Inhalt
1. Einleitung und Hinführung zum Thema -3-
2. Biographische Hinweise zu Hermann Hesse -4-
3. Kurze Inhaltsangabe der Novelle „Klein und Wagner“ -9-
4. Analyse von „Klein und Wagner“ -10-
4.1. Formale Aspekte -10-
4.2. Inhaltliche Aspekte -11-
4.2.1. Der Charakter Friedrich Klein -11-
4.2.1.1. Der kleinbürgerliche Beamte Friedrich Klein -12-
4.2.1.2. Der unkonventionelle Verbrecher Friedrich Klein -16-
4.2.2. Die Figur Wagner -18-
4.2.3. Verbindungen zwischen Klein, Wagner und Hesse -20-
5. Ergebnisse -21-
5.1. Die Funktion des Falles Wagner -21-
5.2. Der Konflikt -22-
5.3. Das Motiv -22-
5.4. „Klein und Wagner“ als Beitrag zur Diskussion um
strafrechtliche Belangbarkeit -23-
6. Literaturverzeichnis -26-
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1. Einleitung und Hinführung zum Thema
In der frühen Moderne tritt eine Reihe von Prosatexten auf, in denen Verbrechen und Krankheit thematisiert sind. Die Literatur auf diesem Gebiet ist reichhaltig; seien es die ganz frühen Texte wie etwa Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ (1888), Theodor Storms „Ein Bekenntnis“ (1887), die „Venus im Pelz“ (1870) des Leopold von Sacher-Masochs oder die späteren, von denen ich neben der hier behandelten, von Hermann Hesse gedichteten Novelle „Klein und Wagner“ (1919) noch Franz Jungs „Der Fall Gross“ (1920) nennen will. All diese Texte spiegeln unter anderem eine breite intellektuelle Auseinandersetzung mit der Frage der Schuldfähigkeit eines ‘entarteten‘ oder ‘wahnsinnigen‘, heute sagen wir eher ‘psychopathischen‘ oder ‘pathologischen‘, Täters.
Psychologische und juristische Schriften aus dieser Zeit bestätigen diese breite analytische Beschäftigung mit der humanistischen Unterscheidung zwischen Schuldfähigkeit und Schuldunfähigkeit, so etwa Franz von Liszt mit „Die strafrechtliche Unzurechnungsfähigkeit“ (1896), Max Nordau mit „Entartung“ (1892) und natürlich auch Erich Wulffen mit seiner „Kriminalpsychologie. Psychologie des Täters“ (1926) u.a..
Beim Durchsehen der Literatur zu diesem Thema erkennt man leicht, daß es ein Thema ist, das die Meinungen und Anschauungen polarisiert. Was mit dem Gegenstand der Auseinandersetzung zusammenhängen mag; denn der ist nicht selten ein schweres Verbrechen wie Mord oder zumindest Totschlag. Je nach Gesinnung des jeweiligen Schriftstellers fallen Darstellung und Funktion genau wie eine möglicherweise vorhandene Bewertung oder Konsequenz eines Verbrechens, das von einem psychisch abweichenden Täter begangen wird, unterschiedlich aus. Auch Hermann Hesse bearbeitet mit „Klein und Wagner“ ein Kapitalverbrechen, sogar eines mit historischem, seinerzeit aktuellem, Hintergrund 1 . Hesse geht in seiner Novelle zwar nicht explizit mit der Frage der Schuldfähigkeit um. Einsichten in die Welt der Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Intuition Friedrich Kleins, der Hauptfigur in Hesses Erzählung, werden dafür umso mehr gewährt. Von welchem Konflikt handelt die oft bloß als Kriminalgeschichte verstandene Novelle „Klein und Wagner“? Was ist das Motiv für die überraschende Tat Kleins? Welche Funktion
1 Hesse bezieht sich auf einen Fall aus dem September 1913, als der Lehrer Wagner in der Nähe von Stuttgart mehrere
Menschen tötet. Eine genaue Schilderung dieses Ereignisses findet sich in Neuzner, Bernd und Brandstätter, Horst: „Wagner.
Lehrer. Dichter. Massenmörder.“, Frankfurt/Main: 1996
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übernimmt der historische Fall Wagner für die Erzählung? Impliziert die Darstellung der Ereignisse einen bestimmten Umgang mit Straftätern und trägt Hesse so seinen Teil zur Diskussion über strafrechtliche Belangbarkeit bei?
