Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. II
Abbildungsverzeichnis. IV
Tabellenverzeichnis. IV
A. Ziel und Aufbau der Arbeit. 1
B. Die wissenschaftstheoretischen Paradigmen als Basis für die paradigmatische
Vorprägung 3
I. Der Kritische Rationalismus. 4
1. Geschichte 4
2. Ziel 5
3. Kennzeichnung des wissenschaftstheoretischen Paradigmas. 6
a. Der Entdeckungszusammenhang. 6
b. Der Begründungszusammenhang 7
c. Der Verwertungs- und Wirkungszusammenhang 9
4. Graphische Zusammenfassung zum Kritischen Rationalismus 10
5. Der Kreislauf des forschungslogischen Ablaufs 10
II. Die Hermeneutik 12
1. Geschichte 12
2. Ziel 13
3. Kennzeichnung des wissenschaftstheoretischen Paradigmas. 14
a. Der Hermeneutische Zirkel I 14
b. Der Hermeneutische Zirkel II 16
4. Zusammenfassung zur Hermeneutik 17
III. „Verstehen“ vs. „Erklären“ 18
IV. Zuteilung der Wissenschaften zu den zwei Paradigmen. 19
V. Tabellarischer Vergleich der zwei Paradigmen. 20
C. Die Offenlegung der paradigmatischen Vorprägung. 20
I. Die zwei Seiten des menschlichen Gehirns. 21
1. Die Funktionsspezialisierung 21
2. Exkurs 23
3. Die Verbindung zwischen der Arbeitsweise des Gehirns und den
wissenschaftstheoretischen Paradigmen 24
a. Die linke Gehirnhälfte 24
II
b. Die rechte Gehirnhälfte. 26
4. Fazit 27
II. Lernstile 28
1. Definition des Begriffs „Lernstil“ 28
2. Die Lernstil-Typologie nach David A. Kolb 29
a. Die vier Lernstil-Typen. 29
b. Die Verbindung zwischen Kolbs Lernstil-Typologie und den
wissenschaftstheoretischen Paradigmen 30
3. Exkurs 35
4. Fazit 36
III. Problemlösemethoden 36
1. Was ist ein Problem? 36
2. Problemlösearten nach Dörner 37
a. Das Interpolationsproblem. 37
b. Das synthetische Problem 38
c. Das dialektische Problem 43
3. Fazit 45
IV. Zusammenfassung der Ergebnisse aus Kapitel C 45
D. Umsetzung in der beruflichen Weiterbildung 47
I. Rahmenbedingungen 47
II. Der Vortrag 50
1. Definition, Merkmale und allgemeine Regeln. 50
2. Möglichkeiten der Berücksichtigung der paradigmatischen Vorprägung im
Rahmen eines Vortrages 52
a. Der kritisch rational denkende Teilnehmerkreis. 52
b. Der hermeneutisch denkende Teilnehmerkreis 55
III. Die Gruppenarbeit. 57
1. Definition, Merkmale und allgemeine Regeln. 57
2. Möglichkeiten der Berücksichtigung der paradigmatischen Vorprägung im
Rahmen der Gruppenarbeit 58
IV. Zusammenfassung der Ergebnisse aus Kapitel D 61
E. Mögliche Kommunikationsregeln 62
Bibliographie. V
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Aufbau der Arbeit....................................................................................2 Abbildung 2: Darstellung des forschungslogischen Ablaufs des Kritischen
Rationalismus ......................................................................................10 Abbildung 3: Skizze des Zusammenspiels der zwei Hermeneutischen Zirkel ...........18 Abbildung 4: Die unterschiedlichen Aufgabenbereiche der zwei Gehirnhemisphären
...........................................................................................................................22 Abbildung 5: Der Lernzyklus nach David A. Kolb ......................................................31 Abbildung 6: Die Verbindung zwischen Lernstil-Typ und Lernfeldwahl .....................35 Abbildung 7: Das Neun-Punkte-Problem...................................................................39 Abbildung 8: Der Necker-Würfel................................................................................40 Abbildung 9: Graphische Zusammenfassung: Das synthetische Problem ................43 Abbildung 10: Graphische Zusammenfassung zu Kapitel C .....................................46 Abbildung 11: Struktur eines Informationsvortrages..................................................51 Abbildung 12: Mögliche Gestaltung der Einstiegsfolie für die hermeneutisch geprägte Zielgruppe ............................................................................................55
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Hauptunterschiede zwischen den zwei wissenschaftstheoretischen
