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Inhaltsverzeichnis
Abgrenzung der Themenstellung 1
1. Das kollektive Gedächtnis: Wesen und Wirkung 3
1. 1 Kollektive Erinnerungen: Kategorien nach Halbwachs, Assmann und Assmann 3
1. 2 Kollektive Erinnerungen als Machtressource 9
1. 2. 1 Erinnern nach Einheitsgebot: Gedächtnisstruktur in der DDR 9
1. 2. 2 Mission Mythos: Die doppelte Legitimationsfunktion 12
1. 2. 3 Der Gründungsmythos als fundierende Erinnerungsfigur 14
2. Massenmedien: Mittel und Mittler im kollektiven Erinnerungsprozess 19
2. 1 Medien als Konservierungsstoffe kollektiver Erinnerungen 19
2. 1. 1 Audiovisuelle Medien in der DDR 22
2. 2 Entwicklung der DEFA: Inhalte und Produktionsbedingungen von DDR-Filmen 24
2. 2. 1 Beginn von Filmprojekten in der SBZ 24
2. 2. 2. Vom sozialistischen Aufbau bis zum Kahlschlagplenum’ 28
2. 2. 3 Filmbilder als Vermittler von Vergangenheit: Die Thälmann-Epen 33
Res ümee 36
Anhang: Literaturliste
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Abgrenzung der Themenstellung
„Jeder tiefere Kontinuitäts- und Traditionsbruch kann zur Entstehung von Vergangenheit führen, dann nämlich, wenn nach einem solchen Bruch ein Neuanfang versucht wird.“ 1 Die Wahrnehmung von Vergangenheit ist keinesfalls naturwüchsig, Vergangenes kann nicht als etwas bedingungslos Gegebenes betrachtet werden. Denn nur die bloße Abfolge von Ereignissen sorgt längst nicht dafür, dass diese Episoden Berücksichtigung in Gegenwart und Zukunft finden. Dazu bedarf es aktiver Erinnerung, welche ausgewählte Geschehnisse mit Bedeutung ausstattet. Dies ist besonders dann notwendig, wenn die Vergangenheit herausragende Begebenheiten birgt - sowohl ruhmreichen als auch katastrophalen Charakters. Mit den Folgen einer historischen Zäsur sah sich auch Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Alle politischen Konzepte der kommenden Jahrzehnte mussten vor dem Hintergrund der unlängst zu Fall gebrachten nationalsozialistischen Diktatur entwickelt werden. Dieser Weg gestaltete sich mühevoll: Es galt, im Ausland schrittweise Vertrauen und außenpolitische Anerkennung zurück zu gewinnen. Innerhalb der Grenzen war es auf Grund einer tiefen geistigen Verwurzelung der NS-Ideologie erforderlich, den Menschen andere moralische und kulturelle Werte zu vermitteln - die Identität einer ganzen Nation bedurfte eines neuen Fundaments. Dabei musste sorgfältig ausgewählt werden, welche Bestände der vergangenen Jahre auf welche Weise zum Einsatz kommen durften. 2
Denn im Prozess einer umfassenden gesellschaftlichen Neugestaltung nimmt der Rückgriff auf die Vergangenheit eine Schlüsselrolle ein: Die gemeinsame Fernbetrachtung ausgewählter Ereignisse stellt ein wichtiges Charakteristikum sozialer Gruppen dar. Deshalb widmet sich der erste Teil dieser Arbeit den Mechanismen kollektiven Erinnerns: Welche Merkmale kennzeichnen gemeinschaftlich geteilte Erinnerungen, und wie lässt sich das kollektive Gedächtnis strukturieren? Dazu werden zunächst Prinzipien des kollektiven Gedächtnisses umrissen, gestützt auf die Theorien von Maurice Halbwachs, Aleida Assmann und Jan Assmann. Im Mittelpunkt steht die Frage nach Faktoren, welche bewirken, dass bestimmte Aspekte der Vergangenheit gesellschaftliche Bedeutung erlangen.