Diesen Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit untersucht und ihren Antworten soll nähergekommen werden. Zunächst werden hierzu Hinweise aus Hermann Hesses Biographie gegeben. Wie wir sehen werden, ist auch in „Klein und Wagner“ ein hohes Maß an eigenem Erleben des Autors künstlerisch verarbeitet worden, so daß eine Beschäftigung mit Hesses Leben nicht ausbleiben kann. 2 Darauf folgt eine sehr knappe Inhaltsangabe und eine kurze Analyse derjenigen formalen Aspekte, die uns den Antworten der genannten Fragen näherbringen. Die anschließende inhaltliche Analyse setzt sich mit dem Charakter Friedrich Klein sowie der Figur Wagner auseinander. Nachdem dann auf einige Verbindungen zwischen Klein, Wagner und dem Autor Hermann Hesse selbst hingewiesen wird, werden die angestrebten Antworten gegeben.
2. Biographische Hinweise zu Hermann Hesse
Hermann Hesse erblickte die Welt erstmals am 2. Juli 1877 in Calw im Schwarzwald als Sohn eines aus Estland stammenden Missionarspredigers und einer in Ostindien geborenen Tochter eines Missionarspredigers. Man kann von einer stark an pietistischen und bürgerlichen Normen orientierten Erziehung Hesses durch seine Eltern ausgehen. Doch Hesse begehrt schon als Jugendlicher immer wieder gegen die ihm vermittelten Kategorien, Maßstäbe und Ziele auf. So faßt der dreizehnjährige Hermann Hesse, von seinen Eltern zur Theologenlaufbahn bestimmt, den viel zitierten Entschluß „entweder ein Dichter oder gar nichts werden“ 3 zu wollen. Neben der Flucht aus dem evangelischem Seminar in Maulbronn und der Flucht aus Canstatt mit Pistole und Suizidabsichten zeigen auch Briefe Hermann Hesses an seine Eltern
2 Joseph Mileck nennt „Klein und Wagner“ sogar eine „unbarmherzige Selbstenthüllung“; siehe: Mileck, Joseph,
„Hermann Hesse. Dichter. Sucher. Bekenner.“, München: 1987, S. 152 und G.W. Field spricht von dem Leser, „der sich an die
autobiographischen Elemente in Hesses Werk gewöhnt hat; siehe: Field, G.W., „Hermann Hesse. Kommentar zu sämtlichen
Werken“, Stuttgart: 1977, erschienen in der Reihe „Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik“ hrsg. v. Müller, Ulrich;
Hundsnurscher, Franz; Sommer, Cornelius S.26; so daß es schon daher geboten scheint, sich mit dem Leben Hesses wenigstens
bis zur Entstehung „Klein und Wagner“ genauer zu beschäftigen.
3 Hesse, Hermann, „Kurzgefaßter Lebenslauf“ in: ders., „Gesammelte Schriften“, Frankfurt/Main: 1957, Bd. IV,
S.471-472; vgl. auch: Schneider, Christian Immo „Hermann Hesse“, München: 1991, S.15; oder auch: Mileck, Joseph,
„Hermann Hesse. Dichter. Sucher. Bekenner.“, München: 1987, S. 21
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eindrucksvoll die Rebellion gegen seine Erzieher:
Man hat mich mit Gewalt in den Zug gesetzt, herausgebracht nach Stetten, da bin ich und belästige die Welt nimmer... Dies verdiene ich nicht . Ich liebe mich selber, wie jeder, aber nicht deshalb kann ich hier nicht leben, sondern weil ich eine andere Atmosphäre brauche, um meinen Zweck als Mensch erfüllen zu können und - zu wollen... Was hilft es mich, wenn Papa x-mal wiederholt: >>Glaube, daß wir es gut mit Dir meinen< Diese Phrase ist nicht die Bohne wert... Es gibt hier kein Hoffen und Glauben, kein Lieben und geliebt werden, viel weniger irgendein Ideal, irgend etwas Schönes, Ästhetisches, keine Kunst, keine Empfindung... keinen Geist... Ich bin Mensch und erhebe vor der Natur ernst und heilig Anspruch auf das allgemeine Menschenrecht... in Stetten habe ich auch etwas gelernt: Fluchen... Fluchen kann ich mir selbst und Stetten vor allem, dann den Verwandten, dem verhaßten Traum und Wahn von Welt und Gott, Glück und Unglück. Wenn Ihr mir schreiben wollt, bitte nicht wieder Euren Christus. Er wird hier genug an die große Glocke gehängt. >>Christus und Liebe, Gott und Seligkeit<< etc. etc. steht an jedem Ort, in jedem Winkel geschrieben und dazwischen - alles voll Haß und Feindschaft. Ich glaube, wenn der Geist des verstorbenen >>Christus<<, des Juden Jesus, sehen könnte, was er angerichtet, er würde weinen. Ich bin ein Mensch, so gut wie Jesus, sehe den Unterschied zwischen Ideal und Leben so gut wie er, aber ich bin nicht so zäh wie der Jude, ich! (11.September 1892) 4
Hesse schreibt diesen Brief aus der Schule für schwachsinnige und epileptische Kinder in Stetten, in die er geschickt wurde, nachdem er selbständig seinen Besuch des evangelischen Seminars in Maulbronn abgebrochen hatte und der anschließend von seinen Eltern veranlaßten Kur bei einem Pastor in Bad Boll ebenfalls entflohen war. Dieses Mal jedoch mit einem Revolver und unter Hinterlassung von Selbstmorddrohungen. Seit dieser Zeit leidet Hesse an Augen- und Kopfschmerzen sowie an Schlaflosigkeit.
