Inhalt
1 E i n l e i t u n g 3
2. Judejahn als kleiner Gottlieb 4
2.1 Autoritäre Erziehung 4
2.2 Ödipus-Komplex 5
2.3 Angst und Minderwertigkeitskomplex 6
3. Judejahns Verhältnis zur Macht 6
3.1 Existenz im Militärischen 7
3.1.1 Uniform 7
3.1.2 Kaserne 8
3.1.3 Kommunikation 9
3.1.4 Autoritätsdenken 10
3.1.5 Das Töten 12
3.2 Sexualverhalten 14
3.2.1 Eva 15
3.2.2 Laura 16
3.2.3 Ilse Kürenberg 18
3.3 Bedienung niederer Instinkte 18
4. Judejahns Tod 20
5. Schlußbemerkung 22
6. Literaturverzeichnis 24
1. Einleitung
Die Hausarbeit untersucht die Fragestellung, wie in Wolfgang Koeppens Roman „Der Tod in Rom“ die Figur des Gottlieb Judejahn als Repräsentant des deutschen Faschismus gezeigt wird.
Zuerst wird dargelegt, wie Judejahn durch seine Kindheit und Erziehung bestimmt ist, wie die Formel des kleinen Gottlieb sein gesamtes Leben prägt. Hierbei wird der Ödipus-Komplex aus der Psychoanalyse von Sigmund Freud herangezogen, um in der Anwendung auf ihn seine Entwicklung und sein Verhalten zu erklären.
Im Anschluß daran wird Judejahns Verhältnis zur Macht untersucht, weil dieses Verhältnis seine Existenzbedingungen wesentlich begründet. Zur Kennzeichnung Judejahns als Repräsentant des deutschen Faschismus wird Theodor W. Adornos Faschismusstudie des ‚Autoritären Charakters’ auf ihn angewendet, um nachzuweisen, daß Judejahn faschistisches Potential besitzt.
Zunächst wird dabei Judejahns Existenz im Militärischen von besonderem Interesse sein, weil sie Ausschließlichkeitscharakter hat und ihn gerade in der Frage des Tötens prädestiniert. Aussagen von Klaus Theweleit, auf Judejahn angewandt, sollen helfen, dessen vollkommene Abhängigkeit von Uniform und Kaserne, dessen Einstellung zum Töten zu verdeutlichen.
Zur Kennzeichnung von Judejahns Repräsentantenrolle des Faschismus ist auch sein Sexualverhalten von Wichtigkeit. Es wird besonders unter dem Aspekt aggressiver Machtpraktiken und unter dem Einfluß der antisemitischen, nationalsozialistischen Ideologie betrachtet.
Im weiteren folgt eine Darstellung von Judejahns Perversität und Morbidität in der Art und Weise, wie er niedere Instinkte bedient. Dadurch wird eine weitere Charakterisierung seiner Person und damit des Faschismus vorgenommen. Die Untersuchung schließt mit der Betrachtung des Todes von Judejahn.
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2. Judejahn als kleiner Gottlieb
2.1 Autoritäre Erziehung
Judejahn ist wesentlich durch seine Kindheit geprägt. Der mächtige und furchterregende Faschist Judejahn ist zugleich auch der machtlose, angsterfüllte „kleine Gottlieb“. Die Formel des „kleinen Gottlieb“ ist ein Leitmotiv, welches auf Judejahns Unsicherheit, Hilf-und Machtlosigkeit verweist, die, in der Kindheit entstanden, bis in seine Gegenwart hineinragen und ihn prägen. 1
Sein autoritärer Vater, ein Volksschullehrer, zwang Judejahn eine Erziehung auf, die gekennzeichnet war durch Unterdrückung und unbedingte Devotion und Fügsamkeit unter den Willen des Vaters, begleitet von physischer Gewaltanwendung, wenn Judejahn sich diesem Willen nicht beugte: dann hatte der Vater ihn „geprügelt [...], weil er nichts lernen wollte“. 2 Die psychische Erniedrigung, der Judejahn durch den Vater ausgesetzt war, ist ein weiteres Merkmal seiner Erziehung: „Du bist dumm, du hast deine Aufgaben nicht gelernt, du bist ein schlechter Schüler, eine Null, die aufgeblasen wurde.“ 3 Diese ihm suggerierten Inhalte förderten massive Minderwertigkeitskomplexe, welche sich Judejahns gesamtes Leben lang aufrecht erhalten haben. Judejahn hält sich für dumm, der kleine Gottlieb ist ein schlechter Schüler, der den Anforderungen des Gymnasiums nicht gewachsen ist, 4 sein Notabitur warf man ihm nach - Judejahn hat Angst, jemand könne dahinterkommen, daß er noch immer der kleine Gottlieb war, den einzig Phrasen zusammenhielten. 5 Diese Erziehung und das Bewußtsein seiner eigenen Begrenztheit, das einhergeht mit der Angst vor dem autoritären „Schullehrer-Vater und Gott-Vater“, 6 bilden die Voraussetzung für Judejahns abnorme Entwicklung.
