I Einleitung 3
II Humor als Auflehnung Der Kurgast 4
1 Der Weg in die Selbstaufgabe 4
2 Einsicht in die unendliche Lächerlichkeit 5
III Die Nürnberger Reise 7
1 Die romantische Konzeption von Humor nach Jean Paul 7
2 Der Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit 8
3 Humor als Produkt und Aufhebung des Leidens 9
IV Der Steppenwolf 10
1 Die romantische Ironie nach Schlegel 11
2 fröhliche Wissenschaft 12
3 Der Weg in die Verzweiflung 13
3 14
V Schlussbetrachtung 17
VI Literaturverzeichnis 19
I. Einleitung
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Diese Redewendung, die dem deutschen Schriftsteller Otto Julius Bierbaum zugeschrieben wird, ist wohl nahezu jedem bekannt. In knappen Worten schildert sie den Grundgedanken von Humor: Durch ihn sollen schwierige Zeiten leichter werden, harte Tage zu heiteren werden und die Fröhlichkeit den Missmut besiegen. Humor ist somit nicht immer nur verbunden mit Lachen, Witzen oder Späßen, sondern bedeutet meist eine positive Grundeinstellung zum Leben, die sich über schlechte Situationen hinwegsetzt. Niederlagen, Krisen, Scheitern und Fehler sollen durch diese Form von Widerstand gegen die Wirklichkeit ihren Ernst und ihren Trübsinn verlieren.
Hermann Hesse, der sich bekanntlich nicht selten in schweren psychischen Krisen befand, versuchte auch in seinen Büchern einen Ausgleich zu der oft bitteren Realität zu schaffen. Daher möchte ich in dieser Arbeit die Funktion des Humors in den Werken Kurgast 1 , Nürnberger Reise 2 und Steppenwolf 3 näher beleuchten. Die unterschiedlichen Vorstellungen Hesses im Hinblick auf die Lebens- und Wirklichkeitsbewältigung durch Humor sollen dabei im Vordergrund stehen. Die Exkurse über unterschiedliche Konzeptionen versuchen in knapper Weise darzustellen, wo die Ursprünge in Hesses Humorkonzept herrühren könnten. Der größte Augenmerk wird allerdings auf die Konflikte und deren Lösungsangebote hinsichtlich des Humors gelegt und eventuelle Entwicklungen innerhalb des Werkes aufgezeigt. So richtet sich auch die Gliederung der einzelnen Kapitel jeweils nach dem Weg in die Krise und dem Ausweg durch den Humor.
Obwohl Hesse zu den meistgelesenen deutschen Autoren gehört, finden seine unbekannteren autobiographischen Werke 4 in der Forschung kaum Beachtung. Vor allem die Nürnberger Reise wird gern als Übergangswerk zum Steppenwolf betrachtet und daher nur kurz und oberflächlich abgehandelt. Aus diesem Grunde fällt die Literatur hierfür abgesehen vom Steppenwolf eher dürftig aus. Auch im Hinblick auf die Themenstellung ist die Auswahl der Forschungsliteratur sehr
1
Herrmann Hesse: Kurgast. Aufzeichnungen von einer Badener Kur, Nachdruck der ersten Aufl., Frankfurt/Main 1977 (suhrkamp taschenbuch 227).
2 Ebd.: Die Nürnberger Reise, Nachdruck der ersten Aufl., Berlin 1975 (suhrkamp taschenbuch 383). 3 Ebd.: Der Steppenwolf, erste Aufl., Frankfurt/Main 1997 (suhrkamp taschenbuch 2786).
4 Gemeint ist hier der Kurgast und die Nürnberger Reise.
begrenzt. In den meisten Werken finden sich zwar einige Bemerkungen zum Humor, werden jedoch nicht ausführlich behandelt. Eine Ausnahme bildet hier die Dissertation von Günter Baumann 5 , die sowohl den autobiographischen Erzählungen großen Platz einräumt als auch den Humor ergiebig beleuchtet. So stellt dieses Werk trotz der psychoanalytischen Themenstellung eine wichtige Stütze für diese Arbeit dar. Neben verschiedenen Lexika und kurzen Aufsätzen dienen deshalb eigene Interpretationsansätze dazu, der Themenstellung gerecht zu werden.
