese Folge eintritt - das Ergebnis ist der Nettonutzen einer Handlung, das beschriebene Verfahren zur Berechnung des Nettonutzens wird Subjective Expected Utility (SEU)-Modellierung genannt (vgl. Opp 1983: 36 f.). Der Akteur ist sich dabei nicht nur über Folgen der Handlungen im Unklaren, sondern er ist auch nicht vollständig über alle möglichen Handlungsoptionen informiert. Zu beachten ist dabei, dass zur Erlangung und Verarbeitung einer Information Kosten anfallen, so genannte Transaktionskosten (vgl. Kirchgässner 1991: 32 und Kunz 2004: 40 f.). Auf diese wird an späterer Stelle ausführlich zurückzukommen sein.
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Arbeit zitieren:
Florian Zerfaß, 2006, Exportschlager ökonomische Theorie des Handelns - Qualitätsprodukt oder Billigware?, München, GRIN Verlag GmbH
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