Paradigmen...............................................................................................20 Tabelle 2: Lernstil-Typologie nach David A. Kolb ......................................................30 Tabelle 3: Mögliche Gestaltung der Einstiegsfolie für die kritisch rationale geprägte
A. Ziel und Aufbau der Arbeit
Die Fähigkeit zu kommunizieren ist eines der wichtigsten Merkmale, die ein Lebewesen ausmachen. Für uns Menschen bietet die „gemeinsame Sprache“ die bedeutendste Möglichkeit, Mitteilungen und Nachrichten verbal auszutauschen. Obwohl die zwischenmenschliche Kommunikation innerhalb einer Sprache meist beabsichtigt, eindeutig zu sein, reden Menschen oft „aneinander vorbei“. Die Auswirkungen von falsch verstandenen Nachrichten können vielschichtig sein. Seit langem - die erste Beschreibung des Kommunikationsprozesses erfolgte durch Harold Lasswell im Jahre 1948 1 - untersucht die Kommunikationsforschung die Ursachen einer „unbeabsichtigt fehlerhaften“ Kommunikation. Aus den Ergebnissen haben Denker verschiedene Theorien entwickelt, wie die Entstehung von Missverständnissen verstanden und dadurch möglicherweise vermieden werden können. 2
Die vorliegende Arbeit sucht ebenfalls nach einem Grund für Missverständnisse in der zwischenmenschlichen Kommunikation, deren Inhalt ein zu lösendes Problem ist. Die Suche beschäftigt sich dabei mit logischem, nachvollziehbarem Denken und vernachlässigt emotionales Denken, da es keinen logischen, nachvollziehbaren Regeln folgt.
Meine Überlegungen beginnen bei der Überzeugung, dass Menschen sich nicht eindeutig und nachvollziehbar miteinander unterhalten können, wenn sie unterschiedlich denken und die zu besprechenden Probleme auf unterschiedlichem Wege lösen wollen. Es wird angenommen, dass das unterschiedliche Denken auf einer unterschiedlichen paradigmatischen Vorprägung basiert.
Ziel der Arbeit ist es, Anhaltspunkte für die Existenz einer unterschiedlichen (individuellen) paradigmatischen Vorprägung zu finden und, falls sich eine paradigmatische Vorprägung isolieren lässt, Umsetzungsvorschläge für ihre Berücksichtigung zu erarbeiten.
Zu diesem Zweck stellt Teil B den Kritischen Rationalismus und die Hermeneutik vor. Obwohl sich diese zwei Wissenschaftstheorien damit beschäftigen, wie Theorien entstehen sollen, damit sie wissenschaftlichen Ansprüchen genügen und vernünftig sind, basieren sie aufgrund ihrer Zuordnung zu den Naturwissenschaften bzw. zu
1 Vgl. Schulz, 2000, S. 144; siehe Lasswell, 1948.
2 Siehe Schulz, 2000, S. 174 f.; siehe Schulz von Thun, 1981; siehe Watzlawick/Beavin/Jackson,
1969; siehe Shannon/Weaver, 1964.
1
den Geisteswissenschaften auf gewissen Eigenschaften des Denkverhaltens, die einen ersten Schluss auf unterschiedliche Denkstile zulassen. Um die aus der jeweiligen Wissenschaftstheorie abgeleiteten Eigenschaften des Denkverhaltens operationalisieren zu können, stellt Teil C drei Theorien vor: die Ergebnisse der hirnbiologischen Forschung, die Problemlösemethoden nach Dietrich Dörner und die Lernstil-Typologie nach David A. Kolb. Die Operationalisierung mit dem Ziel einer Offenlegung der paradigmatischen Vorprägung erfolgt durch einen Vergleich der Denkeigenschaften der Theorien mit denen des Kritischen Rationalismus und der Hermeneutik.
Abbildung 1: Aufbau der Arbeit
Quelle: Eigene Darstellung.
Die praktische Relevanz dieser Überlegungen ergibt sich in Teil D und E: Die betriebliche Weiterbildung ist im Bereich der institutionalisierten Weiterbildung das quantitativ Bedeutsamste. Betriebe wenden jährlich ca. 18 Mrd. Euro auf, um ihre Mitarbeiter weiter zu bilden und zu fördern, sowohl um Know-how aufzubauen als auch um Motivationsanreize zu setzten. 3 Nicht alle Weiterbildungsmaßnahmen erzielen denselben Erfolg. Der Misserfolg einer Weiterbildungsmaßnahme im betriebs- 3 Vgl.Vorlesungsunterlagen; Prof. Dr. Jörg Stender; Vorlesung Berufliche Weiterbildung/Personal-
entwicklung; SS 2004; Vorlesungseinheit zum Thema: Institutionell-rechtlicher Rahmen der
beruflichen Weiterbildung.
