Inhalt
1. Einleitung 3
2. Tendenzen der inneren Entwicklung Athens im Jahrzehnt nach Marathon. 6
3. Die attische Flottenrüstung. 11
3.1 Persien, Themistokles und das Flottenbauprogramm 11
3.2 Das Kriegsschiff Triere: technische Eigenschaften, Besatzung und
Kampfweise. 15
3.3 Die innenpolitische Komponente der Seerüstung: Ruderdienst als
Instrument der Demokratisierung? 18
4. Die Auswirkungen der Perserabwehr auf Athen. 21
4.1 Skizze des Kriegsverlaufs 21
4.2 Die Auswirkungen des hellenischen Sieges auf die innere Entwicklung
Athens. 22
5. Der Seebund und die Politisierung der Theten. 27
6. Schlussbetrachtung. 32
7. Quellen und Literatur 34
7.1 Quellen 34
7.2 Literatur 34
3
1. Einleitung
Die Perserkriege und ihre Fortsetzung unter athenischer Führung, formuliert Christian Meier, waren die conditio sine qua non der attischen Demokratie. 1 Schließlich war die Abwehr der persischen Angriffe ja unerlässlich für das Überleben der von Kleisthenes begründeten isonomen Verfassung, da ein Erfolg der Perser die Wiedererrichtung der Tyrannis bedeutet hätte. Der Kampf mit dem äußeren Feind hatte jedoch auch weitreichende Folgen für die innere Entwicklung der Polis. Entscheidend war hierbei der Entschluss der Athener, der zu befürchtenden Invasion des Xerxes durch den Aufbau einer starken Kriegsflotte zu begegnen: War Marathon noch der Erfolg der Hopliten, also der Land besitzenden Bürger, gewesen, wurden zum Dienst in der neuen Flotte nun alle Wehrfähigen, vor allem die unbemittelten Bürger, herangezogen. Da Kriegsdienst und das Recht auf politische Mitsprache nach damaliger Auffassung eine gedankliche Einheit bildeten, erwarben nun auch die Unbemittelten, die bislang weitgehend abseits des Heeresdienstes und somit auch des politischen Lebens gestanden hatten, Anspruch auf aktive politische Partizipation. Die großen Seesiege über die Perser und insbesondere die Entscheidung der Athener, ihre Flotte nach dem persischen Abzug nicht abzumustern, sondern im Rahmen einer groß angelegten maritimen Bündnispolitik einzusetzen, politisierten die als Rudermannschaften dienenden Massen und führten schließlich zur Entstehung der attischen Demokratie.
Die vorliegende Seminararbeit untersucht den Perserkrieg von 480/79 im Hinblick auf seine Bedeutung für die Entwicklung der kleisthenischen isonomen Gesell-schaftsordnung zur klassischen Demokratie, wie diese nach 462/61 in Erscheinung trat. Inwieweit war kann die Außenpolitik, die in Athen seit dem themistokleischen Flottenbauprogramm praktisch Flottenpolitik war, als entscheidende Triebkraft für die Entstehung der attischen Demokratie gewertet werden? Lassen sich dementsprechend die Perserkriege als Initialzündung der politischen Aktivierung der Massen und somit der Demokratie interpretieren?
Der Untersuchungszeitraum dieser Arbeit umfasst die gut drei Jahrzehnte von der Schlacht bei Marathon (490) bis zu den Reformen des Ephialtes (462/61). Hauptquelle für die Perserkriege sind die in den 420er Jahren verfassten Historien des He-
