Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG 1
DER SENDBRIEF AN FICHTE 2
JACOBIS BESTIMMUNG DES WISSENSCHAFTSBEGRIFFS 2
DER VORWURF DES NIHILISMUS 4
UNWISSENHEITSLEHRE ANSTATT PHILOSOPHISCHES WISSEN DES NICHTS 5
Von der Kritik an Fichte zu Jacobis eigener philosophischen Position 5
Der Sprung in den Spinozabriefen 6
Ahndung Gefühl und Vernehmen 8
FICHTES REAKTION 10
DIE ABGRENZUNG VON SPEKULATION UND LEBEN 10
FICHTES THEORETISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEN GRENZEN DES WISSENS 11
Philosophie als Begreifen des Unbegreiflichen 11
Fichtes Kritik an Jacobi im 18 Vortrag der Wissenschaftslehre von 1804 13
Die Ausgangssituation der Wissenschaftslehre von 1804 (Zweiter Vortrag) 13
Die Vernichtung des Begriffs am Absoluten 16
Die Evidenz des Absoluten 17
FAZIT 19
LITERATUR 23
1
Einleitung
”Wer nicht erklären will was unbegreiflich ist, sondern nur die Grenze wissen wo es anfängt, und nur erkennen, dass es da ist: von dem glaube ich, dass er dem mehresten Raum für echte menschliche
Nur wenige Philosophen haben Fichte so intensiv beschäftigt wie Jacobi. Schon Jahre vor Jacobis ”Sendbrief” äußerte Fichte seine Bewunderung für ihn und suchte seine Freundschaft. 2 Selbst die deutliche Kritik, die Jacobi im ”Sendbrief” von 1799 an Fichtes Philosophie äußerte, konnte daran nur wenig ändern. Vielmehr hat Fichte in seinen Überlegungen nach 1799 immer wieder die Kritikpunkte Jacobis zu berücksichtigen versucht. Umgekehrt hatte auch Fichte in Jacobis Philosophie eine besondere Bedeutung. Er war für Jacobi der wesentliche Vertreter einer ganzen philosophischen Grundströmung, in die Jacobi auch Spinoza einordnete und die er als Fehlentwicklung kritisierte. Seine Kritik an Fichte im Sendbrief zielt also weit über diesen hinaus auf den gesamten transzendentalen Idealismus. Um die Kontroverse zwischen Fichte und Jacobi um den ”Sendbrief” von 1799, die das Thema dieser Hausarbeit ist, nicht nur historisch wiederzugeben, sondern auch in ihrer systematischen Bedeutung deutlicher werden zu lassen, soll sie unter der Leitfrage behandelt werden, wie Jacobi und Fichte sich zu der Frage nach den Grenzen des Wissens stellen. Diese Frage ist nicht nur das wesentliche Thema der Kontroverse, sondern sie ist auch für Fichtes Wissenschaftslehre, die sich eine vollständige Darstellung des Wissens zum Ziel gesetzt hat, eine dauernde Herausforderung.
Zunächst wird es darum gehen, genauer zu zeigen, was Jacobi mit seiner Kritik an Fichte meint. Dabei wird auch die Metapher des ”salto mortale”, die Jacobi in seinen Briefen an Mendelssohn verwendet hat, ein Thema sein. Dann werde ich mich Fichtes Reaktion zuwenden. Diese ist sehr vielschichtig und nicht auf wenige Texte einzugrenzen: Denn erstens hat Fichte mehrfach in Briefen an Jacobi selber oder an Reinhold auf die Kritik im ”Sendbrief” reagiert. Zweitens hat er auch einige Versuche unternommen, der Kritik in einer eigenen Schrift öffentlich entgegenzutreten. 3
