Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
Vorwort 4
Einleitung. 5
Teil 1. 7
1. Die Ferienkolonien. 7
1.1 Das Schweizer Vorbild. 8
1.2 Ferienkolonien in Deutschland. 10
1.2.1 Entwicklung der Ferienkolonien 10
1.2.2 Kolonieformen und Personal 14
1.2.3 Das Ende der Ferienkolonien. 16
2. Vom Beginn der Jugendbewegung um 1900 bis zur Jugendarbeit in der
Weimarer Republik. 18
2.1 Die Wandervogelbewegung 19
2.2. Andere jugendpflegerische Maßnahmen vor dem Ersten Weltkrieg. 22
2.3. Jugendarbeit und Jugendpflege in der Weimarer Republik 26
3. Die Erweiterte Kinderlandverschickung (KLV) 35
3.1. Organisation und Durchführung der KLV. 36
3.2. Die Verwandten- und Mutter und Kind-Verschickung 40
4. Die Entwicklung nach 1945. 42
4.1 Jugendarbeit 42
4.2 Jugendreisen und -freizeiten, Jugendbegegnungen und -austausch 43
4.2.1 Internationale Jugendbegegnungen und Jugendaustausch 44
4.2.2 Jugendreisen und Jugendfreizeiten. 46
4.3 Pädagogische Überlegungen 54
4.3.1 Interkulturelles Lernen 54
4.3.2 Freizeitpädagogik und Pädagogik des Jugendreisens 56
4.3.3 Pädagogik auf Jugendreisen heute. 61
5. Feriengestaltung in der DDR 64
5.1 Jugendorganisation. 64
2
5.2 Feriengestaltung 64
5.3 Betreuer und Betreuerschulung 67
5.4 Internationale Begegnung. 69
Teil 2. 71
6. Elternbefragung. 71
6.1 Durchführung der Befragung 72
6.2 Deskriptive und soziodemographische Ergebnisse. 73
6.3 Erwartungen der Eltern nach Anbietern. 88
6.4.1 Soziale Kompetenz 89
6.4.2 Fremdes Land und dessen Kultur 92
6.4.3 Erholung 95
6.4.3 Aktivitäten 98
6.4.5 Eigenständigkeit der Kinder 101
6.5 Anbieterwahl 104
8.5 Entscheidung für die Jugendreise. 105
6.6 Zusammenfassung der Ergebnisse. 106
6.7 Methodendiskussion. 107
7. Zusammenfassung. 109
Literaturverzeichnis 113
Quellenverzeichnis. 118
Bilder : 118
Abbildungen. 118
Tabellen. 119
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Vorwort
Als Kind kam ich im Alter von 9 bis 12 Jahren in den Genuss an Ferienlagern teilzunehmen. Das war jedes Mal ein Ereignis, das schon einige Tage vor der Abfahrt begann: Packzettel schreiben, fehlende Sachen kaufen, Koffer packenalles Aufgaben, in die ich als Kind mit einbezogen wurde. So lernte ich schon früh notwendige Grundlagen für das Reisen. Und dann natürlich der Höhepunkt: Zwei Wochen gemeinsam mit anderen Kindern die Ferien verbringen - ohne Eltern! Tagsüber gab es Ausflüge, Sport-Turniere oder gemeinsame Feste und Nachts wurde mit vielen Anderen ein Raum geteilt. Da wurden noch Witze oder spannende Geschichten erzählt und als Mutprobe sich an den Betreuern ins Freie geschlichen.
Im Alter von knapp 17 Jahren habe ich an meinem ersten internationalem Workcamp teilgenommen. In Holland arbeitete ich zusammen mit 18 anderen Jugendlichen aus aller Welt in einem Behindertenheim. Mit einigen Teilnehmern hatte ich noch viele Jahre danach Kontakt. In den nächsten Jahren folgten mehrere weitere Workcamps in den USA. Besonders interessant fand ich es immer, das Land mit einheimischen Jugendlichen kennen zu lernen. So besuchte ich Örtlichkeiten, die man als ‚normaler’ Tourist nie gefunden und wahrscheinlich auch nie gesucht hätte. Als erlebnisreichstes Beispiel kann ich die Übernachtung auf der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz in der Bucht von San Francisco nennen. Eine Möglichkeit, die ein ‚normaler’ Tourist nicht hat. Auch auf diesen Auslandsreisen entstanden Kontakte, die ich bis heute pflege. Spätere Reisen führten mich immer zu so gewonnenen Freunden, selten musste ich später in Hotels oder Jugendherbergen übernachten. Bald fühlte ich mich auf Reisen im Ausland wie zu Hause.
Der Spaß am Reisen bestimmte auch meine Wahl für den Studiengang ‚Tourismuswirtschaft’ nach dem Abitur. Zuvor jedoch absolvierte ich den Zivildienst - in einer Jugendherberge. Während des Zivildienstes erlebte ich viele Schulklassen auf Klassenfahrt und entwickelte mein Interesse für Pädagogik. Im darauf folgenden ersten Semester ‚Tourismuswirtschaft’ missfiel mir der Focus auf den Wirtschaftsteil des Studienganges. Zudem stieg mein
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Interesse an der Pädagogik und ich wechselte nach nur einem Semester in diese Fachrichtung, was mich an die Universität in Frankfurt am Main brachte. Zur gleichen Zeit fing ich auch an, in pädagogischen Bereichen zu arbeiten und als die ersten Schulferien anstanden, ergab sich für mich die Möglichkeit, als Betreuer auf Kinder- und Jugendfreizeiten tätig zu werden. Im Laufe der Zeit betreute ich Freizeiten bei verschiedenen Trägern und seit über vier Jahren ‚teame’ ich z.T. mehrere Freizeiten im Sommer und Herbst jeden Jahres bei hin und weg, Evangelische Jugendreisen. Im letzten Jahr konnte ich auf Grund meiner Erfahrung auch den Ausbildungsgang bei diesem Träger mit vorbereiten und z.T. durchführen.
Das ich jetzt meine Diplomarbeit zum Thema Jugendreisen schreibe, freut mich besonders, da sich hier meine beiden Interessen - der Tourismus (das Reisen) und die Pädagogik - wieder miteinander verbinden und so einen Kreis schließen, in dem ich hoffentlich weiter wie bisher, Hobby und Beruf miteinander verbinden kann.
