1 Was ist Interaktion?
1.1 Begriffsbestimmung von Interaktion in Abgrenzung zu Kommunikation
Unter sozialer Interaktion ist nach Bergius folgendes zu verstehen:
Als wichtiges Kennzeichen der sozialen Interaktion ist die Interdependenz zu nennen. Das bedeutet, dass sich die Interaktionspartner wechselseitig beeinflussen, wodurch man nicht mehr klar zwischen Ursache und Wirkung trennen kann.
Beispiel: Wenn ein Lehrer seine Bestrafung gegenüber einem Schüler damit erklärt, dass der Schüler
sich aggressiv verhalten habe, so kann dies aus der Sicht des Schülers genau umgekehrt sein. Vielleicht sieht dieser seine Aggressivität als Folge der häufigen Bestrafung durch den Lehrer.
Unter Kommunikation versteht man im allgemeinen den Austausch jeglicher Mitteilungen zwischen Individuen.
In Abgrenzung zur Interaktion, wird die Kommunikation häufig als spezifische Form der Interaktion bezeichnet.
ð von Interaktion und Kommunikation ist im allgemeinen immer dann die Rede, wenn
nicht eine einseitig gerichtete Handlung vorliegt, sondern eine Wechselwirkung
(=Interdependenz) zwischen den beteiligten Personen.
1.2 Unterschiedliche Betrachtungsweisen von Interaktion
Es gibt zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen von Interaktion und Kommunikation:
• Interaktion und Kommunikation als wechselseitige Steuerung und Kontrolle
Bei dieser Sichtweise versteht man unter Interaktion ein dialektisches Verhältnis, in dem Menschen einander dadurch steuern und kontrollieren, dass sie einander „belohnen“ oder „bestrafen“. Diese Art der Betrachtung beruht auf der Überlegung, dass Menschen in gewisser Weise immer aufeinander angewiesen sind, und daher auch in der Lage sind dem anderen Befriedigung zu gewähren oder auch zu verweigern. Auf Grund dieser Tatsache sind sie also in der Lage, den anderen zu steuern und zu kontrollieren, was im Extremfall bis hin zur sozialen Manipulation gehen kann. In dieser Betrachtungsweise kommt der Begriff der sozialen Interaktion dem soziologischen Begriff der sozialen Kontrolle sehr nahe.
• Interaktion und Kommunikation als wechselseitiger Austausch materieller und immaterieller Güter
Vertreter dieser Sichtweise verstehen Interaktion als Austauschprozess, in dem gewünschtes Verhalten durch das Anbieten materieller und immaterieller „Güter“ bewirkt wird.
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Ein wesentlicher Vertreter der Austauschtheorie ist Homans, der von der Annahme ausgeht, dass Menschen sich gegenseitig zu Aktivitäten anregen, indem sie soziale Anerkennung, Sympathie, Freundschaft... zum Tausch anbieten.
1.3 Prozess der Interaktion und Kommunikation
Wie in der Abbildung gezeigt, enkodiert der Sender eine Botschaft , z.B. in sprachliche Signale. Diese wird dann über einen Kommunikationskanal (z.B. über den akustischen Kanal) an den Empfänger weitergeleitet, der die Botschaft schließlich decodiert, d.h. entschlüsselt. Hierbei ist zu beachten, dass die Qualität der Entschlüsselung von Störquellen beeinflusst wird. Ist es zum Beispiel sehr laut im Umfeld von Empfänger und/oder Sender, oder rauscht das Telefon beim Gespräch, können die vom Sender ausgehenden Signale in verzerrter Form beim Empfänger ankommen, was zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führen kann.
Nach Empfang und Interpretation der vom Sender ausgehenden Signale, wird der Empfänger schließlich dem Sender Rückmeldung irgendeiner Art geben.
1.4 Gesetzmäßigkeiten menschlichen Interaktionsverhaltens
Beim Ablauf der eben genannten Prozesse zwischen Sender und Empfänger, sind einige Gesetzmäßigkeiten erkennbar, die Scherer 1977 folgendermaßen herausgestellt hat:
• Koorientierung der Kooperationspartner
Kommunikationspartner müssen aufeinander aufmerksam werden, und diese Aufmerksamkeit während des Interaktionsprozesses aufrecht erhalten.
Des weiteren erfordert Koorientierung den Austausch der Sprecherrollen, da es sonst zu einem Monolog werden würde, in dem einer der Kommunikationspartner die Aufmerksamkeit nicht mehr aufrecht erhalten wird.
• Wechselseitige Kontingenz des Verhaltens der Interaktionspartner
Jeder Teilnehmer am Interaktionsprozess ist von der vorausgehenden Reaktion des Interaktionspartners abhängig, d.h. bleibt eine Empfangsbestätigung seitens des Empfängers aus, wird der Kommunikationsfluss unterbrochen.
