Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 6
1.1 Problemstellung 6
1.2 Vorgehensweise 8
2 Geschlechterdiskurs in der Sportpädagogik. 10
2.1 Zum Begriff „Koedukation“ 11
2.2 Koedukation im Sportunterricht 12
2.3 Geschlechtertypisierung im Kontext der peer-culture. 15
3 Theoretische Grundlagen zum sozialen Lernen 18
4 Theoretische Grundlagen zur Unterrichtsmethode
„Kooperatives Lernen“ 22
4.1 Kooperatives Lernen als Chance im gegenwärtigen
Schulalltag 22
4.2 Zur Begründung kooperativer Lernformen im
Sportunterricht 24
4.3 Definition kooperativer Lernformen 28
4.4 Merkmale des kooperativen Lernens 30
4.4.1 Gemeinsames Gruppenziel 31
4.4.2 Spielraum für Entscheidungen 31
4.4.3 Individuelle Verantwortlichkeit in Bezug auf das
Gruppenziel. 32
2
4.4.4 Positive Interdependenz in Bezug auf den Lernprozess 32
4.5 Rahmenbedingungen für kooperatives Lernen 32
4.5.1 Zusammensetzung der Gruppe. 33
4.5.2 Die Rolle der Schüler 35
4.5.2.1 Bereitschaft der Lernenden zur Kooperation 35
4.5.2.2 Individuelle Kompetenzen zur Kooperation 36
4.5.3 Die Rolle des Lehrers 37
4.5.3.1 Auswahl der Unterrichtsmethode. 37
4.5.3.2 Aufgabenstellung 38
4.5.3.3 Begleiten der Lernprozesse 39
4.5.3.4 Ergebnissicherung der Lern- und Gruppenprozesse 41
4.6 Belohnungsstrukturen kooperativen Lernens 41
4.7 Positive Wirkungsaspekte des kooperativen Lernens in
bisherigen Studien 44
4.8 Effekte kooperativen Lernens im Sportunterricht. 45
4.9 Problemebenen kooperativen Lernens im Sportunterricht 47
4.10 Einsatzgebiete für kooperatives Lernen 48
5 Zur Studie „Analyse geschlechtstypischer Handlungs-
muster beim kooperativen Lernen in einem peer-
basierten Sportunterricht“ - Bisherige Befundlage - 50
5.1 Fragestellung und Untersuchungsansatz. 50
5.2 Datenerhebung. 52
5.3 Datenaufbereitung und -auswertung 53
5.4 Ergebnisdarstellung. 55
5.4.1 Ergebnisse zu den Prozessvariablen (Fragestellung 1) 56
3
5.4.2 Ergebnisse zu den Wirkungsvariablen (Fragestellung 2) 57
5.5 Interpretation der bisherigen Ergebnisse. 58
5.6 Offene Befundlage 59
6 Empirischer Untersuchungsansatz 60
6.1 Offene Fragestellung 60
6.2 Untersuchungsansatz. 60
6.2.1 Begründung der qualitativen Vorgehensweise 60
6.2.2 Die Einzelfallanalyse 61
6.2.3 Untersuchungsgegenstand 63
7 Untersuchungsergebnisse. 64
7.1 Beschreibung der Lerngruppen 64
7.1.1 Lerngruppe F1. 64
7.1.2 Lerngruppe B1. 64
7.2 Verlaufskizzen des Gruppengeschehens. 65
7.2.1 Verlaufsskizze der Lerngruppe F1. 65
7.2.2 Entwicklungen innerhalb der Lerngruppe F1. 71
7.2.3 Verlaufsskizze der Lerngruppe B1. 72
7.2.4 Entwicklungen innerhalb der Lerngruppe B1. 76
7.3 Analyse des Gruppengeschehens. 77
7.3.1 Auswahlkriterien für bestimmte Kinder 77
7.3.2 Auswahl der Schlüsselszenen 78
7.3.3 Lerngruppe F1. 78
7.3.3.1 Ausgewählte Kinder der Lerngruppe F1. 78
7.3.3.2 Begründung der Auswahl bestimmter Videosequenzen 79
7.3.3.3 Schlüsselszene. 79
7.3.4 Lerngruppe B1. 81
4
7.3.4.1 Ausgewählte Kinder der Lerngruppe B1. 81
7.3.4.2 Begründung der Auswahl einer bestimmten Videosequenz 82
7.3.4.3 Schlüsselszene. 82
7.4 Interpretation. 84
8 Fazit und Ausblick. 89
9 Abbildungsverzeichnis 92
10 Literaturverzeichnis 93
11 Abkürzungsverzeichnis 96
5
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
Seit den 60er Jahren ist das koedukative Unterrichten von Mädchen und Jungen an öffentlichen Schulen in der Bundesrepublik Deutschland zur Normalität geworden. Reine Mädchen- oder Jungenschulen sind hierzulande nur noch selten vorzufinden, da ein gesellschaftlicher Konsens hinsichtlich des gemeinsamen Unterrichtens beider Geschlechter besteht.
