Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Anglistik / Amerikanistik
Contemporary American Literature (Drama)
Zeitgenössische amerikanische Literatur
Reflecting Us and the Other:
Das Chicana-/Chicano- Drama der Gegenwart
eingereicht von:
Bernd Evers
2003
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung ... 3
2. Was ist Chicano-Theater?
2.1 Definitionsversuche in der modernen Forschung ... 8
2.2 „Ethnisches“, „ethnospezifisches“ und „nationales“ Theater ... 11
3. Die Entwicklung des Teatro Chicano vom Agitprop zum professionellen Theater
3.1 Die Bedeutung des Teatro Campesino für das Chicano-Theater der Gegenwart ... 13
3.2 Das zeitgenössische Teatro Chicano und die Debatte um Mainstream, Kommerzialisierung und angloamerikanischen Einfluss ... 16
3.2.1 Chicanos on Broadway: Die Debatte um das Zielpublikum ... 16
3.2.2 Die Forderung nach „Multicultural Theater“ und der Effekt für das Chicano-Theater seit den 80er Jahren ... 20
3.2.3 Die Struktur des Chicano-Theaters heute ... 24
3.3 (K)Eine Debatte um die Sprache auf der Bühne ... 28
4. Reflecting the Other(s): Das moderne Chicano-Theater und der Blick auf die amerikanische Gesellschaft
4.1 America as a Rainbow of Color? Oliver Mayers Ragged Time ... 30
4.2 A Lesson in Diversity.Culture Clash: Bordertown San-Diego-Tijuana ... 35
5. 1. Reflecting Us and Our Community: Der Blick des Chicano-Theaters auf die Chicanos und die Forderung nach sexueller Befreiung
5.1 Die Darstellung der Frau im modernen Chicano-Theater
5.1.1 Die Ausgangslage ... 42
5.1.2 Fat is a Feminst Issue. Josefina Lopez: Real Women Have Curves ... 45
5.1.3 Re-Constructing El Teatro Campesino. Cherríe Moraga: Heroes & Saints ... 48
5.2 Homosexualität als Thema im modernen Chicano-Theater
5.2.1 Die Ausgangslage ... 57
5.2.2 Giving Up the Myth. Cherrie Moraga: Giving Up the Ghost ... 59
5.2.3 Homosexualität im Boxsport.. Oliver Mayer: Blade to the Heat ... 66
5.2.4 What it Means to be a Family. Luis Alfaro Straight as a Line ... 71
5.2.5 A Chicana/Lesbian Nationalism Monica Palacios: Greetings From a Queer Senorita ... 76
6. Zusammenfassung und Ausblick ... 82
7. Literaturverzeichnis ... 86
1. Einführung
I think my generation of writers is intensely political, and that the best of us try to be responsible in our portrayals of the truth as we see it.1
Oliver Mayer, 2000
Ein Blick in die Literatur, die bislang besonders in Deutschland und Europa über das Theater der Chicanas und Chicanos veröffentlicht wurde, fördert Interessantes zu Tage: Sie behandelt primär Dramen, die in den 60er Jahren veröffentlicht wurden, Dramen von Luis Valdez und des Ensembles Teatro Campesino. Dieses Theater war international bekannt für seine Thematisierung des politischen und ethnischen (Klassen-) Kampfes der Chicanos um Gleichberechtigung in der amerikanischen Gesellschaft. Aber hat es in den letzten Jahren keine wichtigen und politisch bedeutenden Dramen des Chicano-Theaters2 gegeben? Fehlt den Dramatikern heute die Motivation eines Valdez, auf der Bühne auf die Diskriminierung ihrer ethnischen Gruppe aufmerksam zu machen? Mitnichten. Der Eindruck, dass das Chicano-Theater seit den 70er Jahren völlig an Bedeutung eingebüßt hätte, entsteht bei der Überbetonung des Teatro Campesino leicht. Wie Oliver Mayer, einer der wichtigsten Vertreter des „neuen“ Teatro Chicano, in dem oben angeführten Zitat unterstreicht, gibt es unter Chicanas und Chicanos immer noch ein Theater mit einer starken politischen Zielrichtung. Allerdings hat sich die Zielsetzung der Theaterbewegung in den letzten zwanzig Jahren geändert. Es hat eine Umorientierung des Theaters stattgefunden, begleitet von demographischen Änderungen und Veränderungen im Zielpublikum und im Umfeld derer, die heute Chicano-Theater inszenieren.
