Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 2
2. Die Beweggründe Laudines 3
2.1 Ausgangslage 3
2.2 Laudine als leicht getröstete Witwe´? 4
2.3 Die erste Begegnung mit Iwein und die Verlobung 6
2.4 Aufkeimende Gefühle? 9
2.5 Die Jahresfrist und der Herzenstausch 10
2.6 Die Verwünschung durch Lunete 12
2.7 Laudines Kniefall und das Problem der Iwein -Überlieferung 13
3. Die Rolle der Lunete 15
4. Schlussbetrachtungen 16
5. Literatur 17
1
1. Vorwort
In Hartmann von Aues Artusroman >Iwein< spielt die Figur der Königin Laudine eine tragende Rolle für die Romanhandlung. Sie und ihr Verhalten sind Auslöser für das weitere Geschehen und beeinflussen das Handeln des Ritters Iwein nachhaltig. 1 Diese Qualifizierung Laudines lässt sich auf alle tragenden Frauenrollen in den Epen Hartmanns übertragen. 2 Im Falle des >Iwein< ist die Motivation für Laudines Handeln ambig und somit mehrdeutig ausgelegt. Ihre Beziehung zu Iwein wurde im Hinblick auf den Gesamtzusammenhang der Geschichte deswegen oft als unmoralisch, unlogisch, zu wenig motiviert und sinnbrüchig kritisiert. 3 Da Laudines Beweggründe aber sinngebend für den ganzen Roman sind, liegt es nahe, dass eine logische Vorgehensweise von Laudine wichtig und strukturbestimmend für die ganze Geschichte ist. 4
Diese Arbeit beschäftigt sich damit, die genauen Beweggründe Laudines für ihre Heirat mit Iwein anhand ihrer Aussagen im Text sowie durch die Kommentare des Erzählers herauszustellen. Warum heiratet sie den Mörder ihres Mannes? Dies soll die zentrale Frage der Arbeit sein. Darüber hinaus wird ein weiteres Augenmerk auf die Frage gelegt, ob sich Laudines Einstellung zu Iwein ändert oder ob sie während der Erzählung in ein und demselben Verhältnis zu ihrem neuen Mann steht. Dazu wird zunächst ein Blick auf die Ausgangslage der Königin geworfen, bevor die erste Begegnung mit Iwein und die Verlobungsszene genauer analysiert werden. Um die Entwicklung Laudines nachvollziehen zu können und um zu überprüfen, ob ihre Einstellung zu Iwein stringent bleibt oder nicht, werden danach der Herzenstausch, die durch Lunete vorgebrachte Verwünschung Iweins und der versöhnende Kniefall am Ende betrachtet. Bezüglich des Schlusses von Hartmanns Artusroman wird der Frage nachgegangen, welches Licht ein anderes Ende der Geschichte auf die Rolle der Laudine wirft. Die Analyse schließt mit einem Blick auf Lunete, der zweiten weiblichen Handlungsträgerin neben und im Kontrast zu ihrer Herrin und einem abschließenden Urteil über die Figur der Laudine.
1 Cormeau, Christoph/Störmer, Wilhelm: Hartmann von Aue. Epoche - Werk - Wirkung, München 2 1993 (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte), S. 176.
2 Carne, Eva-Maria: Die Frauengestalten bei Hartmann von Aue. Ihre Bedeutung im Aufbau und Gehalt der Epen, Marburg 1970 (Marburger Beiträge zur Germanistik Band 31). S. 14: Carne spricht darüber hinaus von einer „grundlegende[n] Bedeutung für die Einheit und den Gehalt des Werkes“, die der Begegnung des Helden mit der Frau zukommt.
3 Ebd. S. 38, S. 66, S. 131.
4 Braunagel, Robert: Die Frau in der höfischen Epik des Hochmittelalters. Entwicklungen in der literarischen Darstellung und Ausarbeitung weiblicher Handlungsträger, Ingoldstadt 2001. S. 33.
