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Inhaltsverzeichnis
Seite NA
Einleitung 3
1. Kampf um Anerkennung 4
1.1 Hegel und die Neuinterpretation 4
1.2 Drei Stufen der Anerkennung 7
2. Die polnische Solidarność Bewegung 11
2.1 Konfliktverlauf 11
2.2 Hintergrundanalysen 12
Schlussbetrachtung 15
Bibliographie 17
Anhang NA
Tabelle: Struktur sozialer Anerkennungsverhältnisse 18
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Einleitung In diesen Tagen jährt sich die Gründung der Solidarność-Bewegung zum 25. Mal. Danziger Werftarbeiter lösten durch ihren Streik einen Umsturz aus, der das politische System in Polen veränderte und den Zusammenbruch der kommunistischen Welt im Osten einleitete. 1 Wie konnte es geschehen, dass nach einer jahrzehntelangen repressiven Diktatur Menschen ihr Leben riskierten, ohne dass zunächst Aussicht auf Erfolg bestand? Was bringt Menschen dazu, ihr Leben für eine Idee, für ein Ideal, für die Freiheit aufs Spiel zu setzen? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Antworten auf solche Fragen. Eine Antwort, die heute weit verbreitet ist, lautet, dass gesellschaftliche Konflikte bzw. Kämpfe, in aller Regel Interessenskonflikte sind. Aufruhr, Protest und Widerstand werden mit ungleicher Verteilung von Lebenschancen oder Gütern erklärt. 2 Dieses Verständnis geht auf die Philosophen Hobbes und Locke zurück. Beide, mit gewissen Abweichungen, betrachteten den Menschen als ein eigensüchtiges, nur auf den eigenen Vorteil bedachtes Wesen. 3 Einen anderen Standpunkt, der in dieser Arbeit diskutiert werden soll, vertritt der deutsche Philosoph Hegel. Dieser glaubte, dass der Mensch in erster Linie ein Wesen ist, das in seiner Würde anerkannt werden möchte. Deshalb betrachtete er den Verlauf der Menschheitsgeschichte als einen Kampf um Anerkennung. 4 Dabei hat Hegel zwei Versuche unternommen eine Theorie zu entwickeln, die gesellschaftliche Wandlungsprozesse auf einen Kampf um Anerkennung zurückführt. Der eine Ansatz leitet sich aus der Frage ab, wie sich Selbstbewusstsein konstituiert und der andere wie ein sittliches Gemeinwesen entsteht. 5 Beide Ansätze sollen hier diskutiert werden.
Abschließend soll eine theoriegeleitete Analyse der Solidarność-Bewegung erfolgen. Es soll geprüft werden, ob die Streiks, die zur Gründung der unabhängigen Gewerkschaft führten, auf einem Kampf um Anerkennung gründeten. Geeignet ist 1 Schuller, Konrad: Drei Männer, drei Welten. Solidarnosc Kämpfer heute, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.05, S. 3.
2 Honneth, Axel: Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt a.M. 2003, S. 258.
3 Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München 1992, S. 226. 4 Ebd. S.206.
5 Honneth: Kampf um Anerkennung, S. 107.
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dieser Protest, weil er zwar wegen wirtschaftlicher Motive – Preiserhöhung für Lebensmittel – begann, aber schnell klar wurde, dass es um mehr geht. Oder wie es ein Streikender ausdrückte: „Das Geld war der erste Antrieb, aber dann zeigte sich, daß es gar nicht darum ging.“ 6 Ein weiterer Punkt ist, dass es der vierte Protest solcherart war, schon 1956, 1970 und 1976 gab es Streiks in Polen, jedoch ohne Erfolg. 7 Somit kann ebenfalls untersucht werden, was 1980 anders verlief. Zuvor bedarf es jedoch einer Klärung der theoretischen Fundamente. Was versteht Hegel unter solch einem Kampf?
1. Kampf um Anerkennung
1.1 Hegel und die Neuinterpretation
Im 20. Jahrhundert interpretierte Alexandre Kojeve Hegels „Phänomenologie des Geistes“ neu. Im Folgenden wird dieser Interpretation gefolgt. Hegel leitet den Kampf um Anerkennung aus der Frage ab, wie sich Selbstbewusstsein konstituiert? 8 Für ihn ist der Mensch ein Wesen, welches das Wort „ICH“ verwendet 9 , nur wie ist dies möglich?