1 Christian Meier, Die Rolle des Krieges im klassischen Athen, HZ 251 (1990), S. 555-605.
4
rodot (Bücher 6-9). An dessen Bericht knüpft Thukydides’ Darstellung des Peloponnesischen Krieges (entstanden um 400) an, deren erstes Buch einen knappen Überblick über die rund 50 Jahre zwischen dem Ende der Perserkriege und dem Beginn des Peloponnesischen Krieges liefert. Zur inneren Entwicklung Athens ist insbesondere die Aristoteles zugeschriebene, um die Mitte der 320er Jahre abgefasste Athenaion Politeia heranzuziehen. Unter den späteren Autoren ist vor allem Plutarch (ca. 50-120 n. Chr.) zu nennen, dessen Themistokles-Biographie eine Vielzahl von nicht überlieferten Autoren des 5. und 4. Jahrhunderts berücksichtigt. Über die genannten Autoren hinaus werden in diesem Papier weitere literarische Quellen, daneben aber auch epigraphisches und bildliches Material untersucht. Zur Entwicklung der attischen Demokratie liegt mittlerweile eine kaum überschaubare Fülle an Forschungsliteratur vor. Grundlegend für die Fragestellung dieser Arbeit ist die mittlerweile in vierter Auflage vorliegende Gesamtdarstellung Die athenische Demokratie von Jochen Bleicken. 2 Die entsprechenden Kapitel dieses Buches sowie Bleickens Aufsatz „Wann begann die athenische Demokratie?“ arbeiten den Zusammenhang von Perserkriegen und innerer Entwicklung heraus. 3 Vor wenigen Jahren hat Karl-Wilhelm Welwei mit Das klassische Athen eine Gesamtdarstellung der athenischen Geschichte des 5. und 4. Jahrhunderts vorgelegt, die einen Überblick über die Außenpolitik und die inneren Strukturen Athens liefert. 4 Derselbe Autor untersucht in Die griechische Polis (2. Aufl., 1998) Verfassung und Gesellschaft in archaiischer und klassischer Zeit, wobei das Hauptaugenmerk auf Sparta und Athen gelegt wird. 5 Grundlegend für die Entwicklung der kleisthenischen isonomen Verfassung zur Demokratie ist nach wie vor Jochen Martins Aufsatz „Von Kleisthenes zu Ephialtes“ (1974), der die Demokratie in erster Linie als Produkt der außenpolitischen Entwicklungen des 5. Jahrhunderts interpretiert. 6 Die Perserkriege werden in diesem Papier in erster Linie hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Entstehung der Demokratie behandelt. Strategische Entscheidungen und der Kriegsverlauf werden daher nur zu einem knappen Überblick zusammengefasst. Die militärischen Aspekte der Perserkriege sind vor allen in der englischsprachigen Forschung gründlich untersucht worden. Nachdem die in den 1960er Jahren
2 Jochen Bleicken, Die athenische Demokratie, 4. Aufl., Paderborn u.a. 1995.
3 Jochen Bleicken, Wann begann die athenische Demokratie?, HZ 260 (1995), S. 337-364.
4 Karl-Wilhelm Welwei, Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4.
Jahrhundert, Darmstadt 1999.
5 Karl-Wilhelm Welwei, Die griechische Polis, 2. Aufl., Stuttgart 1998.
6 Jochen Martin, Von Kleisthenes zu Ephialtes, Chiron 4 (1974), S. 5-42.
5
veröffentlichten Gesamtdarstellungen von A.R. Burn und C. Hignett über drei Jahrzehnte hinweg maßgeblich waren, 7 legte John F. Lazenby mit The Defence of Greece (1993) erstmal wieder eine umfassende Darstellung der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Persern vor. 8 Auch die entsprechenden Kapitel in Welweis Athen-Gesamtdarstellung liefern einen gründlichen Überblick über den Kriegsverlauf und seine politischen Auswirkungen. Vor allem das athenische Seekriegswesen ist im Zusammenhang dieser Arbeit von Interesse. Auch hier ist Jochen Bleickens Gesamtdarstellung zu nennen, die einen Überblick über die technischen Eigenschaften, Kampfweise und weitere Aspekte der Triere bietet. Eine Gesamtdarstellung der antiken Seefahrt liegt mit Ships and Seamanship in the Ancient World (1971) von Lionel Casson vor. 9 Christopher Haas setzt sich in seinem Aufsatz „Athenian Naval Power before Themistocles“ (1985) mit dem Seekriegswesen vor allem der archaiischen Zeit auseinander. 10 Hinsichtlich des themistokleischen Flottenbaus ist auch auf Wolfgang Blösels Studie Themistokles bei Herodot (2004) zu verweisen, die die Schwierigkeiten hervorhebt, mit denen sich die Forschung im Hinblick auf die attische Seerüstung der 480er Jahre konfrontiert sieht. 11
7 A.R. Burn, Persia and the Greeks. The Defence of the West, c. 546-478 B.C., 2. Aufl., Lon-
don 1984; C. Hignett, Xerxes’ Invasion of Greece, Oxford 1963.
