Inhaltsverzeichnis
1 Historisch- kritische Methode
3
1.1 Übersetzungsvergleich 5
1.2 Literarkritik 9
1.2.1 Kontextkritik 9
1.2.2 Kohärenzkritik 10
1.3 Überlieferungskritik 12
1.4 Quellen- und Redaktionskritik 15
1.4.1 Quellenkritik 15
1.4.2 Redaktionskritik 16
1.5 Form- und Gattungskritik 18
1.5.1 Formkritik 18
1.5.2 Gattungskritik 20
1.6 Traditionskritik 22
1.7 Bestimmung des historischen Orts 24
1.8 Einzelexegese 24
1.9 Deutende Zusammenfassung der Ergebnisse 26
1.9.1 Bestimmung der grundlegenden inhaltlichen
Aussagen 26
1.9.2 Bestimmung der Intention des Textes zur Zeit
seiner Entstehung 27
2 Feministische Bibelauslegung
28
3 Vergleich der Methoden
30
4 Kritischer Rückblick
30
5 Literaturverzeichnis
32
5.1 Bibeln 32
5.2 Sekundärliteratur 32
5.3 Internetseiten 33
2
1 Historisch- kritische Methode
Die historisch- kritische Exegese ist die am häufigsten verwendete Interpretationsmethode 1 , einen Bibeltext nach heutigem Verständnis zu erschließen und zu verstehen. Sie versucht, den Bibeltext geschichtlich nachzuvollziehen und greift dazu auf kritische Prinzipien und Methoden zurück 2 . Auf diese Weise soll im Folgenden nun auch die biblische Textstelle Gen 25,19-34 historisch- kritisch ausgelegt werden. Die Auswahl der Bibelstelle erfolgte aufgrund meines Interesses an den geschilderten Familienverhältnissen. Mir erscheinen die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander ungewöhnlich und seltsam. Aus welchem Grund liebt der Vater lediglich den erstgeborenen Sohn, die Mutter hingegen aber nur den jüngeren? Und weshalb verlangt Jakob etwas für sein Linsengericht? Bedeutet ihm die Nächstenliebe gar nichts? Herrscht denn seit ihres Kampfes um die Erstgeburt, der schon im Mutterleib begann, ein ewiges Gegeneinander statt eines freundschaftlichen Verhältnisses unter Brüdern?
Beim Lesen des Textes werfen sich mir noch weitere Fragen auf: Wie ist es möglich, dass eine Frau, die ihr ganzes Leben lang unfruchtbar war, nach dem Gebet ihres Mannes zu Gott schließlich doch schwanger wird? Und weshalb wird es Rebekka trotz ihres hohen Alters und ihrer jahrelangen Unfruchtbarkeit doch gewährt Kinder zu bekommen, während anderen unfruchtbaren Frauen dieser Wunsch untersagt bleibt? Sind dem Herrn andere Menschen weniger wichtig als Isaak und dessen Nachkommen? Sollten Gott nicht alle Menschen gleich wichtig sein? Sie sind doch alle seine Geschöpfe!
Außerdem ist mir unerklärlich, weshalb Rebekka sich im folgenden Vers darüber beschwert, schwanger geworden zu sein. Sie weiß zu diesem Zeitpunkt zwar noch nichts von der Entwicklung zweier Kinder; jedoch erscheint es mir sehr undankbar, sich über eine Schwangerschaft zu beklagen, die ohne die Gnade Gottes gar nicht zustande gekommen wäre. In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, ob man anhand dieser Bibelstelle nun davon ausgehen soll, dass das Leben eines jeden Menschen vorbestimmt ist. Denn Gott gibt Rebekka ja bereits vor der Geburt der Zwillinge zu verstehen, dass der Jüngere dem Älteren überlegen sein wird. Unbegreiflich ist mir auch der Vergleich eines Neugeborenen mit einem rauen Fell und die Möglichkeit, sich bei der Geburt an der Ferse seines Zwillings festzuhalten.
1 vgl. Berg, Horst Klaus: Ein Wort wie Feuer. Wege lebendiger Bibelauslegung, München; Stuttgart 1991, S. 41.
2 vgl. Berg 1991, S. 44.