Obwohl er keine Schwierigkeiten hat dem schulischen Unterrichtsstoff so gut zu folgen, daß er zu den Besseren in seiner Klasse zählt, endet seine Schullaufbahn im Oktober 1893, nachdem Hesse nicht einmal ein ganzes Jahr zuvor, seine schulische Karriere am Gymnasium in Canstatt wieder aufgenommen hatte.
In den folgenden fünf Jahren geht Hermann Hesse wechselnden Beschäftigungen als Buchhändler, Mechaniker und Antiquar nach, hilft seinem Vater, der abermals ernsthaft an dem Geisteszustand seines Sohnes zu zweifeln begonnen hat, bei der Gartenarbeit und geht ihm im Calwer Verlagsverein zur Hand. Hesses Vaters verweigert ihm aber die Erlaubnis, sich auf eine
4 „Kindheit und Jugend vor Neunzehnhundert: Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1887-1895",
Frankfurt/Main: 1966, S.261-266, zitiert nach Mileck, Joseph „Hermann Hesse. Dichter. Sucher. Bekenner.“, München: 1987,
S. 19f.
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Laufbahn als freier Schriftsteller vorzubereiten. Womit er den Berufswunsch Hermann Hesses weiter durch pädagogische Maßnahmen unterdrückt. Der Sohn gibt dem unüberwindlichen Druck nach und beginnt 1895 in Tübingen zum zweiten Mal eine Lehre als Buchhändler, die er konsequent zu Ende führt.
Hesse hatte schon vor der Zeit in Tübingen gedichtet 5 , doch nun, nicht mehr unter dem direktem Einfluß seiner Eltern und Lehrer, geht er seinem Wunsch, ein Schriftsteller zu sein, stärker nach als zuvor. Er schreibt jetzt nicht nur Texte verschiedenster Gattungen, darunter Essays, Skizzen, Gedichte, Prosa und sogar Dramen, Hesse bemüht sich nun auch verstärkt um die Veröffentlichung einiger seiner Arbeiten. Schon Ende 1895 entsteht „Meine Kindheit“, das 1900 als ein Teil der unter dem Titel „Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher“ erschienen Arbeiten veröffentlicht wird. Den größeren Erfolg bei seinem Bemühen um Publikation seiner dichterischen Leistungen hat Hesse zunächst mit Gedichten. Im März 1896 hat er seine erste Veröffentlichung in der Wiener Zeitschrift „Das deutsche Dichterheim“ mit dem Gedicht „Madonna“. Das erste unter seiner Autorenschaft erschienene Buch ist 1899 dann auch ein Gedichtband, die „Romantischen Lieder“. Im gleichen Jahr wird schließlich auch seine erste Prosaveröffentlichung „Eine Stunde hinter Mitternacht“ herausgebracht. Nach seiner Lehrzeit in Tübingen hält Hesse seinem Lehrherren noch ein halbes Jahr die Treue, dann zieht es ihn nach Basel, wo er wieder in einer Buchhandlung zu arbeiten anfängt. Hier gibt er sich nun große Mühe nicht ganz so zurückgezogen zu leben wie in Tübingen. So wird er bald ein häufiger Gast prominenter Familien und lernt auch die Bernoullis kennen, um deren Tochter Maria er erfolgreich wirbt. Gleichwohl er zu dieser Zeit mehr soziale Kontakte hat, bleibt Hesse im Wesentlichen ein Außenseiter beziehungsweise Einzelgänger, der sich im Weinstübchen mit ein, zwei Freunden oder allein in der freien Natur doch wohler fühlt als unter einer größeren Ansammlung von Menschen in einem überfüllten Salon oder ähnlichem. Wegen starker Augenleiden vom deutschen Wehrdienst befreit, zwingen Hesse 1902 anhaltend starke Kopf- und Augenschmerzen, Krankenurlaub zu nehmen. 1903 beendet er seine Arbeit an seinem ersten Roman, an dem er 1901 zu arbeiten begonnen hatte. Samuel Fischer nimmt die am 09. Mai 1903 an ihn geschickte Arbeit sofort zur Veröffentlichung an und so erscheint der Roman im Januar des folgenden Jahres mit dem Titel „Peter Camenzind“. Mit diesem Roman ist es Hesse endgültig gelungen, freier Schriftsteller zu sein, so daß er seine Stellung in der
