Sprachkontakt : Ein Vergleich der soziolinguistischen Situation im Elsass und in Luxemburg
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1 Einleitung 4
2 Sprachkontakt 5
2.1 Sprachkontaktphänomene 5
2.2 Code-switching 8
2.2.1 Der Einfluss soziolinguistischer Faktoren auf das Sprachverhalten - erklärt am Beispiel
von Code-switching 10
2.2.2 Die Bedeutung von Code-switching 13
3 Elsass und Luxemburg 14
3.1 Geschichte der Sprachsituation. 14
3.1.1 Die historische Entwicklung im Elsass 14
3.1.2 Die historische Entwicklung in Luxemburg. 15
3.2 Soziolinguistische Gegenwart 15
3.2.1 Die Situation im Elsass 16
3.2.2 Die Situation in Luxemburg 20
4 Code-switching im Elsass 23
4.1 Dialog 1 23
4.2 Dialog 2 27
4.3 Dialog 3 29
4.4 Resultate 33
5 Diskussion und Schluss. 34
6 Literaturverzeichnis 36
3
Sprachkontakt: Ein Vergleich der soziolinguistischen Situation im Elsass und in Luxemburg
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Luxemburg und das Elsass haben eine grosse Gemeinsamkeit: Sie liegen beide an der deutsch-französischen Sprachgrenze. Noch im 19. Jahrhundert wäre es kaum falsch gewesen zu behaupten, dass sie damit in einer sehr ähnlichen soziolinguistischen Lage seien, denn in beiden Gebieten wurden damals im privaten Gebrauch vor allem deutsche Dialekte verwendet, die keine eigene Standardsprache bildeten. Für den öffentlichen Gebrauch wurden Französisch und Deutsch verwendet. Die politische und gesellschaftliche Entwicklung seither hat aber dafür gesorgt, dass sich die Situation in den beiden Gebieten heute weitgehend unterscheidet: Gehört das Elsass seit 1945 (wieder) zu Frankreich und ist dadurch einem starken Prozess der Französisierung ausgesetzt, so wurde im unabhängigen Luxemburg der moselfränkische Dialekt zu einer eigenen Standardsprache ausgebaut, freilich ohne die beiden bedeutenden Sprachen Französisch und Deutsch ganz zu verdrängen. Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass der Gebrauch der vorhandenen Sprachen in diesen beiden Gebieten sich heute stark unterscheidet. Für das Elsass hat Gardner-Chloros 1 nachgewiesen, dass heute in derVerwendung des deutschen Dialekts grosse Unsicherheiten bestehen und er in vielen Situationen zu Gunsten des Französischen aufgegeben wird. In Luxemburg dagegen ist, so Berg 2 , das sprachliche Selbstbewusstsein stärker denn je.
Ziel dieser Arbeit ist es darzustellen, wie sich die soziolinguistische Situation im Elsass und in Luxemburg heute darstellt, was also die sprachlichen und ausserlinguistischen Rahmenbedingungen sind. Ein wichtiger Akzent liegt dabei auf der Untersuchung von Codeswitching im Elsass. Zu diesem Zweck sollen verschiedene wissenschaftliche Konzepte zum Sprachkontakt allgemein und zum Code-switching im Besonderen geprüft werden. Sowohl die historische Entwicklung der Situation in den beiden Gebieten als auch der heutige soziale, rechtliche, politische, wirtschaftliche, einstellungsmässige und sprachliche Zustand sind Un-tersuchungsgegenstand.