8 John F. Lazenby, The Defence of Greece 490-479 B.C., Warminster 1993.
9 Lionel Casson, Ships and Seamanship in the Ancient World, Princeton 1971.
10 Christopher J. Haas, Athenian Naval Power before Themistocles, Historia 34 (1985), S. 29-
46.
11 Wolfgang Blösel, Themistokles bei Herodot: Spiegel Athens im fünften Jahrhundert. Studien
zur Geschichte und historiographischen Konstruktion des griechischen Freiheitskampfes 480 v.
Chr., Stuttgart 2004.
6
2. Tendenzen der inneren Entwicklung Athens im Jahrzehnt nach Marathon
Der Sieg bei Marathon bedeutete für Athen nicht nur die Abwehr fremder Herrschaft, sondern auch die Verteidigung der unter Kleisthenes etablierten isonomen Gesellschaftsordnung gegen eine Erneuerung der Tyrannis unter persischer Ägideder vertriebene Tyrann Hippias war ja im Gefolge von Datis und Artaphernes zurückgekehrt. 12 Der Organisator des großen Sieges, Miltiades, stand im Zenith seines Ansehens und genoss das nahezu uneingeschränkte Vertrauen des attischen Demos. 13 Die politische Szene in Athen geriet jedoch bald darauf in Bewegung. Hier ist in erster Linie das Ende des Miltiades, der wiederaufflammende Konflikt mit Aigina, die erstmalige Anwendung des Ostrakismos und die Reform der Archontenbestellung zu nennen. Inwieweit lassen sich bei den genannten Maßnahmen „demokratische“ Tendenzen erkennen?
Miltiades kommandierte 489 eine Flotte von 70 Schiffen, 14 die die Kykladeninseln, über die der persische Angriff von 490 vorgetragen worden war, unter athenische Kontrolle bringen sollte. 15 Gegen die westlichen Kykladen operierten die Athener offenbar erfolgreich, 16 die Belagerung von Paros musste jedoch abgebrochen werden. 17 Zurück in Athen wurde Miltiades, der sich auf Paros verletzt hatte und bereits an Wundbrand litt, vor der Volksversammlung des Betruges angeklagt. Sein Ankläger, der mit den Alkmeoniden verschwägerte Xanthippos, beantragte die Todesstrafe. Die Ekklesia verurteilte Miltiades angesichts seiner Verdienste um die Polis (Marathon und die Eroberung von Lemnos) jedoch nur zu einer hohen Geldstrafe. Kurz darauf erlag er dem Wundbrand; die Strafe - angeblich 50 Talente - soll sein Sohn Kimon gezahlt haben. 18 Mit Miltiades war die einflussreichste Führungsfigur in Athen gestürzt; in den folgenden Jahren rivalisierten verschiedene Adelige um die politische Spitzenposition. Form und Verlauf von Miltiades’ Prozess demonstrieren die Konsolidierung der kleinsthenischen Verfassung sowie die Handlungsmöglichkeiten und -grenzen des Adels innerhalb dieser Ordnung. Adelige Führungsfiguren, auch herausragende Gestalten wie Miltiades, mussten sich vor den in
12 Bleicken, Wann begann die athenische Demokratie?, S. 355; Hdt. 6,107,1-3.
13 Hdt. 6,132; Welwei, Athen, S. 40; Welwei, Polis, S. 167.
14 Hdt. 6,132.
15 Welwei, Athen, S. 39; Martin Dreher, Athen und Sparta, München 2001, S. 74.
16 Keos, Kythnos, Seriphos und Melos schlossen sich dem 481 gegründeten sogenannten Hel-
lenenbund an.