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• Interpersonale Kommunikation besteht aus zielgerichtetem Verhalten der beteiligten Partner
• Kommunikation als Übermittlung von Information
In einem kommunikativen Vorgang werden eine Fülle von Informationen vermittelt, die den Interaktionspartnern erlauben, ihren Grad an Unwissenheit zu reduzieren.
• Die verfügbaren Sinnesorgane als Übertragungskanäle oder - modalitäten zur Informationsvermittlung
Entsprechend den dem Menschen zur Verfügung stehenden Sinnesorganen, lassen sich auditive, visuelle, olfaktorische, taktile, termale und gustatorische Mitteilungen unterscheiden. Innerhalb eines Interaktionsprozesses werden meist mehrere Übertragungskanäle benutzt, wobei darauf hinzuweisen ist, das nonvokale Zeichen (d.h. Gestik und Mimik), sowie vokale Zeichen (Pausen, Sprachmelodie, Betonung...) die adäquate Informationsaufnahme auf Seiten des Empfängers unterstützen.
• Die Bedeutung nonverbaler Informationen für die Attribution von Mitteilungen
Der Empfänger versucht meist an Hand von nonverbalen Zeichen die Ursache für die Mitteilung einer bestimmten Botschaft des Senders herauszufinden.
1.5 Nonverbale Kommunikation
Wie bereits mehrfach genannt spielen nonverbale Zeichen eine nicht unwesentliche Rolle bei Interaktions -und Kommunikationsprozessen der Menschen. Man unterscheidet dabei folgende Forman nonverbaler Kommunikation:
• Kommunikation durch Blickverhalten (Blickkontakt)
• Kommunikation durch Gesichtsausdruck (Mimik)
• Kommunikation durch Körperhaltung und - bewegung (Gestik)
• Kommunikation durch Berührung (Taktilität)
• Kommunikation durch räumliche Distanz zum anderen (personaler Raum)
• Kommunikation durch nonverbale vokale Signale, die sprachlich vermittelte Informationen begleiten
(z.B. Betonungen, stimmliche Merkmale....)
Diese unterschiedlichen Formen nonverbaler Interaktion nehmen im Interaktionsprozess unterschiedliche Funktionen ein, die an dieser Stelle nur beispielhaft genannt werden sollen. Während der Blickkontakt vorrangig die Funktion der Regulierung des Gesprächsablaufs hat, kommt der Gestik eine unterstreichende Funktion bestimmter sprachlicher Mitteilungen zu. Gestik ersetzt jedoch in manchen Fällen auch bestimmte sprachliche Mitteilungen.
1.6 Regeln der Interaktion und der Kommunikation
Watzlawik und seine Mitarbeiter haben im Jahre 1967/68 folgende Kommunikationsregeln aufgestellt, die einen großen Bekanntheitsgrad erreicht haben:
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• Man kann nicht „nicht-kommunizieren“
Da jedes Verhalten in einer zwischenmenschlichen Situation Mitteilungscharakter für den anderen hat, ist es unmöglich nicht zu kommunizieren.
• Kommunikation hat einen Inhalts - und einen Beziehungsaspekt
Jede Mitteilung enthält neben ihrem Inhalt noch einen Hinweis vom Sender für den Empfänger, wie die Mitteilung zu verstehen ist. Dieser Hinweis erklärt, wie der Sender die Beziehung zwischen sic h und dem Empfänger versteht.
• Kommunikationsabläufe werden unterschiedlich strukturiert
Die am Kommunikationsablauf beteiligten Personen stellen Beziehungsstrukturen zwischen sich her, deren Gleichartigkeit keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis erfolgreicher Metakommunikation ist.
• Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Medien
Digitale Kommunikation meint Darstellung durch Wörter und Symbole, während analoge Kommunikation die Darstellung durch Entsprechungen, wie zum Beispiel einem Zeichen oder bestimmten Ausdrucksverhalten entspräche.
ð Der Inhaltsaspekt der Kommunikation wird meist digital, der Beziehungsaspekt analog ausgedrückt.
• Kommunikation verläuft entweder symmetrisch oder komplementär
Ein komplementäres Kommunikationsmuster liegt vor, wenn es ein Über - und Unterordnungsverhältnis gibt.
In der symmetrischen Kommunikation dagegen werden beide Partner als gleichwertig erachtet.
2 Interaktion und Kommunikation im Unterricht
Der Prozess des Lehrens und Lernens vollzieht sich im Unterricht in der Form von sozialen Interaktionsweisen verbaler, non - verbaler und schriftlicher Art zwischen Lehrern und Schülern.
