Inhalt
1. Einleitung
2. Die Herausbildung der scholastischen Philosophie und ihr Wandel
im Hochmittelalter.
3. Die dialektische Methode Abaelards
3.1 Philosophiegeschichtliche Einbettung
3.2 Der Prolog in Sic et Non als Leitfaden für einen dialektischen
L ösungsweg 3
3.3 Dialogus inter Philosophum, Iudaeum et Christianum - ein
Anwendungsbeispiel.
4. Der Konflikt mit Bernhard von Clairvaux
4.1 Vom Nebeneinander zum Gegeneinander.
4.2 Höhepunkt der Auseinandersetzung: Das Konzil von Sens.
4.3 Zusammenfassung der Vorwürfe.
5. Ergebnisse und Ausblick.
Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
„Dubitando quippe ad inquisitionem venimus; inquirendo veritatem percipimus. Iuxta quod et Veritas ipsa: Quaerite inquit et invenieties, pulsate et aperietur vobis.” 1
Wenn Petrus Abaelard seinen Lesern das Zweifeln und Fragen empfahl, so tat er es niemals auf Grund rein theoretischer Überlegungen. Zeitlebens hatte der Philosoph, Theologe und einflussreiche Vertreter der dialektischen Methode selbst versucht, sich durch kritischen Umgang mit überlieferten Texten und durch den Einsatz logischer Sprachreflexionen der Wahrheit 2 zu nähern. Seine Methoden waren für das 12. Jahrhundert neuartig, gar gotteslästernd. Demzufolge begegneten Abaelard zahlreiche Kritiker - allen voran Bernhard von Clairvaux 3 -, die vehement seiner Betonung des schöpferischen, aktiven Anteils des Menschen an der Welterfahrung widersprachen. Doch gerade der Widerspruch eignete sich für Abaelards Ziele, und er nahm ihn gerne zum Ausgangspunkt, um sich der verstandesgestützten Erkenntnis zu nähern. Die Disputation wurde für ihn zur meistgenutzten Gesprächsform - nicht nur beim Unterrichten, auch seine Gegner forderte er dazu heraus 4 . Nach streng logischen Prinzipien 5 versuchte er, auf offene Fragen Antworten zu finden und wagte sich dabei auch an die Auslegung der Heiligen Schrift heran, zum Ärger vieler monastischer Vertreter, die dahinter eine unrechte Anmaßung göttlicher Autorität sahen. Das Verhältnis von Glaube und Wissen war für sie hierarchisch
1 Peter Abailard, Sic et Non, A Critical Edition by Blanche B. BOYER and Richard McKEON, The
University of Chicago Press, Chicago and London, 1976, S.103f, Z.337-340; Abaelard zitiert hier die
Bibelstelle Mt 7,7.
2 Zur mittelalterlichen Definition von „Wahrheit“ vgl. A.ZIMMERMANN, „Wahrheit“, LexMA, Bd.VIII,
Sp.1918-1920.
3 Bernhard wirft Abaelard immer wieder vor, Häretiker zu sein: „Petrum Abaelardum, catholicae fidei
persecutorem, inimicum crucis Christi, vita probat, et conversatio, et libri iam de tenebris in lucem
procedentes. Monachum se exterius, haereticum interius ostendit, nihil habens de monacho, praeter nomen et
habitum.“ (Sancti Bernhardi Opera, hrsg. von J. LECLERCQ/ C.H.TALLBOT/ H. ROCHAIS, Rom 1995-
1977, hier: Bd.8, S.269, Zeilen 9-12); zu Leben und Wirken Bernhards vgl. DINZELBACHER, Peter,
Bernhard von Clairvaux. Leben und Werk des berühmten Zisterziensers, Darmstadt 1998.
4 1108 forderte Abaelard Wilhelm von Champeaux, von dem er 1100 noch unterrichtet wurde, zu dem sich
aber im Folgenden ein gegnerisches Verhältnis entwickelte, zu einer Disputation zur Frage der Universalien
heraus.