5 Vgl. Mileck, Joseph, „Hermann Hesse. Dichter. Sucher. Bekenner.“, München: 1987, S. 21f.
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Buchhandlung aufgibt, Maria Bernoulli heiratet und sich mit ihr in Gaienhofen am Untersee beim Bodensee niederläßt.
Nur ein Jahr später, 1905, wird der erste Sohn geboren und Hesse kauft ein Grundstück in Gaienhofen, auf dem er eine Villa baut. „Unterm Rad“ erscheint 1906 in Buchform und Hesse wird Mitarbeiter an zahlreichen Zeitschriften, so etwa dem „Simplicissimus“, dem „Rheinlande“, der „Neuen Rundschau“, dem „März“ u.a.. Nachdem Hesse seinen Roman „Gertrud“ fertiggestellt hat, wird 1909 sein zweiter Sohn geboren.
Hesse hat nun seinen langgehegten Wunsch Schriftsteller zu sein erfüllt, er ist Familienvater und besitzt ein eigenes großzügiges Haus. Dennoch ist der Künstler und Bürger innerlich unruhig und sucht nach Befreiung von „körperlichen Schmerzen und psychischer Anspannung“ 6 . Er versucht, sich durch die Beschäftigung mit Musik und Malerei, vor allem aber durch vielerlei Wanderungen und Reisen von seinen Problemen zu lösen. Er unternimmt Wanderungen nach Norditalien, Kletterpartien im Gebirge, Skiurlaub in der Schweiz. Er besucht Konzerte in Zürich, Basel und Bern. Er nimmt an Lesungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz teil und reist aus beruflichen Gründen immer wieder nach München. Für einige Zeit lebt Hesse gar unter ein paar vagabundierenden Außenseitern, wo er „nackt und allein in einer primitiven Hütte, schlief, nur in eine Decke gewickelt, auf dem steinernen Fußboden, [er] fastete eine Woche lang und lag einen ganzen Tag bis an die Achseln in Erde begraben“ 7 . Nur kurz nach der Geburt seines dritten Sohnes, reist er nach Indien, kommt aber bald wieder nach Deutschland zurück und beschließt 1912 mit seiner Frau Maria nach Bern zu ziehen, wovon sich beide eine Besserung ihrer seelisch-privaten Sphäre versprechen.
Die Situation Hesses verbessert sich aber nicht. Die Beziehung zu seiner Frau wird zunehmend schlechter. Der jüngste Sohn wird zu Pflegeltern gegeben. Und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bringt Hesse schließlich vollends aus dem Gleichgewicht. Da Hesse nicht zum Kriegsdienst zugelassen wird, geht er 1915 zu der Deutschen Kriegsgefangenenfürsorge Bern. Nach der Veröffentlichung einiger pazifistischer Aufsätze, darunter „Wieder in Deutschland“, wird er als „grinsender Drückeberger“, „schlauer Feigling“ und schließlich als
6 Ebd. S.49
7 Ebd. S.49
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Arbeit zitieren:
M. A. Patrick Schinowski, 2001, Untersuchungen im Zusammenhang mit Verbrechen und Krankheit in Hermann Hesses 'Klein und Wagner', München, GRIN Verlag GmbH
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