Bereits im Anfangsstadium der Reorganisation Deutschlands zeigte sich, dass beide Teilstaaten trotz einer gemeinsam erlebten Vergangenheit mit deren Erbe unterschiedlich umgingen: Bundesrepublik und DDR begegneten den Geschehnissen des Dritten Reichs keineswegs auf identische Weise. Diese Arbeit konzentriert sich auf die ostdeutsche Strategie der Vergangenheitsbewältigung. Im Zuge dessen wird hinterfragt, auf welche Weise kollektive Erinnerungen
1 Assmann, J., Gedächtnis, 1992, S. 32
2 Vgl. Danyel, J., Ausgangslagen, 1993, S. 131 ff.
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intentional, insbesondere als Mittel zur Machterhaltung, eingesetzt werden können: Inwiefern prägen Herrschaftsverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft die offizielle Erinnerungskultur und privates Geschichtsverständnis? Zu diesem Zweck werden Grundzüge des DDR-Regierungssystems reflektiert. Des Weiteren sollen Elemente und Funktionen des Antifaschismus-Mythos im Einparteienstaat beleuchtet werden: Denn in der DDR war die Rückbesinnung auf eine nationale ‚antifaschistische Tradition’ für die dortige Gedächtnisstruktur von zentraler Bedeutung. Jahrzehntelang garantierte der Staatsmythos die Stabilität des institutionellen Gefüges.
Während sich der erste Teil der Abhandlung mit Formen und Gebrauch des gemeinschaftlichen Gedächtnisses befasst, werden im zweiten Themenkomplex Aufgaben von Medien im kollektiven Erinnerungsprozess behandelt: Welche Rolle spielen Massenmedien - abgesehen von ihrer Informations-, Unterhaltungs- und Bildungsfunktion - für das kollektive Gedächtnis? Dabei werden zweierlei Wirkungsbereiche fokussiert: Einerseits wird untersucht, auf welche Weise Massenmedien die Strukturen gemeinschaftlich geteilter Erinnerungen aufrechterhalten, indem sie als Mittel zur Informationsspeicherung dienen. Andererseits wird erörtert, inwiefern Medien als Mittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart fungieren: Auch in der DDR kamen im Vorhaben der Staatsmacht, ein neues kollektives Gedächtnis zu formen, vor allem Massenmedien zum Einsatz. Mit ihrer Hilfe sollte der Antifaschismus-Mythos in den Köpfen der Ostdeutschen verankert werden. Exemplarisch wird dies an Entwicklung und Aufbau einer einflussreichen medialen Institution näher untersucht: Der Filmbetrieb DEFA galt in den ersten Jahren nach 1945 als größtes deutsches Nachkriegsproduktionsunternehmen und produzierte zwischen Kriegsende und Mauerfall über 700 Spielfilme. Diese Fülle an Werken und deren Wirkung trug erheblich dazu bei, die staatlich gelenkte Überzeugungstaktik auszuführen. 3
Die Versuche des DDR-Regimes, ein für die sozialistische Teilrepublik eigenes kollektives Gedächtnis zu konstruieren, spiegelten sich vor allem in der Kulturpolitik wider: Deshalb soll am Beispiel der ersten beiden Jahrzehnte sozialistischer Filmproduktion gezeigt werden, auf welche Weise künstlerische Aufarbeitungsbemühen der NS-Zeit von der Staatsideologie geprägt wurden. Ein abschließendes Kapitel widmet sich einem DEFA-Film, der sich als Auftragswerk zum Haupt-Planvorhaben der SED entwickelte: Der Zweiteiler ‚Ernst Thälmann -Sohn seiner Klasse’ bzw. ‚Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse’ (1954/1955, Regie: Kurt Maetzig) verdeutlicht das Bestreben des Regimes, eine verbindliche Sichtweise der Historie nachhaltig im kollektiven Gedächtnis der DDR-Bevölkerung zu fixieren.
