Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis.............................................................................................................................. II
Abbildungsverzeichnis. III
Tabellenverzeichnis IV
1. Einleitung. 1
2. Wirtschaftspolitik im Kaiserreich. 2
2.1 Theoretische Betrachtung: Organisierter Kapitalismus oder Interventionsstaat? 2
2.2 Zusammenhang von Wirtschaftspolitik und Konjunkturzyklen. 3
3. Wirtschaftspolitik im Wandel vom Agrar- zum Industriestaat. 4
4. Phasen der Wirtschaftspolitik 6
4.1 Zollverein und Gründerboom. 6
4.2 Gründerkrise, Große Depression und Protektionismus. 8
4.3 Die Caprivi schen Handelsverträge. 11
4.4 Landwirtschaftliche Agitation und Sammlungspolitik. 15
5. Wirtschaftspolitik unter Bismarck, Caprivi und Bülow. 17
5.1 Otto von Bismarck. 17
5.2 Leo von Caprivi. 18
5.3 Bernhard von Bülow. 20
6. Wirtschaftspolitik und Imperialismus. 21
7. Rückblick und Ausblick. 22
Anhang. V
Bibliographie. IX
II
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung im Kaiserreich
Abbildung 2: Index der industriellen Produktion
III
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Struktur der Arbeitnehmerschaft .................................................................................... VI Tabelle 2: Produktion der Schwerindustrie .................................................................................. VIII
IV
1. Einleitung
In der Zeit des Kaiserreichs 1870/71-1918 stieg das vor allem durch Bismarcks Wirken geeinte Deutschland innerhalb kürzester Frist zu einer der führenden Industrienationen der Welt auf. Noch heute wird Bismarck als der geniale Diplomat gefeiert, der Deutschland nach der Reichseinigung zu dem verholfen hat, das diese Stellung in der Welt ausmachte. All das machte das Kaiserreich jedoch am Ende so überheblich, mitverantwortlich zu sein, einen Krieg vom Zaun gebrochen zu haben, in dem es selbst unterging. Doch nicht nur über Bismarck und die Auswirkungen seiner Bündnispolitik ist in den vergangenen Jahren in großem Umfang publiziert worden. Insbesondere die ökonomischen und wirtschaftspolitischen Aspekte, die maßgeblich zur Entwicklung des Kaiserreichs beitrugen, regten die Gemüter und brachten eine Vielzahl von Veröffentlichungen he r-vor. Dennoch sind nicht alle Fragen dieser Ära zur Gänze behandelt. So scheint eine zusammenfassende, von ideologischen Interpretationen befreite Darstellung der wirtschaftspolitischen Entwicklung nicht zu existieren. Die Wirtschaftspolitik im Kaiserreich gehörte ebenso wie viele andere Bereiche des öffentlichen Lebens und der Politik der damaligen Zeit zum Spielball der ve rschiedensten Interessengruppen. Die Bedeutung die ihr hinsichtlich der volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zukommt, behandeln viele Autoren am Rande. Da aber, wie Marx erklärt, „die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei“, soll es Ziel dieser Arbeit sein, im begrenzten Rahmen die Entwicklung der Wirtschaftspolitik im Deutschen Kaiserreich, ihre Ursachen und Wirkungen sowie die Akteure in diesem Theater darzustellen.
Keineswegs kann dabei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Vielmehr soll anhand bestimmter Bereiche und ausgesuchter Persönlichkeiten versucht werden darzustellen, wie Wirtschaftspolitik damals gemacht und durchgesetzt wurde, und welchen Einflüssen die Handelnden ausgesetzt waren. In zeitlicher Hinsicht soll diese Arbeit auf die Jahre vor dem I. Weltkrieg begrenzt werden. Nach einleitenden theoretischen Überlegungen soll kurz der Wandel der deutschen Wirtschaft vom Agrar- zum Industriestaat betrachtet werden, bevor im Hauptteil auf die verschiedenen Phasen der Wirtschaftspolitik eingegangen wird. Die Namen Bismarck, Caprivi und Bülow stehen dabei für wirtschaftspolitische Umschwünge. Deren Rolle soll hier nochmals herausgestellt und abschließend imperialistische Tendenzen in der deutschen Wirtschaftspolitik behandelt werden.
Angesichts der herausragenden Stellung von Lobbyisten und Interessengruppen, welche die damalige Politik in einem nicht unerheblichen Rahmen beeinflusst haben, erscheint es sogar denkbar, Empfehlungen für die Gegenwart abzuleiten. Ganz im Sinne des Leitgedankens „Perspektive durch Retrospektive” wäre dann zu fragen, wieviel Lobbyismus beispielsweise der Europäischen Union gerade noch gut tut und wann die Schwelle der Einflussnahme überschritten ist. Doch dies sollte tatsächlich an anderer Stelle diskutiert werden.