1 Jacobi, Friedrich Heinrich: Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn, Hamburg 1998, S. 34.
2 Zur Entwicklung der Beziehung zwischen Fichte und Jacobi vgl. Lauth, Reinhard: Fichtes Verhältnis zu Jacobi unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Friedrich Schlegels in dieser Sache, in: Klaus Hammacher (Hrsg.), Friedrich Heinrich Jacobi, Frankfurt 1971, S. 165-197. Vgl. auch Horstmann, Rolf-Peter: Die Grenzen der Vernunft. Eine Untersuchung zu Zielen und Motiven des Deutschen Idealismus, Frankfurt 3 2004, S. 44f. 3 Vgl. etwa Fichte, Johann Gottlieb: Zu ”Jacobi an Fichte” (1805/1806), in: Walter Jaeschke (Hrsg.), Transzendentalphilosophie und Spekulation. Der Streit um die Gestalt einer Ersten Philosophie. Quellenband,
2
In einem weiteren Sinne hat drittens Jacobis Kritik auch in der weiteren Ausarbeitung von Fichtes gesamter Philosophie nach 1799 eine Rolle gespielt. 4 Eine ausführliche Darstellung aller dieser Aspekte würde zu weit führen. Deswegen werde ich zunächst kurz auf die metaphilosophische Unterscheidung zwischen Spekulation und Leben bei Fichte eingehen, in der sich Fichte deutlich von Jacobi abgrenzt. Diese Abgrenzung hat ihre Begründung in den theoretischen Argumenten, die Fichte gegen Jacobi vorbringt und denen ich mich dann zuwenden werde.
Dabei werde ich von einer Bemerkung Fichtes in einem Brief an Jacobi aus dem Jahr 1804 ausgehen, in der vorgeschlagen wird, die Philosophie als "Begreifen des Unbegreiflichen" zu bestimmen. Diese Bemerkung steht offensichtlich im Zusammenhang mit Fichtes Arbeit an der zweiten Fassung der Wissenschaftslehre von 1804, von der ich deswegen einige Stellen zur Klärung heranziehen werde.
Der ”Sendbrief” an Fichte
Jacobis Bestimmung des Wissenschaftsbegriffs.
Jacobis Kritik wendet sich von Anfang an nicht nur gegen Fichte, sondern gegen die gesamte spekulative Philosophie. Diese beruht nach Jacobi darauf, die beiden dem Menschen natürlicherweise gegebenen Gewissheiten, nämlich die Existenz des Ich und die einer gegenständlichen, vom Ich unabhängigen Welt, zu einer einzigen Gewissheit zu machen: "Sie mußte suchen den Einen dieser Sätze dem andern vollständig zu unterwerfen; jenen aus diesem oder diesen aus jenem - zulezt vollständig - herzuleiten, damit nur Ein Wesen und nur Eine Wahrheit werde unter ihrem Auge, dem Allsehenden" 5 .
Von dort aus hätten sich die philosophischen Positionen des Materialismus und des Idealismus ergeben, nämlich die Versuche, "alles aus einer sich selbst bestimmenden Materie" oder "aus einer sich selbst bestimmenden Intelligenz" zu erklären. 6 Im Gegensatz zur üblichen Kontrastierung der beiden Positionen glaubt Jacobi, dass diese letzten Endes ineinander übergehen würden. 7 Schon Spinozas Philosophie stand nach Jacobi kurz vor einem solchen Umschlag; wirklich geschehen sei er aber im transzendentalen Idealismus und insbesondere in Fichtes Philosophie:
Hamburg 1993, S. 44-47.
4 Vgl. dazu auch Horstmann, Die Grenzen der Vernunft, a.a.O., der der Auseinandersetzung zwischen Jacobi und Kant prägende Bedeutung für die Geschichte des gesamten Deutschen Idealismus einräumt. 5 Jacobi, Friedrich Heinrich: Brief an Fichte in Jena vom 3-21.3.1799, in: Johann Gottlieb Fichte, Gesamtausgabe der bayerischen Akademie der Wissenschaften, hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Jacob, Stuttgart - Bad Cannstatt 1964ff, Bd. III.3, S. 226. Die Ausgabe kürze ich von hier an mit AA (=Akademieausgabe) ab. 6 Ebd., S. 226.