Reich führt eine autoritäre Erziehung auf die politische Rolle des Vaters und damit auf die Beziehung der Familie zum autoritären Staat zurück. Ein Vater, der gegenüber einem Vorgesetzten eine Untertanenstellung einnimmt, erzeugt genau diese in seinen Kindern, speziell den Söhnen, neu, was eine hörige Autoritätsgläubigkeit entstehen läßt. Daraus schlußfolgert Reich, daß „der autoritäre Staat als seinen Vertreter in der Familie den Vater [hat], wodurch sie sein wertvollstes Machtinstrument wird“. 7 Da Judejahn durch seine Familie, speziell durch seinen Vater geprägt und konditioniert ist, trifft diese Aussage auf ihn zu und prädestiniert ihn für den Nationalsozialismus, dessen hierarchische Gliederung
1 Siehe Buchholz: Wahrheit, S. 162.
2 Koeppen: Tod in Rom, S. 22.
3 Ebd. S. 41.
4 Siehe ebd. S. 37.
5 Siehe ebd. S. 41.
6 Ebd. S. 77.
7 Reich: Massenpsychologie, S. 67f.
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eine strikte Einhaltung der Anerkennung der Autoritätspersonen nach dem ‚Führerprinzip’ einfordert, denn „in Wahrheit hatte er immer gehorcht [...] stets nur Befehle ausgeführt.“ 8
2.2 Ödipus-Komplex
Trotz physischer und psychischer Erniedrigungen kann sich Judejahn nicht von seinem Vater lösen. Neben der unbedingten Gehorsamkeit überwindet er ebenfalls seine Autoritätsgläubigkeit, Furcht und Hilflosigkeit nie. 9
Dies ist mit dem Ödipus-Komplex aus der Psychoanalyse von Sigmund Freud erklärbar. Freud geht davon aus, daß in den unbewußten Phantasien eines jeden der Wunsch nach dem Inzestvollzug mit einem Elternteil besteht. 10 In der phallischen bzw. ödipalen Phase der psychosexuellen Entwicklung muß das vier- bis fünfjährige Kind den Ödipus-Konflikt überwinden. Freud nahm an, daß jeder Junge seinen Vater als sexuellen Rivalen zur begehrten Mutter ansieht. Das männliche Kind löst den Konflikt dadurch, daß es sich dem Vater unterwirft und sich mit seinen Werten, Normen und Auffassungen identifiziert. 11 Diese Identifikation beinhaltet die Bildung des Über-Ich, dem Sitz von Moral und Norm, einer Persönlichkeit, sie bedeutet aber auch Triebversagung, was zu Feindlichkeit und Aggression führt. 12 Diese Aggression gegen den Vater spaltet sich auf und wird umgelenkt auf Angehörige schwächerer Opfergruppen. Im Fall von Judejahn wird dies in seinem Antisemitismus deutlich, spezieller noch lenken sich seine Aggressionen gegen jüdische Frauen, die für ihn Sexual- und Machtobjekte sind. Darauf werde ich später noch genauer eingehen.
Freud nahm weiterhin an, daß zuviel Frustration aufgrund der nicht vorhandenen Trieberfüllung zur Unfähigkeit führt, die nächste Stufe, die latente Phase, zu erreichen und ein Über-Ich zu bilden. 13 Dies trifft ebenfalls auf Judejahn zu, der eine Ich-schwache Person ohne eigenes Über-Ich ist und daher Halt bei einer Autorität sucht, um seine ängstliche Unsicherheit und eigene Geringschätzung zu überwinden. Der kleine Gottlieb meldete sich als Kriegsfreiwilliger, wurde jedoch abgelehnt, was zum einen die Minderwertigkeitsgefühle, zum anderen auch Aggressionen bei ihm förderte. 14 Dafür will Judejahn sich rächen, doch rächt er sich nicht etwa an der Autorität, die ihn zunächst abgelehnt hatte und
8 Koeppen: Tod in Rom, S. 41.
9 Siehe Richner: Tod in Rom, S. 62.
10 Siehe Lohmann: Freud, S. 18.
11 Siehe Freud: Essays III, S. 110.
12 Siehe Zimbardo: Psychologie, S. 531f.
13 Siehe ebd. S. 531f.
14 Siehe Koeppen: Tod in Rom, S. 25.
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ihn später unterdrückt, sondern gerade an jenen, die Autorität bekämpfen: „gegen Revolution und Demokratie“. 15
2.3 Angst und Minderwertigkeitskomplex
Judejahn ist primär durch Angst bestimmt, die er durch Machtausübung und Ausleben seiner Aggressionen in Form von Gewalt versucht auszugleichen.
Die tiefsitzenden Ängste sind Ergebnis der autoritären, gebieterischen Erziehung, die sich in Form von Unsicherheit, Verlegenheit, Sprachlosigkeit und einem Gefühl von Minderwertigkeit manifestieren und durch feindselig-aggressive Äußerungen und Handlungen nach außen überdeckt bzw. überspielt werden. Bei Judejahn kommt seine Ängstlichkeit jedoch immer wieder zum Vorschein.