1
2. Wirtschaftspolitik im Kaiserreich
2.1 Theoretische Betrachtung: Organisierter Kapitalismus oder Interventionsstaat?
Die Interpretationsprobleme der politischen Prozesse des Kaiserreichs veranlasste eine Vielzahl von Autoren, ihr Augenmerk auf das politische System und die Eliten zu lenken 2 . Daneben gab es jedoch noch weitaus mehr. So hinterfragt Hentschel in seinem empirisch geprägten Überblickswerk die Verbindungen zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, sozialer Gestaltung und dem politischem System. Er argumentiert, dass dem Aufbau und der Wirkungsweise wirtschaftlicher Interessensverbände sowie deren vielfältige Einflüsse auf politische, vor allem aber wirtschaftliche und sozialpolitische Entscheidungen in der Literatur unverhältnismäßig große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Damit sei ein Bild eines Staates entstanden, der weitestgehend im Dienst partikulärer Interessen stand: „Politik war … vorwiegend Mittel zur Sicherung traditioneller Herrschaft gegen moderne gesellschaftliche Kräfte, die von der naturwissenschaftlich-technischen und der wirtschaftlichen Entwicklung emporgetragen wurden“ 3 . Hentschel gebraucht zur Umschreibung eines solchen politischen, jedoch mehr noch gesellschaftlichen Systems den nicht ganz unproblematischen Begriff des „Organisierten Kapitalismus“. Er befindet, dass Deutschlands Wandel vom Agrar- zum überwiegend industriell geprägten Staat als ein Prozess instabilen, immer wieder gestörten industriewirtschaftlichen Wachstums von statten ging, der die andauernde Krise im Pri-märsektor vertiefte und die gesamte Volkswirtschaft mit einem strukturellen Wandlungsprozess belastet: „Auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Disharmonien mußte von privater und staatlicher Seite mit dem Ziel der Stabilisierung und Legitimierung des Systems reagiert werden. Das geschah mit unterschiedlichen, den interessierten gesellschaftlichen und politischen Kräften je gemäßen Formen, die sich freilich ergänzten und in die gleiche Richtung wirkten“. An dieser Stelle muss jedoch davor gewarnt werden, von gelenkten oder gar koordinierten Maßnahmen auszugehen, wie sie in einer planwirtschaftlich organisierten Wirtschaft denkbar wären. Vielmehr wirkte eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen eher zufällig komplementär. Hentschel fährt fort: „Das private Mittel hieß Organisation auf vielerlei Art und Weise, das staatliche Mittel hieß Intervention. Organisation und Intervention wurden zum Signum der Zeit, ‚Organisierter Kapitalismus‘ und ‚Interventionsstaat‘ zu den bewegenden Kräften der Geschichte des Kaiserreichs“. Während sich private Organisationsformen relativ einfach anhand von betrieblichen Konzentrationen und Zentralisationen sowie (meist überbetrieblich assoziierten) Wirtschafts- und Interessenve rbänden 4 identifizieren lassen, fallen solche Aussagen hinsichtlich des staatlichen Interventionsmechanismus schwerer. Hentschel befindet diesbezüglich: „Die Vertreter des Konzepts beschränken sich denn auch … auf eine Aneinanderreihung staatlicher Maßnahmen, die irgendwie … mit aktiver Beteiligung des Staates im Wirtschaftsleben und mit Einflußnahme auf wirtschaftliche Zusammenhänge in enger oder loser Verbindung stehen; recht unbekümmert um deren internationalen oder zufälligen Charakter und um ihre Reichweite und Wirkungskraft, Handels- und Zollpolitik, … Rüstungsaufträge, … Infrastrukturmaßnahmen, stehen da einträchtig nebeneinander und
2 Layton, Geoff: From Bismarck to Hitler. Germany 1890-1933, London 1995, S. 24 {Zit.: Layton, Bismarck to Hitler}.
3 Hentschel, Volker: Wirtschaft und Wirtschaftspolitik im wilhelminischen Deutschland. Organisierter Kapitalismus und Interventionsstaat?, Stuttgart 1978,
S. 10-14 {Zit.: Hentschel, Wirtschaftspolitik}.
4 Interessensverbände seien hier definitionsgemäß als Vereinigung verstanden, die vor allem Berufs- oder Standesinteressen einer bestimmten Gesellschaft s-
gruppe artikuliert, bündelt und u.a. gegenüber der Regierung vertritt. Vgl. Schmidt, Manfred G.: Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 1995, S. 435 {Zit.:
Schmidt, Wörterbuch zur Politik}.
2
sollen, jedes auf seine Art, dazu verholfen haben, Konjunkturen zu glätten, Sozialkonflikte abzufangen oder zu lindern, ‚die gefährdete Funktionsfähigkeit der Wirtschaft (zu) stabilisieren (und) kontinuierliches Wachstum (zu) erleichtern‘“ 5 . Auf der anderen Seite lassen sich all diese Aspekte nicht so einfach zu trennen; die staatliche Wirtschaftspolitik im Kaiserreich kann vielleicht erst durch das Nebeneinander erklärt werden.
