Einleitungsgedanken
1. Zur Person P. BOURDIEU
2. Die Habitus-Theorie
2.1 Ursprung des Habitus-Konzepts
2.2 Die Habitus-Theorie 2.3 Der sprachliche Habitus - ein Beispiel 3. Habitus und soziologische Strukturkategorien
3.1 Habitus und Klasse 3.2 Habitus und Geschlecht 3.3 Habitus und (soziales) Feld 4. Schlussgedanken
5. Literaturverzeichnis
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Einleitungsgedanken
Laut SCHWINGEL (1995) galt der französische Soziologe und Intellektuelle Pierre BOURDIEU vor allem unter soziologischen Kollegen bereits als Klassiker seines Metiers. Sein wissenschaftliches Gesamtwerk beschäftigt sich mit einer Vielfalt von Themen aus den Bereichen der Ethnologie, Soziologie, aber auch Philosophie und Politik, wodurch seine Arbeiten über die Soziologie hinaus auch in anderen Fachwissenschaften wie z. B. Geschichte, Erziehungs- oder Literaturwissenschaft oder aber auch bei einer breiten, an soziopolitischen Fragen interessierten Öffentlichkeit Beachtung fanden. BOURDIEUs soziologische Forschungsarbeit bestand überwiegend aus empirischen Studien über alltägliche Erfahrungen von Individuen, welche er in die Entwicklung seiner Theorien mit einbezog. Sein Gesamtwerk beinhaltet nicht eine „große Theorie“, sondern besteht aus verschiedenen Teilkomponenten wie der Theorie der Praxis, der Habitustheorie oder der Kapitaltheorie. (vgl. SCHWINGEL 1995)
Neben den Vorstellungen vom sozialen Raum, vom sozialen Feld oder dem kulturellen Kapital gehört das Habitus-Konzept zu den „zentralen Erkenntnisinstrumenten“, die BOURDIEU den Sozialwissenschaften hinterlassen hat. (vgl. KRAIS / GEBAUER 2002) Mit BOURDIEUs Habitus-Theorie werde ich mich in dieser Arbeit beschäftigen. Zu Beginn werde ich zunächst einen knappen Überblick über BOURDIEUs Biografie und über seine umfangreiche soziologische Forschungsarbeit geben, um den Hintergrund der Soziologie BOURDIEUs zu umreißen.
Anschließend gehe ich zum eigentlichen Thema meiner Arbeit über, zur Darstellung der Habitus-Theorie. Auf eine kurze Erläuterung der Ursprünge des Habitus-Konzepts folgt dann die Beschreibung der Habitus-Theorie als eine der wichtigsten soziologischen Theorien BOURDIEUs. Um den Standpunkt des Habitus im Rahmen von BOURDIEUs Forschungsarbeit zu verdeutlichen stelle ich in Anlehnung an BOHN (1991) den sprachlichen Habitus als Beispiel dar.
Nach der grundsätzlichen Darstellung der Habitus-Theorie werde ich zum Abschluss auf die Zusammenhänge zwischen dem Habitus-Begriff und den soziologischen Strukturkate-gorien Klasse, Geschlecht und Feld eingehen.