1 Gardner-Chloros (1991)
2 Berg (1993)
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Eine grundlegende Definition von Sprachkontakt hat schon Weinreich in seinem Klassiker "Sprachen in Kontakt" 3 aufgestellt: Sprachen stehen miteinander in Kontakt, wenn sie von denselben Personen abwechselnd gebraucht werden. Der Kontakt zwischen den Sprachen findet aber nicht nur in der einzelnen Person statt, sondern auch beim Kontakt verschiedensprachiger Gruppen. Am deutlichsten zeigt sich dies entlang Sprachgrenzen, wo häufig ganze Bevölkerungsgruppen bilingual sind. Die Vorstellung, dass Sprachkontakt etwas Seltenes sei, ist verbreitet, aber falsch: Schon Weinreich 4 betont, dass sprachliche Gemeinschaften nie homogen und kaum je in sich abgeschlossen seien. Dieser Vorstellung begegnet man bereits bei Hugo Schuchardt 5 , der der Ansicht war, dass es keine völlig ungemischten Sprachen gebe, während Max Müller 6 noch davon ausging, dass es keine Mischsprachen gebe. Tatsächlich ist heute anerkannt, dass sowohl historisch als auch gegenwärtig alle Sprachen und Sprachvarietäten mit andern Sprachen in Kontakt stehen und damit für Kontaktphänomene ein weites Feld besteht. Dem entspricht, dass Zwei- oder Mehrsprachigkeit (verstanden als mehr oder weniger gleich gute Kompetenzen in mehr als einer Sprache) weltweit sehr verbreitet sind. Dass dem in Europa nicht mehr so ist und Sprachen hier oft als geschlossene, klar unterscheidbare Systeme verstanden werden, schreibt Bechert 7 der Ausbreitung und Durchsetzung überregionaler Schriftsprachen seit dem Beginn der Neuzeit zu - verstärkt durch das Aufkommen des Nationalstaats im 19. Jahrhundert. Sprachen, die miteinander in Kontakt stehen, beeinflussen sich auf verschiedene Weise gegenseitig, wobei sowohl sprachstrukturelle als auch ausserlinguistische, gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie das Prestige der verschiedenen Sprachen in der Bevölkerung, die Loyalität zu ihnen, ihre mögliche Verteilung auf Verwendungsdomänen und die Sprachkompetenzen der Sprecherinnen und Sprecher die Art und Stärke der gegenseitigen Beeinflussung prägen.
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Ein wichtiges Phänomen von engem Sprachkontakt in mehrsprachigen Gruppen ist Codeswitching, das Hinundherwechseln zwischen zwei oder mehreren Sprachen innerhalb von Gesprächen oder sogar innerhalb einzelner Äusserungen. Gardner-Chloros 8 bezeichnet Code-
3 Weinreich(1976)
4 Weinreich (1976, S. 9)
5 Schuchardt (1884), zit. nach Thomason/Kaufman (1988, S. 1)
6 Müller (1871), zit. nach Thomason/Kaufman (1988, S. 1)
7 Bechert (1991, S. 12)
8 Gardner-Chloros (1995, S. 86)
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switching als linguistisches Konstrukt, das für die Sprecherinnen und Sprecher von geringer Relevanz ist, weil sie es nicht von andern Sprachkontaktphänomenen wie Entlehnung (borrowing), Interferenz und Pidginisierung unterscheiden. Tatsächlich geschehen Sprachkontakte 9 betont, dass sich Code-switching nicht losgelöst von andern Sprach- RIWXQEHZXVVW6DYLü
kontakterscheinungen analysieren lässt. Es sollen hier daher verschiede Arten der gegenseitigen Beeinflussung von Sprachen in Kontaktsituationen dargestellt werden. Eine der wichtigsten Erscheinungen von Sprachkontakt ist die Entlehnung. Entlehnungen sind auf verschiedenen Ebenen möglich; am einfachsten zu erkennen ist lexikalischer Lehneinfluss 10 , der sich weiter unterteilen lässt in Lehnwörter, die in eine Sprache oder Varietät übernommen und dann morphologisch angepasst werden, Lehnbildungen 11 , die nach einem fremdsprachigen Vorbild mit Material der entlehnenden Sprache gebildet werden, und Lehnbedeutungen 12 , also die Zufügung neuer Bedeutungen zu bereits bestehenden Wörtern. Beispiele