Inhaltsverzeichnis
Horace Greeley Hjalmar Schacht. II
Inhaltsverzeic hnis III
1. Einleitung. 1
2. Hjalmar Schacht - Die Persönlichkeit. 2
2.1 Schachts Haltung zur Weimarer Republik 3
2.2 Schacht und sein Verhältnis zur Macht. 4
2.3 Schacht und sein Verständnis von Moral. 5
2.4 Schachts persönliche Beziehungen. 6
2.5 Schachts Einstellung zur deutschen “Judenfrage 8
2.6 Schlussfolgerung. 9
3. Der Reichsbankpräsident. 10
3.1 Schachts Haltung zu Fragen der Währung. 10
3.2 Schacht und die Frage der Reparationszahlungen 11
3.3 Schacht und seine Haltung zur deutschen Kolonialpolitik. 13
3.4 Schacht - Der unpolitischen Politiker. 15
Exkurs : Ideologie und Totalitarismus 17
4. Der Wirtschaftspolitiker 18
4.1 Wirtschaft, Währung und Judentum 19
4.2 Die Königsberger Rede 20
5. Zusammenfassung. 22
Bibliographie IV
III
1. Einleitung
Hjalmar Greece Hoover Schacht, geboren am 22. Januar 1877, aufgewachsen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, verkörpert noch heute eine der bemerkenswertesten aber auch widersprüchlichsten Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer verstand es Schacht, Personen jeglicher politischer und gesellschaftlicher Couleur und gar ganze politische und gesellschaftliche Systeme von seinen Fähigkeiten zu überzeugen und in seinen Bann zu ziehen 1 , sich jedoch nie von Ihnen abhängig zu machen. Vom Wirtschaftspolitiker stieg er zum Wirtschaftsdiktator im Dritten Reich empor, beinahe so mächtig wie Hitler selbst 2 . Doch dabei verfolgte er keine Ideologie, keine weltanschaulichen antisemitischen oder rassistischen Ziele, wie sie unter Hitler in bestialischster Weise in die Tat umgesetzt wurden. Schacht blieb auf seine ganz besondere Art der kleine Mann auf der Straße, der um etwas wusste, das die Welt verändern konnte. Täglich versuchte er seinen Beitrag zu leisten: „Ich war bemüht, meine Gaben in den Dienst des Volkes zu stellen, dem ich angehörte“ 3 .
In dem er seine eigenen Pläne verfolgte, fühlte er sich oft missverstanden. Insbesondere seine mehrjährigen Inhaftierungen, zunächst unter nationalsozialistischer Herrschaft, später zur Entnazifizierung, mögen ihn - einst einer der einflussreichsten und bekanntesten Männer des Dritten Reiches 4 - gedemütigt haben:
„Jedes Stück Papier, das für oder wider mich gebraucht wurde, war nicht die wahre Vergangenheit, war immer nur ein Stückchen von ihr, aus dem Zusammenhang gelöst und deshalb tot“ 5 .
Noch heute, 77 Jahre nach seiner ersten Ernennung zum Präsidenten der Reichsbank, 56 Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem nationalsozialistischem Machtgefüge, und 30 Jahre nach seinem Tod scheint man sich immer noch im Unklaren darüber zu sein, wie man eine Persönlichkeit wie sie Hjalmar Schacht war, einzuschätzen und zu beurteilen hat. Indiz dafür gibt die Literatur, die von und über Schacht veröffentlicht wurde und kein eindeutiges Bild vom Me nschen, Politiker und Reichsbankpräsidenten Schacht zulässt.
Diese Arbeit ist jenen Fragen gewidmet. Es soll versucht werden, darzustellen, was einen Mann wie Schacht trieb, immer in den ersten Reihen der Politik zu stehen ohne jedoch dem Genuss dieser Macht zu verfallen. Um den Umfang der Arbeit nicht zu sprengen soll dabei vor
1 Ein Indiz hierfür mag die hohe Zahl nachgedruckter Reden Schachts sein.
2 MÜLLER, Helmut: Die Zentralbank - eine Nebenregierung. Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht als Politiker der Weimarer Republik, Opladen 1973, S. 15 (Zit.: Müller, Nebenregierung). Müller führt dabei an: „Er [Schacht] schreckte vor Konflikten mit anderen - auch überlegenen -Machtträgern nicht zurück und war den meisten seiner politischen Gegner an taktischer Raffinesse überlegen“.
3 SCHACHT, Hjalmar, 76 Jahre meines Lebens, Bad Wörishofen 1953, S.15 (Zit.: Schacht, 76 Jahre).
4 L.c., S. 13. Schacht erinnert sich dabei an einen Brief eines Schlafwagenschafners, der ihm für die stabile Währung und der damit einher gehenden Besserung der Lebensumstände dankt. Schacht faßt zusammen: “Oft hatten mich Menschen auf der Straße angesprochen und mir die Hand geschüttelt, unbekannte Menschen, dankbar und voll Hoffnung auf eine Zukunft mit stabiler Währung.”
