INHALTSVERZEICHNIS
A EINLEITUNG
3
B DIE SCHLEGEL'SCHE IRONIE-KONZEPTION
4
C „INSZENIERUNG“ ROMANTISCHER IRONIE IN
MIGUEL DE UNAMUNOS NIEBLA
8
Chiasmus von Realität und Fiktion - Der doppelte Prolog
Vom Bruch mit der Fiktion zur Mise en abyme (Kap. 17)
Ironie und aporetische Reflexion (Kap. 25) 13
D DIE ROMANTISCHE IRONIE UND DAS
TRAGISCHE LEBENSGEFÜHL - AUSBLICK
15
E LITERATURVERZEICHNIS
18
2
A EINLEITUNG
Das Heraustreten des Autors aus dem Werk bezeichnet eines der bekanntesten Verfahren romantischer Ironie. Die Ende des 18. Jahrhunderts von Friedrich Schlegel begründete moderne Ironie steht hierbei in Opposition zu ihrem rhetorischen Gegenpart und ist das Ergebnis eines modernen literarischen Bewusstseins. So soll sich in Kapitel B zeigen, dass die Genese des Schlegel'schen Ironiebegriffs in einem engen Zusammenhang mit seiner Idee von einer progressive[n] Universalpoesie steht. Ein Konzept, dessen Vorstellungen lediglich die „flexible“ Form des Romans toleriert. In der von Schlegel postulierten Nähe von Philosophie und Poesie, wird nicht nur der Grundstein für ein progressives Literaturverständnis, sondern mit ihm auch der für romantische Ironie gelegt.
Miguel de Unamunos Roman Niebla (1914) weist eine Vielfalt an Inszenierungsformen romantischer Ironie auf, die im Teil C, anhand des doppelten Prologs sowie der Kapitel 17 und 25 exemplifiziert werden sollen. Es wird sich zeigen, dass die romantische Ironie - als Produkt der komplizierter gewordenen literarischen Mitteilung - ihren Kern in der Wesengleichheit von Realität und Fiktion im Roman trägt. Im Zusammenwirken von romantischer Ironie und dem narrativen Verfahren der mise en abyme potenzieren sich in den einzelnen Kapiteln Spiegelungsebenen von Realität und Fiktion bis hin zu einer aporetischen Reflexion, die sicherlich voll und ganz dem Schlegel'schen Verständnis einer universalen Poesie entsprochen haben müsste.
Ganz in diesem Sinne sucht der Ausblick D nach den Berührungspunkten zwischen der in Niebla inszenierten romantischen Ironie und Miguel de Unamunos philosophischem Hauptwerk „Del Sentimiento trágico de la vida en los hombres y en los pueblos“. So erweist sich der Roman nicht nur weitgehend als literarische Umsetzung der Ideen des Sentimiento trágico, sondern macht die Geschichte des Protagonisten Augusto Pérez auch als eine „literarische Antithese“ des cartesianischen Axioms lesbar.
3
B DAS SCHLEGEL'SCHE KONZEPT DER IRONIE
Die romantische Ironie stellt einen Terminus dar, dessen Konzeptionszeitraum sich seinem Namen nur allzu leicht entnehmen lässt. Das Attribut verweist auf eine sich in der Frühromantik vollziehende Umwertung des vorherrschenden klassischen Ironieverständnisses 1 hin zu einer „modernen“ Perspektive. Letztere ist das Ergebnis eines Paradigmenwechsels: Während die Künste zuvor einer traditionellen Regelpoetik der Antike folgen, zeichnet sich in der Romantik der entscheidende Wandel zu Gunsten eines progressiven Kunst- und Literaturverständnisses ab. Friedrich Schlegel gilt durch seine poetologischen Schriften als Beförderer dieser Wende. In seiner im Jahre 1797 gegründeten Zeitschrift Athenäum stellt er das Konzept einer „progressive[n] Universalpoesie“ vor, welches in seinen Grundzügen das „Verschmelzen“ der literarischen Gattungen in der Dichtung postuliert 2 . Die romantische Dichtung steht bei Schlegel im Zeichen einer unendlichen Perfektibilität 3 . Es wird ihr Kennzeichen, „daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann“ 4 . Eine andere Forderung, die Schlegel an die Universalpoesie stellt, ist die Annäherung der Dichtung an die Philosophie. Die Gattung des Romans gewinnt vor diesem Hintergrund an besonderer Bedeutung, da sich in ihr die grundlegenden Ansprüche einer Universalpoesie verwirklichen lassen. Der Roman bietet dabei einen Rahmen, der „flexibel“ genug ist, die Vermischung der Gattungen zu tragen. In Verbindung mit der Dichtung erscheint die Philosophie als das über diesen Rahmen hinausweisende Moment philosophischer Reflexion und fungiert