5 Bei Abaelard fallen Logik und Dialektik weitestgehend zusammen, weil er die Theorien der Semantik und
der Disputation in engerem Sinne zusammenführt. Die ursprüngliche Trennung der beiden Disziplinen Logik
und Dialektik wird in dem von uns betrachteten Zeitraum nicht mehr aufrechterhalten [vgl. A. DE
LIBERA/B. MOJSISCH, „Dialektik“, LexMA, Bd.III, Sp.944-946 und KÖHN, Rolf, Schulbildung und
Trivium im lateinischen Hochmittelalter und ihr möglicher praktischer Nutzen, in: FRIED, Johannes (Hg.),
Schulen und Studium im sozialen Wandel des hohen und späten Mittelalters, Sigmaringen 1986 (Vorträge
und Forschungen, Bd.15), S.257], so dass die vorliegende Arbeit beide Begriffe vor allem unter
methodologischer Perspektive als bedeutungsähnlich versteht.
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geordnet, wobei Wissen lediglich dem liturgischen Gebrauch dienen sollte. Ihrer Ansicht nach verkehrte Abaelard diese traditionelle Ordnung und gefährdete sie gleichzeitig. Wer sich Abaelards Philosophie und seinen Verfahrensweisen nähern will, muss sich zunächst mit den ursprünglichen Inhalten und Zielsetzungen, ferner mit den Veränderungen der scholastischen Philosophie 6 beschäftigen. Denn auch wenn das Schlagwort dazu verführt, diese mittelalterliche Denkart für uniform zu halten, war die Scholastik über die Jahrhunderte hinweg einem stetigen Wandel unterworfen, der schließlich gefährdete, was zu Beginn als wichtigste Aufgabe gedacht war: Die Rechtfertigung und Verteidigung der christlichen Lehre. Die Arbeit beginnt daher mit einer Darstellung über die Herausbildung der scholastischen Theologie und Philosophie. Besondere Beobachtung kommt dabei den bildungsgeschichtlichen Entwicklungen, der monastischen Wissensvermittlung sowie den Artes Liberales zu.
Daran anschließend soll die dialektische Methode Abaelards untersucht werden, denn seine Verfahrensweise steht heute repräsentativ für die scholastische Methode. Hans Joachim Störig geht, wie zu zeigen sein wird, zu weit, wenn er die scholastische Methoden als „ein besonderes methodisches Vorgehen, das namentlich von (...) Abaelard ausgebildet ist und nach seinem Vorbild von den meisten Scholastikern angewendet wird“ 7 versteht, doch von einer herausragenden Stellung Abaelards kann gesprochen werden. Das dritte Kapitel führt zuerst in den philosophischen Kontext, in dem er sich zu Beginn seiner Laufbahn bewegte, ein und erörtert im Folgenden die Theorie der dialektischen Methode, wie sie von Abaelard im Prolog seiner Schrift Sic et Non (zwischen 1121 und 1140, mehrfach überarbeitet) konzipiert wurde. Exemplarisch wird anschließend sein Werk Dialogus inter Philosophum, Iudaeum et Christianum (ca. 1125/26) hinsichtlich der Umsetzung der dialektischen Methode untersucht, um zu verdeutlichen, wie Abaelard seine theoretischen Überlegungen in die Praxis übertrug. Diese Gliederung begründet sich durch verschiedene Überlegungen:
6 Es ist wichtig, an dieser Stelle nicht von „Scholastik“ im Allgemeinen zu sprechen, denn sie war nicht nur
Methode der eng verbundenen Wissenschaften Philosophie und Theologie, sondern jeglicher Wissenschaften
(vgl. R. SCHÖNBERGER, „Scholastik“, LexMA, Bd.VII, Sp.1521-1526) Die Literatur setzt „Scholastik“
oftmals unkritisch an Stellen ein, an denen nur die scholastische Philosophie gemeint ist, was vergessen lässt,
dass auch Medizin oder Jurisprudenz begannen, auf scholastische Art und Weise zu denken und zu handeln.
7 STÖRIG, Hans Joachim, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Stuttgart/ Berlin/ Köln 1993, S.236.
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Mit dem Prolog von Sic et Non kann sich Abaelards Verständnis von Wahrheitssuche genähert werden, denn er ist eine ganz konkrete Anleitung für den Leser, welche Schritte auf dem Weg zur Wahrheit berücksichtigt werden müssen. Ferner bestätigt die Schrift Abaelards permanente Orientierung an Widersprüchen, ohne die seine dialektische Untersuchungen gar nicht erst möglich gewesen wären. Der Dialogus ist Abbild dieses Verfahrens: Er inszeniert eine Disputation, die auf dialektischem Wege ausgeglichen werden soll bzw. wird 8 - ein Charakteristikum der Scholastik 9 . Daher ist die Behandlung dieser Schrift auch aus gattungsgeschichtlicher Sicht interessant, da der Dialog zunächst keine typische Form philosophisch-theologischen Denkens im Mittelalter war 10 , durch das Erstarken der Dialektik aber immer stärker zum Einsatz kam. Es entstand eine regelrechte Streitschriften-Literatur, die im Unterricht oder an anderer Stelle geführte Diskussionen schriftlich fixierte, um damit einerseits die Methodik deutlicher herauszustellen, andererseits um Anschauungsmaterial für Dialektikstudien zur Verfügung stellen zu können.