Trotz alledem gibt es Ausnahmen, in denen alte Klischees wieder aufkommen und die Frage nach dem Für und Wider des koedukativen Unterrichts neu gestellt wird. Eine dieser Ausnahmen bildet der Sportunterricht und es scheint, als wäre das gemeinsame Unterrichten von Mädchen und Jungen in diesem Fach nach wie vor eine besondere pädagogische Situation. 2 So hat das Fach Sport eine von vielen Schülern 3 , Lehrkräften und Eltern akzeptierte Sonderstellung im Fächerkanon inne, da es hier im Gegensatz zu allen anderen Fächern stets als natürlich empfunden wird, über Sinn und Unsinn, Vor- und Nachteile, Positives und Negatives der Koedukation zu diskutieren. 4
Viele Kritiker sehen Nachteile in der Realisierung koedukativen Sportunterrichts. Sie wenden ein, dass es zu große Unterschiede bezüglich der sportlichen Leistungsfähigkeit zwischen Mädchen und Jungen gibt und zudem die Interessen und Neigungen der Geschlechter im Sport zu verschieden seien. 5 Befürworter hingegen sehen das soziale Lernen, wie es in Form einer Interaktion der Geschlechter beim koedukativen Lernen zum Tragen kommt, als entscheidendes Kriterium für ein gemeinsames Unterrichten.
2 Vgl. Funke, J. (1983), S. 137.
3 Aus Gründen der Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit nur die maskuline Form verwendet. Gemeint sind jedoch immer Schülerinnen und Schüler bzw. Lehrerinnen und Lehrer. Ausnahmen
werden durch explizite Benennung der Geschlechter gekennzeichnet.
4 Vgl. Kugelmann, C. (1980), S. 11.
5 Vgl. Kugelmann, C. (1980), S. 11.
6
Gerade in der heutigen Gesellschaft gewinnen soziale Kompetenzen zunehmend an Bedeutung. Sie werden im derzeitigen Berufsleben, wo ein immer größerer Wert auf Teamfähigkeit gelegt wird, als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Problematisch ist jedoch, dass Kindern heutzutage in ihrem familiären Umfeld soziale Kompetenzen nicht mehr ausreichend vermittelt werden, da sie oftmals als Einzelkinder aufwachsen, deren Eltern beide berufstätig sind und ihnen der soziale Kontakt zu Gleichaltrigen fehlt.
Dementsprechend wächst der Anspruch an die Schulen als auch an andere Bildungsinstitutionen, vermehrt erzieherische und sozialisierende Aufgaben zu übernehmen. Kooperatives Lernen, eine relativ offene Unterrichtsmethode, bietet sich in diesem Fall an, da hier nicht nur fachliche, sondern insbesondere auch soziale Kompetenzen vermittelt und gefördert werden.
In der vorliegenden Arbeit sollen geschlechtsspezifische Verhaltensweisen - speziell in Bezug auf das Sozialverhalten - in der besonderen Situation dieser kooperativen Lernform in den Blick genommen und anschließend hinterfragt werden.
Im Rahmen des aktuellen Forschungsprojektes „Kooperatives Lernen in einem peer-basierten Sportunterricht“, das an dem Institut für Sportwissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main durchgeführt wurde, sollten u.a. Aspekte der Koedukation in einem peer-basierten Sportunterricht untersucht werden. Hierfür wurden bei einem weiterführenden Projekt geschlechtstypische Handlungsmuster beim kooperativen Lernen im Sportunterricht ermittelt. Diese Untersuchung versuchte herauszufinden, inwieweit sich klassische Stereotypen bzw. bisher angenommene Interaktionsstile zwischen Mädchen und Jungen bestätigen und ob es den Geschlechtern gelingt kooperativ zusammenzuarbeiten. Des Weiteren wurde der Frage nachgegangen, ob sowohl Schülerinnen als auch Schülern fachliche Inhalte und soziale Kompetenzen gleichermaßen im Sportunterricht vermittelt werden.