1
allem Schachts Wirken in der Zeit des deutschen Nationalsozialismus beleuchtet werden. Ferner stellt sich die Frage, wie es möglich sein konnte, dass, in einem totalitärem System, wie das Dritte Reich eines war, ein Mann, der sowenig hinter jener Ideologie stand, so umfangreich Einfluss und Macht auf seine Person vereinigen konnte.
Es drängt sich die Vermutung auf, dass Hjalmar Schacht zu jenem Schlag von Menschen zählt, die allgemein die Logik und das Rationlle dem ideologisch und politisch Angehauchten vorziehen. War Schacht ein Exemplar der Gattung Homo oeconomicus? Zählten für ihn Erfolge mehr als Positionen und Ideologien, aber auch mehr als Freunde? Ich behaupte, dass dem so ist und möchte dies im Folgenden näher beleuchten.
2. Hjalmar Schacht - Die Persönlichkeit
Hjalmar Schacht, Kind eines Bürgerlichen und der Reichsfreiin von Eggers wuchs in einem Klima sozialer Unsicherheit auf 6 . Arbeitslosigkeit, Sorgen und Existenzangst prägten das frühe Bild seiner Welt. Die durch die Familie von Eggers missbilligte, da nicht standesgemäße Ehe machte dem jungen Schacht schwer zu schaffen 7 . Müller fasst die Auswirkung hiervon wie folgt zusammen: „Hjalmar Schacht reagierte mit der Herausbildung von übersteigertem Selbstbewusstsein und verbissenem Aufstiegswillen“ 8 . Eine Entwicklung, die Schacht in seinem weiteren Werdegang durchaus zum Vorteil gereichen sollte. Noch im Alter von 76 Jahren äußert er: „Ich hatte mich einmal als junger Mensch nach oben gearbeitet; ich würde es auch zum zweitenmal schaffen“ 9 . Müller behauptet, dass Schacht oft das Bedürfnis hatte, sich in Szene zu setzten 10 resp. dazu neigte, gewissen, seinem Rang entsprechende Launen zu erliegen: „Schacht war ein politischer Illusionist höchsten Grades“ 11 . Zudem beeinflussten Schachts Eindrücke aus der Studienzeit seine Wahrnehmungen auch in den Folgejahren 12 . Schacht selbst zeichnet in seinen Memoiren das (ideale) Bild eines Bankiers, mit dem er sich gewiss selbst identifizieren konnte und wollte: „… die meisten [Bankiers] aber waren sehr fleißig, hochintelligent und unermüdlich darauf bedacht, ihren Gesichtskreis zu erweitern“ 13 . Trotz allem bleibt Schacht Realist. Müller erklärt dies zwar mit einer gewissen theoretischen Schwäche des Praktikers 14 , allerdings kann man dem mit der vielfältigen Bildung und den Lebenserfahrungen
5 L.c., S. 11.
6 Müller, Nebenregierung, S. 13.
7 L.c.
8 L.c.
9 Schacht, 76 Jahre, S. 9.
10 Müller, Nebenregierung, S.15.
11 Müller, Nebenregierung, S. 15.
12 FISCHER, Albert, Hjalmar Schacht und Deutschlands “Judenfrage”, Köln/Weimar/Wien 1995, S. 107 (Zit.: Fischer, Schacht).
13 Schacht, 76 Jahre, S. 19.
14 Müller, Nebenregierung, S. 19.
2
Schachts begegnen 15 . Zudem spielt für Schacht neben Intuition, Fingerspitzengefühl und individuelle Fähigkeiten auch der Charakter seines Gegenüber eine wichtige Rolle 16 . Nichts scheint ihm befremdlicher als übertriebener Luxus, Willkür und die Willensschwäche fragwürdiger Parteianhänger 17 . Gerade die Ausfälle unterer Parteischergen der NSDAP, die ihm später als Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident unter Hitler zu schaffen machten, seien hier hervorgehoben.
2.1 Schachts Haltung zur Weimarer Republik
Schachts ablehnende Haltung zur Politik der Weimarer Epoche mag wohl ebenfalls in seiner Jugendzeit begründet sein. Das sogenannte Kaisererlebnis 18 hat dem damals elfjährigen Schacht die Pracht und den Glanz eines aufstrebenden Landes offenbart, dessen Wohlfahrt ihm durch den Ersten Weltkrieg und vor allem durch die Geschehnisse unmittelbar nach dem Krieg, die weitestgehend ihren Ursprung in den Versailler Verträgen fanden, versagt wurde: „Deutschland war ein aufstrebendes Land, von Jahr zu Jahr nahm seine Macht zu“ 19 . Er fährt fort: „Waren nicht wir, die zu spät gekommene Söhne Europas, auf dem besten Weg, den Vorsprung der anderen aufzuholen?“ 20 In Schachts Augen resultierten die Probleme nach dem Ende des Ersten Weltkrieg aus der Politik der Weimarer Regierungen: „Hungerblockade, Friedensdiktat, Inflation, das waren die Meilensteine am Rande des Weges, den wir nach dem ersten Weltkrieg gingen“ 21 . Dass er selbst von den Ereignissen der Zeit profitierte, verschweigt Schacht jedoch. Eher zufällig oder ohne sein aktives dazutun, scheint er aufgrund der Umstä nde in die hohe Politik hineingezogen worden zu sein, der er sich seit dem zur Verfügung stellte 22 . Dass dem nicht so ist, erklärt Müller dadurch, dass zum Beispiel zwischen Schacht und Reichskanzler Stresemann, der bei seiner Ernennung zum Reichsbankpräsidenten maßgeblich beteiligt war, beste persönliche Beziehungen herrschten und eine wichtige Rolle spie lten 23 .