Einleitung
Meine Diplomarbeit beschäftigt sich mit Geschichte und Wandel von Ferienfreizeiten. Unter Ferienfreizeiten verstehe ich alle organisierten Gruppenreisen von Kindern und Jugendlichen mit Begleitung von Erwachsenen, jedoch keinen Erziehungsberechtigten, die außerhalb des schulischen Rahmens in den Ferienzeiten statt finden. Familienurlaube gehören also nicht dazu, ebenso wenig wie Urlaubsreisen mit nahen Verwandten oder Klassenfahrten. Die Begriffe Ferienfreizeiten und Kinder- und Jugendreisen bezeichnen im Rahmen meiner Diplomarbeit Gruppenreisen aller Anbieter - sowohl konfessionelle, gemeinnützige, städtisch/kommunale als auch kommerzielle Anbieter - sowie internationale Jugendbegegnungen und -austauschprogramme, die ebenfalls den o.g. Beschränkungen unterliegen. Der Begriff Kinder- und Jugendtourismus bezieht sich im Allgemeinen auf kommerzielle Jugendreiseangebote.
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Im ersten Teil meiner Diplomarbeit behandele ich die Geschichte der Jugendgruppenreisen beginnend mit den Ferienkolonien (vgl. Kapitel 1) in der Schweiz in den 1870er Jahren. Es folgt die Betrachtung der Entwicklung von Ferienkolonien in Deutschland. Im Kapitel 2 geht es um die Jugendbewegung mit besonderem Blick auf die Wandervögel und die Entwicklung von den Wanderfahrten bis zu den (politischen) Lagerfahrten in der Weimarer Republik. Im Kapitel 3 beschäftige ich mich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und die Kinderlandverschickung während des Zweiten Weltkrieges. Das 4. Kapitel hat die Entwicklung der Jugendreisen in der BRD nach 1945 bis heute zum Thema. Die Ferienlager der DDR finden im Kapitel 5 Beachtung. Der zweite Teil der Diplomarbeit gibt die Ergebnisse meiner Elternbefragung wieder. Mit Hilfe eines Fragebogens wurden Erwartungen der Eltern an die Ferienfreizeiten ihrer Kinder abgefragt und geprüft, ob die Erwartungen Einfluss auf die Wahl des Anbieters haben. Die Umfrage wurde vor Antritt der Reise auf Papier oder online im Internet ausgefüllt. Die Ergebnisse werden im Einzelnen im Kapitel 6 vorgestellt. Ein Exemplar des Fragebogens befindet sich im Anhang.
Im Kapitel 7 habe ich die herausgearbeiteten Punkte der Diplomarbeit noch einmal zusammen gefasst.
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Teil 1
1. Die Ferienkolonien
„Die Erholung ist die Würze der Arbeit“
Plutarch
Kindererholungsfürsorge im medizinischen Sinn, gab es bereits ab Ende des 18. Jahrhunderts in Europa. Ein englischer Arzt konnte nachweisen, das Seeluft, bei längerem Aufenthalt am Meer, positiv auf den Krankheitsverlauf verschiedener Haut- und Drüsenkrankheiten 1 einwirkt. Auf Grund seiner Überlegungen wurde 1796 in England ein Kinderseehospiz eingerichtet. Etwa 50 Jahre später folgten ähnliche Heilanstalten auf dem europäischen Festland. Eine andere Maßnahme war der Landaufenthalt. Rousseau fordert bereits 1762 in seinem Werk „Emile“: „Schickt also eure Kinder auf das Land, damit sie sich dort gewissermaßen selber erneuern und inmitten der Felder die Kräfte holen, die man in der ungesunden Stadtluft verliert.“ (zit. n. Rauch 1992, S.69) In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann man in Deutschland, Stadtkinder zu Familien aufs Land zu schicken, damit sie dort für einige Zeit (vor allem in den Sommerferien) eine ausreichende und ausgewogene Ernährung erhielten und außerhalb ihrer gewohnten Umgebung andere Lebens- und Arbeitsverhältnisse kennen lernten. In den 1870er Jahren entstanden in verschiedenen deutschen Städten ähnliche Initiativen. Gerhard Kock nennt in seiner Abhandlung (vgl. Kock 1997, S.70) über „die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg“ den ‚Wohlthätigen Schulverein’ in Berlin, der im Jahr 1872 begann, Großstadtkinder aufs Land zu bringen. Thilo Rauch hingegen sieht die Anfänge dieser Maßnahme in der Gründung der Ferienkommission des ‚Wohltätigen Schulvereins’ Hamburg, der im Jahr 1876 begann „die Erholungspflege zum erfolgreichsten Zweig der privat organisierten Schülergesundheitspflege dieses Vereins [zu machen]“. (Rauch 1992, S.43)
1 z.b. Tuberkulose (Tbc), vor 1839 u.a. Skrofulose genannt, wurde durch schlechte Hygienische
Bedingungen (fehlende sanitäre Anlagen), unzureichende Ernährung und desolate medizinische
Versorgung (vor allem in Arbeiterwohnsiedlungen der Großstädte) im 18. und 19. Jahrhundert
zur „Volksseuche“ weltweit, auch Rachitis war eine oft auftretende Krankheit
(Knochenverkrümmung auf Grund von Vitamin-D [z.B. in Lebertran] Mangels)
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Im gleichen Jahr organisierte der Schweizer Pfarrer Hermann Walter Bion für Kinder der Stadt Zürich die erste Ferienkolonie.