für diese drei Fälle im Deutschen sind "Fenster" aus Lateinisch "fenestra" als Lehnwort, "Wolkenkratzer" zu Englisch "sky scraper" als Lehnbildung und "realisieren" in Anlehnung an Englisch "to realize" in der (neueren) Bedeutung "erkennen, wahrnehmen", die als Lehnbedeutung neben "verwirklichen" trat. 13 Entlehnungen unterscheiden sich von Code-switching vornehmlich durch zwei Tatsachen: Sie sind in der entlehnenden Sprache integriert, werden also wie Erbwörter flektiert und damit nicht immer als übernommene Wörter wahrgenommen, und sie sind so verbreitet, dass sie auch von einsprachigen Sprecherinnen und Sprechern verwendet werden. 14 Sie sind kein individuelles Phänomen und es fehlt ihnen der Ad-hoc-Charakter echter Code-switches. 15 Lehnwörter können jedoch sozial konventionalisierte Code-switches sein, wenn sie durch mehrsprachige Sprecherinnen und Sprecher in eine Sprache gekommen sind. Entlehnungen finden nicht nur im Lexikon statt; ebenso betroffen sein können andere Ebenen der Sprachstruktur wie Syntax, Morphologie, Phonetik und Phonologie. 16 Diese Beeinflussungen setzen einen stärkeren Kontakt voraus als lexikalische Einflüsse. 17
Substrat-, Superstrat- und Adstrateinflüsse sind die Überreste einer früheren Kontaktsituation zwischen zwei Sprachen nach dem Aussterben einer der Sprachen. Es handelt sich
9 6DYLü6
10 Bechert 1991, S. 69
11 Weinreich (1976, S. 73) unterscheidet weiter zwischen Lehnübersetzungen im eigentlichen Sinn, die dem Vorbild genau nachgebildet sind, etwa „Gipfelkonferenz“ aus Englisch „summit conference“, und Lehnübertragungen, die weniger strikt nachgebildet werden, wie „Wolkenkratzer“ zu Englisch „sky scraper“.
12 Weinreich (1976, S. 71f.) spricht hier von semantischer Erweiterung bestehender Wörter.
13 Glück (2000, S. 402f.)
14 6DYLü6
15 Gardner-Chloros (1991, S. 162)
16 Thomason/Kaufman (1988, S. 37)
17 Thomason/Kaufman (1988, S. 67)
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dabei um frühere Entlehnungen aus der Sprache einer kulturell oder sozial überlegenen, unterlegenen oder gleichstarken Bevölkerung. Derartige Einflüsse sind aber nicht mehr aktiv und für die vorliegende Arbeit daher von geringem Interesse. Das Zusammentreffen mehrerer Sprachen muss nicht notwendigerweise zum Sprachwechsel einer Bevölkerungsgruppe führen. Zwei Sprachen können auch über längere Zeit nebeneinander existieren, selbst wenn grosse Teile der Bevölkerung bilingual geworden sind. Grundsätzlich unterschieden werden muss hier zwischen Bilingualismus und Mehrsprachigkeit: Bilingualismus steht für die Tatsache, dass Einzelpersonen oder ein Teil der Bevölkerung in einem mehrsprachigen Gebiet mehr als eine Sprache als Muttersprache beherrschen, in diesen Sprachen also annähernd gleich gute Kenntnisse haben. Mehrsprachigkeit dagegen meint, dass eine Person oder ein Teil einer Bevölkerung zwar mehrere Sprachen aktiv beherrscht, aber dennoch nur eine Muttersprache hat. Hier unterscheiden sich also die Kompetenzen in den einzelnen Sprachen deutlich, selbst wenn die Zweitsprache sehr gut beherrscht wird. In Bezug auf Bilingualismus ganzer Bevölkerungen ist Mackes 18 der An-sicht, dass es im Normalfall ökonomischer ist, eine Sprache aufzugeben. Längerfristiger Bilingualismus setzt wahrscheinlich voraus, dass jeder Sprache eigene Bedeutungen und Funktionen, also Domänen, zugewiesen werden. Eine Sonderform der Domänenzuweisung ist die Diglossie: Hier handelt es sich um eine Aufteilung strukturell eng verwandter Sprachen oder Varietäten auf unterschiedliche Anwendungsgebiete. Prominentes Beispiel dafür ist die Deutschschweiz mit Schweizerdeutsch als fast ausschliesslicher mündlicher Sprachform und Standarddeutsch als einziger verbreiteter schriftlicher Sprachvariante.
