2
Es ist zu viel, wenn man geradezu sagt, die Novelle müsse eine ausgesprochene Tendenz haben, aber doch erwartet man in ihr etwas Hervorspringendes, eine Spitze... Man wird die scharfe, epigrammatische Pointe auch nicht zu sehr herausheben dürfen... Es ist schwer, hier einen allgemeinen Begriff zu finden, auf den sich alle Erscheinungen dieser Art zurückbringen ließen.“ 2
Dieses Zitat von Ludwig Tieck macht deutlich, dass die Definition der Novelle nicht eindeutig zu klären ist. So existieren verschiedene Novellentheorien, unter anderem von Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Storm und Paul Heyse, die zwar gemeinsame Nenner aufweisen, aber doch eindeutige Unterschiede zeigen. Darauf soll im Folgenden näher eingegangen werden und die dort aufgeführten Kennzeichen einer Novelle anhand von Giovanni Boccaccios „Falkennovelle“ verifiziert werden, wobei das „Falkenmotiv“ einen besonderen Stellenwert einnimmt.
Novellentheorien
Goethes „unerhörte Begebenheit“
Wenn man die Geschichte und Entwicklung der Novelle betrachtet, fällt auf, dass es viele verschiedene Novellentheorien gibt. Eine der wohl wichtigsten stammt von Johann Wolfgang von Goethe.
Anlässlich seiner Altersdichtung „Novelle“ kam Goethes Formulierung der „unerhörten Begebenheit“ zustande. Er schrieb am 25. Januar 1827 an Eckermann:
„... was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit...“ 3
Laut Goethe handelt es sich bei dieser Gatttung um ein völlig neues, überraschendes oder außergewöhnliches Ereignis. Darauf deutet der Begriff „unerhört“ hin. Es ist also etwas, das auf jeden Fall Aufmerksamkeit erregte. Auch besagt die Definition, dass es die beschriebene Situation wirklich gab bzw. dass der Anschein der Authentizität erweckt werden soll ( „sich ereignete“). Der unbestimmte Artikel „eine“ legt fest, dass nur von einer „Begebenheit“ erzählt wird, diese Situation aber im Ganzen wiedergegeben wird, nicht nur in Fragmenten.
2 Ebd.
3 Ulrich Karthaus, Novelle. C.C.Buchner Verlag, Bamberg, 1990. S.14
3
Es ist nur ein Handlungsstrang vorhanden, der zielstrebig zum Höhepunkt führt und nicht durch Nebensächlichkeiten vom Wesentlichen ablenkt. 4
Zu dieser Definition Goethes passen auch die Kennzeichen, die Boccaccio selbst als Merkmale seiner Novellen festgelegt hat. Er hob vor allem „il caso“, den Zufall, hervor. Diese Erklärung sieht also immer einen Wendepunkt, der meist auch der Höhepunkt ist, in der Handlung vor. Boccaccio definiert die Novelle also durch das „sich ereignete Ereignis“, das vom Zufall bestimmt ist. Dies wird auch dadurch unterstrichen, dass man die Vokabeln „avvenire“/ „avvenimento“ 369mal im „Dekameron“ findet. Auch tauchen zahlreiche weitere Worte auf, wie z.B. „avventura“, „miracolo“ oder „fortuna“. 5 All diese Begriffe weisen auf ein überraschendes Ereignis hin, das von „Oben“ beeinflusst wird und den Umschwung des Geschehens einleitet. Diese Ansicht findet man auch bei vielen anderen Autoren, die meist in irgendeiner Form den Zufall, bzw. den Wendepunkt ins Zentrum der Novelle stellen.