Die scholastische Methode war wegbereitend für eine Individualisierung der Gesellschaft und eine wissenschaftliche Unabhängigkeit der Philosophie von der Theologie - mit ihr setzte ab dem 12. Jahrhundert ein durchgreifender Wandel ein. Dieser Wandel weckte Widerspruch, der sich nicht zuletzt in der Herausbildung der Häretikerprozesse manifestierte. Die Träger der neuen Lehren sollten mundtot gemacht werden, so die Forderung. Der Konflikt zwischen Bernhard von Clairvaux und Abaelard, der schließlich durch Innozenz II. entschieden wurde, bildet den Kontrast zwischen alter Ordnung und abweichender Neuerung im 12. Jahrhundert eindrucksvoll ab. Daher schildert das vierte Kapitel die entscheidenden Zeitpunkte dieser Auseinandersetzung und fasst die Konfliktpunkte zusammen, da diese repräsentativ für die Probleme der Umbruchzeit verstanden werden können.
8 Ob die Disputation tatsächlich ausgeglichen wurde, wird in Kapitel 3.3 näher erörtert.
9 Clanchy schreibt dazu: „Die Scholastiker vertraten die Auffassung, dass Harmonie aus dem gespannten
Verhältnis der Gegensätze (sic et non) entstünde, die sie in ihren Disputationen zu inszenieren pflegten.“
(CLANCHY, Michael T., Abaelard. Ein mittelalterliches Leben, Darmstadt 2000, S.37).
10 JACOBI, Klaus (Hrsg.), Gespräche lesen: Philosophische Dialoge im Mittelalter, Tübingen 1999, S.9.
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Warum personifiziert Abaelard bis heute die Wahrheitssuche des Hochmittelalters? Aus welchen Gründen wurde er so viel stärker als seine gelehrten Kollegen der Kritik ausgesetzt? Und inwieweit können bei der Beschäftigung mit der Lebensgeschichte Abaelards Rückschlüsse auf die kulturellen Veränderungen des 12. Jahrhunderts gezogen werden? Diese Fragen sollen der Arbeit zugrunde liegen und am Ende beantwortet werden können.
Die Forschung des 20. Jahrhunderts hat die Bedeutsamkeit Abaelards in verschiedenen Fällen zu minimieren oder zu negieren versucht. Anders als Wissenschaftler des 18. und 19. Jahrhunderts, die ihn als heldenhafte Ausnahmeerscheinung in der finsteren Kirche des Mittelalters rühmten 11 , zeichneten Historiker des 20. Jahrhunderts ein weitaus unbedeutsameres Bild des Philosophen: Er sei niemals ein Zweifler und Freigeist gewesen, sondern lediglich ein Theologe mit seriösen Ambitionen im dialektischen Denken 12 (Haren, 1992), der nie gegen die kirchlichen Autoritäten rebelliert habe 13 (Knowles, 1962). Die 1972 erhobene Behauptung John Bentons 14 , Abaelards Historia Calamitatum sei eine Fälschung und der darin niedergeschriebene Inhalt müsste vernachlässigt werden, forcierten die Forschungsbemühungen zusätzlich. Sogleich erhoben sich Gegenstimmen, die zu bedenken gaben, dass die in der Autobiographie Abaelards zutage tretenden Merkmale auch in anderen Quellen Bestätigung fänden. Gerade seine Zeitgenossen würden die besondere Größe Abaelards bestätigen 15 (Dronke, 1976/1992). Als gegenläufig zur Tendenz der Bedeutungsminimierung ist die jüngste umfassende Darstellung zum Leben und Wirken Abaelards zu verstehen: Michael Clanchy hat es sich bei seinen Untersuchungen zur Aufgabe gemacht, die Reputation von Abaelard und Heloise einzuleiten, da die Berichte dieser beiden Menschen seiner Meinung nach „außergewöhnliche Dokumente der Menschheit (...), wie immer man sie interpretieren mag“ 16 , darstellen. Er stützt sich bei seinen Überlegungen stets zuerst auf das vorliegende Quellenmaterial.