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Und schließlich ist mir noch unklar, wieso Esau so unüberlegt handelt und einen so unfairen Tausch eingeht, indem er sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht hergibt. Ist ihm sein Erbe so wenig wert? Wieso fragt er nicht nach den Absichten, die Jakob verfolgt? Traut er seinem Bruder diese Hinterlistigkeit nicht zu oder ist er zu naiv, um zu erkennen, dass Jakob ihn hintergeht, so dass sich mit diesem Einverständnis bereits die Schwäche zeigt, durch die er seinem Bruder unterlegen sein wird?
Die Bibelstelle wirft eine Menge Fragen auf, die einer Beantwortung bedürfen. Mit Hilfe von Kommentaren verschiedener Autoren wird der Versuch unternommen, diese Bibelstelle zu verstehen und sie anhand der einzelnen kritischen Prinzipien und Methoden geschichtlich aufzudecken und zu erschließen.
4
Da ich nicht mit der hebräischen Sprache vertraut bin, ist es mir nicht möglich eine Textkritik durchzuführen, mit der der Versuch unternommen wird, einen Text zu rekonstruieren, der der ursprünglichen Textgestalt möglichst nahe kommt 3 . Stattdessen habe ich einen Übersetzungsvergleich unterschiedlicher Bibeln in Form einer Tabelle erstellt, den ich im Folgenden näher erläutern werde. Vorerst verschaffe ich jedoch einen Überblick über die Bibeln, die ich im vorangegangenen Vergleich verwendet habe.
Die Lutherbibel (LB) in der revidierten Fassung von 1984 ist von Martin Luther größtenteils wörtlich, in gehobener Sprache übersetzt worden, deren Stil teilweise altertümlich erscheint; sie ist daher auch nicht zu den leicht zugänglichen Übersetzungen zu zählen 4 . Auch die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes (HS) nach der Übersetzung aus Herders Bibelkommentar gehört zu den Bibeln, die sich durch ihre ausdrucksstarke Worttreue charakterisieren 5 . Die Gute Nachricht- Bibel (GN) ist "die erste vollständige ökumenische Bibel" 4 . Sie wird von den Übersetzern als "kommunikative Übersetzung" bezeichnet, da sie auf eine wortwörtliche Übersetzung verzichtet und stattdessen in modernem, einfachen Deutsch geschrieben ist 6 . Sie ist daher leicht verständlich, so dass der Leser, dem die Sprache der kirchlichen Überlieferung fremd ist, den Sinnzusammenhang gut nachvollziehen kann 4 . Die Elberfelder Bibel (EB) ist eine sehr wörtliche und eine der zuverlässigsten Übersetzungen 4 . Trotz ihrer Texttreue ist sie aber "in ein verständliches, gut lesbares Deutsch gekleidet", wobei die Worte, die zum besseren Verständnis eingefügt wurden, gekennzeichnet sind 7 . Auch die Einheitsübersetzung (EÜ) kommt dem Urtext sehr nahe, ist aber, anders als ältere Bibelübersetzungen, in heute verständlicher Sprache verfasst 8 . In Herders Kinderbibel (KB) gelingt es dem Autor, trotz Umformulierung in kindgerechte Sprache, die Nähe zum Bibeltext beizubehalten und die Texte ansprechend und leicht lesbar zu gestalten 9 .
Besonders auffallend finde ich, dass sowohl LB als auch HS sowie EB und EÜ bei der vorliegenden Textstelle häufig unterschiedliche Begriffe aufweisen, obwohl von allen behauptet wird, dass sie wörtlich übersetzt sind oder dem Urtext sehr nahe kommen. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass ein hebräisches Wort mehre-
3 vgl.Berg 1991, S. 45.
4 vgl. www.bibelwerk.de/221.5.html (27.01.06).
5 vgl. www.theologische-buchhandlung.de/herders-bibelkommentar.htm (27.01.06).
6 vgl. de.wikipedia.org/wiki/Gute-Nachricht-Bibel (27.01.06).
7 vgl. lexikon.freenet.de/Elberfelder_Bibel (27.01.06).
8 vgl. de.wikipedia.org/wiki/Einheits%C3%BCbersetzung (27.01.06).
9 vgl. cms.bistum-trier.de/bistum-
trier/Integrale?SID=DF5370C7D9AF35926158569CBF2A3632&MODULE=Frontend&ACTION=ViewPage&Page.PK=291 (27.01.06).
