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Inhalt.............................................................................................................................2
1. Einleitung. 3
2. Der Sandmann als mythische Reminiszenz Nathanaels. 3
3. Bedeutung des Wortes Sandmann’ im 18. und 19. Jahrhundert. 5
4. Experimente des Coppelius/ Coppola 7
5. Determinismus, Indeterminismus oder Fatalismus? 9
6. Coppelius/ Coppola- Ambiguität eines Doppelgängers 13
7. Auswirkungen des Sandmannes auf Nathanaels Wahrnehmung. 15
8. Fazit 17
9. Literaturverzeichnis. 18
2
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E. T. A. Hoffmanns Erzählung 'HU 6DQGPDQQ, die Ende 1816 im ersten Band der 1DFKWVWFNH erschienen ist, unterscheidet sich von der phantastischen Literatur seiner Zeit. Bei ihm kommt es zu einem - jedoch nicht völlig offensichtlichen - „‘Einbruch’ des Unerhörten in die reale Welt der handelnden Personen“ 1 , wenn man diese Definition der Phantastik gelten läßt. Doch darüber hinaus thematisiert er die Reaktionen der Charaktere auf diesen Einbruch, dieses Aufreißen der Grenzen der Realität.
Dieser Aufsatz soll vor allem klären, zu welchen Interpretationsmustern die objektiven Figuren anhand der schauerlichen und phantastischen Erscheinung des Sandmannes tendieren und welcher Nutzen aus der nicht aufgelösten Identitätsfrage der doppelbödigen Gestalt Coppelius/Coppola gezogen wird. Dazu wird zu klären sein, welche Stellung der Sandmann in Nathanaels Bewußtsein hat, was Coppelius/Coppola beabsichtigt, und welche Aufschlüsse im Text und in der Sekundärliteratur zur Charakteristik und Herkunft dieser Gestalt gegeben werden.
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Die nun folgende inhaltliche Analyse des ersten, die Erzählung einleitenden Briefes Nathanaels an seinen Freund Lothar, soll beleuchten, inwiefern Coppelius schon in Nathanaels Kindheitserinnerungen zu einer stark auf den Protagonisten wirkenden Gestalt wird. In diesem Brief, den irrtümlicherweise seine Freundin Clara erhält, erzählt er, daß „vor einigen Tagen, nämlich am 30. Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashändler“ 2 sein Zimmer in der Universitätsstadt G. betreten hat, um ihm seine Ware (Wettergläser dienten - ähnlich wie Barometer, bloß mit zweifelhaften physikalischen Beobachtungen - zur Voraussage des Wetters 3 ) feilzubieten. Obwohl sich dieses Ereignis vor einigen Tagen begab, scheint Nathanael noch immer einigermaßen verwirrt und aufgeregt zu sein, was sich nicht allein an der Tatsache der fehlerhaften Adressierung des Briefes belegen läßt. Er selbst gesteht, daß er sich mit
1 Metzner (1980), S. 84.
2 Hoffmann (1991), S. 3.
3 Vgl. a. a. O., S. 47.
3
„aller Kraft“ zusammenfassen muß, „um ruhig und geduldig“ 4 zu erklären, was es mit ebendiesem Wetterglashändler auf sich hat. Darüber hinaus wechseln Gegenwart und Vergangenheit. Es ist also zwischen tatsächlichen, erst kürzlich eingetretenen Begebenheiten und erinnernder Rückschau zu unterscheiden. Der
Authentizitätscharakter der Reminiszenzen ist somit nicht eindeutig.
In seiner Jugend erschien jeden Abend um neun Uhr der Sandmann, der „schweren langsamen Schritts die Treppe“ 5 heraufpolterte. Bei dessen Auftreten mußten sich die Kinder ins Bett begeben. Den Grund erfragt der kleine Nathanael bei der Wartefrau, die ihm darauf das Antimärchen 6 vom Sandmann erzählt, demzufolge der Sandmann jenen Kindern, die nicht schlafen wollen, Sand in die Augen streut, worauf sie herausfallen und von dem Sandmann zur Fütterung seiner kleinen Kinder, die auf dem Halbmond warten, mitgenommen werden. Dieses Antimärchen erweckt in Nathanael einen künstlerischen Ausdruckswillen, der in dem Gedicht, das er über die durch den Sandmann, der später mit dem Advokaten Coppelius gleichgesetzt wird, gestörte Liebe zu Clara verfaßt, seinen Höhepunkt erreicht. Er zeichnet die Fabelgestalt mit Kreide auf alle Möbel und beschäftigt sich mit fabelhaften Geschichten.