Um entsprechende Ergebnisse zu erhalten, untersuchte das Institut für Sportwissenschaften mehrere Grundschulklassen. Die Daten wurden mit Hilfe von Fragebögen, Interviews und Videoaufnahmen erhoben.
7
Es konnte u.a. festgestellt werden, dass es signifikante Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen hinsichtlich des Erwerbs sozialer Kompetenzen beim kooperativen Lernen gibt. 6
Dieses Ergebnis bildet die Grundlage der vorliegenden Arbeit. Anhand ausgewählter Videosequenzen soll nun weiterführend der Ablauf innerhalb einer solch offenen Unterrichtsform bezüglich geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen genauer betrachtet und interpretiert werden. Der Blick richtet sich dabei speziell auf die sozialen Kompetenzen der Schüler, da gerade in diesem Bereich Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu verzeichnen waren.
Demnach gilt es zu erforschen, warum diese Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen bestehen. Als leitender Aspekt soll folgende Fragestellung vorangestellt werden:
Warum schneiden Mädchen im Bereich des sozialen Handelns in gemischtgeschlechtlichen Lernteams im Sportunterricht besser ab als das andere Geschlecht?
1.2 Vorgehensweise
Nachdem nun in die Thematik und die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit eingeführt wurde, folgt ein theoretischer Teil, der die Grundlage für die weiteren Untersuchungen darstellt.
Hierzu wird im zweiten Kapitel vorerst die Koedukationsdebatte näher beleuchtet und auf den Sportunterricht bezogen, bevor im dritten Kapitel eine Verbindung zum sozialen Lernen hergestellt wird, welches sich anbietet, Interaktionsprozesse zu fördern.
Im Anschluss daran soll eine spezielle Unterrichtsmethode, nämlich das kooperative Lernen, bei dem neben dem fachlichen Lernen insbesondere das soziale Lernen zum Tragen kommt, einer ausführlichen Betrachtung unterzogen werden (Kapitel 4). Dazu wird untersucht, in welchem sportpädagogischen Begründungszu-
6 Vgl.BÄHR, I. & KRAH, D. (2005), S. 14.
8
sammenhang die Methode des kooperativen Lernens steht, welche Merkmale kooperatives Lernen aufweist, wie kooperatives Lernen im Unterricht organisiert werden kann und welche Probleme dabei auftreten können. Außerdem sollen positive Wirkungsaspekte dieser besonderen Lernform aufgezeigt werden. Bevor dann der eigentlichen Fragestellung nachgegangen wird, soll die Studie zu geschlechtstypischen Handlungsmustern in einem peer-basierten Sportunterricht präsentiert werden (Kapitel 5). Die Ergebnisse, welche noch einige Fragen offen lassen, da sie bisher noch keine Aussagen zu den Ursachen geschlechtstypischer Strukturen lieferten, bilden die Grundlage der nachfolgenden empirischen Untersuchung.
Basierend auf der o.g. Fragestellung soll dementsprechend mittels einer qualitativen Analyse erforscht werden, warum Mädchen bei der offenen Unterrichtsmethode des kooperativen Lernens sozialer interagieren als Jungen bzw. welche Ursachen ein derartiges Abschneiden haben kann.
Abschließend folgt eine Zusammenfassung der gesammelten Untersuchungsergebnisse, bevor ein Ausblick auf mögliche lehrtheoretische Konsequenzen geliefert wird.
9
2 Geschlechterdiskurs in der Sportpädagogik
Der Umgang mit Mädchen und Jungen im Sportunterricht bietet, wie bereits festgestellt, nach wie vor großen Diskussionsbedarf. Trotz einer Vielzahl an negativen Erfahrungen hinsichtlich des koedukativen Sportunterrichts besteht die Hoffnung, dass „gerade der Sport- und Bewegungsunterricht zum Ort für die konstruktive Auseinandersetzung mit den Geschlechtsverhältnissen werden kann, sofern er in einem erziehlichen Milieu gestaltet wird.“ 7 Dennoch herrscht noch kein Konsens darüber, ob im Schulsport koedukatives Lernen für beide Geschlechter förderlich ist. 8
Bedeutet Koedukation die unvermeintliche Benachteiligung eines der beiden Geschlechter, oder gelingt es ihnen kooperativ zusammenzuarbeiten? Und inwieweit bestätigen sich die klassischen Interaktionsstile von Mädchen und Jungen?