2
wirtschaftlichen Unterricht könnte, neben z.B. Unterforderung durch den Lernstoff oder keine Möglichkeit zum Lerntransfer, auch dadurch erklärt werden, dass der didaktische Aufbau des Kurses nur für ein einseitiges Denkmuster konzipiert wurde. Somit wird die Lösung einer betriebswirtschaftlichen Problemstellung von den Teilnehmern, die für den Kurs die „falsche“ paradigmatische Vorprägung haben, nicht verstanden. Teil D stellt an einem fiktiven Seminarbeispiel Überlegungen an, wie der Weiterbildungstrainer die unterschiedliche paradigmatische Vorprägung seiner Schüler berücksichtigen kann.
Abschließend erläutert Teil E Gedanken zu allgemeinen Kommunikationsregeln. Absicht dieser Kommunikationsregeln soll ein Ausblick und Anregungen sein, wie Missverständnisse in einem Gespräch durch Berücksichtigung der paradigmatischen Vorprägung vermieden werden können.
In den folgenden Ausführungen werden nur maskuline Formen verwendet, obwohl die Gedankengänge für beide Geschlechter gleichermaßen gelten.
B. Die wissenschaftstheoretischen Paradigmen als Basis für die paradigmatische Vorprägung
Die beiden in dieser Arbeit als Basis für die paradigmatische Vorprägung angenommenen Wissenschaftstheorien - der Kritische Rationalismus und die Hermeneutiksind analytische Denkweisen, die den Prozess der Wissenserweiterung und Theoriebildung reflektieren und Verfahrensregeln für die Wissensgewinnung aufstellen. Die Gewinnung neuer Erkenntnisse hat bei beiden ihren Startpunkt in einer erkannten Problemstellung, die es zu lösen gilt. In den Worten des Kritischen Rationalisten Karl Popper: „Die Naturwissenschaften und die Sozialwissenschaften gehen immer von Problemen aus; davon dass etwas unsere Verwunderung erregt, wie die griechischen Philosophen sagen.“ 4 Hans-Georg Gadamer, ein Vertreter der Hermeneutik, sagt dazu: „Dass in aller Erfahrung die Struktur der Frage vorausgesetzt ist, liegt auf der Hand. Man macht keine Erfahrung ohne die Aktivität des Fragens.“ 5 Der Unterschied zwischen dem Kritischen Rationalismus und der Hermeneutik liegt
4 Popper, 2001, S. 15.
5 Gadamer, 1960, S. 344.
3
im Weg, auf dem sie zu ihren Problemlösungen und damit zur Wissenserweiterung kommen. Diese unterschiedlichen Wege werden im Folgenden beschrieben.
I. Der Kritische Rationalismus
1. Geschichte
Das kritische Denken und die kritische Diskussion, die „unvoreingenommene Analyse und Prüfung von Anschauungen, Wertungen, Autoritäten und Institutionen“ 6 , haben ihren Durchbruch zur Zeit der Aufklärung erzielt. 7 Die Aufklärung als Neu-orientierung des Denkens hat zwei Hauptströmungen: den Rationalismus, vertreten z.B. durch Immanuel Kant, und den Empirismus, vertreten z.B. durch John Locke oder David Hume. Der damalige Rationalismus war der Wegbereiter für den heutigen Kritischen Rationalismus. Vor allem die transzendentale Fragestellung von Kant (die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis) und dessen Antwort auf das Erkenntnisproblem haben den Kritischen Rationalismus Poppers, der Hauptvertreter und Begründer des Kritischen Rationalismus, stark beeinflusst. So schreibt eben dieser Philosoph, dass er „gewisse von Kants Beiträgen zur Erkenntnistheorie für grundlegend, ja entscheidend“ 8 hält. Diese Verbindung schlägt die gedankliche Brücke zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert.
Der britische Philosoph mit österreichischer Herkunft Sir Karl Raimund Popper (1902-1994) ordnete sich selbst in die Reihe der Realisten ein: als einer, „der mit dem Alltagsverstand (common sense) die Außenwelt und Gesetzmäßigkeiten in ihr als real ansieht.“ 9 Seine Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie ist in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Auseinandersetzung mit den Ideen des Wiener Kreises,
6 Albert, 1971, S 13.
7 Vgl. Albert, 1971, S. 13 ff. Die Tradition des kritischen Denkens, ohne dass es so genannt worden
ist, lässt sich nach Karl Popper sogar bis in die griechische Antike zu den Vorsokratikern zurück-
führen.