1.1 Das Schweizer Vorbild
Bion übernahm 1856 im Alter von 26 Jahren - gerade mal zwei Jahre nach Abschluss seines Theologie-Studiums in Tübingen - die Pfarrstelle in Trogen im Kanton Appenzell. Dort gründete er einen „Freiwilligen Armenverein“, wurde Mitglied im kantonalen Erziehungsbeirat und Präsident der „Appenzellerischen Gemeinnützigen Gesellschaft“. Seine fürsorgerischen Aktivitäten umfassten auch die Einrichtung der Kinderfürsorge und das Zusammentragen von Spenden, wofür ihm ein großes Talent nachgesagt wurde. (vgl. Rauch 1992, S.47f) Im Jahr 1872 nahm er die Stelle als Pfarrer in der „Predigergemeinde“ an, der größten und ärmsten Gemeinde in Zürich. Eigenen Aussagen zufolge wollte er weitere medizinische Studien machen und zog mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von Trogen nach Zürich.(vgl. ebd., S.48) Diesem Umstand und seinen Kindern hat man es wohl zu verdanken, dass Hermann Walter Bion auf die Idee der Ferienkolonien kam. Nach dem Umzug in die Stadt beobachtete Bion, wie erfrischend Erholungsaufenthalte in Trogen auf seine Kinder wirkten, und wie wohltuend dies, so dachte er weiter, für Kinder aus ärmlichen Wohngegenden sein muss. So schrieb er: „Als ich von Trogen, wo ich wohl das schönste Pfarrhaus der Schweiz in gesunder Lage bewohnte, in eine Stadtwohnung nach Zürich kam, fingen meine Kinder bald an, von ihrer körperlichen und geistigen Frische einzubüßen, und ich brachte sie über die Ferien in meine frühere Heimat. Auffallend gestärkt und erfrischt kehrten sie zurück. Da lag mir der Gedanke nahe: wenn deinen gesunden Kindern bei verhältnismäßig guter Wohnung und Ernährung eine Ferienerholung auf dem Lande so notwendig war und wohl bekam, wie viel mehr wird dies bei kränklichen Kindern der Fall sein, die in schlimmen Wohnungs- und Ernährungsverhältnissen leben. Auf meinen Gängen durch die Straßen der Stadt und bei Besuchen in den Häusern sah ich, wie übel diese armen Kinder über die Ferien aufgehoben sind, wie sie nicht nur, während dieser Zeit meist in die engen dumpfen Wohnungen und Straßen gebannt, keine
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körperliche Stärkung empfingen, sondern auch ohne gehörige Aufsicht (da ihre Eltern durch Berufsgeschäfte meist außer Hause in Anspruch genommen sind) auf den Straßen herumlungerten, sittlich verwahrlosten, so dass sie leiblich und moralisch reduziert in die Schule zurückkehrten. Ein tiefes Erbarmen erfasste mich mit diesen Kindern, und aus diesem Erbarmen heraus, wurde die Idee der Ferienkolonie und deren Verwirklichung geboren.“ (zit. n. Rauch 1992, S.49f) Bion schaffte es genügend Spenden zu sammeln, um 68 Kinder, begleitet von 10 Lehrern, im Sommer 1876 in seine erste Ferienkolonie zu schicken. Da mehr Kinder für die Ferienkolonie angemeldet wurden, als finanzielle Mittel zur Verfügung standen, wurden Kinder nach folgenden Kriterien ausgewählt. Zum einen wurde die Altersspanne auf 9 bis 12 Jährige beschränkt. Zum zweiten musste eine besondere „Erholungsbedürftigkeit“ vorliegen, die u.a. an Hand von krankheitsbedingten Unterrichtsversäumnissen nachgewiesen wurde. Armut war das dritte Kriterium. Es durften nur Kinder teilnehmen, deren die Eltern nicht in der Lage waren, selbst einen Ferienaufenthalt zu finanzieren. Das vierte und letzte Kriterium war das „Wohlverhalten“. Auch darüber wurden bei den Lehrern Erkundigungen eingeholt. Der letzte Punkt spielte nur im ersten Jahr eine Rolle. An die Kolonieleiter sollten nicht all zu große erzieherische Anforderungen gestellt werden.
Während des zweiwöchigen Landaufenthaltes waren die Kinder bei befreundeten Familien des protestantischen Pfarrers in seinen früheren Pfarrgemeinden Rehetobel und Trogen untergebracht. Die Unterkünfte waren einfach, zumeist wurde auf Strohlagern geschlafen. Die Kinder erhielten täglich bis zu fünf Mahlzeiten, und sie betätigten sich tagsüber sportlich bei Wanderungen oder beim Schwimmen. Außerdem leiteten die Lehrer die Kinder bei Bastelaktivitäten an. (vgl. Rauch 1992, S.51f)
In den folgenden Jahren spielten die pädagogischen Aspekte eine zunehmende Rolle. Die Kinder sollten in der Gruppe Selbständigkeit oder ein für die Gemeinschaft notwendiges Verhalten erlernen. Das Lernen in der Gruppe und von der Gruppe wurde zu einem wichtigen Erfahrungsfeld der Ferienkolonien. Bion wollte, das versucht wird, „[...] in sittlicher und erzieherischer Hinsicht
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günstigen Einfluss auf die Kinder zu üben, namentlich auch der Verwilderung und dem Ungehorsam entgegenzuwirken [...]“. (zit. n. Rauch 1992, S.53) Nachdem Ärzte und Lehrer die Erfolge der Ferienkolonien bestätigten, nahm die Spendenbereitschaft zu, so dass in den folgenden Jahren immer mehr Kinder in immer mehr Ferienkolonien fahren konnten. Zudem grenzte Bion die Teilnehmerzahl jeder Kolonie auf 25 Kinder ein, um „den familiären Charakter der Kolonieaufenthalte stärker in den Vordergrund zu stellen.“ (ebd. S.53) Die von nun an wichtigen und von Bion zum ersten Mal eingeführten pädagogischen Ziele dieser Erholungsmaßnahmen, wurden durch verschiedene Aspekte unterstrichen. Bisher wurden Kinder durch Ärzte zum Aufenthalt in Kliniken geschickt, wo wiederum medizinisches Personal für die Erholungsbedürftigen zuständig war. Für die Anmeldung und Durchführung der Ferienkolonien nach Bion waren nun vorwiegend Lehrer zuständig. Der Erfolg des Aufenthaltes wurde nicht nur durch Ärzte am gesundheitlichen Zustand der Teilnehmer bemessen, sondern auch von Lehrern zu Beginn des neuen Schuljahres beobachtet.
Nach dem Züricher Vorbild wurden ab dem Jahr 1878 in weiteren Schweizer Städten und anderen europäischen Ländern Ferienkolonien eingerichtet. In Deutschland wurde der Hygieniker Dr. Georg Varrentrapp im gleichen Jahr auf die Ferienkolonien aufmerksam und gründete das „Komitee für Ferienkolonien“.
1.2 Ferienkolonien in Deutschland
1.2.1 Entwicklung der Ferienkolonien
Die Gründungen von Ferienkolonien im damaligen deutschen Kaiserreich, entstanden zu einer Zeit, als fürsorgerische Maßnahmen, bedingt durch verschiedene gesellschaftliche, politische und kulturelle Umstände, eine rasche Ausbreitung erfuhren.