Innerhalb des Forschungsprojektes „Kooperatives Lernen in einem peer-basierten Sportunterricht“, eine relativ offene Lehr- bzw. Lernmethode, wurden bei einem weiterführenden Projekt, welches in Kapitel 5 beschrieben wird, die o.g. Fragestellungen einer genaueren Untersuchung unterzogen und die geschlechtstypischen Strukturen und Rollenverteilungen erforscht. Die Ergebnisse der Studie sollten dazu dienen, das Potential, jedoch auch die Grenzen einer solch offenen Unter-richtsform für ein geschlechtssensibles Unterrichten abzuwägen und eventuell auch Schlussfolgerungen für die Praxis ziehen zu können. 9
Im nachfolgenden Kapitel soll zunächst der Begriff der „Koedukation“ näher erläutert werden, damit anschließend ein Blick auf den Geschlechterdiskurs im Sportunterricht geworfen werden kann.
7 KUGELMANN, C. (2000), zitiert in BÄHR, I. & KRAH, D. (2005), S. 2.
8 Vgl. KUGELMANN, C. (2002), S. 12.
9 Vgl. BÄHR, I. & KRAH, D. (2005), S. 2.
10
2.1 Zum Begriff „Koedukation“
Koedukation, die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen, ist heute eine selbstverständliche Erscheinung in unserem Bildungswesen. Dabei reicht die Spannweite des Begriffs von der prinzipiellen Zielsetzung, die Geschlechterdifferenz durchgehend pädagogisch fruchtbar zu machen, bis hin zur pragmatisch bestimmten Zusammenfassung von Mädchen und Jungen in einer Schule. 10
Bis in die 60er-Jahre dominierten in der Bundesrepublik Deutschland monoedukative, also geschlechtergetrennte, Schulen.
Die Ausbreitung koedukativer Schulen, die mit der Bildungsreform in den 60er und 70er Jahren einherging, wurde zunächst als Fortschritt für mehr Gleichberechtigung und Chancengleichheit gesehen.
Über die Ziele eines solchen Unterrichts herrschte ein bildungspolitischer Konsens: Mit einer geschlechterbewussten Erziehung sollten geschlechtsstereotype Verhaltensweisen überwunden, Benachteiligungen - insbesondere von Mädchenabgebaut und das gemeinsame gleichberechtigte Zusammenleben der Geschlechter gefördert werden.
Doch schon zu Beginn der 80er-Jahre geriet dieses Konzept immer mehr in die Kritik. Insbesondere von feministischen Forscherinnen wurden die Nachteile des koedukativen Unterrichts formuliert und wissenschaftlich untersucht. 11 Obwohl die Bildungsreform die Bildungschancen von Mädchen deutlich steigerte, konnte die mit der Koedukation verbundene Leitvorstellung, dass Geschlechtsunterschiede in Schule und Unterricht aufgehoben werden sollen, bisher nicht realisiert werden. Viele wissenschaftliche Untersuchungen 12 haben in den 70er und 80er Jahren sogar darauf hingewiesen, dass durch einen unreflektierten koedukativen Unterricht geschlechtsstereotype Zuweisungen - vielfach auch unbewusstweiterhin verstärkt und eine allseitige Entwicklungsförderung von Mädchen und Jungen verhindert wird.
10 Vgl. STÜNDL, H. (1979), S. 19.
11 Vgl. STÜRZER, M. et. al. (2003), S. 171.
12 Zsf. STÜRZER, M. (2003)
11
Seitdem ist Koedukation Gegenstand einer intensiv, teilweise kontrovers geführten Debatte.
So wird an der Praxis der Koedukation bspw. kritisiert, dass Mädchen durch das dominante Verhalten der Jungen im koedukativen Unterricht zu kurz kämen. Erste Untersuchungen zeigten nämlich, dass die Lehrkräfte den Jungen deutlich mehr Aufmerksamkeit widmeten als den Mädchen 13 , was jedoch nicht nur auf die Unterrichtsbeteiligung, sondern in erhöhtem Maße auch auf das Fehlverhalten der Jungen zurückzuführen war.
Auch sei die Benachteiligung der Mädchen hinsichtlich ihrer Lernleistungen in naturwissenschaftlichen Fächern besonders groß. So schneiden sie z.B. in Mathematik, Physik oder Chemie durchschnittlich schlechter ab als ihre männlichen Klassenkameraden. 14
Daneben nimmt auch der Sportunterricht eine Sonderrolle ein, da hier Geschlechtsunterschiede im motorischen Können, in den sportlichen Interessen als auch in der sozialen Interaktion verstärkt zum Ausdruck kommen. Dies soll im nächsten Abschnitt näher erläutert werden.