„Schon dem Kind Nathanael gelingt es nicht, das, was seine Innenwelt okkupiert hat, durch die (in diesem Fall) bildnerische Realisation beherrschbar und kontrollierbar zu machen. In zwanghafter Wiederholung kann er die zentrale Imagination nur wieder und wieder hervorbringen ohne die Möglichkeit der Selbstdistanzierung und ohne jene produktive Verarbeitung, die ihm vielleicht erlauben würde, sein Phantasma zu modifizieren oder zu verabschieden.“ 7
Er scheitert also daran, die schreckliche Vorstellung zu entschärfen. Statt dessen wird sie perpetuiert, und dadurch wird der Sandmann zu einem überirdischen Wesen mystifiziert. Die Wirkung, die die Mutter und vor allem die Amme mit der Einführung des Sandmanns erreichen wollen, ist jedoch eine andere. Sie wollen mit ihrer „bürgerliche[n] Erziehungsmoral“ 8 Nathanael zum Gehorsam erziehen. Ein „pseudopädagogischer Gebrauch“ 9 liegt in der Angst vor Gespenstern begründet. Die
4 Hoffmann (1991), S. 4.
5 a. a. O., S. 4.
6 Ein Märchen erzählt, „wie es eigentlich in der Welt zugehen müßte“. Jolles (1930), S. 239. Ein Anti-Märchen verhält sich der Erwartungshaltung des Rezipienten folglich entgegengesetzt.
7 Liebrand (1996), S. 89.
8 Janßen (1986), S. 34.
9 Hartung (1977), S. 62.
4
mangelnde Aufklärung der Mutter regt die Phantasie des Sohnes an. Erstaunlich ist, daß Lothar und Clara von Nathanael zum ersten Mal brieflich von der Existenz Coppelius´ informiert werden, obwohl die beiden kurz nach dem Tod von Nathanaels Vater bei seiner Mutter aufgenommen worden sind, da sie verwaist waren. Dies hebt nochmals die Verschwiegenheit der Mutter hervor. Sie redet nicht über den potentiellen Mörder ihres Gatten.
Es stellt sich heraus, daß der Sandmann ein alter Advokat namens Coppelius ist, der zuweilen von den Eltern bewirtet wird. Doch vor ebendiesem Advokaten haben die Kinder eine übermäßige Furcht. Er wird als unzeitgemäß bekleidet beschrieben und erhält Attribute „spätmittelalterlicher Teufelsdarstellungen (graue Kleidung, erdgelbes
Gesicht, [...] meckerndes Lachen, polternder Gang)“. 10 Er tituliert den Schöpfer, ebenso wie Mephistopheles im Prolog 11 , als „der Alte.“ 12 Seine Taschen scheinen über ein unendliches Fassungsvermögen zu verfügen. Er holt aus ebendiesen eine unglaublich große Anzahl von Brillen heraus, und auch das Perspektiv stammt aus einer Seitentasche des Rockes. Mit dieser Fähigkeit erinnert er an den sogenannten grauen Mann aus 3HWHU 6FKOHPLKOV ZXQGHUVDPH *HVFKLFKWH 13 (1814), deren Lektüre sich Hoffmann unterzogen hat. Auch dieser graue Mann holt ein optisches Hilfsgerät, nämlich ein Fernrohr, aus seinen Taschen. Coppelius bekommt in Nathanaels Beschreibung noch eine weitere Eigenschaft, die an eine überirdische Macht gemahnt.
Überall, „wo er einschreitet [bringt er] Jammer - Not - zeitliches, ewiges Verderben.“ 14
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Es ist zunächst notwendig, alle Assoziationen, die im 18. und 19. Jahrhundert mit dem Wort ‘Sandmann’ verknüpft wurden, zu erklären. Das Auftreten des Coppelius, der in Nathanaels Vorstellung mit dem Sandmann gleichgesetzt wird, wird stets durch Poltern, Scharren, Husten und Dröhnen angekündigt. 15 „Um 1800 - und auch früher und später -
10 Drux(Hrsg.) (1991), S. 62. Dieses „erdgelbe Gesicht“ gemahnt darüber hinaus an einen Golem jüdischkabbalistischer Tradition.
11 Goethe (1998), S. 20.
12 Hoffmann (1991), S. 9. 13 Vgl. Chamisso (1993), S. 19.
14 Hoffmann (1991), S. 8.
15 Vgl. Hoffmann (1991), S. 4, 7.
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Arbeit zitieren:
Nils Göbel, 2001, Produktivität durch Ambiguität. Die dramaturgische Funktion der Doppelgestalt Coppelius/Coppola in E. T. A. Hoffmanns Erzählung - Der Sandmann -, München, GRIN Verlag GmbH
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