11 Vgl. CLANCHY, Abaelard, S.411.
12 HAREN, Michael, Medieval Thought. The Western Intellectual Tradition from Antiquity to the 13 th
Century, 1992, S.105.
13 „Of a truth, Abaelard was never a rebel against the authority of the Church, and never a rationalist in the
modern sense.“ (KNOWLES, David, The Evolution of Medieval Thought, Hong Kong 1962, S.122).
14 BENTON, John F., Culture, Power and Personality in Medieval France. Collected Papers, hrsg. von
Thomas N. Bisson, London 1991, S.448
15 DRONKE, Peter, Abaelard und Heloise in Medieval Testimonies, 1976, wieder veröffentlicht in:
Intellectuals and Poets in Medieval Europe, Storia e Letteratura, Rom 1992, S.247-294.
16 CLANCHY, S.415.
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Dieses ist für die Historiker leicht zugänglich, da es umfassend ediert wurde. Zentrale Primärtexte für die Fragestellungen dieser Arbeit sind Abaelards Werke „Sic et Non“ und „Dialogus inter Philosophum, Iudaeum et Christianum“, die bereits übersetzt zugänglich sind. Zur Rekonstruktion des Konfliktes zwischen Bernhard und Abaelard empfehlen sich die Briefe Bernhards, die in seinem Gesamtwerk 17 enthalten sind, sowie die Chronik Ottos von Freising 18 . Zusammen mit der Autobiographie „Historia Calamitatum“, deren Subjektivität man sich bei den Betrachtungen natürlich bewusst sein muss, verfügt man über eine geeignete Quellengrundlage, von der aus weitere Fragestellungen entwickelt werden können.
2. Die Herausbildung der scholastischen Philosophie und ihr Wandel im Hochmittelalter
Gern begreift man die Scholastik als Bezeichnung einer Denkepoche des Mittelalter, deren Ideen sich zuvorderst in der Philosophie und der Theologie niederschlugen. Doch ignoriert dieses Verständnis nicht nur, dass die Scholastik alle Formen von Wissenschaften betraf, sondern auch, dass es nichts genuin Mittelalterliches ist, auf scholastische Art und Weise zu denken. Scholastisches Gedankengut findet sich sowohl in der Spätantike, als auch im Barock 19 . Gleichzeitig bildet diese Auffassung aber ab, dass die Merkmale der Scholastik gerade in der Zeit zwischen 800 und 1400 besonders ausgeprägt waren. Gemeinhin wird dieser Zeitraum in Früh-, Hoch- und Spätscholastik unterschieden, wobei die Unterscheidung oft vor allem aus den verschiedenartigen Rezeptionen der antiken Philosophien entstand 20 . Begannen die Frühscholastiker erst langsam, sich mit den wenigen bekannten Werken Aristoteles auseinander zu setzen, verstärkte nicht zuletzt das Auftauchen des restlichen Corpus aristotelischer Schriften das Interesse der Gelehrten an antiken Studien, die sie dann mit christlichen Auffassungen zu verbinden versuchten. Die Erneuerung des Nominalismus durch Wilhelm von Ockham und die Wiederbelebung der Empirik durch Roger Bacon bildeten später die Grundlage für einen Angriff gegen die Scholastik, die daraufhin ihren Rückgang erlebte.
17 Bernhard von Clairvaux. Sämtliche Werke, Bd.III, hrsg. von Gerhard B. WINKLER, Innsbruck 1992.
18 SCHMALE, Franz-Josef (Hg.), Bischof Otto von Freising und Rahewin: Die Taten Friedrichs oder
richtiger Chronica, übersetzt von Adolf Schmidt, Darmstadt 1965 (Ausgewählte Quellen zur deutschen
Geschichte des Mittelalters, Freiherr vom Stein- Gedächtnisausgabe, Bd. XVII).
19 Vgl. SCHÖNBERGER, „Scholastik“, LexMA, Bd.VII, Sp.1521.
20 Dazu STÖRIG, S.235.
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Sandra Lachmann, 2003, Wandel als Widerspruch - Angriffe auf die dialektische Philosophie zu Beginn des 12. Jahrhunderts dargestellt am Beispiel der Auseinandersetzung zwischen Petrus Abaelard und Bernhard von Clairvaux, München, GRIN Verlag GmbH
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