Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Seite 1 - 2
Seite 2 - 6
2. Die Phasen
Seite 2 - 3
2.1 I. Phase
Seite 4 - 5
2.2 II. Phase
Seite 5 - 6
2.3 III. Phase
Seite 7 - 11
3. Gedichtanalysen
Seite 6 - 9
3.1 „Requiem“
Seite 9 - 11
3.2 „Sieh die Sterne, die Fänge“
Seite 11 - 12
4. Fazit
Seite 12
5. Literaturverzeichnis
II
1. Einleitung
Ein Kind seiner Epoche kann man Gottfried Benn nicht nennen, denn nicht er wurde vom Expressionismus beeinflusst, nein, andersherum prägte er die so genannte Strömung. Der Expressionismus ist von der Literaturgeschichtsschreibung zwischen 1910 und 1925 datiert, kann aber bis zum brutalen Einschnitt des Jahres 1933, dem Kriegsbeginn, ausgedehnt werden. Dem Schwebenden und Zweideutigen des Symbolismus und Impressionismus des Fin de siècle wurde eine bedingungslose Unmittelbarkeit und Aufbruchsstimmung entgegengesetzt. Dieses Unmittelbare erscheint zunächst in der Wahl der Themen, durch die das Lebensgefühl in einer in extremer Beschleunigung begriffenen Gesellschaft eingefangen wird: Großstadt, Technik, Elend, Gewalt, Sexualität werden in direkten Bezug gesetzt mit Erfahrungen der Orientierungslosigkeit, Sinnsuche, Bedrohung. Immer geht es um Grenzbereiche menschlichen Erlebens, und so hat die expressionistische Literatur stets eine Tendenz zum Ekstatischen. Oft wechseln Begeisterung und Verzweiflung einander ab; Extremformen menschlichen Fühlens und Verhaltens rücken ins Zentrum des Interesses. Rausch, Wahnsinn, Krankheit, Kriminalität und ganz allgemein jegliche Anomalität tauchen in den verschiedensten Variationen auf. Im großen Maße trugen auch die formalen Mittel dazu bei, die angestrebte
»Wirklichkeitszertrümmerung« literarisch zu vollziehen. Das kausal-lineare Erzählen wurde von assoziativ-rhapsodischen Strukturen verdrängt, Symbolik und Metaphorik erfuhren bis dahin ungeahnte Erweiterungen, die Syntax wurde zum Teil bis zum völligen Verlust von Satzkonstruktionen 'gesprengt'.
Wie der Titel schon verrät strebt diese Hausarbeit einen Vergleich der I. mit der II. Phase von Gottfried Benns gesamtem lyrischen Werk an, mit besonderem Augenmerk auf die Dualität, die sich vor allem in der Form äußert und zwar dabei oberflächlich wirkt, jedoch meiner Meinung nach tiefer geht als in der Nebeneinanderstellung von kontrastierenden Wörtern. Da in diesem Fall das Oeuvre des Dichters in drei Phasen einzuteilen ist, ist eine genauere Untersuchung der Entwicklung vom Früh- bis zum Spätwerk vonnöten, wobei die II. Phase außer Acht gelassen werden darf.
Die Gliederung lautet wie folgt: I. Phase umfasst die Gedichte von 1912-1920, die II. Phase von 1922-1936 und schließlich die III. Phase von 1937-1947. Die Jahre von 1920-1922 bedeutet für Benn eine Zeit innerer Krisis und Verzweiflung, sowie das Jahr 1936, auch zusammenhängend mit dem Publikationsverbot der Nazis, einen entscheidenden Wendepunkt in seiner Dichtung setzt.
Anschließend sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede bzw. Veränderungen der zwei Phasen an zwei Gedichten veranschaulicht werden. Dabei gehen wir mit dem Leitfaden der Dualität in die Tiefe und es soll dabei eine Entwicklung deutlich werden.
1
In einem zusammenfassenden Fazit werden schließlich die Ergebnisse aus den Analysen und einem Vergleich der zwei Phasen in direkten Bezug gesetzt und Schlussfolgerungen gezogen.