1 BEHLER, Ernst: Ironie und literarische Moderne. Paderborn 1997. Die klassische Form der Ironie, als deren „Meister“ Sokrates gilt, lässt sich als eine „Figur der Rede, als Technik rhetorischer dissimulatio, das heißt als jene Art der Verstellung bezeichnen, bei der die Worte das Gegenteil des Gemeinten ausdrücken, der Tenor des Sprechens aber anzeigt, daß ein Diskrepanz zwischen dem gesprochenen Wort und dem intendierten Sinn besteht“, S. 21. Man denke hierbei an die Worte Sokrates' in seiner Apologie: „Unter Euch, ihr Menschen, ist der der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, daß er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt.“ (Behler 1997, S. 22)
2 RASCH, Wolfdietrich [Hrsg]: Friedrich Schlegel: Kritische Schriften. 2. Auflage. München 1964. S. 38: „Die romantische Poesie ist eine Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen [...]“
3 BEHLER 1997. S. 86. Schlegel-Zitat: „Die Kunst ist unendlich perfektibel und ein absolutes Maximum ist in ihrer steten Entwicklung nicht möglich: aber doch ein bedingtes relatives Maximum, ein unübersteigliches fixes Proximum“
4 Vgl. RASCH, S. 38
4
damit als eine Komponente, welcher die Universalpoesie letztlich ihren neuen, progressiven Charakter verdankt. Die Philosophie wird zu einem Metadiskurs der Literatur und der Roman mit ihr zum „sokratischen Dialog[e] unserer Zeit“ 5 . Das moderne Ironieverständnis ist als Ergebnis jener Zusammenführung von Philosophie und Literatur zu verstehen. So verortet Schlegel den neuen Ironiebegriff nicht etwa in der Rhetorik, wo der Tradition nach die klassische Form wurzelt, sondern sieht in der Philosophie „die eigentliche Heimat der Ironie“ 6 . An dieser Stelle zeigt sich die Unterschiedlichkeit beider Ironiebegriffe auf fundamentale Weise: Während der klassische Ironiebegriff als Redefigur verstanden wird, die „sparsam gebraucht vortreffliche Wirkung tut“, stellt die romantische Ironie eine philosophische Gedankenfigur dar, von der die „universale“ Dichtung durchgehend Gebrauch machen kann 7 . Schlegel umschreibt sie im Athenäum-Fragment Nr. 42 als „die Stimmung [im Werk], welche alles übersieht und sich über alles Bedingte unendlich erhebt, auch über eigne Kunst, Tugend, oder Genialität“. Durch das Mittel der modernen Ironie vermag sich die universale Poesie über ihren eigenen Vollkommenheitsanspruch zu erheben, ihn zu relativieren und sich in einem Zustand unendlichen Werdens unentwegt selbst zu hinterfragen.
Dieses erweiterte Ironieverständnis kann somit als eine Form der philosophischen Argumentation, als ein „Denken und Gegendenken in einer progressiven Bewegung“ 8 verstanden werden, wie es schon in der Sokratischen Dialektik praktiziert wurde. Die Synthese dieser Dialektik ist ein kritisches Bewusstsein, deren Rolle die Ironie in der Literatur einnimmt und welches Schlegel selbst rückwirkend in Werken vorromantischer Zeit nachzuweisen weiß 9 . Seine Idee einer Universalpoesie und der hieraus resultierenden Ironie als Gedankenfigur gedeiht dabei auf dem „Boden“ des Romans, der nicht nur das nötige Volumen besitzt, um die Vermischung der Gattungen
5 Vgl. RASCH, Schlegel-Zitat, S. 7
6 Vgl. BEHLER 1997, aus Schlegels Athenäum-Fragment Nr. 42, S. 46: „Die Philosophie ist die eigentliche Heimat der Ironie [...]“
7 Ebd., S. 46: „Die Poesie kann sich allein von dieser Seite bis zur Höhe der Philosophie erheben, und ist nicht auf ironische Stellen begründet, wie die Rhetorik.“ An diesem Punkt erkennt Schlegel eine Zusammengehörigkeit bzw. eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen Dichtung und Philosophie, wie sie zwischen der Rhetorik und der Philosophie nicht nachzuweisen ist.
8 Ebd., S. 47
9 Vgl. Ebd., S. 46, aus Schlegels Athenäum-Fragment Nr. 42: „Es gibt alte und moderne Gedichte, die durchgängig im Ganzen und überall den göttlichen Hauch der Ironie atmen. Es lebt in ihnen eine wirkich transzendentale Bouffonerie.“ Behler wertet Schlegels Einbezug antiker Werke in die moderne Ironie als Ergebnis des sich in der Frühromantik vollziehenden querelle des ancienes et modernes und sieht in dieser Verbindung lediglich einen „Einigungsversuch“ zwischen dem Klassischen und dem Neuen.
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Arbeit zitieren:
Nicole Brzezinska, 2003, Zur Inszenierung romantischer Ironie in Miguel de Unamunos Niebla, München, GRIN Verlag GmbH
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