Inhalt:
I. Einleitung 1
II. Hauptteil 1-20
1. Das Problem der Identitätsfindung aus psychologischer Sicht 1-3
2. Vom „Bub“ zum „Simplicius“- das Leben beim Einsiedel 3-4
3. Simplicius entdeckt die Welt - die Hanauepisode 4-11
3.1. Der Beginn des Prüfungswegs des Simplicius 5-6
3.2. Simplicius wird vom Pagen zum Narren erhoben 6-7
3.3. Die Verwandlung zum Kalb - das Hanauer Narrenritual 7-9
3.3.1. Vom Unverstand zum Verstand 9-11
4. Simplicius Simplicissimus’ Verstrickung in die Welt 11-16
4.1. Simplicius bei den Kroaten 11
4.2. Simplicius und die Teufelsidentität 11-13
4.3. Simplicius verliert sein Narrenkleid entgültig 13-14
4.4. Dat Jäjerken und der Soldat - Simplicius in Soest 14-16
5. Simplicius als Abenteurer 16-19
5.1. Simplicius und die Frauen 16-18
5.2 Im Wechselspiel von Reue und Rückfall 18-19
6. Simplici Umkehr und Buße - das Leben als Einsiedel 19-20
III Schlussteil 20-21
II
Der Identitätsbegriff ist ein zentraler im gesamten simplicianischen Zyklus Hans Jacob Christoph von Grimmelshausens. “Alle diese Romane sind Lebensläufe und als solche als individuelle Bekehrungsgeschichten angelegt.“ 1 In seinem bekanntesten Werk „Der abenteuerliche Simplicissimus“ wird die Geschichte des Simplicius Simplicissimus erzählt, der zeitlebens versucht, sich selbst und Gott zu finden. 2 Dabei durchläuft er zahlreiche Stationen: In der grausamen und gottlosen Zeit des Dreißigjährigen Kriegs führt er zum Beispiel ein Leben als Einsiedler im Wald, Narr, Jäger, Soldat, Dieb, Weltmann und Pilger, um zuletzt den Kreislauf seines Lebens wieder als Einsiedler auf einer einsamen Insel zu beschließen. Diese Stationen im Leben des Helden verkörpern seine innere Sehnsucht nach der Erfüllung der Lehren, die ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben hat: „[...] sich selbst erkennen, böse Gesellschaft meiden, und beständig verbleiben [...] (49)“. Diese Grundsätze spielen eine zentrale Rolle im gesamten Lebenslauf des Simplicius. Alle drei sind schwer zu befolgen und machen das Leben des Simplicius Simplicissimus zu einem ständigen Kampf. „Die individuelle Erfahrung, dargestellt aus der Perspektive eines Ich, ist [jedoch] die Vorrausetzung der Fähigkeit zu distanzierender Betrachtung und Selbstfindung.“ 3 Folglich ist es notwendig, dass der Held, bevor er sich und Gott finden kann, seine Erfahrungen mit der Welt machen muss. Im Folgenden soll nun der Begriff Identität in Zusammenhang mit Simplicius’ Entwicklung geklärt werden. Hierbei spielen die Identitätswechsel, die meist mit Namens- und Kleiderwechseln verbunden sind, eine wichtige Rolle.
1. Das Problem der Identitätsfindung aus psychologischer Sicht
Der Begriff „Identität“ kann nicht eindeutig definiert werden und wird uneinheitlich verwendet. Jedoch hängt er immer mit der schlichten, jedoch schwer zu beantwortenden Frage „Wer bin ich?“ zusammen. 4 Eine Möglichkeit, „Identität“ zu definieren, ist, sie als „[...] die Überzeugung des Menschen [anzusehen], inmitten des Wechsels der eigenen Entwicklung und bei Veränderung der Umwelt derselbe/dieselbe Person zu bleiben.“ 5 . Zweitens definiert “Identität“ eine Person als einmalig und unverwechselbar - und zwar in zweierlei Hinsicht: durch das Individuum selbst und durch die soziale Umgebung. 6
1 Dieter Breuer: Grimmelshausen Handbuch. München: Fink 1999, 61.
2 Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus. Stuttgart: Phillip Reclam jun. 1996. (Alle nachfolgenden Zitate im Text beziehen sich auf diese Ausgabe.)