2. Die Phasen
2.1 I. Phase
Kennzeichnend für einen Anfang ist meistens die Suche nach etwas. Und wie wahrscheinlich jeder bedeutsame Dichter sucht auch Gottfried Benn zuallererst nach einem eigenen lyrischen Ausdruck. Dass dies nicht schnell und einfach vonstatten geht, liegt der Komplexität seiner Einstellung, seiner Ansichten und seiner Theorie zu Grunde. Die „Theorie der Vergehirnung“ 1 folgt einem Unvermögen Gott zu erfahren. Vor allem kann hier für seinen verlorenen Glauben seine Arbeit als Arzt verantwortlich gemacht werden, denn allein seine gesammelten Erfahrungen in dem bekannten Pariser Leichenschauhaus „Morgue“ zeigten ihm einen ungeschönten Blick auf den Verfall des Menschen und somit der Vergänglichkeit im allgemeinen. Verständlich ist also seine negative Einstellung zum Schicksal der Menschheit, es geht sogar so weit, dass er apokalyptische Vorstellungen entwickelt. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die Hektik der Großstadt - nur einer von vielen Faktorensich zu einer schnell ausbreitenden Angstwelle verwandelte und bis in die hintersten Ecken gelangte. All die Veränderungen und Neuerungen gipfelten in einem neuen chaotischen Bewusstsein, das Benn als „Denken“ für die erwähnte „Vergehirnung“ verantwortlich machte, die wiederum durch die entstandene „Gottesferne“ 2 die Menschen in den Untergang stürzen sollte. Als Folge der Vergehirnung entsteht außerdem eine „Ver-Ichung“ 3 , womit Benn wohl eine gewisse Individuation meinte, sie aber im negativen Sinne als „naturfernes Extrem völliger Vereinsamung“ 4 verstand 5 . Einzig im Rausch und der Ekstase sieht er einen Weg aus der Einsamkeit zu fliehen, so dass er sogar zu Rauschmitteln wie Kokain greift. Durch den Konsum der Droge soll eine Entgrenzung durch Auflösung der Ich-Struktur erreicht werden. Der Rausch, die Entgrenzung, soll zu Regression führen.
Benns Chaosgefühl löst eine gewaltige Sehnsucht zur Natur aus, so geht es ihm um eine Rückkehr zu den Ursprüngen des Lebens. Für Benn gilt: Rausch ist Werden.
1 Ivask, Gottfried Benn als Lyriker, 1972, S. 111.
2 Ivask, Gottfried Benn als Lyriker, 1972, S. 101.
3 Ebd. S. 102.
4 Ebd. S. 102.
5 Besonders heutzutage in unserer allgegenwärtigen Anonymität wissen wir was gemeint ist.
2
Dieses Erleben kann man als dionysisch benennen. Das Dionysische äußert sich in seiner Lyrik des Frühwerks besonders in den freien Rhythmen, freizügiger Nichtbeachtung stilistischer, syntaktischer und grammatikalischer Konventionen. Weiterhin bediente er sich medizinischer Fachausdrücke, dem Studentenjargon, lokaler Dialektformen, Fremdwörter aus allen dem Dichter zur Verfügung stehenden Sprachen, Eigennamen und Neuprägungen, was später als Hauptmerkmal des frühen Expressionismus gelten sollte. 6 Seine Popularität erlangte er allerdings weniger wegen seinen neuen Ausdrucksmöglichkeiten, sondern eher durch den schockierenden Inhalt seiner Gedichte. Beherrschend ist das Bild der Verwesung, des Schmerzes und Leids, zusätzlich provoziert dabei eine beispiellose kühle Sprache, die keine Emotionen zeigt und geradezu als unmenschlich empfunden wurde. Grundsätzlich ist der Mensch kein Fan von solchen Konfrontationen und so gewann Benn auch keine Fans. Allerdings ging es ihm natürlich auch nicht um ein breites zufriedenes Publikum.
2.2 II. Phase
Die zwei Jahre zwischen der ersten und zweiten Phase scheint Benn nicht nur in großer Verzweiflung verbracht zu haben, er muss sich auch grundsätzliche Gedanken gemacht haben, denn man erkennt eine deutliche Entwicklung, ja sogar von Grund auf andersartige Ansätze. Sein neuer Grundsatz lautet nun „Formerweiterung und -bereicherung“ statt „Formzertrümmerung oder -erstarrung“. 7 Das heißt, er benutzt nun gewisse Gedichtformen der Klassizisten, jedoch füllt er sie weiterhin mit Gedanken, die ihn beschäftigen. Wichtig ist ihm dabei die technisierte Existenz des Menschen darzustellen. Durch den vereinten Kontrast gelingt ihm dies geradezu meisterhaft, denn da er die Kontraste nicht gegeneinander setzt, sondern sie ineinander fließen lässt, wird die Kernaussage erst recht hervorgehoben. Benn erkannte, dass „revolutionäres Zerbrechen jeglicher Form für eine kurze Zeit wohl interessant und von gewissem belehrenden Wert sein kann, doch auf längere Sicht muß es zur Zerstörung des Kunstverständnisses führen“ 8 , also schuf er sich eine neue ästhetischmetaphysische „Form“, wobei er in erster Linie die Gedichtform meint. Zwar gebrauchte er schon im Frühwerk alte Strophen- und Reimformen, jedoch war ihr Zweck ausschließlich der
6 Seidler, Gottfried Benn als Lyriker, 1972, S. 171.
7 Ivask, Gottfried Benn als Lyriker, 1972, S. 111.
8 Ebd. S. 110.
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Arbeit zitieren:
Maja Tworek, 2005, Die I. und II. Phase von Gottfried Benns Oeuvre im Vergleich unter dem Aspekt der Dualität, München, GRIN Verlag GmbH
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