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1. Zur Person P. BOURDIEU
Bevor ich auf die Habitus-Theorie als einen wichtigen Teil der soziologischen Arbeit BOURDIEUs eingehe, werde ich einen kurzen Überblick über seine Biografie geben, um den Menschen Pierre BOURDIEU und seine umfangreiche Forschungsarbeit vorzustellen. Geboren wurde Pierre BOURDIEU am 1. August 1930 in Dengui / Frankreich, einem kleinen abgelegenen Ort in den Pyrenäen. Als guter Schüler und Beamtensohn nahm er dort eine Außenseiterposition ein und entwickelte gegenüber den Bauern gar Schuldgefühle, wie er rückblickend feststellte. (vgl. FUCHS-HEINRITZ / KÖNIG 2005, 289) Nach seinem Schulabschluss auf einem Internat geht er zum Philosophie-Studium nach Paris an die „Faculté des Lettres“ und die „École Normale Supérieure“, wo vor ihm bereits bedeutende Intellektuelle wie DURKHEIM oder SARTRE ihr Studium absolvierten. (ebenda) Nach seiner aggrégation in Philosophie nimmt er zunächst eine Stelle als Philosophielehrer am Lycée de Moulins an; allerdings muss er seinen Lehrberuf nach kurzer Zeit aufgeben, da er zum Militär einberufen und nach Algerien geschickt wird. Dort beginnt er nach seiner Versetzung als Schreibkraft in die Heeresabteilung der Generalverwaltung - getrieben vom Gefühl etwas gegen die schrecklichen Leiden in diesem Land etwas tun zu müssen - seine ersten Forschungsarbeiten, die er nach Ende seiner Dienstzeit als Assistent an der Faculté des lettres der Universität Algiers fortsetzt. (Hervorhebungen im Original; vgl. FUCHS-HEINRITZ / KÖNIG 2005, 290) Aus dem Forschungsaufenthalt in Algerien gehen seine ersten ethnologischen Studien hervor, die sich u. a. mit den Verwandtschaftsverhältnissen, Gefühlen für soziale Ehre und den symbolischen Machtverhältnissen bei den Kabylen, einem Berberstamm in Nord-Algerien, befassen. Zurück in Frankreich weitet BOURDIEU seine Forschungsarbeiten durch die Analyse der Verwandtschafts- und Heiratsstrukturen in seiner bäuerlichen Heimat in Frankreich aus und lässt die theoretisch weitreichenden Ergebnisse dieser Studien später in seine Werke „Entwurf einer Theorie der Praxis“ und „Sozialer Sinn“ einfließen. (vgl. SCHWINGEL 1995, 7) In den frühen 60er Jahren richtet sich BOURDIEUs Aufmerksamkeit vor allem auf die französische Gesellschaft; das moderne Frankreich ist durch eine Sozialstruktur von hoher Ungleichheit gekennzeichnet, in der die sozialen Positionen auf Grund des Besitzes von ökonomischen Kapital und von kulturellen Kompetenzen, Fähigkeiten und Kenntnissen zugeteilt werden. (vgl. KRAIS / GEBAUER 2002, 9)
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Weiter beschäftigt er sich mit dem französischen Bildungssystem sowie dessen Rolle bei der Reproduktion gesellschaftlicher Klassenverhältnisse und er veröffentlicht erste soziologische Studien zur Kunst und Kunstrezeption. (vgl. SCHWINGEL 1995, 8) In den 70er Jahren konzentriert BOURDIEU sich hauptsächlich auf kultursoziologische und klassentheoretische Fragestellungen, die später in sein großes Werk zur Sozialstruktur Frankreichs, in „Die feinen Unterschiede“ einfließen. (vgl. SCHWINGEL 1995, 8) Aufsätze mit Ergebnissen dieser Forschungsarbeiten veröffentlicht er in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Actes de la recherche en sciences sociales“, mit welcher er seine Idee der Verbindung von wissenschaftlichen Analysen und politischen Zielen verfolgte, d.h. er wollte damit ein sozialwissenschaftliches Diskussionsforum anbieten, welches immer auch Fragen von Herrschaft und Politik mit beinhaltet. (vgl. FUCHS-HEINRITZ / KÖ-NIG 2005, 293) Diese Idee steht auch hinter der von ihm Ende der 80er Jahre herausgegebenen Zeitschrift „liber“, die stärker disziplinenübergreifend angelegt ist, indem Künstlern wie Wissenschaftlern ein von allen nicht-wissenschaftlichen Machtmitteln befreiter Raum für eine nach eigenen Normen gestaltete Debatte geboten werden soll. (ebenda) Den Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn erreicht BOURDIEU 1982 mit seiner Berufung an das „Collége de France“, das prestigereichste wissenschaftliche Institut in Frankreich. (vgl. FUCHS-HEINRITZ / KÖNIG 2005, 293)
In den rund 1900 Veröffentlichungen als Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeit BOUR-DIEUs zwischen den Jahren 1958 und 2002 finden sich nicht ebenso viele neue Gedanken, sondern es zeigt sich, dass BOURDIEU immer wieder (geistig) an frühere Orte wie z. B. nach Algerien zurückkehrt, alte Themen aufgreift und neue Facetten entdeckt; so werden seine theoretischen Konzepte immer wieder neu verwendet, weiterentwickelt und verändert. Es fällt jedoch ein relativ geschlossener Kern seines Denkens auf, der bereits in den frühen Werken zu finden ist und in der späteren Arbeit immer deutlicher wird. (vgl. FUCHS-HEINRITZ / KÖNIG 2005, 295)
2002 veröffentlicht BOURDIEU sein Werk „Soziologischer Selbstversuch“, in welchem er sich vor allem über die eigene Position im Kräfteverhältnis des universitäre Feldes und des wissenschaftlichen Habitus klar werden wollte. Allerdings handelt es sich bei diesem Werk nicht wie vielleicht erwartet um ein autobiographisches Werk über das Privatleben von P. BOURDIEU, sondern es werden seine Dispositionen und die Strukturen der Felder, in denen er sich (als Soziologe) bewegt, dargestellt, sowie deren Harmonie und Disharmonie. (vgl. FUCHS-HEINRITZ / KÖNIG 2005, 295f.) Anfang des Jahres 2002 stirbt BOURDIEU in Paris.