2.2 Koedukation im Sportunterricht
Die für das allgemeine Schulwesen sukzessive Einführung des gemeinsamen Unterrichts von Mädchen und Jungen war im Prinzip ein organisatorischer Zusammenschluss, also eine „Koinstruktion“. „Genau genommen wurden die bis dato gültigen Inhalte, Methoden und Ziele der ‚Jungenschule’ beibehalten.“ 15 Erst mit Einsetzen der Kritik feministischer Schulforscherinnen an der Praxis des gemeinsamen Unterrichtens von Mädchen und Jungen, Ende der 70er-Jahre, wurde das Augenmerk darauf gelenkt, dass sich hinter der formalen Gleichstellung Mädchen und Jungen viele Ungleichheiten verbergen. 16
13 Vgl. STÜRZER, M. et. al. (2003), S. 175.
14 Vgl. STÜRZER, M. (2003), S. 151.
15 SCHEFFEL, H. (1996), S. 49.
16 Vgl. SCHEFFEL, H. (1996), S. 49.
12
Ganz im Gegensatz dazu ist die Diskussion um die Einführung der Koedukation im Sportunterricht in den 70er und 80er-Jahren viel bewusster verlaufen. Kein anderes Schulfach hat so lange und so strikt an der Trennung der Geschlechter festgehalten wie der Sportunterricht. 17
Somit bildet der Sportunterricht eine Ausnahme in der Koedukationsdebatte, da er seit Beginn von der sukzessiven Einführung der Koedukation explizit ausgenommen war. 18
Vor diesem Hintergrund macht es dementsprechend den Anschein, als wäre das gemeinsame Unterrichten von Mädchen und Jungen in diesem Fach nach wie vor eine besondere pädagogische Situation 19 : Das Fach Sport hat eine von vielen Schülern, Lehrkräften und Eltern akzeptierte Sonderstellung im Fächerkanon inne, da es hier im Gegensatz zu allen anderen Fächern stets als natürlich empfunden wird, über das Für und Wieder der Koedukation zu diskutieren. 20
Das wichtigste Argument der Koedukationsgegner im Schulsport stellt die Benachteiligung der Mädchen hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit, insbesondere im Hinblick auf die motorischen Fähigkeiten dar. „Jungen-/Männersport gilt eher als leistungsorientiert, Kraft und Stärke erfordernd, als hart. 21 Schon früher beinhaltete der Sport, den Männer betrieben Werte wie Aggressivität, Durchsetzungsvermögen, Kampfgeist und Härte 22 (z.B. Fußball).
Mädchen-/Frauensport dagegen ist eher auf Anmut und Grazie, auf eine Darstellung orientiert, der Anstrengung nicht anzumerken ist (z.B. Tanz). Weiterhin seien die geschlechtsspezifischen Interessen zu verschieden. 23 Auch würden Angst und Hemmungen im Umgang miteinander vorhanden sein, was Grund als auch Folge eines angespannten Verhältnisses zwischen Mädchen und Jungen sei.
17 Vgl. SCHEFFEL, H. (1996), S. 49.
18 Vgl. SCHEFFEL, H. (1996), S. 37.
19 Vgl. FUNKE, J. (1983), S. 136.
20 Vgl. KUGELMANN, C. (1980), S. 11.
21 FAULSTICH-WIELAND, H. & HORSTKEMPER, M. (1995), S. 220.
22 Vgl. FAULSTICH-WIELAND, H. (1991), S. 137.
23 Vgl. FAULSTICH-WIELAND, H. (1991), S. 139.
13
Koedukationsbefürworter, die sich in den meisten Bundesländern auch durchsetzten, argumentieren damit, dass durch koedukativen Sportunterricht Geschlechtsrollenklischees abgebaut werden könnten, was zu einem besseren sozialen Klima zwischen Mädchen und Jungen führe.
Auch kann so auf ein größeres Angebot an Sportarten zurückgegriffen werden, was wiederum zu besonderen Leistungsanreizen führt.
Ein wichtiges Argument war außerdem, dass der Freizeitbereich des Sports i.d.R. gemischtgeschlechtlich abläuft, deshalb könne der Sportunterricht eine Vorbereitung darauf sein, wenn er koedukativ stattfindet. 24 Rein organisatorisch gesehen, lässt sich koedukativer Sportunterricht auch leichter realisieren.