3
”Das Zeichen, welches Sie gegeben haben, ist die Vereinigung des Materialismus und Idealismus zu Einem untheilbaren Wesen...” 8 Doch was ist den beiden philosophischen Richtungen gemeinsam? Materialismus und Idealismus verbindet für Jacobi ihr wissenschaftlicher Blick auf die Welt. "Wissenschaft" ist für Jacobi nicht eine bloße Betrachtung der Welt, sondern wesentlich ein Handeln, eine Aktivität, die sich durch das ”Selbsthervorbringen ihres Gegenstandes” 9 auszeichnet. In einer Beilage zu dem Brief benutzt Jacobi für diese Tätigkeit auch den Begriff der "Konstruktion" 10 und er bemerkt: ”Wir begreifen aber einen Gegenstand, wenn wir uns seine Bedingungen der Reihe nach vorstellen...” 11 Die Wissenschaft ordnet also die Wirklichkeit in einen von ihr selbst begrifflich konstruierten Kausalzusammenhang ein. Dabei ist Wissenschaft nicht nur eine auf Gegenstände gerichtete Tätigkeit, sondern sie ist Ausdruck von Subjektivität:
”Jede Wissenschaft, sage ich, wie Sie, ist ein Object-Subject, nach dem Urbilde des Ich, welches Ich allein Wissenschaft an sich, und dadurch Prinzip und Auflösungsmittel aller Erkenntnisgegenstände, das Vermögen ihrer Destruction und Construction, in bloß wissenschaftlicher Absicht, ist. In Allem und aus Allem sucht der Menschliche Geist nur sich selbst, Begriffe bildend, wieder hervor; strebend und widerstrebend; unaufhörlich vom augenblicklichen bedingten Daseyn, das ihn gleichsam verschlingen will, sich losreißend, um sein Selbst- und in-sich-seyn zu retten, es alleinthätig und mit Freiheit fortzusetzen.” 12 Das Ich ersetzt also in der Wissenschaft die natürlicherweise als unabhängig gegebenen Erkenntnisgegenstände durch seine eigenen begrifflichen Konstruktionen. Dadurch eignet es sich eine ihm ursprünglich fremde Wirklichkeit an, die sonst seine Unabhängigkeit, sein ”Fürsich-sein”, in Frage stellen würde. Deswegen ist, in einer nach heutigen Maßstäben zunächst befremdlich wirkenden Terminologie, das Ich selber Wissenschaft, denn Wissenschaft ist die Tätigkeit, durch die sich das Ich letzten Endes zum selbstbewussten "Object-Subject" macht, für das jedes Verhältnis zum Gegenstand sich als ein Selbstverhältnis erweist. In diesem Sinne warnt Jacobi zunächst ausdrücklich davor, den Drang zur Wissenschaft in sich und anderen zu unterdrücken. Man könne es mit der Philosophie gar nicht übertreiben: Das hieße, es mit der ”Besinnung” zu übertreiben und insofern die eigene Freiheit zu gefährden. 13 Jacobi glaubt sich mit Fichte in dieser Bestimmung des Wissenschaftsbegriffes einig. In der Tat teilt Jacobis Wissenschaftsverständnis ein wesentliches Element mit Fichtes Philosophie, nämlich den Gedanken, dass Wissenschaft nicht Aufnehmen einer schon gegebenen
7 Ebd., S. 226.
8 Ebd., S. 228.
9 Ebd., S. 231.
10 Ebd., S. 231.
10 Ebd., S. 231.
10 Ebd., S. 256.
11 Ebd., S. 256.
12 Ebd., S. 231.
4
Wirklichkeit, sondern immer ein Handeln ist. Dieses Handeln ist dabei etwas nicht von den handelnden Subjekten zu Trennendes, denn es ist für das, was sie sind, konstitutiv. Durch die als Handlung verstandene Wissenschaft bestimmen Subjekte deswegen, wer sie selber sind, wie Fichte in der Wissenschaftslehre von 1804 (Zweite Fassung) hervorhebt: ”Was wir wahrhaft einsehen, das wird ein Bestandteil unser selbst, und falls es wahrhaft neue Einsicht ist, eine Umschaffung unser selbst.” 14 Philosophische Überzeugungen sind nicht einfach nur Lehrmeinungen, sondern die Philosophie ist immer auch eine Praxis.
