Inhalt
1. Einleitung 3
2. Zeitlicher Hintergrund 5
3. Rezeption der Geographischen Entdeckungen im Humanismus 9
4. Auswirkungen der Veränderung des Weltbildes auf ältere Philosophen vor Descartes
S. 13
5. Zusammenfassung 16
6. Literatur 17
2
1. Einleitung
Descartes „Ziel“ - eine der „realen Welt zugewandte, methodisch zuverlässige Philosophie“ zu begründen 1 , d.h. eine neue Erste Philosophie in Abkehr von Aristoteles zu entwerfen wäre wenige Jahrzehnte zuvor eine so unerhörte Vermessenheit gewesen, dass er nicht nur mit Verbot seiner Schriften nach seinem Tode, sondern vermutlich mit Exkommunikation und dem eigenen Leben bezahlt hätte. Man erinnere sich daran, dass Giovanni Pico della Mirandola nur wegen der Idee eines pax philophica 2 letztlich der Ketzerei belangt wurde oder an Giordano Brunos Ableben auf dem Scheiterhaufen 1600. 3 Aber auch zu seinen Lebzeiten wäre er Opfer der Inquisition geworden, da sein auf das menschliche Bewusstsein zielender Denkansatz im Widerspruch zur offiziell geltenden Lehre vom Hexenwerk stand. Nach dieser Lehre, die eine Erneuerung der alten Regnum-Christi-Doktrin darstellte, kam entweder alles „Gute“ von Gott oder alles „Böse“ von dem Satan dienenden und innerhalb der Christenheit wirkenden Hexen und Hexenmeistern - eine naturwissenschaftliche Betrachtungsweise war damit weitgehend verhindert. Das erklärt auch das Zögern und die uns unsinnig erscheinende Mischung von klarer Wissenschaft und spekulativer Mystik bei Campanella, Keppler, Bruno, selbst eines Thomas Morus oder Francis Bacon: denn der Gelehrte stand ja vor der Wahl, dem „Guten“ - christlich-kirchliches Weltbild - oder dem „Bösen“ - kopernikanisches Weltbildanzuhängen, d.h. er stand vor dem Dilemma, Wissenschaft und Glauben vereinen zu müssen, um in seiner Zeit leben zu können. 4 Denn alle diese Gelehrten, die uns heute als die Wegbereiter der Philosophie der Neuzeit erscheinen, waren zu ihrer Zeit eine kleine Minderheit, die dass Erbe der hellenistisch-islamischen Hochkultur verwalteten, damit es einst eine neue Blüte ermöglichen könnte - eine Minderheit, die um ihr Leben besorgt sein musste und versucht war, ihre Lehren geheim zu halten:
„Als ich daher mit mir selbst überlegte, wie miss-tönend meine Behauptung [...] denjenigen in den Ohren klingen würde, welche die Ansicht von der Unbeweglichkeit der Erde durch das Urteil vieler Jahrhunderte für bestätigt annehm-en, da schwankte ich bei mir, ob ich meine Kommentare [...] herausgeben sollte, oder ob es nicht besser wäre, dem Beispiel der Pythagoreer und einiger anderer zu folgen, welche die Geheimnisse der Philosophie nur
1 V. Spierling, Kleine Geschichte der Philosophie, München, 1990, S. 170
2 Ebd., S. 159ff.
3 Bruno erklärte die Unendlichkeit des Kosmos und die Allgegenwart Gottes - eine Lehre, die in der Tat die Grundfesten des damaligen offiziellen Weltbildes hinweg fegte. S. A. Hügli/P. Lübcke. Philosophielexikon, Hamburg, 1991, S. 106.
4 S. E. Orthbrandt, Geschichte der Großen Philosophen, Hanau, o. J., S. 245ff.
3
ihren Verwandten und Freunden zu überliefern pflegten, und zwar nicht einmal schriftlich, sondern nur mündlich...“ (Kopernikus). 5
Descartes Ablehnung der Autoritäten und des gelehrten Bücherwissens, sein Beschreiten neuer Pfade stand also nicht ohne Vorbild da - dennoch konnte Descartes seine Schriften veröffentlichen und landete nicht wie Bruno auf dem Scheiterhaufen. Das mag an Descartes vorsichtig-taktischer Art gelegen haben, wie er mit den Autoritäten umging und natürlich auch daran, dass er in Frankreich und nicht Spanien oder Italien lebte und rechtzeitig das Land verlies. Aber es mag auch daran gelegen haben, dass in den Descartes vorausgehenden Jahrzehnten sich Umwälzungen ergeben hatten, welche die offizielle Lehre vom Hexenwerk zwar nicht einstürzen ließ - diese, mitsamt der Scholastik, hielt sich z.T. noch bis Ende des 18. Jh. 6 - aber in den Augen der gebildeten Zeitgenossen zumindest Fragen an der uneingeschränkten Glaubwürdigkeit des Überlieferten und damit der Deutungshoheit der Kirche aufkommen ließen.
Diese Umwälzungen, die Descartes schreiben lassen konnten: „Deshalb gab ich das Studium der Wissenschaften vollständig auf [...] Ich wollte keine andere Wissenschaft mehr suchen, als die ich in mir selbst oder dem großen Buche der Welt würde finden können [...] Denn ich würde, so schien mir, in den praktischen Urteilen der Geschäftsleute [...] weit mehr Wahrheit finden können, als in den Theorien, die der Gelehrte in seinem Studierzimmer ausspinnt, mit Spekulationen beschäftigt, die keine Wirkung erzeugen“ 7
zu beschreiben, die Gründe die zu dieser völligen Ablehnung des „Gelehrt seins“, d.h. der alten Autoritäten, und des Bewußtwerden der notwendigen Rezeption der wirklichen Welt führten, aber auch Descartes geistige Vorläufer, die er gekannt haben mag oder nicht, sollen nun in dieser Arbeit näher dargestellt werden. 8
5 Ebd., S.243; durch die Vertreibung der Juden 1492 aus Spanien gelangt das im islamischen Südspanien
überlieferte Wissen nach Westeuropa, v.a. in die Niederlande (z.B. durch Baruch Spinoza), wo es dann z.T. veröffentlicht wurde oder auf anderen Wegen den Gelehrten zugänglich wurde.