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Während des Kulturkampfes 2 versuchte die preußische Staatsregierung einen konfessionell neutralen Staat aufzubauen. Viele Verwaltungsaufgaben, wie z.B. die Schulaufsicht, und fürsorgerische Arbeitsfelder lagen bis dahin bei der Kirche. Es entbrannte ein Machtkampf zwischen Staat und Kirche. Der Kirche war die schnell fortschreitende Industrialisierung und der moderne liberale Staat ein Dorn im Auge, weil sie einen Werteverlust damit verband. Um ihren Einfluss wieder auszubauen, erklärte die katholische Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes 3 . Auch politisch wollten die Katholiken durch Gründung der „Zentrumspartei“ an Einfluss gewinnen. Die preußische Regierung unter Führung Bismarcks hingegen, entzog der Kirche mehr und mehr Einflussbereiche. Die Schulaufsicht wurde mit dem „Schulaufsichtsgesetz“ von 1872 in die Hände des Staates gelegt. Durch die Zurückdrängung der Kirche, vor allem auf dem Gebiet der fürsorgerischen Aktivitäten, konnten private Fürsorgevereine schnell wachsen. Davon profitierten die Ferienkolonievereine. Seit Gründung der ersten Ferienkolonie im Deutschen Reich, wurden bis 1914 insgesamt 418 Ferienkolonien in über 200 Städten eingerichtet. (vgl. Rauch 1992, S.167)
Ein anderer Grund für die rasche Zunahme der Kolonien, waren die Fortschritte in der Gesundheitsfürsorge, vor allem aber in der Schulhygiene. Bereits in den 1880er Jahren wurde die Einführung von Schulärzten gefordert. Die schlechte gesundheitliche Verfassung der Kinder, war Ausschlaggeber für Diskussionen diesbezüglich. Der Staat reagierte mit Einführung von Sozial- und Krankenversicherung, sowie der Durchsetzung der Schulpflicht. Da ein Großteil der Kinder zur Erwerbstätigkeit herangezogen wurden, waren viele Eltern der Meinung, dass bei Durchsetzung der Schulpflicht der Staat etwas tun müsse, um die Kinder gesundheitlich zu schützen. „Viele Eltern waren nämlich der Überzeugung, dass der Staat, der ihre Kinder zum Schulbesuch zwinge, auch dafür zu sorgen habe, dass ihnen durch sie [die Schule] kein gesundheitlicher Schaden zugefügt werden dürfe.“ (zit. n. Rauch 1992, S.147) Zur Schulhygiene gehörte die Hygiene des Schulhauses 4 , die Hygiene des Unterrichts 5 und die
2 1871-1887
3 eine Lehre, den Glauben oder die Sitten betreffend (vgl. Rauch 1992, S.80)
4 Gab es genügend Licht, ausreichend große Räume?
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Hygiene der Schulkinder 6 . Später wurden auch ‚Hygienische Wohlfahrtseinrichtungen für die Jugend’, dazu zählten auch die Ferienkolonien, als Teilbereich der Schulhygiene gewertet. Die Einstellung hauptamtlicher Schulärzte wurde jedoch erst Mitte der 1890er Jahre umgesetzt. „Forderungen nach stärkerer Kontrolle der Gesundheit von Schulkindern, die Einführung schulhygienischer Maßnahmen, die Anstellung von Schulärzten und die staatliche Förderung der Schulspeisung waren letztendlich erfolgreich.“ (Rauch 1992, S.149)
Auch der Staat hatte ein ‚eigenes’ Interesse, die gesundheitliche Situation der jungen Bevölkerung zu verbessern. Es wurde erkannt, dass nur gesunde Menschen die Wehrfähigkeit sichern und die Wirtschaft des Landes unterstützen können.
„Die Gesundheit vieler Kinder und Jugendlicher war durch ihre frühe Erwerbstätigkeit derart geschädigt, dass der Prozentsatz der für den Militärdienst als tauglich befundenen jungen Männer auffallend rückläufig war. Der deutsche - preußisch-militaristische - Staat hatte also ein existentielles Interesse an der Hebung der allgemeinen Gesundheit der Schuljugend.“ (Rauch 1992, S.149) Die Fürsorgevereine nutzten dieses Interesse, um eine Förderung aus öffentlichen Mitteln zu erreichen. Auch Ferienkolonien forderten finanzielle Unterstützung vom Staat. „Will also der Staat‚ viele diensttaugliche Rekruten und weniger Staatskrüppel’, viele tüchtige, erwerbsfähige Bürger, viele gesunde, kräftige Mütter und ebensolche Kinder, und damit weniger Almosenempfänger, dann unterstütze er auch jedes Unternehmen, das diese hohen Ziele zu verwirklichen sucht, reichlich; denn Geld ist auch hier die Grundbedingung eines erfolgreichen Wirkens.“ (zit. n. Rauch 1992, S.149)
Auf diese Art profitierten die Ferienkolonien einerseits von der gesamten neuen Einstellung gegenüber der Gesundheitsfürsorge, andererseits wird den Ferienkolonien aber auch ein wichtiger Beitrag zur Anregung der Diskussionen auf diesem Gebiet zugesprochen. So versteht Bion die Ferienkolonien als ersten Schritt auf dem Weg der Kinderhygiene. „Als eine wohltätige Wirkung der Einführung der Ferienkolonien darf wohl auch die Thatsache angeführt werden,
5 Beachtung der Lehrpläne, Durchführung des Unterrichts
6 Gesundheitszustand der Schüler, Behandlung von Krankheiten, Prophylaxe
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dass durch sie die öffentliche Aufmerksamkeit in einem weit allgemeineren und höheren Maße auf die Kinderhygiene hingelenkt wurde und zahlreiche andere verwandte Bestrebungen angeregt und gefördert worden sind.“ (zit. n. Rauch 1992, S.132)
Obwohl es auch von staatlicher Seite aus ein Interesse gab, das Volk fürsorgerisch zu betreuen, gründeten sich und blieben viele Vereine auf privater Ebene. Da aber, auf Grund staatlichen Interesses, eine Unterstützung durch Staat und Kommune sicher war, wurde mit den Verwaltungen zusammengearbeitet. „Seit Beginn ihres Bestehens zeigten die Ferienkolonievereine ein lebhaftes Interesse an einer engen Zusammenarbeit mit der öffentlichen Verwaltung. Von Anfang an wurden Militär-, Kommunal-, Schul-, Gesundheitsverwaltung und sogar öffentliche Verkehrsbetriebe um Mitarbeit und Unterstützung gebeten.“ (Rauch 1992, S.106f) Durch die Mitarbeit von ‚Honoratioren aus der Kommunalverwaltung’ in den Ferienkolonievereinen wurde erreicht, dass Fördermittel schnell und eher unbürokratisch erlangt wurden. Auch ein, von staatlicher Seite angeregter, Zusammenschluss der Ferienkolonievereine auf überregionaler Ebene, sollte die Arbeit der einzelnen Vereine nicht beschränken sondern unterstützen. So wurde 1885 die „Zentralstelle der Vereinigungen für Sommerpflege“ (ZfS) gegründet. (vgl. ebd. S.108f)
Mit Ferienkolonien beschäftigten sich nicht nur ‚reine’ Ferienkolonievereine. Auch andere Fürsorgevereine 7 und konfessionelle Träger 8 richteten Ferienkolonien ein. Von 418 Vereinen zwischen 1876 bis 1914, die Ferienkolonien anboten, waren 69% in privater Trägerschaft, 21% gehörten zu Kommunen und nur 10% der Träger waren konfessionelle Vereinigungen. Die Anzahl der Kinder, welche die Ferien in Kolonien verbrachten stiegen seit Gründung der Vereine stetig. Bis zur Jahrhundertwende wurden schon etwa 100.000 Kinder pro zwei Jahre verschickt. Von 1900 bis zum Ersten Weltkrieg wuchsen die Verschickungszahlen sogar auf fast 250.000 Kinder im gleichen Zeitraum an. (vgl. Rauch 1992, S.173ff)
7 z. B. Frauenvereine, Schrebervereine, Schul- und Hortvereine
8 besonders nach Beendigung des Kulturkampfes 1887
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1.2.2 Kolonieformen und Personal
Unterschieden wurde zwischen 3 Kolonieformen. Die quantitativ geringste Kolonieform nahm die Stadt- oder Halbkolonie ein. Entstanden ist diese Form vor allem aus den Nachkuren. In diesen Nachkuren wurden Ferienkolonieteilnehmer auch nach Rückkehr aus den Kolonien medizinisch untersucht und betreut. Dabei wurde festgestellt, dass es den Kinder gut tat, wenn weiterhin auf ausreichende Ernährung und gesunde Lebensräume 9 geachtet wurde. Diese Stadtkolonien 10 wurden vor allem deshalb eingerichtet, um der hohen Nachfrage nach Kolonieplätzen gerecht zu werden. Nur etwa 11% der Kolonien zwischen 1885 und 1894 widmeten sich dieser Form. (vgl. Rauch 1992, S. 221) Aus den Stadtkolonien gingen auch die Wanderkolonien hervor, die sich bei jüngeren Lehrern, mit aufkommen der Wandervogelbewegung um 1900 (vgl. Kap.4), besonderer Beliebtheit erfreuten. Es wurden Tages-, aber auch mehrtägige Wanderungen unternommen.