In manchen Situationen engen Sprachkontakts entstehen Pidgin- und Kreolsprachen: Haben die Bewohnerinnen und Bewohner eines Gebiets gegenseitig unverständliche Herkunftssprachen und steht keine Drittsprache als Lingua franca zur Verfügung, so kann sich aus den an der Kontaktsituation beteiligten Sprachen eine strukturell vereinfachte Mischsprache entwickeln. Derartige Sprachen werden Pidgins genannt. Wird diese Sprache für Nachfahren der ersten Generation im Kontakt zur Muttersprache, so entwickelt sie eine eigene Grammatik und die Sprache wird zu einer Kreolsprache.
18 Mackes (1968), zit. nach Grosjean (1982, S. 37)
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Code-switching bezeichnet den Wechsel zwischen Sprachen oder Sprachvarietäten innerhalb einer Gesprächssequenz. Voraussetzung für Code-switching ist Mehrsprachigkeit zumindest in einem Teil der Bevölkerung. Code-switching hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Switchen zwischen verschiedenen Varietäten oder auch Registern einer Sprache bei Einsprachigen 19 , ist aber ein Gruppenphänomen 20 ; im Allgemeinen wird es nur verwendet, wenn alle an einem Gespräch Beteiligten bilingual sind. Code-switching wird verhindert, wenn auf eine Drittsprache als Lingua franca ausgewichen wird. 21 Gardner-Chloros 22 betont, dass Codeswitching auch dann nur eine unter vielen Möglichkeiten für den Umgang mit Sprachkontaktsituationen ist, wenn alle Voraussetzungen für Code-switching gegeben sind. Heute werden im Allgemeinen nur noch Formen des Sprachwechsels zu Code-switching gezählt, die eine einzelne Person macht. Ausgeschlossen ist damit das Phänomen, dass zwei Personen in einem Gespräch konstant eine andere Sprache verwenden. Diese Art der Sprachmischung ist häufig in Bevölkerungen zu beobachten, die einen Sprachwechsel durchmachen, wenn die Zielsprache bereits Muttersprache jüngerer Generationen ist. 23 Ebenfalls meistens nicht zum Code-switching gezählt wird der Wechsel der Sprache im Zusammenhang mit einem eindeutigen Themenwechsel nach längeren Gesprächsphasen. Eigentliches Codeswitching tritt stets innerhalb von Gesprächsphasen auf.
Code-switching galt in der wissenschaftlichen Diskussion, so etwa bei Labov 24 , lange als 25 erwähnt aber, dass diese Sicht LGLRV\QNUDWLVFKHV3KlQRPHQRKQH5HJHOKDIWLJNHLW6DYLü
heute durch verschiedene Studien widerlegt ist und Code-switching demnach als regelgesteuertes Verhalten Mehrsprachiger gelten muss. Das bedeutet, dass Code-switching im Gespräch sinngebend verwendet werden kann. Code-switching ist auch kein Zeichen mangelnder Sprachkompetenz in beiden beteiligten Sprachen, wie Sankoff und Poplack 26 betonen. Wie oben schon erwähnt, lässt sich Code-switching mit dem Wechseln zwischen verschiedenen Stilebenen und lexikalischen Alternativen in einsprachiger Rede vergleichen 27 , das
19 Muhr (1985, S. 287)
20 Bechert (1991, S. 1)
21 Anderson (1983, S. 331)
22 Gardner-Chloros (1991, S. 1f.)
23 Gardner-Chloros (1991, S. 32)
24 /DERY]LWQDFK6DYLü6 25 Ebd.
26 3RSODFNQDFK6DYLü6I
27 Grosjean (1982, S. 152), Alvarez-Cáccama (1998, S. 42); auch Muhr (1985, S. 287) glaubt an eine Ähnlichkeit zwischen Switches inter- und intrasprachlicher Art. Gardner-Chloros (1991, S. 46) steht dieser Vorstellung
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