8 Popper, 1969, S. XXIV.
9 dtv-Atlas zur Philosophie, S. 229; vgl. auch das Vorwort zur englischen Ausgabe von 1959 in „Logik
der Forschung“ (Popper, 1969, S. XVII f.).
4
verschiedenen Strömungen des modernen Empirismus und dem Kantianismus, ent-standen. 10
Er distanziert sich von der im Positivismus (vertreten z.B. im Wiener Kreis) vorherrschenden Methode der Induktion. Seiner Meinung nach ist diese Forschungslogik nicht zulässig: „Nun ist aber nichts weniger als selbstverständlich, dass wir logisch berechtigt sein sollen, von besonderen Sätzen, und seien es auch noch so viele, auf allgemeine Sätze zu schließen.“ 11 Stattdessen vertritt er die Methode der Deduktion. Daneben ist der zweite Angelpunkt seiner Wissenschaftstheorie das Abgrenzungskriterium (siehe Kapitel B I 3 b). 12
Zeit seines Lebens waren ihm als Gegenstück zur Erkenntnistheorie seine sozialphilosophischen Ideen, die durch die Übertragung der Denkansätze seiner Forschungsmethodologie auf die gesellschaftlichen Normen entstanden sind, wegen seiner Lebenserfahrung 13 ein großes Anliegen. 14
Weitere bekannte Vertreter des Kritischen Rationalismus sind der frühe Paul K. Feyerabend und Hans Albert, die jeweils ihre eigene Ideen, Gedanken, Veränderungen und Schwerpunkte in den Kritischen Rationalismus von Popper eingewebt haben. Diese Arbeit beschränkt sich im Bereich des Kritischen Rationalismus auf die Gedanken von Karl R. Popper.
2. Ziel
Das Ziel der empirischen Wissenschaften, der Erfahrungswissenschaften nach dem Vorbild der Naturwissenschaften, zu denen der Kritische Rationalismus gehört, ist es, „Gesetzmäßigkeiten zu finden, mit deren Hilfe wir die Naturvorgänge erklären (…) können.“ 15 Das Anliegen des Kritischen Rationalismus ist demnach das Erklären der Natur, des positiv und erkennbar Gegebenen durch Kausalzusammenhänge, durch Naturgesetze, die deduktiv begründet und vorläufig bestätigt wurden.
10 Vgl. Albert, 2002, S. 3.
11 Popper, 1969, S. 3.
12 Siehe auch Popper, 1979: Der Aufbau des Buches entspricht diesen zwei Punkten.
13 Vgl. Artigas, 1999, S. 109 ff.
14 Siehe seine Werke: u.a. „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (2 Bände; 1945); „Auf der Suche
nach einer besseren Welt“ (1984).
15 Popper, 1979, S. XXXI.
5
3. Kennzeichnung des wissenschaftstheoretischen Paradigmas 16
Karl Popper liefert uns in einem seiner Aufsätze eine Kurzdarstellung seiner Methodik der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie: „Die Wissenschaft beginnt mit Problemen. Sie versucht, sie durch kühne, erfinderische Theorien zu lösen. Bei weitem sind die meisten Theorien falsch und/oder unüberprüfbar. Die wertvollen überprüfbaren Theorien werden nach Irrtümern abgesucht. Wir suchen, Irrtümer zu finden und zu eliminieren. So ist die Wissenschaft: Sie besteht aus wilden, oft unverantwortlichen Ideen, die sie unter eine scharfe Kontrolle der Fehlerkorrektur setzt.“ 17 Popper selbst nennt seine Methode „die Methode von Versuch und Irrtum“. 18 Er vergleicht das Vorgehen der Erkenntnisgewinnung mit dem Problem eines schwarzen Mannes, der in einem dunklen Keller einen schwarzen Hut sucht, der dort nicht ist. Der schwarze Mann tastet bei seinem Versuch, den Hut zu finden, nach allen Richtungen und kommt dabei zu einer Vorstellung, wie der Keller gestaltet sein kann. Eventuell erkennt er sogar im Laufe der Zeit, dass sich der Hut nicht in dem Keller befindet. 19
Der forschungslogische Ablauf einer Problemlösungs-Untersuchung läuft bei Karl Popper in drei „Zusammenhängen“ ab: 20
a. Der Entdeckungszusammenhang
Entdeckte Probleme, der Ausgangspunkt einer jeden Erkenntnisforschung, entstehen nach Popper mit dem Leben. 21 An einer anderen Stelle spricht Popper von der Natur der Probleme: „Die wissenschaftlichen und vorwissenschaftlichen Probleme sind
