1. Einleitung
„Ich möchte sterben, nur noch sterben, wie ich sterbe ist mir völlig egal… Ich hasse mich, ich hasse mein Leben… Es tut mir so leid dass ich alle Menschen in meiner Nähe zum Verzweifeln bringe! […] Ich bin echt zu nichts zu gebrauchen, ich hasse mein ganzes verdammtes Leben… es soll endlich alles vorbeigehen, ich möchte endlich aus diesem Albtraum aufwachen… ich will endlich wieder aufstehen, aber ich kann nicht…“ 1 Wahrscheinlich gibt es kaum einen Menschen, der noch nie über den Sinn des Lebens allgemein und insbesondere über den Sinn des eigenen Lebens nachgedacht hat und der nicht in irgendeiner Form, insbesondere in leidvollen Situationen, zu der Frage gekommen ist: Kann und will ich so weiterleben? 2 Selbst wenn dem Suizid oft keine klare Entscheidung im Sinne des letzten Ergebnisses Lebensbestimmender Faktoren, sondern eher eine Antriebshandlung zugrunde liegt, scheint die Frage des Sinns, - ähnlich dem eingangs zitierten Beitrag aus einem Suizidforum - für die allein in Deutschland mehrfach pro Stunde festzustellenden vollendeten oder versuchten Selbsttötungen, entscheidend zu sein. 3 Selbsttötung (Fachausdruck: Suizid) und Suizidversuch sind kennzeichnend menschliche Probleme, denn nur der Mensch kann seinen eigenen Tod wollen. 4 Sie berühren grundlegend das Dasein des Menschen und setzen ein bestimmtes Maß der Selbstbetrachtung voraus, dass zu einem bewussten Handeln mit der Folge bzw. dem Versuch führt, das eigene Leben auszulöschen. 5 Selbstzerstörendes Verhalten wie bei manchen Tieren (z.B. der Todesmarsch der Lemminge u. a.) gilt nicht als Suizid, da es nicht mit der Vorstellung des Todes verknüpft ist und im Übrigen auf ganz andere Ursachen zurückgeht. 6
Sicher beschäftigt sich niemand gerne mit einem solch belastenden Thema, und häufig sind die meisten völlig ratlos, wenn sie im Familien- oder Bekanntenkreis mit drohendem- oder vollführtem Suizid konfrontiert werden, doch ein Mindestmaß an Kenntnissen über Ursachen, Risikofaktoren, Selbsttötungsmethoden u. a. kann Leben retten. Deshalb ist es wichtig
1 Beitrag vom 27.02.2006; www.selbstmordforum.de, Eingesehen am 06.03.2006.
2 vgl. Pohlmeier, Hermann : Depression und Selbstmord, 1980, S. 99.
3 vgl. Faust, Volker: Psychosoziale Gesundheit. www.psychosoziale-gesundheit.net, Eingesehen am
21.12.2005.
4 vgl. ebd.
5 vgl. Bronisch, Thomas: Der Suizid, 1995, S. 7.
6 vgl. Faust, Volker: Psychosoziale Gesundheit. www.psychosoziale-gesundheit.net, Eingesehen am
21.12.2005.
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sich zu informieren, was das Erkennen von Alarmzeichen, das Verstehen von Beweggründen, Vorbeugen und Handeln wenn es Not tut, anbelangt. 7
Mein Ziel in dieser Arbeit ist, nachfolgend einen Überblick über das Thema und Problemfeld Suizidalität, deren Ursachen und dem Erkennen der Suizidgefährdung zu geben, sowie Zusammenhänge zu untersuchen und darzustellen.
Ich werde dabei so vorgehen, dass ich zunächst einen kurzen theoretischen Hintergrund mit Hilfe konkreter Begriffsbestimmung und Epidemiologischer Fakten aufzeige, daraufhin auf die Kennzeichen verschiedener Suizidformen eingehe, um mich anschließend im Besonderen mit den unterschiedlichen Erklärungsansätzen für Suizidalität zu befassen. Dann werde ich zu dem Bereich der Diagnostik kommen und abschließend verschiedene Interventions- und Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen.
2. Die Definition von Suizidalität
Schon in der Begrifflichkeit kommen verschiedene Wertungen des Themas zum Ausdruck. 8 Noch immer wird der Tod von eigener Hand am häufigsten als „Selbstmord“ bezeichnet, was allerdings einen besonders kriminellen Beiklang beinhaltet, wenn man die Handlung aus dem strafrechtlichen Blickwinkel betrachtet, denn Mord definiert die vorsätzliche Tötung eines Menschen aus Mordlust oder sonstigen niedrigen Beweggründen. Weitere Bezeichnungen sind die Selbstvernichtung und der „Freitod“, womit der Haltung einer nihilistischen Lebenseinstellung entsprochen und die Freiheit des Menschen betont wird, sein Leben selbst zu beenden. Doch durchsetzen konnten sich diese Begriffe nicht, da sie alle bei genauem Hinsehen beanstandungswürdige Einschränkungen aufweisen. 9 In der Wissenschaft und mehr und mehr auch im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet man lieber den unabhängigen Begriff „Selbsttötung“, ebenso wie die lateinische Übersetzung „Suizid“ 10 , da sie einen Ab-stand zum Geschehen schaffen, das heißt sie vermeiden es am ehesten, Gefühle wie Trauer, Wut oder Schuld hervorzurufen. 11
7 vgl. Faust, Volker: Psychosoziale Gesundheit. www.psychosoziale-gesundheit.net, Eingesehen am
21.12.2005.