3 Vgl. Holterman, A., Medienstrukturen, 1999, S. 48
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1. Das kollektive Gedächtnis: Wesen und Wirkung
1. 1 Kollektive Erinnerungen: Kategorien nach Halbwachs, Assmann und Assmann
„Kontinuität wird gedenkend hergestellt. So stiftet das Gedenken…Sinnzusammenhänge, zu denen die Alltagserfahrung niemals durchstoßen kann.“ 4 Weil sich Gesellschaften auch über die Dauer ihrer Existenz definieren, sind sie auf Kontinuität angewiesen. Kollektives Erinnern kann die Basis für Beständigkeit schaffen. Aus diesem Grund richten sich soziokulturelle Gemeinschaften Institutionen der Gedächtnispflege ein. Diese halten festgelegte Vergangenheitsperspektiven aufrecht und garantieren damit ein gemeinschaftlich anerkanntes Gedächtnis. Auf welche Weise Geschehnissen aus der Vergangenheit begegnet wird, überlassen Gesellschaften demnach nicht dem Zufall, sondern sie ersinnen Praktiken, um Vergangenes zu sammeln, zu speichern und zu verbreiten. Diese aktive Arbeit am Gedächtnis stammt vom Brauch des Totengedenkens ab; sie entwickelte sich aus dem Bemühen von Angehörigen, die Namen ihrer Verstorbenen für die Nachwelt zu bewahren. 5
Mit dem Schaffen einer Erinnerungskultur stellen sich Gesellschaften die Frage danach, welche Ereignisse nicht vergessen werden dürfen und sollen. Infolgedessen wird über Generationen hinweg eine Identität ausgeprägt, welche der Einzelne gemeinschaftlich mit Anderen teilt: „Jede Kultur bildet etwas aus, das man ihre konnektive Struktur nennen könnte.“ 6 Konnektiv ist dieses Gefüge deshalb, weil kollektiv - jenseits individueller Erfahrungen und Werte - auf die Vergangenheit Bezug genommen wird. Dadurch stiftet Erinnerungskultur der Gemeinschaft Verbundenheit, welche dem Einzelnen das Vertrauen gibt, Teil eines einmaligen kulturellen Bündnisses zu sein. Einzigartig deswegen, weil Gesellschaften ihr Verhältnis zur Vergangenheit mit höchst unterschiedlichen Methoden handhaben: Kollektive Erinnerungen richten sich nach den jeweils geltenden soziokulturellen Rahmenbedingungen und können daher vielfältig arrangiert werden. 7
4 Bolz, N., Produktivkräfte, 1999, S.194
5 Vgl. Assmann, A., Erinnerungsräume,1999, S. 33 und 46
6 Assmann, J., Gedächtnis, 1992, S. 16
7 Vgl. ebd. S. 16 ff.
6
8 Vgl. Münkler, H., Anstrengungen, 1997, S. 123 und Diner, D., Kreisläufe, 1995, S. 115
9 Vgl. Heinrich, H.-A., Erinnerungen, 2002, S. 26
10 Vgl. Halbwachs, M., Gedächtnis, 1967, S. 31
11 Ebd. S. 2
12 Ebd. S. 64
13 Ebd. S. 27
7
14 Ebd. S. 25
15 Vgl. ebd. S. 7
16 Für das Folgende: Vgl. ebd. S. 55
17 Ebd. S. 50
18 Für das Folgende: Assmann, J., Gedächtnis, 1992, S. 50 ff.
8
Aleida Assmann nähert sich dem kollektiven Gedächtnis mit anderen Fragestellungen: Nicht die Haltbarkeit von Erinnerungen steht im Fokus ihrer Betrachtungen, sondern die Verfügbarkeit. Einerseits im Hinblick auf die Sinnsubstanz von Informationen: Auf welche Weise kann gespeichertes Wissen zu Präsenz im kollektiven Gedächtnis gelangen, sprich: Wann sind Erinnerungen als solche verfügbar? Andererseits untersucht Aleida Assmann kollektives Gedenken aus Perspektive der Handhabenden: Mit welchen Intentionen können Gesellschaften über Erinnerungen verfügen?