Die Krise im Chicano-Theater Anfang der 80er Jahre, die von Kritikern rückblickend als „profound internal crisis“3 gesehen wird, ist überwunden. Das Theater ist wieder eine der wichtigsten und stärksten künstlerischen Ausdruckformen der Chicanos. Es ist ein politisches Instrument, mit dem die Chicanos ihre Forderungen artikulieren. Die Themen, die das Theater behandelt, und seine Vielschichtigkeit stehen exemplarisch für die Situation der Chicanos in der Vereinigten Staaten. Auch wenn viele Chicanos nur ungern von „politischem Theater“ sprechen (Theaterkritiker Michael Philips: „It has come to mean everything and nothing. Too often it has meant the worst kind of finger-wagging“4), verfolgt ihr Theater verschiedene politische Ziele. Diese sollen im Folgenden aufgezeigt werden. Dass bei der Behandlung des Chicano-Theaters seit den 90er Jahren gerade aus europäischer Sicht ein Desiderat besteht, auch im Vergleich zum afroamerikanischen Theater, ist umso interessanter, zieht man in betracht, dass es sich bei den Lateinamerikanern mittlerweile um die größte ethnische „Minderheit“ in den Vereinten Saaten handelt (allein die Hispanics machten 2002 13,3 Prozent an der gesamtamerikanischen Bevölkerung aus5).
Die Chicanos stellen den größten Anteil (66,9 Prozent6) in dieser Gruppe und bilden die am stärksten anwachsende Fraktion. Dementsprechend ist auch die Zahl der Dramatiker und ihrer Stücke heute wesentlich größer als noch vor dreißig Jahren. Diese Arbeit will die Forschungslücke füllen und setzt sich ausschließlich mit Dramen von Chicanas und Chicanos auseinander, die seit 1990 uraufgeführt wurden und meist noch immer in amerikanischen Theatern gespielt werden. Zudem sollen die Rolle des Teatro Chicano im amerikanischen Theater und die Entwicklungen, die es in den letzten Jahren genommen hat, dargestellt werden. Hier hinein spielen die Frage des Zielpublikums, die Struktur des Theaters sowie der Einfluss des frühen Chicano-Theaters einerseits und des angloamerikanischen Theaters andererseits. Daher muss auch das Teatro Campesino in dieser Arbeit angesprochen werden, vor allem im Hinblick auf seine Bedeutung für das Theater der Gegenwart. Im Hinblick auf die relative Unbekanntheit des Teatro Chicano in Deutschland soll zudem auch auf die Problematik der Definition von Chicano-Theater eingegangen werden.
Heute sei, so sagte Jorge Huerta, wichtigster Forscher für Chicano-Theater in den Vereinigten Staaten, 1998, jedes Theaterstück der Chicanos politisches Theater, da es die Diskriminierungen in der Gesellschaft thematisiere und damit Engagement für die Interessen seiner Gemeinschaft ausdrücke7. Auch wenn sich dieser Anspruch auch im Teatro Campesino der 60er Jahre fand, hat das moderne Teatro Chicano einen anderen Charakter. Die Auswahl der Stücke in dieser Arbeit trägt dabei der Vielschichtigkeit dieses Theaters Rechnung, indem es Dramen mit unterschiedlicher Thematik vorstellt. Grob lässt sich dieses Thematik in zwei Punkte unterteilen: Dies ist zum einen die Reflektion der Chicanos als ethnische Minderheit in der amerikanischen Gesellschaft, im speziellen im Hinblick auf die fortschreitende Diskriminierung und Marginalisierung dieser Gruppe. Dies ist zum anderen die Reflexion der Situation von Frauen und Homosexuellen in der konservativen lateinamerikanischen Gemeinschaft und die Forderung nach sexueller Befreiung. Der letztgenannte Punkt hat sich seit den 80er Jahren mehr und mehr als das bestimmende Thema im Chicano-Theater durchgesetzt und wird auch in den meisten der hier vorgestellten Dramen in irgendeiner Weise behandelt. Was alle diese Stücke verbindet, bleibt die politische Zielrichtung und ihr Charakter als Instrument für die Manifestation unterschiedlicher politischer Interessen.