6
ren deutschen Begriffen entspricht und in den einzelnen Bibeln jeweils unterschiedliche Worte dafür verwendet wurden 10 . Während die Mehrheit der hier aufgeführten Bibeln sich beispielsweise in V.19 für den Begriff "Geschlecht" oder dem nahe liegenden Wort "Geschlechterfolge" entschieden hat, übersetzen die Autoren der GN sowie der HS die hebräische Vokabel lieber mit (Familien-) Geschichte. Ich persönlich be-vorzuge den Begriff "Geschlecht", der auch von Luther verwendet wurde; er passt und klingt meines Erachtens an dieser Stelle am besten. In V.22 stimmen nur zwei der Bibeln in ihrer Formulierung überein: LB und GN verwenden beide den Begriff "schwanger", der meiner Meinung nach die Situation der Frau am besten widerspiegelt. Vor allem Aussagen wie "was soll aus mir werden?" und "warum lebe ich noch?" finde ich an dieser Stelle unpassend. V.23 habe ich in der Tabelle aufgrund seiner Länge in zwei Abschnitte unterteilt. Während die Übersetzungen zunächst noch Ähnlichkeiten aufweisen, da die verwendeten Begriffe demselben Wortfeld entstammen, weisen die Übersetzungen weiterer Ausdrücke unterschiedliche Formulierungen auf: "Volk" und "Stamm" sind sinnverwandt, während "Leib" und "Schoß" sich zwar nicht gegenseitig ausschließen, aber trotzdem verschiedene Bedeutungen besitzen. Die Begriffe "überlegen", "überwältigen" und "stärker sein" hingegen grenzen sich meiner Ansicht nach sogar eher voneinander ab, auch wenn sie im weiteren Verlauf der Jakob- Esau- Geschichte letztendlich denselben Sinn ergeben. In diesem Vers fällt zum ersten Mal auf, dass die GN eher frei übersetzt ist: wo andere Bibeln Worte wie "scheiden" oder "trennen" aufweisen, die sinngemäß gleich sind, verwendet die GN den Begriff "streiten"; das Wort "unterwerfen" im zweiten Teil des Verses klingt im Vergleich zu den in den restlichen Bibeln verwendeten Begriffen meines Erachtens zu negativ. Die KB, die ich bisher noch gar nicht in den Vergleich miteinbezogen habe, ist nicht wie eine normale Bibel in einzelne Verse gegliedert, sondern in zusammenhängenden Sätzen in kindgerechter Sprache erzählt. Sie fasst V.19-24 daher in den beiden Sätzen zusammen, die in die für V.22 und 23 vorgesehenen Spalten der Tabelle eingegliedert sind. Da sie nicht genau dem Inhalt der beiden Verse entsprechen, habe ich sie in Klammern gesetzt.
Sowohl LB als auch EÜ und KB vergleichen Esau bei seiner Geburt in V.25 mit der Rauheit eines Felles; HS und EB vergleichen ihn dagegen mit einem haarigen Mantel. Die GN fällt aufgrund ihrer freien Übersetzung aus dem Rahmen und stellt keinen Vergleich an, sondern berichtet lediglich, dass sein ganzer Körper mit rötlichen Haa-
10 vgl.www.joyma.com/elberfe.htm (27.01.06).
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ren bedeckt war. Da ich mir, wie bereits erwähnt, nur schwer vorstellen kann, dass ein Neugeborenes rau wie ein Fell ist oder mit einem haarigen Mantel verglichen werden kann, bevorzuge ich hier die Formulierung der GN. Auch V.27 habe ich in der Tabelle in zwei Abschnitte gegliedert; das bietet sich an dieser Stelle an, weil zunächst von Esau und später von Jakob die Rede ist. Im ersten Teil des Verses gleichen LB, GN und HS einander; dafür ähneln sich wiederum EB und EÜ in ihrer Formulierung. Die drei erstgenannten Bibeln bezeichnen Esau als Jäger, wobei die HS ihn sogar als "tüchtigen Jäger" hervorhebt; eine weitere Vokabel wird von den Autoren der GN und HS mit "Steppe" übersetzt, die LB gleicht sich an dieser Stelle EB und EÜ an und verwendet den Begriff "Feld". Die KB verwendet das Wort "Wald"; dieses erscheint dem Autor offenbar als am verständlichsten für den Adressaten Kind. Im zweiten Teil des Verses stimmen nur LB und EB bei der Beschreibung Jakobs in ihrer Wortwahl überein, die anderen Bibeln verwenden jeweils verschiedene Ausdrücke, die sinngemäß jedoch übereinstimmen. In V.34 verwenden LB und EB den Begriff "verachten", die Autoren der anderen Bibeln haben sich jeweils für eine andere Übersetzung entschieden, die dem obigen Ausdruck sinngemäß jedoch sehr nahe kommt. Ich persönlich bevorzuge aber den Begriff "verachten", weil er die Reaktion Esaus meiner Ansicht nach am besten beschreibt.