Fischer führt an, dass Schachts positiven Erfahrungen der Wilhelminischen Ära hinsichtlich der Betonung des Primates der Wirtschaft und die skeptische Haltung gegenüber der parlamentarischen Demokratie seine ablehnende Haltung zur Weimarer Republik erklären könnten 24 .
15 Schacht, 76 Jahre, S. 20.
16 L.c.
17 Schacht, 76 Jahre, S. 15. Allerdings sollte man die Äußerungen Schachts vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in der Gefangenschaft sehen und entsprechend bewerten.
18 Müller, Nebenregierung, S. 11.
19 Schacht, 76 Jahre, S. 11.
20 L.c., S. 12.
21 L.c.
22 L.c.
23 Müller, Nebenregierung, S. 27.
24 Fischer, Schacht, S. 55.
3
Ebenfalls im Kontext der Zeit zu sehen ist in dieser Hinsicht Schachts Haltung zum Versailler Vertrag: „Der sogenannte Friedensvertrag von Versailles ist weder ein Vertrag noch hat er den Frieden gebracht“ 25 . Die Verantwortung sucht er bei den politischen Akteuren der Weimarer Republik, bei den Unterzeichnern des Vertrages. Schacht mag das genannte Zitat im Eindruck der Weltwirtschaftskrise und der damit verbunden großen Depression geschrieben haben, die er, wie aus seiner Münchner Rede 26 ersichtlich wird, bereits vorausgesagt hatte. Deutlich wird jedoch an dieser Äußerung, dass Schacht auch der sogenannten Dolchstoß-Legende erlegen ist.
2.2 Schacht und sein Verhältnis zur Macht
Schacht kommt in seinen Erinnerungen an das Kaisererlebnis zu dem Schluss: “Macht ist so lange ein leeres Wort, bis man einem Schauspiel der Macht beigewohnt hat … Der Sinn des Wortes Politik ging mir auf” 27 .
Fischer attestiert Schacht sogar ein übersteigertes Selbstwertgefühl 28 . Seine bitteren, manchmal sogar demütigenden Kindheitserfahrungen mögen den Grundstein für seinen Drang hin zum Gleichziehen, oder besser, zum Überholen seiner Mitmenschen gelegt haben 29 . Sein Abschlusszeugnis ziert der Satz: „Hält sich zu Höherem berufen“ 30 . Diese Ahnung Schachts Gymnasiallehrers sollte sich später bewahrheiten. Allein der Ausdruck spricht für sich. In seiner weiteren Entwicklung gibt der Erfolg Schacht jedoch recht. Spätestens mit der Überwindung der großen Inflation entwickelt Schacht ein Selbstbewusstsein, das es ihm erlaubt, seine eigene kleine Gedankenwelt zu schaffen und zu bewahren. Nur so lässt sich erklären, das an gelegentlichen politischen Fehleinschätzung jeweils die „anderen“ die Schuld trugen 31 . Auf der anderen Seite erlaubten ihm diese Eigenschaften einen eher sorglosen Umgang mit Hitler: „Glücklicherweise bin ich keine ängstliche Natur und bin gewohnt, die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie manchem nicht gefällt“ 32 . Kaum eine Persönlichkeit in der näheren Umgebung Hitlers und den Führungskreisen der NSDAP konnte sich Konfrontationen, wie sie Schacht mit „Parteigrößen und -kleinen “ 33 ausfocht, in diesem Umfang le isten.
25 SCHACHT, Hjalmar, Das Ende der Reparationen, Oldenburg i.O. 1931, S. 9 (Zit.: Schacht, Reparationen).
26 SCHACHT, Hjalmar, Münchner Rede. Die Pariser Sachverständigenkonferenz. Vortrag, gehalten auf Einladung des Deutschen Industrie- und Handelstags. München, am 28. Juni 1929, Berlin 1929 (Zit.: Schacht, Münchner Rede).
27 Schacht, 76 Jahre, S. 62.
28 Fischer, Schacht, S. 45.
29 L.c., S. 46.
30 Schacht, 76 Jahre, S. 157.
31 Fischer, Schacht, S. 47.
32 SCHACHT in seinen Äusserungen. Im Auftrage des Reichsbankdirektoriums zusammengestellt in der Volkswirtschaftlichen und Statistischen Abteilung der Reichsbank. Zum 22. Januar 1937, Berlin 1937, S. 19 (Zit. Schacht, Äusserungen).
33 L.c., S. 151.
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Heiko Bubholz, 2001, Hjalmar Schacht - Wirtschaftspolitiker und Reichsbankpraesident, München, GRIN Verlag GmbH
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