8 vgl. Ruppert, Franz: Suizid und Suizidgefährdung www.franz-ruppert.de, Eingesehen am 21.12.2005
9 vgl. Faust, Volker : Psychosoziale Gesundheit www.psychosoziale-gesundheit.net, Eingesehen am
21.12.2005.
10 Vom lateinischen „sua manu caedere“ = durch eigene Hand fallen. Oder „sui caedere“ = sich fallen,
töten, opfern.
11 vgl. Ruppert, Franz: Suizid und Suizidgefährdung www.franz-ruppert.de, Eingesehen am
21.12.2005.
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Genau genommen versteht man unter Suizid eine zum beabsichtigten eigenen Tode führende Handlung. Suizidalität hingegen meint eine versteckt vorhandene Neigung, sich das Leben zu nehmen bzw. aus dem Leben scheiden zu wollen. Zum Erscheinungsbereich Suizidalität gehören im engeren, herkömmlichen Sinn die Gesamtheit all derjenigen Gedanken und Handlungen eines Menschen, die darauf abzielen, das eigene Versterben aktiv oder durch Unterlassung herbeizuführen. Im weiteren Sinne werden im diagnostischen Alltag auch der Wunsch nach Ruhe, Pause, Veränderung, Unterbrechung im Leben und die daraus folgenden direkten oder indirekten selbstdestruktiven, grundsätzlich lebensgefährdenden Verhaltensweisen eines Menschen dazugerechnet. 12
Dabei können unterschiedliche Formen von Suizidalität mit unterschiedlichem Handlungsdruck separiert werden: 1. Ruhewünsche ohne Versterbensabsicht.
2. Todeswünsche, aktual oder in Zukunft, ohne direkte ausübende Handlung und ohne Handlungsdruck.
3. Suizidideen umfassen mehr oder minder genau z. B. das Nachdenken über den Tod im Allgemeinen und den eigenen Tod. Im engeren Sinn sind unter Suizidideen unmittelbare Vorstellungen von möglichen Suizidalen Handlungsweisen zu verstehen. Häufig ist es ein Ausdruck von Zwiespältigkeit, jedoch eher untätig, ohne tatsächlichen Handlungsdruck.
4. Suizidabsichten sind von Suizidideen abzugrenzen, denn sie sind mit tatsächlicher Planung und Absichtserklärung zur Durchführung verbunden und es besteht ein deutlich erlebter Handlungsdruck.
5. Unter Suizidversuch, im englischen Sprachraum auch Parasuizid, werden Handlungen zusammengefasst, die deutliche Todesabsichten zeigen und in dem Glauben durchgeführt werden, dass sie mit der angewandten Art und Weise das Ziel erreichen, jedoch dann überlebt werden. 13
6. Die Selbstzerstörung ist häufig ein ausgeprägter Hilferuf, oder ein Mittel das als Zeichen dienen soll, um etwas zu erreichen oder auf eine Veränderung abzuzielen.
12 vgl. Möller, H.J.: Suizidalität erkennen und behandeln. http://psywifo.klinikum.uni-muenchen.de,
Eingesehen am 21.12.2005.
13 vgl. www.med.uni-jena.de, Eingesehen am 21.12.2005.
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Hierbei liegen kaum Todesabsichten vor, jedoch wird die Gefahr des Sterbens in Kauf genommen. 14
3. Epidemiologie
Was die Verbreitung von Suiziden betrifft gibt es einige Auffälligkeiten. Ab den 60er Jahren gab es in der Bundesrepublik Deutschland einen sehr schnellen Anstieg der amtlichen Suizidrate 15 , die in den 80er Jahre bei 45 pro 100.000 der Allgemeinbevölkerung lag und ihren Höhepunkt um die 90er Jahre herum hatte, wo 1993 geschätzte 104 Bundesbürger von 100.000 versucht haben sich das Leben zu nehmen. In den letzten 10 bis 15 Jahren lässt sich Ergebnissen zufolge eine Abnahme der Entwicklungstendenz zur Selbsttötung registrieren, aber dennoch ist schwer zu sagen, ob vollendete Selbsttötungshandlungen in den letzten Jahren tatsächlich gesunken sind, was mit der Erfassungsweise bzw. mit der Beurteilung zusammenhängt. 16 Zum Einen hat die Zahl der Rauschdrogentoten in den letzten Jahren deutlich zugenommen, wobei jeder fünfte versteckt als Suizid anzunehmen ist, zum Anderen ist die Abnahme der bestätigten Suizidziffern mit dem Ansteigen so genannter „unklarer Todesursachen“ gleichlaufend.