II. Humor als Auflehnung - Der Kurgast
Die 1925 veröffentlichte autobiographische Erzählung, ursprünglich „Psychologia Balnearia“ 6 genannt, stellt ein hintergründiges psychologisches Selbstporträt Hesses dar. Sie schildert auf ironische Weise den Verlauf einer Badereise im Kurort Baden, auf welcher der Dichter nach anfänglicher Abgrenzung zu den anderen „Ischiatikern“ in einen apathischen Verzweiflungszustand gerät, den er durch Humor zu durchbrechen versucht. 7
1. Der Weg in die Selbstaufgabe
Wie kommt es zu diesem Verzweiflungszustand? Bereits zu Beginn seines Aufenthaltes versucht der Kurgast Hesse eine „ironische Distanz“ 8 zwischen sich und seinen angeblich viel kränkeren „Kollegen“ 9 zu schaffen, um seine Minderwertigkeitsgefühle zu überspielen: „Ich fühlte mich schon beinahe gesund, jedenfalls unendlich weniger krank als alle diese armen Menschen.“ 10 Nach der ausgiebigen Zimmersuche, erneut der Versuch sich größtmöglichst von der Außenwelt abzuschotten, und des Arztbesuches erläutert er den immer wieder kehrenden Ablauf des Kurtages: das morgendliche Aufstehen mit all seinen „dummen Verrichtungen“ 11 , das ausgiebige Mittagessen, das eigentlich im Gegensatz zur allgemeinen Genesung stehe, und schließlich der leichte Nachmittag,
5
Baumann, Günter: Hermann Hesses Erzählungen im Lichte der Psychologie C. G. Jungs, Rheinfelden- Freiburg/Breisgau-Berlin 1989.
6 Für Nichtlateiner: Balnearia – Bäder-..., Psychologia wahrscheinlich latinisiert, gemeint ist wohl 7 Vgl. Limberg, Michael: Hermann Hesse. Leben, Werk, Wirkung, Frankfurt/Main 2005, S. 42. 8 Baumann, S. 165.
9 Kurgast, S. 11.
10 Ebd., S. 13.
11 Ebd., S. 39.
an dem er sich endlich der dekadenten Kurgesellschaft entziehen könne, um für sich zu sein. Und obwohl er sich durchaus von den sinnlosen Konzerten und Spielsalons angezogen fühlt, erkennt er, dass er „trotz allem guten Willen zur Sozialität dennoch außerhalb der bürgerlichen und wirklichen Welt lebe.“ 12 Seine Verzweiflung am Umfeld steigert sich durch die nächtlichen Störungen seines Zimmernachbarn, des „Holländers“: Der Hass gegen „sein Lachen, seine gute Laune, die Energie seiner Bewegungen“ 13 vergegenwärtigt dem Dichter seine eigene Unfähigkeit und seinen Konflikt mit der Welt. Als Ausweg beschließt er seine Lage umzukehren, indem er sich der „göttlichen Einheit“ besinnt und erfolgreich seinen Hass in Nächstenliebe verwandelt. 14 Doch die Abreise des Holländers am nächsten Tag führt zum endgültigen Bruch mit sich selbst. Als Folge gibt er sich ganz dem Leben eines Durchschnittskurgastes hin, passt sich dem allgemeinen Niveau an, besucht die vorher so kritisierten Vergnügungen und „Verstreuungen“ und landet schließlich in einem Zustand der Apathie und Selbstverurteilung: „[...] erst jetzt fühle ich wieder ganz und gar, wie bitter ich diese Welt hasse. Denn jetzt hasse ich und verachte und verhöhne ich in dieser Welt mich selber, nichts andres mehr.“ 15 Der Konflikt mit der Außenwelt und der dadurch verbundene Konflikt mit sich selbst beschwört somit eine Wandlung herauf, die sich schließlich in einem Anfall von Gelächter entladen soll.