3 Breuer, 61.
4 Vgl. http://bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine/entwicklung/identitaet.htm
5 http://bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine/entwicklung/identitaet.htm
6 Vgl. http://bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine/entwicklung/identitaet.htm
1
Die Identitätsfindung ist kein einfacher Prozess und läuft nicht bei jedem Menschen problemlos ab. Sie ist das zentrale Problem eines jungen Menschen und schließt alle anderen Probleme des Jugendalters in sich ein: die Ablösung vom Elternhaus, die Anerkennung der Geschlechterrolle, die Vorbereitung auf den Beruf und die Auseinandersetzung mit den tradierten Werten. 7 „Die Übernahme von beruflichen Aufgaben, die Gründung einer Familie sowie Verantwortung in der Gesellschaft vertiefen und erweitern die Identität.“ 8 Sieht man sich die Entwicklung des Helden im „Abenteuerlichen Simplicissimus“ an, ist festzustellen, dass er zwar diese festen Stationen im Leben durchläuft, jedoch ohne die Hilfe oder Unterstützung einer festen Bezugsperson. Nur in Ausnahmefällen (in der Kindheit zum Beispiel beim Einsiedel oder im Jugendalter in der Gesellschaft des alten Herzbruders) stehen Simplicissimus Erwachsene bei, die ihm gut tun und zu tugendhafterem und gottesfürchtigerem Leben anhalten. James Garbarino unterstreicht die Bedeutung von tragfähigen und dauerhaft mitmenschlichen Beziehungen für die Identitätsentwicklung im Übergang von der Kindheit zur Jugend. 9 Er erweitert diese These um vier weitere Punkte: Es ist wichtig, ermutigende und konstruktive Rückmeldungen über das eigene Verhalten und die Entwicklung zu bekommen; man braucht Unterstützung bei dem Bemühen, mit den eigenen Emotionen zurechtzukommen; Erwartungen müssen definiert werden, und das Kind muss integriert sein in eine größere Gemeinschaft. 10 Bis auf den letztgenannten Punkt (Simplicius ist Teil des Hofgesindes des Knans) muss der Junge diese für seine Identitätsentwicklung wichtigen Punkte auf dem Hof des Knans missen. Sein Zuhause ist kein Heim für ihn. Er bekommt dort weder Geborgenheit, noch Aufmerksamkeit. Dieses Versäumnis in Kindertagen ist ganz gewiss einer der Gründe für Simplicius’ ständige Suche nach seiner Identität im Erwachsenenalter.
Der Schwerpunkt der Identitätsfindung verlagert sich laut Garbarino beim Übergang von der Jugend zum Erwachsenenalter auf das Erlernen einer Rolle, insbesondere der eines Erwachsenen. 11 Folglich ist es von enormer Wichtigkeit für den Jugendlichen, mindestens eine Bezugsperson, besser noch die Gemeinschaft einer Familie zu haben. In dieser Phase seines Lebens wechseln jedoch Simplicius’ Bezugspersonen ständig, er ist meist auf sich allein gestellt. Weiterhin sind die Wirren des Dreißigjährigen Kriegs ein Hindernis für eine stabile Identitätsbildung des Jungen. Er ist weder durch die familiäre Gemeinschaft, noch durch ein stabiles politisches und soziales Umfeld abgesichert. Laut Erikson ist die Jugendzeit
7 Vgl. http://bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine/entwicklung/identitaet.htm
8 http://bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine/entwicklung/identitaet.htm
9 Vgl. http://bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine/entwicklung/identitaet.htm
10 Ebd.
11 Ebd.
2
die Summe aller vorherigen Entwicklungen. „Sind die vorbereitenden
Identitätsbildungsprozesse in der Kindheit negativ verlaufen, tritt eine Identitätsdiffusion beziehungsweise -konfusion auf.“ 12 Dies ist der Fall bei Simplicius Simplicissimus, denn er wechselt seine Identität ständig, ist vollkommen rastlos und hat Probleme, Bindungen einzugehen. In den einzelnen Phasen seiner Entwicklung sind die Krisen, das heißt die Momente, in denen sich entscheidet, ob Entwicklungen erfolgreich verlaufen oder misslingen, vorwiegend negativ verlaufen. So nimmt er in seinem Leben viele verschiedene Identitäten an, die ihn jedoch dem Ziel, sich zu erkennen, nicht näher bringen.