Besonders im Norden wurde die offene Kolonieform praktiziert. Hier wurden die Kinder gemeinsam verschickt, aber einzeln in Pflegefamilien untergebracht. Diese Art der Maßnahme war sehr kostengünstig, da die Ferienkolonievereine oft nur für den Transport der Teilnehmer aufkommen mussten. Jedoch kam dabei, der nach dem Züricher Modell propagierte pädagogische Gedanke zu kurz. Außerdem wurden die Kinder häufig zu Haus- oder Feldarbeiten in den Gastfamilien herangezogen, wodurch die Erholungsleistung dieser Aufenthalte oft in Frage gestellt wurden. (vgl. Rauch 1992, S.223) Die geschlossene Kolonie war die am häufigsten durchgeführte Art. Sie orientierte sich am Schweizer Vorbild. Etwa 15-20 Kinder wurden gemeinsam in einem Lager untergebracht. Als Unterkunft standen meistens Scheunen, Pensionen oder Schulgebäude, die in den Ferien nicht benötigt wurden, zur Verfügung. Später zielten viele Ferienkolonievereine auch darauf, eigene Häuser zu erwerben oder zu bauen. Der Kolonieaufenthalt betrug zwischen zwei bis vier
9 Die Kinder erhielten durch Ferienkolonievereine eine tägliche Milch- und Brotration. Auf
Tages- oder Halbtagesausflügen wurde der Idee von gesunder Luft in der freien Natur folge
geleistet.
10 Wurden später auch Stadtranderholung oder Ferienspiele genannt.
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Wochen. Zu den geschlossenen Kolonien gehörten auch Ferienkolonien, die für besonders kranke Kinder in Kinderheilanstalten, Seehospizen oder Solbädern eingerichtet wurden. Etwa 62% aller Kolonieformen waren geschlossene Kolonien. (vgl. Rauch 1992, S.221)
Die Kolonieleiter kamen meistens aus den Reihen der örtlichen Volksschullehrer. Dies betont den pädagogischen Charakter der Ferienkolonien, da dadurch die Kolonie in Zusammenhang mit der Schule blieb. Wenn möglich, sollten Schüler von Lehrern der gleichen Schule begleitet werden, da erwartet wurde, dass ein „Übertragen eines ‚positiven Klimas’ aus den Kolonien in die Schule“ (Rauch 1992, S.213) gelänge. Jedoch sollte alles Schulische aus den Kolonien fern bleiben. ‚Lernziele’ sollten ausschließlich durch die Gemeinschaft und beim ‚Lernen durch Erleben’ erreicht werden. Lehrer sollten nicht zu streng sein, sondern vielmehr als ‚väterliche Freunde’ auftreten. Georg Veith, Rektor der Frankfurter Humboldtschule, beschrieb 1888, wer die Leitung von Kolonien durchführen sollte folgendermaßen: „Dann dürfen wir für die Leitung der Kolonien weder Mietlinge noch Pedanten, sondern nur kinderfreundliche Lehrer, väterliche Fürsorger wählen, die es verstehen, den Frohsinn in den Kindern zu erwecken und zu erhalten und bei aller notwendigen Festigkeit in Bezug auf die Haus- und Lebensordnung der Eigenart der einzelnen Pfleglinge noch hinreichen Spielraum zu lassen wissen. Am besten bewähren sich in dieser Hinsicht Lehrer von gereifter Erfahrung, die selbst Familienväter sind. Diesen gelingt es wohl am leichtesten, sich mit den kleinen und großen Sorgen für die Pfleglinge zu befreunden und dem Zusammenleben einen möglichst familienhaften Charakter zu verschaffen.“ (zit. n. Rauch 1992, S.214) Bis Anfang der 1890er Jahre wurden die Leiterstellen nur von Männern besetzt. Frauen kamen jedoch schon früher als Betreuerinnen zum Einsatz.
Für ihren Einsatz erhielten Kolonieleiter, je nach finanzieller Lage der Vereine, eine geringe Besoldung. Viele Vereine waren jedoch auf die ehrenamtliche Mitarbeit vieler Helfer und Betreuer angewiesen. Neben freier Unterkunft und Verpflegung, konnten Leiter in vielen Vereinen ihre eigenen Kinder unentgeltlich mitnehmen.
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Zu Beginn waren alle Ferienkolonien nach Geschlecht getrennt. Ab Mitte der 1880er Jahre wurden koedukative ‚Versuchskolonien’ eingerichtet, und ab den 1890er Jahren wurden gleichgeschlechtliche Kolonien zur Regel. Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren erhielten bevorzugt Plätze in Ferienkolonien. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Kinder einer Kolonie unterschiedlich alt waren. Ältere Kinder konnten jüngeren Hilfestellungen geben und bei Übernahme einfacher Betreuungsaufgaben die Lehrer entlasten. Außerdem wurde
angestrebt, wie bereits beschrieben, Kinder der gleichen Schule zusammen mit ihren Lehrern in eine Kolonie zu schicken, um die in den Kolonien entwickelten Sympathien und Empathien, mit in die Schulzeit zu transportieren. Es sollte also neben den gesundheitlichen Aspekten auch ein besseres Gemeinschaftsgefühl entwickelt werden.