Die Suizidrate der Männer ist zwei- bis dreimal höher als die der Frauen. Demgegenüber ist die Verteilung beim Suizidversuch gerade entgegengesetzt: die höchsten Raten finden sich hier bei Frauen zwischen 15 und 30 Jahren (zwei mal häufiger als Männer), wobei es hier eine hohe Dunkelziffer gibt, da Suizidversuche im Gegensatz zu Suiziden aus datenschutztechnischen Gründen nicht meldepflichtig sind.
Sowohl für Männer als auch Frauen steigen die erfolgreich durchgeführten Suizide pro 100.000 Einwohner im höheren Lebensalter, besonders ab dem Alter von 70 Jahren, an. Bei Kindern ist der Suizid sehr selten. Jedoch grob geschätzte 30 Prozent der Heranwachsenden und jungen Erwachsene haben Suizidideen, und der Suizid ist hier bereits nach Unfällen die häufigste Todesursache. 17
14 vgl. Empfehlung zur Diagnostik und zum Umgang mit Suizidalität in der stationär psychiatrisch -
psychotherapeutischen Behandlung. In: Krankenhauspsychiatrie 16, S. 51 - 54.
15 Suizidrate : Zahl der Suizide pro Jahr pro 100.000 Einwohner.
16 vgl. Quednow, Boris B.: Suizid. www.meb.uni-bonn.de, Eingesehen am 21.12.2005.
17 vgl. Faust, Volker: Psychosoziale Gesundheit. www.psychosoziale-gesundheit.net, Eingesehen am
21.12.2005.
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3.1. Häufigkeit von Suizidhandlungen
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der Bundesrepublik Deutschland nahmen sich im Jahr 2000 11.100 Menschen das Leben, davon 8100 Männer und 3000 Frauen. Bezogen auf 100.000 Einwohner gibt es in Deutschland jährlich 16 bis 19 Selbsttötungen. 18 Für Männer beträgt die Suizidrate 20,28 und für Frauen 6,97. Im Unterschied dazu gibt es für die Selbsttötungsversuche aus bereits erwähnten Gründen keine ausreichend bestätigten Ergebnisse. Man geht davon aus, dass das Verhältnis vollzogene Selbsttötung zu Suizidversuch bei Frauen ca. eins zu zehn beträgt und bei Männern etwa eins zu drei. Pro Jahr unternehmen insgesamt ca. 48.600 Männer und 61.600 Frauen Suizidversuche. Mit 1,3 % aller Todesfälle ist der Suizid eine der häufigsten Todesursachen. In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Transportmittelunfälle. 19 Nach Ergebnissen einer Studie der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich weltweit etwa eine halbe Million Menschen an Suizid. 20 In den europäischen Ländern ist die Suizidrate sehr unterschiedlich. Die höchste Rate für Suizid findet sich in Litauen, sowie für Suizidversuche in Finnland, Frankreich und England. Die niedrigsten werden in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal gefunden. Im Vergleich liegt Deutschland üblicherweise etwas unterhalb des Mittelwerts. 21
Infolge der aufgeführten Zahlen wird das Ausmaß dieser Erscheinung als ein nach wir vor überaus ernstes gesellschaftliches Problem bewusst.
3.2. Risikofaktoren für Suizidalität
Auffallend häufig kommt es zu einer Verbindung von verschiedenen Lebensbedingungen und unmittelbaren Problemen, die bei Personen grundsätzlich mit einer besonders erhöhten Suizidgefahr rechnen lassen und deshalb als Risikoumstände für Suizidalität gelten können. 22 Ein großer Teil des suizidalen Verhaltens beruht auf psychischen Erkrankungen oder Störungen, insbesondere Psychosen wie Schizophrenie, die 5 bis 15 % der Sterbefälle durch Su-
18 vgl.Bron, Bernhard: Vergiftung und Suizid. In: Deutsches Ärzteblatt 97, 2000, A 3027 - 3029.
19 vgl. Statistisches Bundesamt: Todesursachenstatistik, www.destatis.de, Eingesehen am 17.12.2005.
20 vgl. Möller, H.J.: Suizidalität erkennen und behandeln http://psywifo.klinikum.uni-muenchen.de,
Eingesehen am 17.12.2005.
21 vgl. Ruppert, Franz : Suizid und Suizidgefährdung www.franz-ruppert.de, Eingesehen am
21.12.2005.
22 vgl. Finzen, Asmus; Hoffmann-Richter, Ulrike: Umgang mit suizidalen Patienten. In: Via medici.
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Arbeit zitieren:
Britta Brokate, 2006, Suizidalität und ihre Diagnostik, München, GRIN Verlag GmbH
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