2. Vom „Bub“ zum „Simplicius“- das Leben beim Einsiedel
Das erzählende Ich eröffnet die Lebensgeschichte des abenteuerlichen Simplicissimus mit kritischen Gedanken über das Sozialverhalten der einfachen Leute seiner Zeit. Es spricht von einer regelrechten Sucht des Volkes mehr zu scheinen, als es in Wirklichkeit ist. Zu diesem Zwecke sparten die Menschen sich Geld zusammen, um sich „ein [zusätzliches] närrisches Kleid auf die Mode, mit tausenderlei seidenen Bändern [Hervorhebung: Autor]“ (15) leisten zu können. Diese „Sucht“, die Hoffart, von der im Kapitel eins die Rede ist, bringe den Menschen dazu, seine ärmliche Herkunft zu verleugnen, um sich als adelig auszugeben. Dieser Identitätswechsel durch den Kleiderwechsel vollzieht sich jedoch nur scheinbar und wird deshalb auch als „närrisch“ bezeichnet. Das erzählende Ich bemerkt zwar im Weiteren, dass es sich nicht mit diesen „närrischen Leuten“ gleichstellen mag, räumt jedoch ein, dass es sich oft „... eingebildet, [es] müsse ohnfehlbar auch von einem großen Herrn, oder wenigst einem gemeinen Edelmann, [seinen] Ursprung haben, weil [es] von Natur geneigt, das Junkerhandwerk zu treiben.“(15). Einerseits ist diese Aussage als Vorausdeutung der adligen Herkunft Simplicius’ zu interpretieren, andererseits zeigt sich jedoch schon in diesem frühen Handlungsstadium, dass auch das erlebende Ich selbst nicht vor der Hoffart gefeit ist. Weiterhin ist die Eingangspassage des Schelmenromans bereits eine Spiegelung von Simplicius’ eigenen von vornherein zum Scheitern verurteilten und deshalb närrischen Versuchen, seine Identität durch ständigen Kleider- und Identitätswechsel zu finden. Der erste wirkliche Identitätswechsel des Helden findet in Kapitel neun des ersten Buches statt. Der Jungen, der bis dahin von seinem Knan und der Meuder nur „Bub“ genannt wurde, erhält vom Einsiedel, der, wie sich später herausstellt, sein Vater ist, wegen seiner „puren Einfalt“ (42) den Namen Simplicius. In einem Zeitraum von zwei Jahren, nämlich bis zu des Einsiedels Tod, wird Simplicius von ihm in der Religionslehre unterwiesen. Hier erhält der Junge zum ersten Mal ein wirkliches Zuhause, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Im
12 http://bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine/entwicklung/identitaet.htm
3
elften Kapitel des ersten Buches berichtet das erzählende Ich, es hätte zwar damals die „teutsche Sprach“ und „geistliche Sachen“ gelernt, dennoch wäre es „der Einfältigste“ geblieben (47). So bleibt Simplicius, als der Einsiedel stirbt, zwar als Christenmensch, nicht mehr als Bestia, jedoch unbelehrt über die Welt und die Menschen im Wald zurück. Nachdem er, von der Sünde der Curiosita gepackt, auszieht, die Welt zu erkunden, jedoch im Wald das Morden und die Grausamkeit der Soldaten an den Bauern beobachtet, entscheidet er sich wieder für sein eremitisches Leben. Diesem Entschluss, ein „rechter Waldbruder“ (54) sein zu wollen, gibt er Ausdruck durch das Anlegen seines Vaters Kleider. An dieser Stelle identifiziert sich der Junge endgültig mit dem Leben eines Eremiten:
Damit ich aber diesem meinem Entschluß nachkommen und ein rechter Waldbruder sein möchte, zoge ich meines Einsiedlers hinterlassen härin Hemd an, und gürtet seine Kette darüber; nicht zwar, als hätt ich sie bedörft, mein unbändig Fleisch zu mortifizieren, sondern damit ich meinem Vorfahren sowohl im Leben als im Habit gleichen, mich auch durch solche Kleidung desto besser vor der rauhen Winterskält beschützen möchte (54).
3. Simplicius entdeckt die Welt - die Hanauepisode
Nachdem Simplicius einen Brief des Einsiedels gefunden hat, in dem steht, er solle nach dem Tod des Vaters den Wald verlassen, begibt der Junge sich schließlich in die Stadt Hanau, wo er seinem Namen alle Ehre macht. Er weiß nicht, wie es in der Zivilisation zugeht, nichts über Sitten und Gebräuche, über die damalige Mode und alle anderen weltlichen Dinge. Obwohl er teilweise gebildeter ist als die Menschen, auf die er trifft, wird er für einen Narren gehalten. So spielt sich folgender Dialog ab, als das erlebende Ich vor der Festung Hanau aufgegriffen, durchsucht und vor einen seines Erachtens weibisch aussehenden Offizier gebracht wird: „Ach mein lieber Hermanphrodit, lasst mir doch mein Gebetbüchlein!“ „Du Narr“, antwortet er, „wer Teufel hat dir gesagt, daß ich Herman heiße?“ (73). Simplicius gibt ein so ungewöhnliches und unzivilisiertes Bild ab, dass sich die Wachsoldaten „an [ihm] vergaffen“ (72). Seine Haare stehen „in natürlicher Verwirrung“ und sind nicht, wie damals üblich, mit „Narrenwerk“ wie Puder oder Pulver versehen (71). Die Beschreibung der Kleidung und Frisur des Jungen spiegelt seinen Zustand völliger Natürlichkeit wieder. So erscheint ihm sein Aussehen weniger komisch. Im Gegenteil: Er betrachtet den „dollen Aufzug“ (72) des Offiziers und hält ihn wegen seiner weiten Hosen eher für eine Frau als einen Mann. An dieser Stelle des ersten Buches hält Grimmelshausen den Menschen seiner Zeit den Spiegel vor und zeigt ihnen, wie weit sie sich von der Natürlichkeit und Bescheidenheit entfernt, wie sehr sie schon in ihrem äußeren Erscheinungsbild der Sünde der Hoffart verfallen sind und somit eher dem Teufel als Gott dienen.
4
Arbeit zitieren:
Maria Fernkorn, 2003, Kleider-, Namens- und Identitätswechsel in Grimmelshausens "Der abenteuerliche Simplicissimus", München, GRIN Verlag GmbH
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