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2. Die Beweggründe Laudines
2.1 Ausgangslage
Auf einem âventiure-Feldzug tötet Iwein Askalôn, den Gatten und Landesherrn Laudines, was sie in tiefe Trauer stürzen lässt. Dass diese Trauer ehrlich ist und aus tiefem Herzen kommt, lassen die Schilderungen des Erzählers erkennen:
ze dirre werlte geschehen: wand sî muose tôten sehen einen den liebsten man
den wîp ze liebe ie gewan. ezn möhte nimmer dehein wîp gelegen an ir selber lîp
von clage selhe swære der niht ernest wære. Laudine hat ihren Mann sehr geliebt und leidet unter seinem Tod. Durch ihre Klagen einige Verse später erfährt man, dass sie am liebsten sterben möchte (V. 1462-1468). Doch dies verbieten ihr Glaube und ihre Funktion als Herrscherin über ihr Land (V. 1895f).
Iwein hingegen hat sich gerade durch ihr Trauern (V. 1599-1608) in die Witwe verliebt und läuft in dieser paradoxen Situation Gefahr von den Landsleuten Laudines auf Grund seines Totschlags an Askalôn umgebracht zu werden. Doch diese unabdingbare Liebe zu Laudine wird ein Zusammenkommen der beiden begünstigen und ihn später ins Unglück stürzen.
Laudines Herrschaftsbereich ist nach dem Tod ihres Mannes schutzlos möglichen Angriffen ausgesetzt, denn sie als Frau ist nicht waffenfähig. 6 Doch da ein Angriff von König Artus und dessen Heer kurz bevorsteht, drängt ihre Zofe Lunete sie dazu, sich einen neuen Herrn und Quellenbeschützer zu suchen. Da Iwein sich mit seinen Gefühlen der Zofe anvertraut hat, schlägt diese der trauernden Witwe den Mörder ihres Mannes als neuen Gatten vor. 7 Um dem Dilemma der bevorstehenden Landesverteidigung zu entgehen, heiratet Laudine gezwungenermaßen den Ritter Iwein durch weitere geschickte Überredungskunst Lunetes. Im folgenden Kapitel werden ihre Gründe hierfür genauer analysiert.
5 Hartmann von Aue: Iwein, Text der siebenten Ausgabe von G.F. Benecke, K. Lachmann und L. Wolff, Übersetzung und Nachwort von Thomas Cramer, Berlin/New York 4 2001. S. 26. Alle folgenden Übersetzungen mittelhochdeutscher Wörter und Zitate sind derselben Quelle entnommen, sofern nicht anderweitig gekennzeichnet.
6 Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman, Stuttgart 1998 (Literaturstudium). S. 67f.
7 Zur Rolle der Lunete siehe Punkt 3 dieser Arbeit.
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2.2 Laudine als `leicht getröstete Witwe´? 8
Laudine reagiert überrascht, als Lunete (ihr Beistand leistend) den Wunsch äußert, ihre Herrin möge doch bald einen Askâlon ebenbürtigen Herren finden. ‚meinstuz sô?’ (V. 1805), dass diese Erwiderung Laudines mit Entsetzen geäußert wird, lassen ihre nächsten Worte erkennen: ‚dû tobest, ode ez ist dîn spot.’ (V. 1807.) Für sie scheint es derzeit außer Frage zu stehen, so kurz nach der Heirat bereits über einen Nachfolger nachzudenken. Laudine denkt hier ausschließlich in privaten Sphären; sie kann auf Grund ihrer Trauer noch nicht als Herrscherin antworten. 9 Doch dass dies dringend notwendig ist, verdeutlicht der bevorstehende Angriff König Artus’ und seines Heers: ‚Enist dan nieman der in wer, so ist iuwer êre verlorn’ (V. 1842f). Durch diese drastische Konsequenz, die ihr Lunete schildert, wird Laudine zum Umdenken verleitet. Dass dies nicht etwa einem naiven und unfesten Charakter der Königin zuzuschreiben ist, betont der Erzähler deutlich. Für ihn ist diese Wandlung Laudines eine Folge ihrer güete, ihres „weichen Herzens“ (V. 1878), die er von ‚unstæte’ (V. 1885) abgegrenzt wissen will und eindeutig als ‚guot’ (V. 1883) wertet. Die Königin trauert