BRODTMANN & KUGELMANN plädieren für eine Abkehr von geschlechtsbezogenen Sportkulturen und für den Aufbau einer gemeinsamen Kultur. 25 Koedukativer Sportunterricht bedeutet für sie, dass beide Geschlechter einen Schritt in eine andere Kultur tun müssen. Dieser Schritt ist für Jungen sehr viel schwerer als für Mädchen, weil Jungen in unserer Gesellschaft mit dem Erwerb ihrer Geschlechtsidentität lernen, die eigene Geschlechtsrollenkultur als der weiblichen überlegen zu betrachten. In der Entwicklung einer gemeinsamen Sportkultur müsste es deshalb darum gehen, Züge eines männlichen Sports durch solche einer weiblichen Sportkultur zu modifizieren. 26 Ein wichtiger Punkt wäre dabei, den Jungen verständlich zu machen, dass es nicht immer um Konkurrenz, Wettkampf und Erfolg als Anreiz zum Sporttreiben geht, sondern Sinnorientierung, sprich Freude am Miteinander und Gelingen ebenso anerkannt werden. 27
24 Vgl. FAULSTICH-WIELAND, H. (1991), S. 138.
25 BRODTMANN, D. & KUGELMANN, C. (1984), S. 11.
26 Vgl. FAULSTICH-WIELAND, H. (1991), S. 146.
27 Vgl. BRODTMANN, D. & KUGELMANN, C. (1984), S. 15.
14
2.3 Geschlechtertypisierung im Kontext der peer-culture
Unbestritten ist die Tatsache, dass sich die Geschlechter neben den unterschiedlichen sportlichen Interessen auch hinsichtlich ihrer sportmotorischen Fähigkeiten durch Kraft, Ausdauer und Härte unterscheiden. 28
Über geschlechtstypische Handlungsmuster und soziales Verhalten von Mädchen und Jungen im schulischen Kontext finden in der Erziehungs- und Sportwissenschaft derzeit noch immer kontroverse Diskussionen statt.
Zum einen geht man in der Sozialpsychologie auf der Basis zahlreicher empirischer Studien zu geschlechtstypischen Interaktionsstilen von Jungen davon aus, dass sich Jungen im Umgang mit peers eher konkurrenzorientiert, dominant und aggressiv verhalten sowie innerhalb ihrer Gruppen deutliche Rangordnungen ausbilden. Außerdem zeigen sie spezifische Beeinflussungsstrategien in Form von Kommandos, Einschüchterungen und reagieren teilweise auch mit körperlicher Auseinandersetzung. 29 Im Weiteren konnte festgestellt werden, dass 80% aller sozialen Verhaltensauffälligkeiten auf Jungen entfallen. 30 Im Gegenzug dazu machten die Ergebnisse deutlich, dass Mädchen weniger dominant und eher auf eine harmonische, kooperative Atmosphäre abzielend interagieren. Die Rangordnungen in ihren peer-Gruppen seien vergleichsweise instabil, bevorzugte Beeinflussungsstrategien seien i.d.R. Vorschläge und Bitten sowie das verbale Aushandeln von Interessen oder Konflikten. In gemischtgeschlechtlichen Gruppen ändere sich dieser Interaktionsstil der Mädchen jedoch: Auf das Dominanzverhalten der Jungen reagieren sie meist mit Rückzug, Unterordnung unter die „männlichen“ Beeinflussungsstrategien und Heraushalten aus Konflikten. 31 Oftmals rufen sie auch den Lehrer zur Hilfe, wenn sie sich mit der Situation überfordert fühlen. 32
28 Vgl. FAULSTICH-WIELAND, H. & HORSTKEMPER, M. (1995), S. 215.
29 Vgl. BÄHR, I. & KRAH, D. (2005), S. 2f.
30 Vgl. THIES, W. & RÖHNER, C. (2000), S. 36.
31 Vgl. BÄHR, I. & KRAH, D. (2005), S. 2f.
32 Vgl. FAULSTICH-WIELAND, H. (1991), S. 142.
15
In einem koedukativen Sportunterricht müssen die o.g. geschlechtstypischen Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften, sollten sie sich tatsächlich in dieser Art und Weise wieder finden, berücksichtigt werden.
Doch kann man davon ausgehen, dass sich Mädchen und Jungen auch in offenen Unterrichtsformen den stereotypen Verhaltensstilen anpassen oder kommt hier ein anderes Verhalten zum Vorschein?