Politik in Deutschland zeichnete sich nach der Reichsgründung durch die Vermengung von öffentlicher und privater Macht aus. Die enge Verflechtung sozioökonomischer und staatlicher Sphären sowie die bewusste Ausschaltung der Konkurrenz in der Wirtschaft hatten ihre Auswirkungen auch auf das Parteiensystem und die Verwaltung 6 . Als Beispiele seien hier massive Wahlkampfunterstützungen seitens einzelner Wirtschaftsverbände zu Gunsten von Reichstagsabgeordneten zu nennen, von denen man sich ein geneigtes Verhalten der Betreffenden versprach 7 . Zudem war das Verhalten der Interessensverbände durch vorparlamentarischen Aktivitäten gekennzeichnet, mit denen man glaubte, bestimmte gesetzgeberischen Vorgänge beeinflussen zu können. Mittels der Verbände wurde so ein sekundäres System gesellschaftlicher Mächte geschaffen 8 . Lederer charakterisiert dies mit der Ökonomisierung der Parteien, des politischen Lebens und politischer Entscheidungen 9 . Hentschel kritisiert an dieser Aussage zwar, dass sie nur wenige Gehalt hat 10 . Allerdings scheint problematisch zu sein, wenn ein politischer Verband in Form einer verfassten Partei seine Zielsetzung anhand weniger Akteure ausrichtet, die Partei als Vehikel in gewissem Maße miss- oder gebraucht wird 11 . Fronten, die sich bilden, und dann häufig quer durch die Parteien und Fraktionen verliefen, führten im Laufe der Zeit zu immer unübersichtlicheren, unkalkulierbaren und wenig rationalen Entscheidungsprozessen. Eine zu enge Bindung an einzelne Reichstagsabgeordnete schmälerte die Aussichten auf eine erfolgreiche Einflussnahme seitens der Verbände. Statt dessen überwog das opportune Moment. Die Wirtschafts- und Handelspolitik im Kaiserreich erfuhr so durch die Verfilzung von Parteien und Interessensverbänden ihre einzigartige Gestaltung.
2.2 Zusammenhang von Wirtschaftspolitik und Konjunkturzyklen
In sehr detaillierter Weise geht Born auf lang- und kurzfristige (nationale und internationale) Konjunkturzyklen ein, deren Auswirkungen die deutsche Wirtschaftspolitik mitbestimmten, zumindest jedoch einen maßgeblichen Einfluss auf deren Gestaltung und Ausprägung hatten. Die nicht-marxistische Literatur unterscheidet im allgemeinen zwischen zwei Phasen: der Bismarck-Zeit sowie der wilhelminischen Zeit. Diese seien bei oberflächlicher Betrachtung mit zwei Konjunkturzyklen zu vergleichen. Die Bismarck-Zeit als Aufschwungphase ist außenpolitisch und durch vorsichtige Diplomatie geprägt, gekennzeichnet von Stetigkeit und Sicherheit, innenpolitisch jedoch bestimmt durch verschiedene Auseinandersetzungen, aber auch durch eine später
5 Hentschel, Wirtschaftspolitik, S. 14.
6 Kocka, Jürgen: Organisierter Kapitalismus oder Staatsmonopolistischer Kapitalismus?, in: Winkler, Heinrich August (Hrsg.): Organisierter Kapitalismus.
Voraussetzungen und Anfänge, Göttingen 1974, S. 19-35, hier: S. 21 {Zit.: Kocka, Organisierter Kapitalismus}.
7 Born, Karl Erich: Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs (1867/71-1914), Stuttgart 1985, S. 94 {Zit.: Born, Wirtschafts- und Sozial-
geschichte}: An anderer Stelle heißt es, dass beispielsweise auch der Wahlkampf Gustav Stresemanns durch einen Wirtschaftsverband finanziert wurde; S.
97. 8 Nipperdey, Thomas: Interessenverbände und Parteien in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, in: Politische Vierteljahresschrift, Jg. 2 (1961), S. 262-280, hier: S. 268 {Zit.: Nipperdey, Interessenverbände}.
9 Lederer, Emil: Das ökonomische Element und die politische Idee im modernen Parteiwesen, in: Zeitschrift für Politik, Bd. 5 (1912), S. 535-557, hier: S. 547
{Zit.: Lederer, Das ökonomische Element}.
10 Hentschel, Wirtschaftspolitik, S. 16.
11 Hardach, Karl W.: Die Bedeutung wirtschaftlicher Faktoren bei der Wiedereinführung der Eisen- und Getreidezölle in Deutschland 1879, Berlin 1967, S.
165 {Zit.: Hardach, Zölle}.
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Arbeit zitieren:
Heiko Bubholz, 2001, Wirtschaftspolitik im Kaiserreich, München, GRIN Verlag GmbH
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