Dass Selbstbewusstsein entstehen kann, hängt von einem Affekt ab, den wir erstmal mit Tieren gemeinsam haben und der uns doch unterscheidet. Für Hegel ist es Begierde. 10 Man könnte auch von Bedürfnis sprechen. Durch die Begierde, z.B. Hunger, wird der Mensch sich seiner selbst bewusst. Und obwohl Tiere auch begehren, ist die Begierde bei Menschen etwas anderes. Denn während das Tier nur passiv konsumiert und ein Bestandteil der biologischen Welt ist, ist die menschliche Begierde eine aktive Tat auf ein Nichtseiendes bezogen. Dies kann man am deutlichsten an der Tatsache erkennen, dass Menschen ihre Nahrung zubereiten, also aus etwas Seiendem etwas Nichtseiendes erzeugen. 11 Der Mensch ist also frei seine Welt zu verändern, Dinge zu produzieren, die es vorher nicht gab. In dieser ersten Erfahrung des Selbstbewusstseins bekommt der einzelne Mensch zum ersten Mal eine Idee von seiner Würde. Es ist zunächst nur eine Idee, da sie rein subjektiv erfahren wird. Damit diese Idee eine objektive Realität werden kann, bedarf es der Anerkennung seitens eines anderen Menschen. Oder wie es Kojeve ausdrückt: 6 Tatur, Melanie: Solidarnosc als Modernisierungsbewegung. Sozialstruktur und Konflikt in Polen, Frankfurt a.M./ New York 1989, S. 17.
7 Ebd. S. 101.
8 Kojeve, Alexandre: Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens, Frankfurt a.M. 1975, S. 53. 9 Ebd.
10 Ebd. S. 54.
11 Ebd. S. 56f.
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„Um menschlich zu sein, muß der Mensch darauf ausgehen, sich nicht ein Ding zu unterwerfen, sondern eine andere Begierde (nach dem Dinge).“ 12 Anders ausgedrückt, begehrt der Mensch von anderen begehrt zu werden. An dieser Stelle wird auch deutlich, welchen Stellenwert Anerkennung in dieser Philosophie innehat. Der Mensch kann sich nur dann als Mensch erfahren, wenn ein anderer dies anerkennt. Es liegt also eine Nähe vor zu Aristoteles „zoon politicon“, der ebenfalls nur durch und mit anderen Menschen seiner Natur gerecht werden kann.
Wie wird nun diese erste Idee von der menschlichen Würde Realität? Hegels Philosophie stellt sich dar, als eine Geschichte des Selbstbewusstseins. Die Geschichte beginnt mit dem Aufeinandertreffen der ersten Menschen und dem daraus resultierenden ersten Kampf. Dabei muss man dies als ein Gedankenexperiment betrachten. Es muss zu einem Kampf kommen, weil jeder den anderen nicht als Mensch betrachtet. Die Gewissheit, dass sein Gegenüber ebenfalls ein Mensch ist, erwächst aus der Bereitschaft für seine Anerkennung zu kämpfen und letztlich zu sterben. 13 Dies ist für Hegel die erste wahrhaft menschliche Eigenschaft. Nicht nur dass der Mensch nach einem, biologisch betrachtet, nutzlosen Gut strebt, als Beispiel lassen sich Flaggen, Orden und Titel anführen, er ist sogar bereit dafür zu sterben. 14 In dieser Fähigkeit kommt die menschliche Freiheit zu ihrer Entfaltung, denn dass der Mensch z. B. zum Suizid fähig ist, erhebt ihn über die Natur, die auf Selbsterhaltung ausgerichtet ist. Und erst wenn beide Menschen diese Bereitschaft, sich auf einen Prestigekampf einzulassen, bekunden, offenbaren sie sich einander als Menschen. Dieser Kampf muss jedoch so enden, dass beide überleben. Denn wenn einer oder beide sterben, erhält niemand die gewünschte Würdigung. Dies bedeutet, dass zumindest einer sich der Angst vor dem Tode hingeben muss und als Konsequenz der Knecht des Siegers wird. 15 An dieser Stelle wird kritisiert, dass Hegel nicht genau erläutert, warum der Kampf auf den Tod gehen muss. Denn die Tatsache der Gegenwehr würde ebenfalls verdeutlichen, dass beide sich als Personen mit einem bestimmten Wert betrachten und anerkennen. 16 Ein anderer Vorschlag, wie Menschen sich der Fremdexistenz der anderen vergewissern können, kommt von Sartre. Sein Argument lautet, dass durch 12 Kojeve, S. 57.
13 Ebd. S. 58.
14 Ebd. S. 187.
15 Ebd. S. 59.
16 Honneth: Kampf um Anerkennung, S. 81f.
Quote paper:
Damian Münzer, 2005, Der Kampf um Anerkennung und die polnische Solidarno-Bewegung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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