Judejahn suggeriert sich zwar immer selbst, daß er die Furcht nicht kennt und macht dies zu seinem Motto 16 , dennoch empfindet er Angst bei nahezu allem. Er hat Angst vor seinem streng-autoritären Vater, vor seiner Hilflosigkeit, worauf das Motiv des „kleinen Gottlieb“ hinweist und vor seinem eigenen Größenwahn, da er sich Macht angeeignet hatte: „Er hatte Angst, man könne dahinterkommen, daß er der kleine war und sich Größe angemaßt hatte.“ 17 Weiterhin hat er sowohl Angst vor dem Tod als auch vor dem Leben, wenn dieses für ihn Macht- und Befehlslosigkeit beinhalten würde.
Judejahn verdrängt bzw. überdeckt seine Ängste durch Zurschaustellung seiner Stärke und Macht, reagiert aggressiv.
3. Judejahns Verhältnis zur Macht
Judejahns Verhältnis zur Macht ist zum einen gekennzeichnet durch eine devote Unterwerfung unter die Macht, unter Autoritäten, als auch durch eine absolute, strikte Ausübung der Macht, die sich einzig im militärischen Bereich verwirklichen läßt. Sein Verhältnis zur Macht läßt sich durch seine Kindheit und seine Erziehung erklären, in der Minderwertigkeitskomplexe geschaffen und Selbstbewußtsein gar nicht erst hergestellt wurde. Seine von daher schwache Persönlichkeit wird von Judejahn durch Aggressivität, überhöhtes Machtstreben sowie die Anlehnung an eine Autoritätsperson kompensiert. Das Militär kann ihm genau dieses bieten. Außerhalb des Militärs, im zivilen Leben, wird ihm seine Machtlosigkeit nur allzu bewußt.
15 Erlach: Wolfgang Koeppen, S. 175.
16 Siehe Koeppen: Tod in Rom, S. 23.
17 Ebd. S. 41.
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Sein Machtbedürfnis sowie seine aus Angst heraus entstandene Aggressivität, wird auch besonders in seiner brutalen Sexualität deutlich. Hier übt er Macht über Angehörige schwächerer Opfergruppen, über Jüdinnen, aus. Einzig sie kann er begehren, unterdrücken; nur ihre Körper kann er sexuell mißbrauchen, anschließend verurteilen oder gar töten. Judejahns Machtausübung geht einher mit der Bedienung niederer Instinkte, die seinem Wesen immanent sind.
3.1 Existenz im Militärischen
Judejahns Existenz besteht ausschließlich im militärischen Bereich. Das läßt sich daran erkennen, daß er Halt in Uniform und Kaserne findet, seine Sprache ist ein Befehlen, und hier kann er unter gesellschaftlicher Absicherung töten. Dies alles dient ihm dazu, sich mächtig und groß zu fühlen sowie seine Ängste und Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden. Gleichzeitig gibt es ihm ein Gefühl von Sicherheit. Im zivilen Leben hingegen könnte er nicht bestehen.
3.1.1 Uniform
Die Uniform spielt für Judejahn eine sehr wichtige Rolle. Sie hilft ihm, den kleinen Gottlieb zu überwinden, 18 der ihm sonst für die Ausübung der Macht im Weg stehen würde bzw. der keine Macht ausüben ließe. Die Uniform ist für Judejahn ein Ausdruck von Macht, wenn sie fehlt, scheint ihm die Welt „eine ranglose, ehrvergessene Welt“ 19 zu sein. Der Rang und die Uniform geben ihm ein Gefühl von Sicherheit: sie unterstützen eine klar strukturierte Hierarchie, wobei gegenüber Ranghöheren Gehorsamspflicht, gegenüber Rangniederen Befehlsgewalt ausgeübt wird.
Nach Theweleit besteht die Funktion der Uniform darin, daß man mit ihr, dann einer Maschine gleich, leben und wirken kann, ohne Gefühle zu besitzen oder denken zu müssen. 20 Somit wird man zu einem Menschen, „dessen Physis maschinisiert, dessen Psyche eliminiert ist.“ 21 Judejahn kann durch die Uniform töten und den kleinen Gottlieb und somit die Angstgefühle und das Gewissen überwinden. Zu der ihm gegenständlichen Uniform hat er sich noch eine eigene geschaffen, 22 die ihm als Deckmantel seiner Greueltaten dient und vor der sich die anderen nach Judejahns eigener Aussage duckten. In dieser Aussage ist zugleich auch zu sehen, daß es immer auch Menschen gibt und geben
18 Siehe Koeppen: Tod in Rom, S. 39.
19 Ebd. S. 35.
20 Siehe Theweleit: Männerphantasien, S. 185.
21 Ebd. S. 188.
22 Siehe Koeppen: Tod in Rom, S. 53.
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Arbeit zitieren:
Hanka Loos, 2002, Gottlieb Judejahn als Repräsentant des deutschen Faschismus in Wolfgang Koeppens Roman 'Der Tod in Rom', München, GRIN Verlag GmbH
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