Ähnlich wie Maurice Halbwachs betont Aleida Assmann, dass Erinnerungen keinesfalls Spiegelbilder der Vergangenheit, sondern künstliche Konstrukte sind. Da die Rückschau stets im Jetzt geschieht, ist es unmöglich, die zu erinnernden Aspekte exakt und detailgetreu abzuspulen. Die Einwirkung der Gegenwart erweist sich dabei als zu mächtig. 22 Ebenfalls stellte Halbwachs bereits fest, dass einigen Elementen des Erinnerns Bedeutung verliehen wird, an- 19 Vgl. Assmann,A., Erinnerungsräume, 1999, S. 15
20 Assmann, J., Gedächtnis, 1992, S. 52
21 Ebd. S. 140
22 Vgl. Assmann, A., Erinnerungsräume, 1999, S. 29 ff.
9
dere jedoch abstrakt bleiben: Wenn das kollektive Gedächtnis „nur Jahreszahlen und Definitionen oder willkürliche Erinnerungen an Ereignisse enthielte, bliebe es uns durchaus fremd.“ 23 Und: „Nicht auf die gelernte, sondern auf die gelebte Geschichte stützt sich unser Gedächtnis.“ 24 Demnach bedürfen Erinnerungselemente, um im kollektiven Gedächtnis überleben zu können, nicht nur reiner Aufbewahrungsmethoden, sondern zusätzlich einer Aktivierung mittels Sinnzuweisung. Aleida Assmann benennt diesen Umstand und erweitert die Überlegungen zum kollektiven Gedächtnis um zwei weitere Gedächtnis-Modi: Funktionsgedächtnis und Speichergedächtnis. 25
Das Funktionsgedächtnis involviert Begriffe, Botschaften, Nachrichten ‚mit Funktion’: Dieser Modus der Erinnerung beinhaltet jene Teile der Vergangenheit, die für die jeweilige Trägergruppe von Belang, von ihr als wichtig definiert sind. Solche Aspekte des Gestern sind den Gesellschaftsmitgliedern in der Kommunikation untereinander mehr oder weniger geläufig. Die übrigen Vergangenheitsereignisse verkümmern zur Bedeutungslosigkeit. In Form von kollektiven Gedenk- und Feiertagen wird das Funktionsgedächtnis wahrnehmbar. Das Funktionsgedächtnis ist in zweierlei Hinsicht belebt: Einerseits, weil es stützende Träger benötigt. Andererseits, weil jene Träger die dort gebündelten Informationen mit Sinn bedacht haben. Im Funktionsgedächtnis werden nicht alle zur Verfügung stehenden Fakten berücksichtigt, seine Begründer verfahren selektiv. Doch in welche Kategorie lässt sich gespeichertes Wissen ‚ohne Funktion’, redundantes Material mit fehlendem aktuellen Sinnbezug, ein-ordnen? Aleida Assmann bezeichnet diesen Erinnerungsmodus als Speichergedächtnis, welches sämtliche Aspekte der Vergangenheit umschließt. Auf diese Weise umrahmt es das Funktionsgedächtnis und bietet ihm einen Kontext. Dieses Universalgedächtnis ist unbewohnt, da nahezu trägerlos: Seine Substanz liegt in den Händen einiger Spezialisten, die es in Stand halten. Das Speichergedächtnis bedarf dieser Pflege in besonderer Weise, da sich seine Inhalte nicht - wie im Funktionsgedächtnis - durch bloßen Gebrauch erhalten. Raum für solche Arbeit findet sich dort, wo der gegenwärtige Nutzen nicht den Wert bestimmt: In Literatur, Kunst und Wissenschaft.
Trotz aller Gegensätzlichkeiten müssen sich beide Modi nicht gegenseitig ausschließen, denn ihre Grenzen sind fließend: Inhalte des Speichergedächtnisses bergen das Potenzial, jederzeit im Funktionsgedächtnis reanimiert zu werden. Umgekehrt können gegenwärtige Bezugsrahmen abhanden kommen und sich infolgedessen Inhalte des Funktionsgedächtnisses im Speichergedächtnis verlieren.
23 Halbwachs, M., Gedächtnis, 1967, S. 37
24 Ebd. S. 42
25 Für das Folgende: Vgl. Assmann, A., Erinnerungsräume, 1999, S. 134 ff.
Arbeit zitieren:
Annett Meiritz, 2004, DDR-Medien als Konstrukteure kollektiver Erinnerung an den Nationalsozialismus (Der Antifaschismus-Mythos und seine Inszenierung in Filmen der DEFA), München, GRIN Verlag GmbH
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