16 In dieser Arbeit wird aus Abgrenzungsgründen bewusst auf die Darstellung der Kritikpunkte, z.B.
dass im Begründungszusammenhang Werte trotz des Postulats der Wertefreiheit bei der Inter-pretation der gewonnen Daten einfliesen können, verzichtet.
17 Denkanstöße 2004; 2003, S. 13.
18 Vgl. Popper, 1979, S. 26 - 28, vgl. Popper, 2003, S. 15.
19 Vgl. Vorlesungsunterlagen: Prof. Dr. Josef Aff, Vorlesung zur integrativen Prüfung C; WS 2001/2;
Einheiten 1 + 2; vgl. Popper, 2001, S. 139.
20 Vgl. Wolf, 1971, S. 83 ff.; vgl. Vorlesungsunterlagen: Prof. Dr. Josef Aff, Vorlesung zur integrativen
Prüfung C; WS 2001/2; Einheiten 1 + 2.
21 Vgl. Popper, 2003, S. 13; Diese Einstellung zeigt er ebenfalls durch die Wahl des Titels „Alles
Leben ist Problemlösen“ für das Buch, das er 2001, kurz vor seinem Tod, fertig gestellt hat.
6
praktischer Natur“ 22 ; sie können an sich etwas Alltägliches sein - Basis der Probleme ist die Verwunderung über eine Gegebenheit. Die Verwunderung ergibt sich nach Popper durch die Bewertung von Lebensbedingungen, die zu Erwartungen führt. Werden diese Erwartungen nicht erfüllt, kommt es zu Störungen, die ein Problem darstellen. 23 Ein Beispiel aus der Natur verdeutlicht den Gedankengang: Der Igel verbringt die winterliche Jahreszeit durch die angeborene Gewohnheit in tiefem Winterschlaf. Dafür frisst er sich rechtzeitig und in Abhängigkeit der Jahreszeit genügend Winterspeck an. Wenn sich nun der Kreislauf der Jahreszeiten verändert und es plötzlich, nach Empfinden des Igels, mitten im Sommer zu schneien beginnt und es im Winter sommerlich warm ist, hat das Tier ein Problem. Sich mit der Problemstellung beschäftigend, wird in einem kreativen Akt des Problemlösers eine Theorie zunächst als unbestätigte Vermutung - in Poppers Worten „oft phantastisch, kühne Antizipationen der Wissenschaft“ 24 , die mit Logik wenig gemeinsam haben 25 - über einen bestimmten Zusammenhang gefunden, der das Problem erklären soll. 26 Popper schreibt: „Wir wissen nicht, wir raten. Und unser Raten ist geleitet von dem unwissenschaftlichen, metaphysischen (…) Glauben, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt, die wir entschleiern, entdecken können.“ 27 Die Gesetzmäßigkeiten werden in einem kreativen Akt, durch Raten, z.B. beim Spazierengehen, unter der Dusche oder am Schreibtisch gefunden. Für die Ideenfindung stellt Popper keine Regeln auf. Innerhalb des Entdeckungszusammenhangs, bei der Findung der Theorie, sind somit bewertende Momente und Anknüpfungen an das Vorwissen zugelassen. 28
b. Der Begründungszusammenhang
Dieser Zusammenhang stellt den Kern des wissenschaftlichen Arbeitens dar. Popper postuliert für diesen Abschnitt die Ausklammerung von Werten und Bewertungen. Aus der Theorie (= Gegenstandsbereich, allgemeiner Satz) werden singuläre Folgerungen/Arbeitshypothesen (System von Hypothesen, weniger allgemeine Sätze) abgeleitet. Die so zustande gekommenen Arbeitshypothesen sind nicht alle gleich