Der Vorwurf des Nihilismus
Jacobi versucht im weiteren Verlauf des Briefes zu zeigen, in welche Probleme eine so verstandene Wissenschaft führt, wenn man sie zu Ende denkt. Die Wissenschaft muss die Welt notwendig immer mehr als vom Subjekt konstruiert verstehen; alle gegenständlichen Bestandteile des Wissens, die zunächst als unabhängig erscheinen, würden immer mehr verschwinden:
”Wenn daher ein Wesen ein von uns vollständig begriffener Gegenstand werden soll, so müssten wir es objektiv - als für sich bestehend - in Gedanken aufheben, vernichten, um es durchaus subjektiv, unser eigenes Geschöpf - ein bloßes Schema - werden zu lassen. Es darf nichts in ihm bleiben und einen wesentlichen Teil seines Begriffes ausmachen, was nicht unsere Handlung, jetzt eine bloße Darstellung unserer produktiven Einbildungskraft wäre.” 15 Jacobi steigert diesen Gedanken noch weiter: Um im Sinne des Fichteschen Systems vollständig immanent zu sein, dürfe auch die Vernunft selber im strengen Sinne nicht sein, sondern dürfe nur als "Hervorbringen des Geistes", als ”That-That” 16 , also nur noch in der Aktualität ihrer Vollzüge, als reine Aktivität, existieren. So würde der menschliche Geist sich immer mehr zum ”Welt-Schöpfer” 17 und schließlich sogar zum Schöpfer seiner selbst machen. Dabei muss er sich selbst dem ”Wesen” nach, also in seiner Eigenschaft als real existierendes, gegenständliches Ding, vernichten, um sich als ”Begriff” wiederzugewinnen. Nach Jacobis Ansicht führt diese "Auflösung allen Wesens in Wissen" 18 dazu, dass die ganze Welt und am Ende auch das sie betrachtende Ich in ”Nichts” aufgelöst wird. In einem etwas befremdlichen Bild vergleicht Jacobi Fichtes Konzept der Wirklichkeit mit einem Strickstrumpf, in den verschiedene Muster, etwa Streifen oder Blumen, gewebt sind; sobald man den Faden herauszuziehen beginnt, merke man, dass die Muster nicht wirklich seien, sondern nur aus dem nackten Faden und der eigenen Aktivität des Webens bestünden. 19
13 Ebd., S. 231.
14 Fichte, Wissenschaftslehre 1804 2 , AA II.8, S. 18.
15 Jacobi, Brief an Fichte von 3.-21.3.1799, AA III.3, S. 234.
16 Ebd., S. 233.
17 Ebd., S. 234.
18 Ebd., S. 235.
19 Ebd., S. 236f.
Quote paper:
Moritz Deutschmann, 2006, Fichtes Reaktion auf Jacobis "Sendbrief" von 1799, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 20 Pages
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Termpaper, 14 Pages
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Script, 46 Pages
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 39 Pages
Moritz Deutschmann's text Fichtes Reaktion auf Jacobis "Sendbrief" von 1799 is now available as a printed book
Moritz Deutschmann has published the text Fichtes Reaktion auf Jacobis "Sendbrief" von 1799
Moritz Deutschmann has uploaded a new text
Wissenschaftslehre nova methodo
Kollegnachschrift K. Chr. Fr. ...
Johann Gottlieb Fichte, Erich Fuchs
Der Deutsche Idealismus im Spiegel seiner Historiker
Genese und Protagonisten
Matthias Neumann
Mystik im Deutschen Idealismus und in der Japanischen Philosophie - Sc...
- Schelling, Hegel, Nishitani ...
Myriam-Sonja Hantke
Der Deutsche Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) und die philosophis...
Mit einem Anhang einer Nachsch...
Martin Heidegger, Claudius Strube
Selbstbewußtsein und Erfahrung bei Kant und Fichte
Über Möglichkeiten und Grenzen...
Frank Kuhne
0 comments