1.2.3 Das Ende der Ferienkolonien
Mit Beginn des Ersten Weltkrieges, wurden fast alle Ferienkolonieheime zwangskonfisziert oder bereits vorher von den Vereinen ‚freiwillig’ zur Verfügung gestellt. Viele Kolonieleiter wurden 1914 noch aus laufenden Kolonien einberufen, und etliche Maßnahmen wurden in diesem Jahr frühzeitig beendet. Durch Bundesratsverordnungen 11 wurde festgelegt, dass die gesamtealso auch die private - Wohlfahrtspflege in die Kriegsfürsorge überging. Durch die Lebensmittelknappheit im Krieg, beschäftigten sich viele ehemalige Ferienkolonievereine hauptsächlich mit der Ernährungsfürsorge. Angestrebt wurde eine Verschickung aller Großstadtkinder in ländliche Regionen für zwei bis drei Monate, da dort zumindest die Grundnahrungsmittel vorhanden waren. Um die Verschickung so vieler Kinder organisieren zu können, wurde durch staatliche Initiative der Verein ‚Landaufenthalt für Stadtkinder’ gegründet. 12 Der
11 Die erste 1915, die zweite 1917
12 Rauch gibt den Gründungstermin mit dem 25. Januar 1917 an (vgl. Rauch 1992, S.285), Kock
nennt das Jahr 1916 und den Titel „Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder“ (vgl. Kock,
1997, S.70f)
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Landaufenthalt gilt auch als Vorgänger der großangelegten
Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg. (vgl. Kap. 5) Nach dem Ersten Weltkrieg blieben viele Häuser in kommunaler oder staatlicher Hand. Durch die Inflation in den 20er Jahren verloren die meisten Vereine ihr Vereinsvermögen und konnten so ihre Arbeit nicht fortsetzen.
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2. Vom Beginn der Jugendbewegung um 1900 bis zur
Jugendarbeit in der Weimarer Republik
„Wenn [...] eine soziale oder kulturelle ‚Bewegung’ entsteht wie die Jugendbewegung, dann zeigt dies, dass Selbstverständlichkeiten einer politischen Kultur fragwürdig geworden sind...“ (Giesecke 1981, S.11), schreibt Hermann Giesecke in seinem Buch „Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend“. Da das Thema dieser Arbeit nicht die Jugendbewegung oder die Politik, Kultur und Soziologie der Jahrhundertwende, sondern die Betrachtung der Entwicklung von Ferienkolonien über (Wander-) Fahrten, Zeltlagern - während der Jugendbewegung - bis hin zu den heutigen Ferienfreizeiten und Jugendreisen ist, kann ich hier nicht auf die genauen Ursachen der Entstehung der gesamten Jugendbewegung eingehen und werde diese nur knapp andeuten. Vielmehr sollen hier die Ideen der Bewegungen und einzelner Gruppierungen zum Wandern beleuchtet werden. Welche Selbstverständlichkeiten wurden nun laut Giesecke fragwürdig? Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte in Deutschland eine Industrialisierung und Urbanisierung ein. Man zog vom Land in die Städte. Neue Technologien 13 und Organisationsformen veränderten die Arbeitsplatzstruktur. Die Stärke des Proletariats nahm zu, während die bürgerlichen Gruppen mit Statusproblemen auf Grund von nun unpersönlicher Verwaltungsstrukturen zu kämpfen hatten. Die „verbindliche, personenbezogene, sozialgewachsene ‚Gemeinschaft’“ ging verloren. (vgl. Giesecke 1981, S.12) „Das soziale Schicksal der mittleren Schichten [...] und ihre Reaktion auf die als prekär empfundene Lage ist der wichtigste soziale Hintergrund für die Entwicklung der Jugendbewegungen und der Jugendpflege“, schreibt Giesecke (1981, S.17).
13 Bspw. in der Elektrotechnik: Ab etwa 1890 versorgten Kraftwerke bereits ganze Städte mit
Strom (AEG, Siemens).
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2.1 Die Wandervogelbewegung
„Wandern gibt mehr Verstand als hinterm Ofen sitzen.“
Paracelsus
Hermann Hoffmann begann bereits 1890 als Schüler, angeregt durch einen Lehrer 14 , mit seinem Bruder und Kameraden auf Wanderungen zu gehen. Ab dem Jahr 1896 gab er an einem Gymnasium in Steglitz Stenographie-Unterricht. Einige seiner Schüler schlossen sich seinen Wanderungen an. Ab 1897 war auch Karl Fischer bei den Wanderungen dabei und wurde im Januar 1900 von Hoffmann, der nach Konstantinopel in den auswärtigen Dienst versetzt wurde, mit der Aufgabe betraut, für das Schülerwandern nach dem Steglitzer Vorbild im ganzen Land zu werben. Bereits knapp 2 Jahre später, am 04.11.1901, gründete Fischer zusammen mit neun anderen Personen, darunter Schriftsteller und ein Arzt (vgl. Giesecke 1981, S.18), im Rathaus zu Steglitz den Verein „Wandervogel - Ausschuß für Schülerfahrten“ (AfS). Ziel des Vereins war, den Jugendlichen die Freude am Wandern zu zeigen, ihnen die Natur näher zu bringen und ihnen Wissen am Heimatland anzueignen. Darüber hinaus sollten die Jugendlichen in der Gemeinschaft ihre Selbständigkeit ausbauen. Einer der Mitbegründer vom AfS beschrieb in einem Bericht an das Kultusministerium 1903 „den Zweck der Vereinigung mit den Worten: ‚In der Jugend die Wanderlust zu pflegen, die Mußestunden durch gemeinsame Ausflüge nutzbringend und erfreulich auszufüllen, den Sinn für die Natur zu wecken, zur Kenntnis unserer deutschen Heimat anzuleiten, den Willen und die
14 ‚Deutschstunde in der Untersekunda der Magdeburger Guerickeschule.
Einer von uns las pflichtgemäß aus dem Lesebuch von Hopf & Paulsieck das
fällige Lesestück vor. Es hieß: "Hoch das Wandern!" Wir anderen hörten mit
halbem Ohre zu oder lasen heimlich etwas Spannenderes oder machten eine
Mathematikarbeit fertig. Plötzlich ein Faustschlag unseres Professors Sträter
auf das Pult: "Jungens! Was seid Ihr für Schlafmützen! Was Ihr da hört, ist
Euch wohl ganz egal! Als wir Jungen waren, da sparten wir unsere Groschen
zusammen, und zu Pfingsten oder in den großen Ferien, da ging das
Wandern los. Aber Ihr? Ihr räkelt Euch lieber in den Ferien in irgend einer
Sommerfrische herum!" Das packte! Wenigstens einige von uns. In den
nächsten Sommerferien wanderte ich mit meinem jüngeren Bruder und
einem Klassenkameraden zum Magdeburger Tor hinaus, den Tornister auf
dem Rücken - die Zeit der Rucksäcke war für Norddeutschland noch nicht
gekommen. Wir wanderten in Tagesmärschen von 40 km zum Harz, im
Zickzack durch diesen und nach 18 Tagen heimwärts durch dasselbe Tor’.