6 Auch die Reformatoren bezweifelten nicht die Lehre vom Hexenwerk - erst im preußischen Landrecht von
1794 waren zum ersten mal weder Hexen bekannt noch Folter vorgesehen.
7 Descartes, Meditationen, S.
8 Die von mir benutzte Literatur soll hier, des Überblickes wegen, einmal aufgelistet sein: R. Descartes,
Meditationen über die Erste Philosophie, Stuttgart, 1986; Ders., Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs, Stuttgart, 1961; K.J. Heinisch (Hrsg.), Der Utopische Staat - Morus Utopia, Campanellas Sonnenstaat und Bacons Neu Atlantis, Hamburg, 1960; G. Bruno, Über die Ursache, das Prinzip und das Eine,Stuttgart, 1986; V. Spierling, Kleine Geschichte der Philosophie, München, 1990; A. Hügli/P. Lübcke (Hrsg.), Philosophielexikon, Hamburg, 1991; S. Brant, Das Narrenschiff, Leipzig, 1958; E. Orthbrandt, Geschichte der grossen Philosophen, Hanau, o.J.; L. Schorn-Schütte, Karl V. - Kaiser zwischen Mittelalter und Neuzeit, München, 2000; G. Schmidt, Der dreißigjährige Krieg, München, 1995; H. Pleticha (Hrsg.), Weltgeschichte in 12 Bd., Gütersloh, 1996; Zum Humanismus: D. Wuttke, Der Humanismus in den deutschsprachigen Ländern, München, 1992, in: Pirckheimer Jahrbuch 1992, sowie eine eigene Seminararbeit zur Rezeption der großen geographischen Entdeckungen in der deutschen humanistischen Tradition des frühen 16. Jh. von 1997. Für auftauchende Gedanken, die sich anhand der hier angeführten Literatur nicht belegen
4
2. Zeitlicher Hintergrund
Die Zeit des 15. und 16. Jh. wird in der heutigen Geschichtsschreibung als eine entscheidende Übergangsphase angesehen: aus den nebligen Konturen des sog. Mittelalters (wie auch immer es nun gewesen, respektive bewertet sein mag) treten langsam und dann immer deutlicher die Umrisse der sog. „Neuzeit“ hervor, deren Grundsätze und Errungenschaften bis heute prägend sind. Dabei handelt es sich um mehr als eine weitere Renaissance, d.h. Wiedererlangung vergessenen Wissens, sondern um eine tiefgreifender Umgestaltung der Lebensverhältnisse und wirklicher Neulegung geistiger Grundlagen (obwohl sich gerade im Bereich der Philosophie fragen lässt, wie neu, d.h. bis dato noch nie gedacht, die Gedanken wirklich waren). In dieser Übergangszeit, die man von 1453 bis 1648 datieren könnte - andere datieren das Ende des Mittelalters mit Petrarca oder mit Luthers Thesenanschlag, manchmal sogar erst mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges 9 - fanden so viele und weitreichende Veränderungen statt, dass ich mich hier nur exemplarisch auf einige wenige beschränken kann. Ich weise darauf hin, dass diese Auswahl, d.h. indirekt die Bewertung nach größerer Folgewirksamkeit und Darstellung von Entwicklungslinien zwar nicht im Widerspruch zu historischen Fakten (die es ja nur als zusammenhangslose Einzelereignisse gibt, da Geschichte „der jeder Generation zustehende Versuch ist, ihre eigene Vergangenheit neu zu konstruieren“ 10 ) steht, aber letztlich individuell ist. Es geht mir ja darum grob zu skizzieren, was im gesellschaftlichen Um- und Vorfeld von Descartes passierte, den großen Bogen aufzuzeigen, der Politik, Religion, Philosophie, Wissenschaft und Gesellschaft verbindet und wie sich damalige Ereignisse auf die Zeitgenossen ausgewirkt haben könnten und damit auch auf das geistige Schaffen von Descartes und anderer Gelehrter.
Das Zeitalter Karl V., dieses letzten großen und dem eigenen Selbstverständnis nach in mittelalterlicher Tradition stehenden Kaisers, der eine Machtfülle vereinte, wie sie zuletzt die großen Staufer innehatten, wird manchmal als der „Verlust der Mitte“ Europas bezeichnet. 10 Da sich dies sowohl auf politische, wie gesellschaftliche und geographische Aspekte bezieht, will ich näher darauf eingehen.
Mit dem Rückzug Karls in ein Kloster war endgültig das Ende der alten Idee einer monarchia
lassen, muß ich auf mich selbst verweisen: es dürfte kaum möglich sein, alle Gedanken nach eigenen oder irgendwann einmal gelesenen zu sortieren und dann nachzuweisen.
9 Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass historische Zäsuren wie Ende des Mittelalters 1453 oder 1517 etc.
lediglich und zwar umstrittene Konstrukte von Historikern zur besseren Übersichtlichkeit sind, weswegen ich diese Epoche als Übergangszeit bezeichne.
10 L. Schorn-Schütte, Karl V., München, 200, S. 8
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Arbeit zitieren:
M.A. Holger Knaak, 2002, Zeitlicher Hintergrund und geistige Vorläufer Descartes, München, GRIN Verlag GmbH
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