Interaktionsanalysen der schulischen peer-culture-Forschung warnen vor einer solchen kategorischen Verallgemeinerung, wie sie die Sozialpsychologie vornimmt. Es konnte festgestellt werden, dass „Geschlecht“ als Kategorie und geschlechtstypisches soziales Verhalten keine statischen Persönlichkeitsmerkmale seien, sondern vielmehr situationsbezogen zur Geltung kommen können. Studien von KRAPPMANN & OSWALD zum Alltag von Schulkindern zeigen bspw., dass die oben beschriebenen Vereindeutigungen geschlechtstypischen Verhaltens sich in vielen Fällen als Vorurteile entpuppen und Differenzen unter den Mädchen und unter den Jungen teilweise deutlicher ausfallen als zwischen den Geschlechtern. 33
Auch BÄHR konnte anhand einiger Stichproben von männlichen und weiblichen Sportkletterern diese Resultate für den Bereich der Bewegungskultur bestätigen. 34
Die Darstellungen zum Geschlechterdiskurs machen deutlich, dass es nach wie vor Schwierigkeiten in der Verwirklichung eines gemischtgeschlechtlichen Sportunterrichts gibt.
Ohne den koedukativen Unterricht grundsätzlich in Frage zu stellen, gehen neuere pädagogische Konzepte von einer kritischen Überprüfung und qualitativen Weiterentwicklung der Koedukation an Schulen aus.
Insbesondere wird der Frage nachgegangen, wie sich Geschlechtsrollen in den Unterricht integrieren lassen, ohne dass dabei Nachteile für Jungen oder Mädchen entstehen.
33 KRAPPMANN, L. & OSWALD, H. (1995) in BÄHR, I. & KRAH, D. (2005), S. 3.
34 Vgl. BÄHR, I. & KRAH, D. (2005), S. 3.
16
Die soziale Komponente von Sportunterricht gerät dabei immer stärker in den Blick. Denn Sport ist keine Einzelarbeit, sondern eine besondere, an Bewegung gebundene Form der Geselligkeit. 35
Die Regelung der sozialen Beziehungen zwischen den Beteiligten wird als unverzichtbare Voraussetzung für das Gelingen von gemeinsamen bewegungsbezogenen Unternehmungen gesehen. Soziales Lernen erhält folglich einen höheren Stellenwert als die Verbesserung der sportlichen Leistung: Die Vermittlungsebene ist hierbei von größerer Bedeutung als die Zielebene. Soziale bzw. kooperative Lernformen kommen für koedukativen Unterricht besonders in Betracht, da diese auf den Umgang miteinander angelegt sind und geschlechtsspezifische Unterschiede in der Problemlösung möglicherweise sogar nützlich gemacht werden können.
Eine dieser offenen Unterrichtsmethoden stellt das kooperative Lernen in Kleingruppen dar, in der die Schüler zu gemischtgeschlechtlichen Gruppen zusammengefasst und mit einem Problem konfrontiert werden, das sie in der Gruppe gemeinschaftlich, unter Mitwirken aller Teilnehmer lösen müssen. Der Erfolg und die Bewertung der Gruppe hängen von allen Teilnehmern ab, was dem Zusammenhalt u.U. zu Gute kommt. Neben der Förderung fachlicher Kompetenzen wird stets betont, dass bei dieser Lernform auch die für die Koedukation so wichtigen sozialen Kompetenzen zum Thema gemacht werden. 36
Vorteilhaft ist weiterhin, dass sich hier durch die Öffnung des Unterrichts geschlechts(un)typische Verhaltensweisen wesentlich besser beobachten lassen als in einem lehrerzentrierten Unterricht, in dem die Schüler durch die Lenkung des Lehrers in ihrem Agieren stark eingeschränkt sind.
Im nächsten Kapitel wird zunächst die Relevanz sozialer Lernformen beschrieben, bevor im Speziellen auf die Unterrichtsmethode des kooperativen Lernens eingegangen wird. Im Anschluss daran soll diese in einem empirischen Teil auf ihre Tauglichkeit für koedukatives Lernen geprüft werden.
35 FUNKE, J. (1983), S. 140.
36 Vgl. BÄHR, I. & KRAH, D. (2005), S. 4.
17
3 Theoretische Grundlagen zum sozialen Lernen
In der heutigen Gesellschaft sind auf Grund gravierender Wandlungsprozesse, insbesondere im familiären Umfeld, teilweise starke Defizite im Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen. So besteht an die Schulen der Anspruch, neben den Fachinhalten auch verstärkt soziale Kompetenzen zu vermitteln. Was genau unter „sozialem Lernen“ zu verstehen ist und wie es möglicherweise in den Schulunterricht integriert werden kann, soll im Folgenden näher erörtert werden.