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2. Die Habitus-Theorie 2.1 Ursprung des Habitus-Konzepts
Das Habituskonzept gehört zu den zentralen Erkenntnisinstrumenten, die BOURDIEU den Sozialwissenschaften hinterlassen hat. Der Begriff selbst ist nicht neu, sondern findet sich sowohl in der Philosophie als auch in der Soziologie, z. B. bei DURKHEIM oder WEBER. Seine spezifische, systematische Bedeutung erhielt er jedoch erst durch BOURDIEU im Rahmen seiner Theorie von der sozialen Welt. (vgl. KRAIS / GEBAUER 2002, 5) Nach KRAIS / GEBAUER ist es nicht einfach festzustellen, wie und wann BOURDIEU das Habitus-Konzept entwickelt bzw. erfunden hat, da der Begriff des Habitus bereits sehr früh in BOURDIEUs Veröffentlichungen auftaucht und der Sache nach - ohne Verwendung des Begriffs - bereits in den ersten Untersuchungen zu finden ist. (vgl. 2002, 18) Diese ersten Veröffentlichungen sind BOURDIEUs Arbeiten über die kabylischen Bauern in Algerien. Durch die Erfahrung Algeriens wurde aus dem Philosophen BOURDIEU ein Ethnologe und Soziologe; aus diesem Wandel folgte zugleich die Erarbeitung der Habitus-Theorie. (ebenda)
BOURDIEU erlebte in Algerien das Aufeinanderprallen zwei völlig verschiedener Weltenzum einen die vorkapitalistische Welt der kabylischen Bauern und zum anderen die ihnen durch die Kolonialisierung aufgezwungene Welt der modernen Ökonomie mit ihren Vorstellungen vom rationalem Handeln; nach seinen Vorstellungen handelten die kabylischen Bauern ökonomisch vollkommen „unvernünftig“. (vgl. KRAIS / GEBAUER 2002, 18) BOURDIEU hatte „die Verwirrung und die Not ökonomischer Akteure vor Augen, die über die uns selbst völlig vertrauten bzw. selbstverständlich, natürlich und universell erscheinenden und von der ökonomischen Ordnung stillschweigend vorausgesetzten Verhaltensdispositionen schlichtweg nicht verfügten.“ (zit. n. BOURDIEU; KRAIS / GEBAUER 2002, 18)
Im Gegensatz zu den französischen Kolonialherren und ihren Ökonomen, die die kabylischen Bauern als schlichtweg unmodern, unfähig und unvernünftig ansahen, wollte BOURDIEU verstehen, weshalb sie so handelten, wie sie handelten. Er kam bei diesem mühevollen Versuch, die praktische Logik der Kabylen zu verstehen, zu weit reichenden Einsichten. (vgl. KRAIS / GEBAUER 2002, 20f.) Zum einen kam er zu dem Schluss, dass das moderne Verständnis von rationalem Handeln keineswegs eine universal gültige Art des Denkens ist, sondern in den sozialen Voraussetzungen eines ganz bestimmten Wirtschaftssystems mit den dazugehörigen gesellschaftlichen Institutionen und politischen Strukturen gründet.
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Arbeit zitieren:
Nina Friedlein, 2005, Pierre Bourdieu - die Habitus-Theorie, München, GRIN Verlag GmbH
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