2. „Einsicht in die unendliche Lächerlichkeit“
Die Selbstverzweiflung des Kurgastes Hesse spitzt sich so weit zu, dass er nicht einmal mehr imstande ist das Bett zum morgendlichen Bad zu verlassen. Auf dem Weg zum Speisesaal jedoch tritt völlig unverhofft, auch für ihn, die plötzliche Wende ein. 16 Seine Persönlichkeit spaltet sich in eine beobachtende Instanz, einer Art Zuschauer: „[...] nicht der Kurgast und Ischiatiker Hesse, sondern der alte etwas gesellschaftsfeindliche Eremit und Sonderling Hesse“ fängt nun an, die ganze Situation der Kurgesellschaft mit kritischer Distanz zu überblicken.
13 Ebd., S. 76.
14 Vgl. Baumann, S. 169f.
15 Kurgast, S. 94.
16 Vgl. Baumann, S. 172.
Der Trübsinn, die Langeweile der anderen Gäste und der appetitlose Hesse werden in einer Weise geschildert, die sowohl dem Leser als auch Hesse selbst die absurde Stimmungslage näher bringen soll. Die Vereinigung der beiden Ichs führt darauf zum Erweckungserlebnis für den Kurgast: „[...] denn mich erschütterte von innen her eine plötzlich aufgesprungene ungeheure Lachlust, eine ganz kindische Fröhlichkeit, eine plötzliche Einsicht in die unendliche Lächerlichkeit dieser ganzen Situation.“ 17 Aus diesem unerklärlichen Erlebnis, aus dem er Distanz zum Umfeld und zu sich gewinnt, macht sich der Dichter seiner lächerliche Lage und dieser lächerlichen Umgebung bewusst. Nachdem er auch die anderen Kurgäste mit dieser unverhofften Heiterkeit angesteckt hatte, wird dem Ischiatiker sein Fehler deutlich: Er hatte die Krankheit zu ernst genommen, sie stand im Mittelpunkt seines Aufenthaltes, nun ist „die Krankheit und Kur wieder zur Nebensache geworden.“ 18 Diese Einsicht muss insofern relativiert werden, da die Krankheit deutlich psychosomatische Züge aufweist. 19 Das Nicht-Mehr-Ernst-Nehmen der Krankheit steht vielmehr für den Versuch, sich aus seiner verzweifelten Lage zu befreien und den leidenden Menschen mit seiner Außenwelt zu versöhnen.
Der Humor, den der Kurgast hier entwickelt, ist jedoch kein essentielles, kein tief im Denken verwurzeltes theoretisches Konzept, das benutzt wird, um die Wirklichkeit zu bewältigen. Vielmehr stellt das unvermittelte Gelächter eine spontane Aufwallung, ein kurzes Aufbäumen gegenüber der verfahrenen Situation dar, um den Teufelskreis des Kuralltages zu durchbrechen.
Die Erzählung zeigt somit die Psychologie eines Mannes, der „zunächst in einen tiefen Zwiespalt zu seiner Umwelt, dann zu sich selbst gerät“ und der sich schließlich gegen seine Verzweiflung mit Hilfe von Humor aufzulehnen versucht. 20 Die Persönlichkeit Hesse erzeugt somit eine gegenwärtige Einheit im Innern, die Ganzheit der Welt bleibt jedoch davon unberührt. Die Aussöhnung mit seiner Umgebung, der Versuch „die beiden Pole des Lebens zueinander zu biegen“ 21 sollen erst später – namentlich in der Nürnberger Reise – verwirklicht werden.
18 Kurgast, S. 120.
19 Siehe Arztbesuch.
20 Vgl. Baumann, S. 176.
21 Kurgast, S. 143.
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Jochen Engelhorn, 2006, Zur Funktion des Humors bei Hermann Hesse, Munich, GRIN Publishing GmbH
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