Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
Seminar: „Fremdheit im ethnographischen Film“
Robert Gardner: "Rivers of sand"
von: Anne Weber
Gliederung
1. Robert Gardner - Der Weg zum nicht-fiktiven Film
2. Gardners Intention
3. "Rivers of Sand"
3.1 Das Leitmotiv des Films
3.2 Die ersten Bilder
3.3 Das Anfangbild wird relativiert
3.4 Die Thematik des Schlagens
4. Kritik an Gardners "Rivers of Sand"
1. Robert Gardner - Der Weg zum nicht-fiktiven Film
Robert Gardner, der 1925 in Massachusetts geboren wurde, interessierte sich bereits in frühester Kindheit für damalige Filme, wie etwa die von Charlie Chaplin. Zunächst fasziniert von der 16mm-Kamera seines Vaters, bekam er irgendwann eine eigene Kamera, und es begann für ihn die Überlegung, was es denn mit dieser einzufangen galt. Da Gardner sich selbst ein Verständnis von Film und Filmemachen aneignen musste – es gab kaum derartige Ausbildungsmöglichkeiten – verschlang er zunächst die Filme, die in den damaligen Kinos gespielt wurden. Gardner sah das Filmemachen als eine Art Kunstform an und umso kunstvoller erschien es ihm, wenn es Filmemachern gelang, Emotionen und Stimmungen der realen Welt in Form eines Films zu konservieren. Diese reale Welt zu bewahren, liegt – so zitiert Gardner den englischen Dichter Philip Larkin – "aller Kunst zugrunde." 1
Es kristallisierte sich also schnell ein Interesse an nicht-fiktiven Filmen heraus. Gardner schreibt in dem Text "Der Impuls zu bewahren", dass er Filme, wie "The private life of a cat" – von Maya Derens – noch immer am meisten liebt, denn es gelang ihr in diesem Film, Aktualität statt Phantasie in den Vordergrund zu stellen, was Gardner nachhaltig beeindruckte. Er beschreibt Filme wie diesen als visuell eindrucksvoller und als sehr viel herzbewegender als fiktive und surrealistische Werke. Mit Hilfe des Films bzw. der Kamera war es Gardner nun also möglich, seine eigenen Empfindungen, bezüglich eines Teils der äußeren realen Welt, wiederzugeben, wenn es auch ihm gelingen würde, sie mit der Kamera einzufangen.
2. Gardners Intention
Es sind nun heute bereits mehr als fünfzig Jahre, in denen Robert Gardner mit der Kamera durch die Welt reist. Seine Filme erzählen unter anderem vom Leben der Dani, der Hamar, der Fulani oder der Ika. Der Film "Rivers of Sand", den Robert Gardner 1970 zu drehen begann, handelt von der Hamar-Gesellschaft, die im trockenen Buschland SüdwestÄthiopiens lebt.
Gardner hatte es sich von Beginn an zum Ziel gesetzt, seine Filme so zu gestalten, dass sie den Zuschauer zum Nachdenken anregen. Die menschliche Realität sollte zwar in all ihrer Bedeutung vermittelt werden, aber es sollten eher Fragen aufgeworfen werden, als dass Gardner als Filmemacher belehrend auf den Zuschauer einwirkt. Die fremde Kultur soll in all ihrer Schönheit, in all ihren Facetten sowie in all ihrer Andersartigkeit gezeigt werden. Es ist für Gardner also durchaus ein grundlegendes Interesse, dem Zuschauer einen Einblick in die Kultur der Hamar zu geben, indem er ihren Tagesablauf, ihre Gewohnheiten oder ihre Rituale filmisch wiedergibt. Jedoch, wie in den meisten Filmen Gardners, ist auch "Rivers of Sand" hauptsächlich ein visueller Eindruck für den Zuschauer. Die mündlichen oder schriftlichen Kommentare des Filmemachers beschränken sich auf ein Minimum. Für den Zuschauer ist es beinah so, als würde er, während er den Film schaut, selbst in die fremde Kultur eintauchen und sie allein für sich erleben. Er muss somit auch eigenständig eine Auswertung sowie Bewertung des Gesehenen vornehmen.
Ein besonders wichtiger Punkt für Robert Gardner ist es demnach, den Zuschauer mit in den Erkenntnisprozess einzubeziehen. Er soll nicht nur passiv vom Film berieselt werden, sondern aktiv mitdenken und sich somit ein eigenes Bild von der fremden Kultur machen können. Das funktioniert selbstverständlich nur, wenn der Zuschauer auch dazu bereit ist, also die nötige Zeit und Lust hat, sich intensiver mit dem Film zu beschäftigen. Dafür ist es notwenig, das Interesse des Zuschauers zu wecken.
Nun ist ein gewisses Interesse an fremden Kulturen, die augenscheinlich Gegensätze zur eigenen Kultur aufweisen, sicher von vornherein gegeben. Gardners Filme jedoch enthalten zusätzlich meist noch eine elementare moralische Ebene. In seinem Film "Dead Birds", in dem sehr detailliert das Kriegführen der Dani beschrieben wird, geht es so zum Beispiel um die moralische Dimension von Leben und Tot. Nun spielen Krieg, Gewalt oder Tot aber natürlich nicht nur in fernen, fremden Kulturen eine elementare Rolle, sondern dies sind Bestandteile aller Kulturen. Der Zuschauer kennt also diese Thematik und kann sich, wenn auch gewiss oft nur teilweise, mit ihr identifizieren.
[...]
1 Robert Gardner: Der Impuls zu bewahren
Arbeit zitieren:
Anne Weber, 2006, Robert Gardner: "Rivers of sand", München, GRIN Verlag GmbH
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