Die ausgewählten Dramen stellen nur einen kleinen Auszug aus der Vielzahl neuer Stücke dar, die im letzten Jahrzehnt von Chicanas/os veröffentlicht wurden. Ihre Auswahl geschieht nach ihrer Bedeutung, Einflussnahme auf das Theater und ihrer Signifikanz bei der Präsentation der Chicanos bzw. der ethnischen Minderheiten sowie der politischen Botschaft, die sie implizieren. Vorgestellt werden dabei auch die beiden kommerziell erfolgreichsten Dramen des Chicano-Theaters der letzten Jahre, Josefina Lopez’ Real Women Have Curves und Oliver Mayers Blade to the Heat. Hinzu kommt mit Bordertown San Diego - Tijuana der Comedy-Gruppe Culture Clash ein Stück des zurzeit erfolgreichsten lateinamerikanischen Theaterensembles. Ähnlich wie Oliver Mayers Drama Ragged Time behandelt es die Situation verschiedener ethnischen Minderheiten in der angloamerikanischen Mehrheitsgesellschaft. Andere Dramen des zeitgenössischen Chicano- Theaters, wie Heroes & Saints oder Giving Up the Ghost von Cherríe Moraga, waren zunächst zwar nur einem Nischenpublikum bekannt, haben aber dennoch einen großen Einfluss auf das Chicano-Theater ausgeübt. Hinzu kommen zwei Stücke von Autorinnen und Autoren, die in den letzten fünf Jahren erstmals die Theaterbühnen betraten: Monica Palacios und ihr Drama Greetings from a Queer Senorita sowie Luis Alfaro und sein Stück Straight as a Line. Es soll darauf verzichtet werden, all diese Stücke en Detail inhaltlich vorzustellen und zu bewerten, sondern sich auf ihre jeweilige politische Zielrichtung und die Präsentation der Chicanas und Chicanos zu konzentrieren.
Wie anfangs erwähnt, liegt der Fokus vieler Untersuchungen des Theaters der Chicanos auf dem Teatro Campesino, weniger auf zeitgenössischem Theater. Dennoch sind in den Vereinigten Staaten seit 1990 einige Bände und Aufsätze veröffentlicht worden, die sich mit der Situation des lateinamerikanischen Theaters der Gegenwart befassen. Viele Forscher untersuchen dabei Teilaspekte wie die Darstellung der Chicana oder die Behandlung von Homosexualität. Jorge Huertas 2000 erschienende Monographie Chicano Drama. Society and Myth ist bislang das einzige Werk, das eine umfassende Untersuchung des Chicano Theaters seit 1990 bietet.
Anthologien, die nur Dramen verschiedener Chicana/Chicano-Autoren beinhalten, sind in den letzten Jahren nicht veröffentlicht worden. Allerdings gibt es neuere Zusammenstellungen von zeitgenössischem lateinamerikanischen Dramen wie Puro Teatro: A Latina Anthology von Alberto Sandoval-Sanchez (1999) oder Out of the Fringe von Caridad Svich und Teresa Maria Morrero (2000). Einige Dramen sind zudem in Anthologien feministischer Dramatiker oder in speziellen Editionen einzelner Dramatiker oder Ensembles zusammengestellt.
2. Was ist Chicano-Theater?
2.1 Definitionsversuche in der modernen Forschung.
Wie schwierig eine Definition von Chicana/o-Theater ist, lässt sich schon alleine daran erkennen, dass die meisten Forscher, die sich mit diesem Theater beschäftigen, einer genauen Begriffsbestimmung ausweichen. Dass das zeitgenössische Chicano-Theater eine große Ansammlung verschiedener Dramatiker und Produktionsgruppen ist, mit unterschiedlichen Zielen, Schwerpunkten und Hintergründen, sowie Bühnen im ganzen Land umfasst, erschwert eine allgemeingültige Definition dabei noch zusätzlich8.
[...]
1 Mayer, Oliver. “The Writer Speaks”. In: Out of the Fringe. Contemporary Latina/Latino Theatre and Performance Art Eds. Caridad Svich and María Teresa Marrero. New York: Theatre Communications Group, 2000. 202
2 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden von „Chicano-Theater“ gesprochen, dabei aber das Theater der Chicanas UND Chicanos gemeint. Wird auf die jeweiligen Eigenheiten von Chicana- bzw. Chicano-Theater aufmerksam gemacht, so wird dies besonders herausgehoben.
3 Gómez-Peña, Guillermo.“Preface”. In: Culture Clash in Americca. Four Plays. Ed. Culture Clash. New York: Theatre Communications Group, 2003. vii.
4 Phillips, Michael. “The Politics of Drama, Act Two.” The Los Angeles Times, 13 August 2000. Theater 6
5 Ramirez, Roberto R., & G. Patricia de la Cruz, The Hispanic Population in the United States: March 2002, Current Population Reports, P20-545, U.S. Census Bureau, Washington DC, 2003, S. 1f. 06. Oct. 2003
6 Ramirez, De La Cruz 2.
7 Vgl. Huerta, Jorge. “Looking for the Magic: Chicanos in the Mainstream.” In: Negotiating Performance. Gender, Sexuality, & Theatricality in Latin America. Eds. Diane Taylor and Juan Villegas. Durham, London: Duke UP, 1994. 39.
8 Vgl. Huerta, “Looking for the Magic” 39.
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Bernd Evers, 2003, Reflecting Us and the Other: Das Chicana-/Chicano-Drama der Gegenwart , Munich, GRIN Publishing GmbH
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