Generell kann man sagen, dass zwischenmenschliche Kontakte und soziale Verständigung wichtige Voraussetzungen zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Ausformung des Sozialverhaltens sind. 37 Beim sozialen Lernen werden diese zwischenmenschlichen Kontakte gezielt herbeigeführt, um positiv auf die Entwicklung der Persönlichkeit eines Individuums einwirken zu können. Der Begriff „soziales Lernen“ steht in einem engen Zusammenhang zum recht uneinheitlich verwendeten Sozialisationsbegriff und wird teilweise sogar synonym verwendet. 38 Zusammenfassend kann „Sozialisation“ einerseits als das Hineinwachsen des Einzelnen in die Gesellschaft, als soziale Eingliederung, als Übernahme vorgegebener Verhaltensstandards, Normen und Werte und als Anpassung an gesellschaftlich vermittelte Vorgaben beschrieben werden. 39 Zum anderen geht es bei der Sozialisation aber auch darum, dem menschlichen Individuum zu einer persönlichen Identität zu verhelfen und es zu selbständigen sozialen Handeln zu befähigen. 40 Ähnlich vielfältig wie der Sozialisationsbegriff wird auch der Begriff des „sozialen Lernens“ benutzt. Eine eindeutige Definition lässt sich in der Literatur allerdings nicht finden.
Laut CACHAY & KLEINDIENST 41 , die Sozialisation als einen nicht-intentionalen Vorgang definieren, hebt sich das soziale Lernen davon als „absichtsvolles, inten-
37 Vgl.PÜHSE, U. (1990), S. 231
38 Vgl. PÜHSE, U. (1990), S. 28
39 UNGERER-RÖHRICH; U. et al. (1990), S. 13
40 Vgl. KAMPER (1974) zitiert nach UNGERER-RÖHRICH; U. et al. (1990), S. 13
41 Vgl. CACHAY & KLEINDIENST (1976) zitiert nach PÜHSE, U. (1990), S. 29
18
tionales Lernen von Verhaltensweisen, emotionalen Bereitschaften und Einstellungen“ ab. „Soziales Lernen ist so gesehen der unter pädagogischer Perspektive verdichtete Teil von Sozialisation, der auf den Erziehungsbereich der Schule zugeschnitten ist.“ 42
PÜHSE bezeichnet „Soziales Lernen“` als ein Lernen unter sozialen Bedingungen, d.h. im Umgang und in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen, das darauf ausgelegt ist, soziale Tugenden zu erwerben. 43 Das bedeutet: Soziales Lernen kann sich nur durch interagierendes Verhalten von Menschen vollziehen. Offen bleibt an dieser Stelle aber, welche Tugenden nun beim sozialen Lernen angeeignet werden sollen, bzw. welche Inhalte soziales Lernen vermitteln soll. Als Richtziele bzw. Lerninhalte sozialen Lernens werden oftmals Identitätsbildung, Toleranz, Kooperation, Kritikfähigkeit und Kritikbereitschaft, Solidarität, Sensibilität und Sprache genannt. 44 Aber auch Inhalte wie „lernen, mit anderen zusammen solidarisch und effizient zu arbeiten“, „lernen, Emotionen bei sich selbst und anderen wahrzunehmen, zu verstehen und mit ihnen umzugehen“ und „lernen, im Sinne sozialer Emanzipation politisch handlungsfähig zu werden“ bilden Bezugspunkte des sozialen Lernens. 45
Als explizite Qualifikationen, die soziales Lernen vermitteln kann, nennen CACHAY & KLEINDIENST folgende, daraus resultierende Verhaltensweisen: 46
• Ideen anderer akzeptieren und modifizieren können
• anderen zuhören können
• sich mit Vorschlägen in die Gruppe einbringen können
• auf die Realisierung eigener Ideen eventuell auch verzichten können
• lernen, sich für eine Lösung zu entscheiden
• lernen, einen Mehrheitsbeschluss zu akzeptieren
42 PÜHSE, U. (1990), S. 29
43 PÜHSE, U. (1998), S. 457
44 Vgl. PRIOR (1976) zitiert nach UNGERER-RÖHRICH, U. et al. (1990), S. 15
45 SCHREINER (1973) zitiert nach UNGERER-RÖHRICH, U. et al. (1990), S. 15
46 Vgl. CACHAY & KLEINDIENST (1976) zitiert nach BRODTMANN, D. (1986), S. 12
19
Arbeit zitieren:
Sandra Schweiker, 2006, Lernen Mädchen und Jungen anders? Aktuelle Befunde und Perspektiven für den Sportunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
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motherfucker95
ficken.
*lol*
am Wednesday, April 16, 2008-