„Die Schwester des Dramas“ 6
Theodor Storm hat sich von diesem Erklärungsversuch abgewandt und in seiner Vorrede zu der zweibändigen Novellenausgabe folgendes als typisch bezeichnet: er nannte die Novelle „die Schwester des Dramas und die strengste Form der Prosadichtung“. Laut Storm ist der Novelle ein dramatischer Aufbau nachzuweisen, bei dem sich von der Exposition bis zum Schluss ein Spannungsbogen aufbaut. Des weiteren werden, gleich wie im Drama, die grundlegendsten Probleme des menschlichen Daseins behandelt. Außerdem enthalte die Novelle ebenfalls einen Konflikt, der den Wegfall alles Unwichtigen und die „geschlossene Form“ zur Folge hat. 7
Die „Falkentheorie“
Die Theorie, die sich bis heute am ehesten durchgesetzt hat ist die „Falkentheorie“ des Nobelpreisträgers Paul Heyse. Sie basiert auf der neunten Novelle des fünften Tages in Boccaccios „Il Decamerone“. Heyse sah diese Novelle als Musterbeispiel für diese Gattung,
4 Hugo Aust, Novelle. Metzler, Stuttgart 1994
5 Wilhelm Pötters, Begriff und Struktur der Novelle. Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 1991, S 38ff
6 Ulrich Karthaus, Novelle. S.29ff
7 Ebd.
4
da sie alles enthält, wodurch, seiner Meinung nach, der Charakter einer Novelle zustande kommt: das Wesen einer Person und die ganze äußere Umgebung werden nicht weiter ausgemalt, als es zum Verständnis der Situation und der Handlung notwendig ist. Der Motor, der die Ereignisse am Laufen hält, ist der Falke, der Heyses Theorie auch den Namen gibt und Dreh- und Angelpunkt der Erzählung ist. Durch dieses Leitmotiv wird der Wendepunkt, das überraschende Ereignis, herbeigeführt.
Heyse ist der Überzeugung, dass sich die Novelle im Laufe der Jahre gewandelt hat. Wurde früher einfach von einer außergewöhnlichen „Begebenheit“ berichtet, ist es heute so, dass in diese Gattung die „tiefsten und wichtigsten sittlichen Frage zur Sprache kommen“. In der Novelle sind alle denkbaren Charaktere und Ereignisse verwertet und zwar mit „harmloser Lebendigkeit des Tons“. Die Vielfalt der Stoffe, die behandelt werden, ist nahezu unbegrenzt, das für die Rezipienten die „Unzulänglichkeit“ der anderen doch immer sehr interessant ist. Um den Lesern diese menschlichen Schicksale nahezubringen, ist ein dramatischer Aufbau des Textes am geeignetsten, denn hier konzentriert man sich auf nur einen Punkt und alles Unwichtige fällt heraus. Die Novelle behandelt also nur einen einzigen Konflikt und eine ganz bestimmte Situation im Leben eines Menschen. Nur diese eine Geschichte und dieses Ereignis sind wichtig, nicht etwa die gesellschaftlichen Umstände dieser Zeit oder verschiedene Weltanschauungen. Damit aber ein Text als „Novelle“ bezeichnet werden kann, dass er etwas Außergewöhnliches, etwas „Specifisches“ enthält. Durch dieses besondere Motiv, dem sogenannten „Falken“, unterscheidet sich dieser Text von allen anderen und ohne einen „Falken“ handelt es sich um keine Novelle. Der „Falke“ stellt also den Gegenstand dar, an dem das Einwirken auf die Handlung und Fortuna besonders deutlich dargestellt wird. Er ist das Leitmotiv der Erzählung, das immer wieder aufgegriffen wird. 8 Der „Falke“ hat stets die Eigenschaft das Dämonische, Schicksalhafte, Wunderbare bzw. die göttliche Fügung darzustellen.
Zusammenfassung und Erweiterung der Kennzeichen einer Novelle
Im Folgenden werden noch einmal die Kennzeichen einer Novelle benannt und ergänzt, bevor sie am Beispiel von Boccaccios „Falkennovelle“ erläutert werden. Wie oben schon einmal erwähnt handelt es sich bei einer Novelle um eine kurze bis mittellange Erzählung, die in einer sehr straffen und konzentrierten Form verfasst ist. Zum Inhalt hat sie ein außergewöhnliches Ereignis, das aber in der Realität hätte stattfinden
8 Ulrich Karthaus, Novelle. S.26-29
Arbeit zitieren:
Beate Sewald, 2001, G. Boccaccios Falkennovelle, München, GRIN Verlag GmbH
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