um ihren Ehemann und muss von Lunete auf das politisch Notwendige aufmerksam gemacht werden. Der Übergang von einer trauernden Ehefrau in ihre Herrscherrolle fällt ihr zu diesem Zeitpunkt jedoch noch schwer. Sie sträubt sich zwar nicht mehr generell gegen den Gedanken, einen neuen Landesbeschützer finden zu müssen. Sie will diesen aber nicht heiraten (V. 1909-1916). Lunete erweist sich hier als intelligente Vermittlerin und appelliert an die Ehre ihrer Herrin, die gewahrt werden müsse. Daran anschließend vermag sie es geschickt, die Vorzüge Iweins im Vergleich zu Askalôn herauszustellen, in dem sie ihn als erwiesen stärker und mutiger darstellt (V. 1995-1970). Ihre Herrin reagiert darauf mit Bestürzung und schickt ihre Zofe davon. Hier überwiegt immer noch die private Seite Laudines - doch bald darauf sieht sie ein, zu hart reagiert zu haben (V. 2015-2032). Ihr Einlenken ist auch hier ihrer güete zuzuschreiben. Sie erkennt, dass Lunete ihr treu ergebenen ist und dass sie als Herrscherin eine dringende politische Entscheidung zu fällen hat. Sie verzeiht dem Mörder ihres Mannes nicht:
‚Swer er ist der in sluoc ‚Wer es auch sein mag, der ihn erschla- 8 Wiegand,Herbert Ernst: Studien zur Minne und Ehe in Wolframs Parzival und Hartmanns Artusepik, Berlin/New York 1972 (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker Band 173). S. 60.
9 Ebd.
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wider den hân ich schulde gnuoc
daz ich im vîent sî.’
Doch sie macht sich Gedanken über seine Tat und kommt zu dem Schluss, dass er aus Notwehr gehandelt haben muss (Askalôn hat ihn erschlagen wollen) und sieht ihn im politischen Sinn als Unschuldigen (V. 2042-2045). Wie kann eine trauernde Witwe so viel Verständnis für einen ihr unbekannten Menschen aufbringen, der zudem noch ihren Mann getötet hat? Zum einen motiviert Hartmann dies anhand der oben erwähnten
güete;
der zeitliche Zwang, einen neuen Landesverteidiger zu finden, stellt jedoch Laudines Hauptmotivation dar.
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Laudine begibt sich hier nunmehr fast vollständig in ihre Herrscherfunktion und wählt den im Augenblick mutigsten und tapfersten Ritter, der in ihrem Fall unglücklicherweise der Mörder ihres Mannes ist. Politisch gesehen verzeiht sie Iwein seine Tat -
‚Sus
brâhtesiz in ir muote
ze suone und ze guote, und machte in unschult wider sî.
’ - privat jedoch nicht (vgl. V. 2040f). Doch Hartmann erwähnt zum anderen einen zweiten Faktor, der Laudine ebenfalls versöhnlichere Töne anschlagen lässt, nämlich die Minne:
diu gewaltige Minne, ein rehtiu sünærinne under manne und under wîbe.’ Wird Laudine hier als ‚leicht getröstete Witwe’ dargestellt?
Das mittelhochdeutsche Wort „Minne“ kann eine ganze Vielzahl von Bedeutungen auf sich vereinigen und lässt sich nicht auf die heutige Bedeutung des Wortes „Liebe“ beschränken. Zwar verleitet der Zusatz ‚under manne und under wîbe’ (V. 2054-2057) zu der Annahme, es handle sich hier um einen Anflug von Zuneigung Laudines zu Iwein. Dagegen spricht jedoch, dass sie ihn noch gar nicht gesehen hat und ihn darüber hinaus auch gar nicht kennt - sie konnte sich somit noch kein eigenes Bild von ihm machen. Laudine wählt ihn zu diesem Zeitpunkt
10 Braunagel, Frau in der höfischen Epik des Hochmittelalters [Anm. 4], S. 31.
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Arbeit zitieren:
Henry Mayer, 2006, Die Beweggründe der Laudine - Warum heiratet sie den Mörder ihres Mannes?, München, GRIN Verlag GmbH
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