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1.2 Literarkritik
Die Literarkritik gliedert sich in Kontext- und Kohärenzkritik 11 . Sie untersucht einen ursprünglich unabhängig existierenden Text auf Einheitlichkeit und Stimmigkeit, um mögliche spätere Zusätze zu erkennen und infolgedessen darauf schließen zu können, dass der vorliegende Text nicht von einem einzigen Autor stammt, sondern aus mehreren Teilstücken in einem langen Prozess entstanden ist 12 . Die Kontextkritik stellt Beobachtungen zur Abgrenzung des Textes an, die Kohärenzkritik untersucht die innere Geschlossenheit und Stimmigkeit des Textes 11 .
1.2.1 Kontextkritik
Die vorliegende Bibelstelle von der Geburt Esaus und Jakobs stellt eine Einleitung der Jakob- Esau- Geschichte dar. Ihr geht die Heirat von Isaak und Rebekka (Kap. 24) voraus, welche in V.20 nochmals aufgegriffen wird. Der Abschnitt, mit dem Herkunft und Abstammung Rebekkas beschrieben werden, nimmt Bezug auf Gen 22,20-24, wo von Nahors Nachkommen berichtet wird und der Leser erfährt, dass Rebekka von Betuël gezeugt wurde (V.23a).
Bevor mit der Geburt der Zwillinge ein neuer Erzählkranz beginnt, wird zunächst der Abraham- Erzählkomplex mit einem Bericht über Tod und Begräbnis Abrahams beendet (V.7-11). Simone Paganini verweist in diesem Zusammenhang jedoch auf bestimmte Zeitangaben, die belegen, dass Abraham noch bis nach der Geburt der Zwillinge gelebt haben muss: Gen 25,7 zufolge stirbt Abraham mit 175 Jahren, laut Gen 21,5 wird er mit 100 Jahren Vater von Isaak; da dieser bei der Geburt der Kinder 60 Jahre alt ist, muss Abraham danach noch weitere 15 Jahre gelebt haben 13 . Zwischen den beiden Erzählungen von Abrahams Tod und der Geburt Esaus und Jakobs wirkt der Bericht über die Nachkommen Ismaels und dessen Tod (V.12-18) ebenfalls wie ein Einschub; so, als wenn einer Erzählung von Isaaks Söhnen zumindest eine Erwähnung der Nachkommen seines älteren Bruders vorausgehen müsste. Meine Vermutung wird von Paganini bestätigt, die nochmals auf entsprechende Altersangaben verweist: nach Angabe von Gen 25,17 stirbt Ismael mit 137 Jahren, rechnerisch kann er in Gen 26,34 aber erst 114 gewesen sein 14 .
11 vgl. Berg 1991, S. 36.
12 vgl. Ohler, Annemarie: Grundwissen Altes Testament, Band 1. Pentateuch, 1986, S. 47.
13 vgl. Paganini, Simone: Wir haben Wasser gefunden. Beobachtungen zur Erzählanalyse von Gen 25,19 - 26,35, in: Zeitschrift für die Alt-
testamentliche Wissenschaft, 2005, S. 24.
14 vgl. Paganini, 2005, S. 24: Da Abraham nach Gen 16,16 bei der Geburt Ismaels 86 Jahre alt ist, folgt daraus, dass dieser 14 Jahre älter ist
als Isaak, denn laut Gen 21,5 ist Abraham bei der Geburt Isaaks 100 Jahre alt. Isaak wiederum ist bei der Geburt Esaus und Jakobs 60 Jahre
alt. Wenn in Gen 26,34 davon berichtet wird, dass Esau 40 Jahre alt ist, folgt daraus, dass Ismael zu diesem Zeitpunkt erst 114 Jahre alt sein
kann. Des weiteren ist auch Gen 28,9 zu entnehmen, dass Ismael noch lebt.
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Arbeit zitieren:
Anne Schumacher, 2006, Historisch-kritische Auslegung der Bibelstelle 25,19-34 "Esaus und Jakobs Geburt", München, GRIN Verlag GmbH
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