17 Hdt. 6,135,1.
18 Hdt. 6,136.
7
der Volksversammlung anwesenden Teilen der Bürgerschaft, also in erster Linie vor den Bürgern des Hoplitenzensus, verantworten und wurden für Fehlentscheidungen mit aller Härte zur Rechenschaft gezogen. Ihre adeligen Gegenspieler nutzten dabei jede Chance, sich als Vertreter der Interessen des Demos zu profilieren und dadurch ihren eigenen politischen Einfluss zu vergrößern. 19 An die Parosexpedition schloss sich ein weiterer militärischer Rückschlag an. Anfang der 480er Jahre flammte der Konflikt mit der seemächtigen Inselpolis Aigina wieder auf. Die Athener unterstützten einen Umsturzversuch der aiginetischen Opposition, der jedoch fehlschlug, weil die um 20 korinthische Trieren erweiterte athenische Flotte verspätet eintraf. 20 Zwar konnten die Athener eine Seeschlacht zu ihren Gunsten entscheiden, mussten sich jedoch nach weiteren Gefechten zu Lande und zur See zurückziehen. 21 Weder die Initiatoren dieses Unternehmens noch seine unmittelbaren innenpolitischen Konsequenzen sind bekannt. 22 Der Krieg mit Aigina blieb jedoch während der gesamten 480er Jahren eines der zentralen Themen der politischen Debatte in Athen und lieferte den Befürwortern der maritimen Aufrüstung, insbesondere Themistokles, stichhaltige Argumente. Zwischen Marathon und der erstmaligen Anwendung des Ostrakismos (488/87) besteht laut der aristotelischen Athenaion Politeia ein direkter Zusammenhang: Durch den Sieg über die Perser habe das Volk an Mut gewonnen und schließlich die Ostrakophorie angewandt, da es die Inhaber von Machtstellungen verdächtigte, eine Tyrannis errichten zu wollen. Die Bürgerschaft ostrakisierte den Peisistratiden Hipparchos, um dessentwillen bereits Kleisthenes das Verfahren eingeführt hätte. 23 Von der Frage, ob der Ostrakismos schon unter Kleisthenes oder erst 488/87 eingeführt wurde, einmal abgesehen, ist keineswegs klar, welchem Zweck er tatsächlich diente. In den späteren Quellen erscheint er als Präventivmaßnahme der Demokratie gegen herausragende Einzelpersonen: Nach Aristoteles’ Politik ist er kennzeichnend für demokratisch verfasste Staaten. 24 Die Athenaion Politeia ordnet ihn in das kleisthenische Reformwerk ein, durch das die Verfassung „viel demokratischer“ 25 wurde; demnach handelt es sich um einen demokratischen Schutzmechanismus gegen die
19 Welwei, Athen, S. 40; Welwei, Polis, S. 167.
20 Hdt. 6,87-90.
21 Hdt. 6,92-93.
22 Welwei, Athen, S. 41.
23 Aristot. Ath. Pol. 22,3-4.
24 Aristot. Pol. 1284, a15-20.
25 Aristot. Ath. Pol. 22,1.
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Marc Beuke, 2006, Themistokles und die zweite Phase der Perserkriege. Die Auswirkungen der Perserabwehr 480/79 v. Chr. auf die innere Entwicklung Athens , München, GRIN Verlag GmbH
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