(Erinnerung von Herman Hoffmann, Quelle: URL: http://www.100-jahre-
wandervogel.wandervogel-bfj.de, 02.09.2005)
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Selbständigkeit der Wanderer zu stählen, kameradschaftlichen Geist zu pflegen, allen den Schädigungen des Leibes und der Seele entgegenzuwirken, die zumal in und um unseren Großstädten die Jugend bedrohen, als da sind: Stubenhockerei und Müßiggang, die Gefahren des Alkohols und des Nikotins - um von Schlimmerem ganz zu schweigen.’“ (zit. n. Giesecke 1981, S.18) Wer aber schloss sich dem Wandervogel an?
Die Wandervogelbewegung ging aus den Reihen des Bürgertums hervor. Die bürgerlichen Jugendlichen wuchsen in einer verhältnismäßig geordneten Gesellschaft auf. Jedoch begannen im damaligen Deutschland die Jugendlichen eine eigene Identität zu entwickeln, die nicht mehr ausschließlich durch Identifikation mit den elterlichen Werten entstand. Denn, so zitiert Giesecke (1981, S.31) Hans Blüher,: „Wo Väter und Söhne ganz und gar einig lebten, der Vater seinen Charakter dem Sohne widerstandslos zu übertragen vermochte und dieser stolz war auf das Erbe der Väter, da gab es keinen Boden für den Wandervogel". Das eigentliche Problem der Wandervögel aber beschreibt Giesecke (1981, S.30) damit, „eine Identität zu finden, die nicht mehr durch Identifikation mit einem objektiv vorgesehenen Wertkanon zustande kommen konnte, sondern nur durch verinnerlichte Aneignung der Werte aus ‚innerer Wahrhaftigkeit’.“ Dies bedeutet, dass die Jugend gesellschaftliche Normen und Werte nicht einfach so akzeptierte und hinnahm oder andererseits ablehnte, sondern vielmehr diese Vorgaben hinterfragte, überdachte und modifizierte. Die
Jugend begann eine Eigenständigkeit zu entwickeln und wollte sich von den, durch Institutionen
erreichten sie, indem sie sich in ihrer Freizeit, fern von Schule und Elternhaus, in jugendlichen Gruppen mit gleichgesinnten Gleichaltrigen trafen. Der dafür benötigte ‚Erwachsene-freie’ Raum Abb. 1: Wandervogel Gruppe um 1900
war das heimische „Nest“ oder die Wanderfahrt.
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Wie solche Wanderfahrten abliefen, berichten Zeitzeugen in Aufsätzen und Interviews. Bereits 1908 schrieb Hans Blüher eine Schilderung einer solchen Fahrt in seinem Aufsatz „Wie werden die Reisen des Alt-Wandervogel 15 ausgeführt?“:
„Der Führer, ein älterer Schüler oder Student, unterscheidet sich im wesentlichen gar nicht von den übrigen. Er ist kein Lehrer, kein Erzieher, wenigstens nicht von Beruf, sondern er ist Kamerad. Er hat den Plan zur Reise ausgearbeitet und an die Geschäftsstelle des Kreises gesandt. Diese hat, weil sie ihn gut kennt, seine Eigenschaften zu schätzen weiß und das Vertrauen in ihn setzt, die Verantwortung über eine Horde mit Bewußtsein tragen zu können, seine Reise bewilligt, sie auf den vor jeden Ferien erscheinenden Fahrtenzettel gesetzt, und nun hat sich eine Horde von wanderlustigen Schülern zusammengefunden, ihm das festgesetzte Reisegeld eingezahlt und im Vertrauen auf seine Tüchtigkeit, seinen Opfermut, seine Kameradschaftlichkeit und Treue ihm das Versprechen gegeben, ohne Zögern seinen etwaigen Anordnungen zu folgen und ihm treu zu sein, bis das gute Schicksal sie wieder zu 'Muttern' zurückgeleitet hat. Der Führer ist also, trotzdem er oft nur wenig älter wie die Teilnehmer ist, Alleinherrscher und also auch allein für alles verantwortlich.“ (zit. n. Giesecke 1981, S.19f)
Seit 1907 bildeten sich neben dem Wandervogel noch weitere Gruppen und Vereine, die sich auch der Idee des Wanderns annahmen. Bezeichnend für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war, dass es sehr viele kleine Gruppen gab, die nicht in einem übergeordneten Dachverband organisiert war. Der Grund dafür liegt darin, dass man unabhängig bleiben wollte. Innerhalb großer Zusammenschlüsse, so befürchtete man, konnte man diese Unabhängigkeit verlieren, indem man sich allgemeinen Statuten verpflichtete und eigene Ideale, die durchaus von Ortsgruppe zu Ortsgruppe unterschiedlich sein konnten, zu kurz kamen. Auch der Versuch, beim Meißner-Fest am 13. Oktober 1913 -
15 NachStreitereien, was die Führung des AfS durch Karl Fischer angeht, trat dieser 1904 zurück
und gründete den „Alt-Wandervogel“(AWV). Nach der Auflösung des AfS 1904 kam es immer
wieder zu Neugründungen und Abspaltungen kleiner Gruppen. Z.B. „Jung-Wandervogel“,
„Wandervogel Deutscher Bund“, „Deutscher Bund für Jugendwanderungen“ (DBfJW) u.v.m.
Am 08.01.1911 wurde der „Verband deutscher Wandervögel“ als Interessengemeinschaft von
AWV und DBfJW gegründet, mit dem Ziel als Dachorganisation aller Wandervögelvereine die
allgemeinen Interessen der Vereine in der Öffentlichkeit zu vertreten.