2.1 Sichtweisen schulischer Kommunikation:
Biermann betrachtet Unterricht als interaktive Kommunikation unter drei Aspekten: 1
1. Inhaltsaspekt: Es werden Themen und Gegenstände des Unterrichts fokussiert. Um den Inhaltsaspekt isoliert zu betrachten, sind dazu die Lernziele des Unterrichts zu analysieren.
2. Beziehungsaspekt: Es wird die interpersonale Beziehung zwischen Lehrer und Schüler betrachtet.
3. Vermittlungsaspekt: Hier werden die Eigenheiten einer auf pädagogische Ziele ausgerichteten Kommunikation berücksichtigt. Hierzu werden Unterrichtsformen untersucht.
In der psychologisch orientierten Erforschung des Interaktionsgeschehens im Unterricht ist eine ziemlich einseitige Ausrichtung auf Fragestellung des Beziehungsaspektes erfolgt.
1 Diese Perspektivendifferenzierung führte zu einer Verselbständigung der Aspekte als autonome Forschungsgebiete mit teilweise unterschiedlicher Disziplineinordnung.
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2.2 Interaktionsforschung als Anwendung sozialpsychologischer Terminologie auf die Unterrichts-situation
Unterricht als Beeinflussungsprozess: Interaktionsniveau mit asymmetrischer Kontingenz (Jones & Gerard)
Diese Betrachtungsperspektive sieht in der Interaktion zwischen Lehrer und Schülern einen Prozess, in dem Lehrer und Schüler in einem asymmetrischen Verhältnis zueinander stehen. Der Lehrer sendet Impulse aus, auf welche die Schüler reagieren, ohne selbst wiederum auf den Lehrer in nennenswertem Maße einwirken zu können.
Ulich sieht das Lehrer - Schüler - Verhältnis als ein Beispiel großer sozialer Machtunterschiede. Auf der Seite des Lehrerverhaltens sind Strategien und Techniken sozialer Einflussnahme festzustellen, wie Belohnung und Bestrafung, Drohungen, Prüfungen, Versprechungen, Vorbehalte, Entscheidungsbefugnis, Manipulationen in der Information.
Es können Zielkonflikte zwischen Schülerbedürfnissen und Institutionsanforderungen entstehen. Coser und Holmes & Miller teilen die interaktiven Lehrer - Schüler - Konfliktformen wie folgt auf:
1. Realistische Konflikte entstehen durch einen objektiven Interessenswiderspruch zwischen Individuen, wobei zwischen diesen keine Zielübereinkünfte bestehen.
2. Autistische Konflikte charakterisieren sich dadurch, dass ein Außenstehender keine objektivierbaren Kosten und Belohnungen für die Beteiligten ausmachen kann. (Merkmale: Bedrohung, Misstrauen, Fehlwahrnehmung)
Verzerrungen in der Selbst - und Fremdwahrnehmung sind häufige Konfliktquellen.
2.3 Interaktionsforschung als Bereitstellung von Instrumenten zur Unterrichtsanalyse
1. Instruktionszentriertes Interaktionssystem von Hough & Duncan:
Unterrichtsprozess wird als ein System von Unterweisungsstrategien und - taktiken gesehen. Mit 17 Kategorien werden Lehrer - und Schülerverhaltensweisen zu vier Gruppen von Strategien zusammengefasst:
a, interaktive Strategien (effektive und kompetente Anforderungen von Schülerreaktionen und angemessene Rückmeldung über die Reaktion)
b, direkte Kommunikationsstrategien (Sicherstellen von Klarheit, Kohärenz und Bedeutungshaltigkeit in der Inhaltsvermittlung, gleichzeitige Herausbildung von Kommunikationsfiguren) c, unabhängige Strategien (diagnostizierende und helfende Steuerung von Einzelarbeit) d, Gruppenaktivitätsstrategien (Förderung von Gruppenprozessen, klare, attraktive und e rreichbare Zielsetzung für die Gruppe)
Analysesystem von Brophy & Good: Individualisierungsverhalten von Lehrern im Unterricht
Es handelt sich um die Frage, ob und welche kognitiven Variablen (Leistungserwartungen an die Schüler, Erklärungsmuster für gute und schlechte Leistungen, Instrumentalisierungseinschätzungen von Interventionsstrategien) auf Seiten der Lehrer zu jenen Unterschieden im Aufforderungs - und Rückmeldungsverfahren führen, die auf inzidentelle Weise bestimmte Schülertypen fördern und andere hemmen können.
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Arbeit zitieren:
M.A. Simone Nuß, 2002, Interaktion und Interaktionsanalyse in Erziehung und Unterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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