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allgemein als Höhepunkt der Jugendbewegung vor dem Ersten Weltkrieg bezeichnet - „eine gemeinsame Plattform und organisatorische Formen der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gruppen zu finden“ (Giesecke 1981, S.22), misslang. Dennoch wurde der „Freideutsche Bund“ gegründet und man einigte sich - nur mit Mühe - auf eine gemeinsame, die sogenannte „Meißner-Formel“: „Die freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein." (ebd. S.22) Ein anderer wichtiger Aspekt der Jugendbewegung geht aus der Einladung zum „Meißner-Fest“ hervor: „Die Jugend, bisher nur ein Anhängsel der älteren Generation, aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet und auf eine passive Rolle verwiesen, beginnt sich auf sich selbst zu besinnen. Sie versucht, unabhängig von den Geboten der Konvention sich selbst ihr Leben zu gestalten.“ (ebd. S.22) Es wird deutlich, dass die Jugendphase bis dahin noch nicht als eigenständiger Lebensabschnitt betrachtet wurde. Jugendliche waren bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nur „Noch-Nicht-Erwachsene“. Durch das Zusammentreffen der Jugendlichen in gleichaltrigen Gruppen und dem Versuch ihre Sozialisation außerhalb der bisherigen bekannten Erziehungsinstitutionen (Elternhaus und Schule) mitzubestimmen, entstand zum ersten Mal so etwas, wie „Jugend“ als soziale Gruppe. Erst nach Entstehung der Jugendbewegung, setzte Jugendkunde und Jugendforschung ein und wurde von ihr nachhaltig beeinflusst. (vgl. ebd. S.33f) Diese Entwicklung ist von Wichtigkeit, da nun auch der Staat in die Jugendarbeit und Jugendpflege eingriff. Das war nur möglich, da Jugend nun als eigenständige Lebensphase verstanden und akzeptiert wurde.
2.2. Andere jugendpflegerische Maßnahmen vor dem Ersten
Weltkrieg
Neben den Wandervogelbewegungen, kam es noch zu weiteren Gründungen von Vereinen für Jugendliche. Die Pfadfinder gründeten seit 1909 ebenfalls zahlreiche Gruppen, nachdem Baden Powell 1907 in England das erste Camp mit
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erlebnispädagogischen Elementen für 20 Jungen durchgeführt hatte. Ähnlich wie bei den Wandervogelgruppierungen, gab es auch bei den Pfadfindern auf Grund unterschiedlicher Vorstellungen keine übergeordnete Organisation. Aber auch in Deutschland wurden bis zum Ersten Weltkrieg von den jeweiligen Gruppen Camps, Zeltlager und Wanderfahrten durchgeführt.
Sowohl die Katholische als auch die Evangelische Kirche hatte Jugendgruppen. So gab es Jünglingsvereine und Jünglingsbünde oder Turnerschaften, um nur einige zu nennen.
Innerhalb der Arbeiterbewegung entstand die proletarische Jugendbewegung, die für die Verbesserung der Verhältnisse an Ausbildungs- und Arbeitsplatz der Jugendlichen kämpfte. Da die Arbeiterjugend nur wenig Freizeit und Urlaub hatte, spielten Veranstaltungen wie Wanderungen in dieser Bewegung kaum eine Rolle.
Ein anderer Unterschied zu den bürgerlichen Jugendbewegungen wie den Wandervögeln ist, dass die hier genannten Gruppen stärker von Erwachsenen beeinflusst waren.
Die Jugendbewegung entstand aus dem Antrieb der jugendlichen Wünsche nach Emanzipation. Sie war eine von Jugendlichen selbstorganisierte Art sozialer Gruppen. Es gab aber auch fremdorganisierte Arten, die nicht als Jugendbewegung sondern als Jugendarbeit oder Jugendpflege bezeichnet werden mussten. So gab es im Kaiserreich verschiedene bürgerlich-nationale Bestrebungen, die sich u.a. in der „Zentralstelle für Volkswohlfahrt“ organisierten und eine Fachkommission für „Jugendpflege“ einrichteten. In Zusammenarbeit mit dieser Kommission wurden die ersten Jugendpflegeerlasse der preußischen Staatsregierung entwickelt, die keine eigene Jugendarbeit zum Ziel hatte, sondern vielmehr bereits vorhandene bürgerliche Vereine in ihrer Arbeit unterstützen sollten. Der umfassendste Erlass wurde 1911 (für die männliche Jugend) 16 vorgelegt. In ihm ging es um die Freizeit- und Konsumkontrolle der arbeitenden Jugend, „wobei alarmierende Zahlen über die steigende Jugendkriminalität und deren Ableitung aus falschem Freizeit- und Konsumverhalten im Hintergrund standen.“ (Giesecke 1981, S.63) Befürchtet
16 1913 folgte ein Erlaß für die weibliche Jugend
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wurde, dass Jugendliche in ihrer spärlichen Freizeit herumlungerten, die „falsche“ Musik hörten und dadurch verwahrlosten. Um dem entgegen zu wirken, wurden in dem Erlass die Werte als unterstützungswürdig hervorgehoben, die bereits in vielen Vereinen praktiziert wurden. Durch sportliche Betätigung sollte die Gesundheit gefördert und durch Fahrten und Wanderungen, sowie durch singen volkstümlicher Lieder, Wissen über das Heimatland vermittelt werden. Einige, vor allem die Wander- und Erholungsfahrten betreffende Punkte des Erlasses, möchte ich hier wiedergeben: "1. Aufgabe der Jugendpflege ist die Mitarbeit an der Heranbildung einer frohen, körperlich leistungsfähigen, sittlich tüchtigen, von Gemeinsinn und Gottesfurcht, Heimat- und Vaterlandsliebe erfüllten Jugend. Sie will die Erziehungstätigkeit der Eltern, der Schule und Kirche, der Dienst- und Lehrherren unterstützen, ergänzen und weiterführen.[...]
7. Demnach kommen als Mittel der Jugendpflege in Frage und haben sich als solche zumeist schon bewährt: Bereitstellung von Räumen zur Einrichtung von Jugendheimen zur Sammlung der Jugend in der arbeitsfreien Zeit und Darbietung von Schreib-, Lese-, Spiel- und anderen Erholungsgelegenheiten.[...] Ausnutzung der volkstümlichen Bildungsgelegenheiten eines Ortes, wie Museen u. dergl., unter sachverständiger Führung, Besuch von Denkmälern, geschichtlich, erdkundlich, naturkundlich, landschaftlich usw. sehenswerten Örtlichkeiten. Bereitstellung von Werkstätten für Handfertigkeitsunterricht u. dgl. Bereitstellung von Spielplätzen und bedeckten Räumen für Leibesübungen. Bei etwa erforderlicher Neuanlage solcher einfach zu haltenden Räume ist darauf Bedacht zu nehmen, sie so einzurichten, daß sie mangels sonst geeigneter Unterkunft zugleich als Jugendheime, als Räume zu Vorträgen, Volksunterhaltungsabenden, Aufführungen und dergl. benutzt werden können.[...]
9. [...] Zugleich aber ist überall mit Sorgfalt, wenn auch ohne nach außen irgend welches Aufheben davon zu machen, die Pflege so zu gestalten, daß der Jugend bei aller Rücksicht auf ihr berechtigtes Verlangen nach Freude ein dauernder Gewinn für Leib und Seele zuteil wird.
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Arbeit zitieren:
Joeran Torsten Daenhardt, 2005, Ferienfreizeiten - Zu Geschichte und Wandel eines außerschulischen pädagogischen Freizeitangebotes, München, GRIN Verlag GmbH
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