22 Popper, 2001, S. 32.
23 Vgl. Popper, 2001, S. 16 ff.
24 Popper, 1969, S. 223.
25 Vgl. Popper, 1969, S. 7.
26 Steffen, 1995, S. 4.
27 Popper, 1969, S. 223.
28 Vgl. Popper, 2001, S. 175 ff.; Popper nimmt darin Stellung zu so genannten „Scheinwerfertheorie
der Wissenschaft“: „Was der Scheinwerfer sichtbar macht, das hängt von seiner Position ab, (…).“
7
„wertvoll“, sondern enthalten auch Folgerungen, die den wissenschaftlichen Ansprüchen des Kritischen Rationalismus nicht genügen. Zentrales Merkmal aller empirischen Theorien ist ihre Überprüfbarkeit. Das heißt, dass die Theorien an der Realität scheitern können müssen: „Eine Theorie gehört zur empirischen Wissenschaft dann und nur dann, wenn sie mit möglichen Erfahrungen in Widerspruch steht, also im Prinzip durch Erfahrung falsifizierbar ist.“ 29 Dies ist das Abgrenzungskriterium der Erkenntnistheorie, mit dessen Hilfe eine Unterscheidung zwischen einem wissenschaftlichen, einem empirisch nachprüfbaren oder einem metaphysischen Satz möglich ist. Metaphysische Behauptungen sind Behauptungen, die nicht-empirisch sind und etwas über real existierende Gegenstände aussagen. Die Falsifizierbarkeit bestimmt also die „erste“ Wissenschaftlichkeit von Arbeitshypothesen. 30 Die konkrete Überprüfung der Theorien erfolgt in einem zweistufigen Überprüfungsverfahren:
Für die erste Stufe definiert Popper das so genannten „Falsifizierbarkeitskriterium“. Die Abgrenzung der Theorien erfolgt durch einen Vergleich der Folgerungen miteinander auf ihre logische Beziehung, die drei Bedingungen erfüllen muss: 1) „der logische Vergleich der Folgerungen untereinander, durch den das System auf seine innere Widerspruchslosigkeit hin zu untersuchen ist; 2) eine Untersuchung der logischen Form der Theorie mit dem Ziel, festzustellen, ob es den Charakter einer empirisch-wissenschaftlichen Theorie hat, also, z.B. nicht tautologisch ist;
3) der Vergleich mit anderen Theorien, um unter anderem festzustellen, ob die zu prüfende Theorie, falls sie sich in den verschiedenen Prüfungen bewähren sollte, als wissenschaftlicher Fortschritt zu bewerten wäre; (…).“ 31
Um im danach folgenden „Falsifikationsverfahren“ - das der zweiten Stufe entspricht - die „wertvollen Theorien“ mit empirischen Methoden an der Realität prüfen zu können, „denn bewähren können sich Ideen, Systeme und Konzeptionen aller Art nur insoweit, als sie dem Risiko des Scheiterns ausgesetzt werden“ 32 , müssen die in den Hypothesen verwendeten Begriffe zuerst operationalisiert und relevante Variablen isoliert werden (also beobachtbar gemacht werden). Der Vorgang des Beobachtbar-Machens muss zwei Bedingungen erfüllen: die Reliabilität und die Validität: „Eine
29 Popper, 2001, S. 36.
30 Vgl. Popper, 2001, S. 174.
31 Popper, 1969, S.7 f.; Format von mir.
32 Albert, 1971, S. 17.
8
operationale Definition ist dann (…) valide, wenn mit der Durchführung der in dieser Definition enthaltenen Untersuchungsanweisung genau das erfasst wird, worauf der ursprüngliche Begriff abzielt.“ 33 Die Bedingung der Validität fordert, dass das verwendete Messinstrument genau misst. Diese zwei Punkte sollen die intersubjektive Nachprüfbarkeit garantieren. Der intersubjektiven Überprüfbarkeit wird damit die Rolle der Objektivität im Sinne der empirischen Wissenschaften zugewiesen. 34 Empirische Methoden arbeiten mit quantitativen Techniken. Der Kritische Rationalist kann beispielsweise Beobachtungsverfahren, Tests oder Verfahren der Soziometrie anwenden, um seine Hypothesen empirisch an der Wirklichkeit zu überprüfen. Nach der experimentellen Überprüfung der Hypothesen mit quantitativen Techniken werden die dadurch gefundenen Daten ausgewertet und mit statistischen Verfahren auf ihre Signifikanz hin überprüft.
Wenn sich eine Theorie durch die empirische Überprüfung als nicht falsifizierbare Lösung (eine Lösung also, die sich in der Realität bewährt hat und die sich in der statistischen Überprüfung als signifikant gezeigt hat) für das gestellte Problem herauskristallisiert, dann nennt Popper dies eine „vorläufig bestätigte Wahrheit“. 35 Als eine Konsequenz der Anwendung der Deduktion ergibt sich demnach, dass es keine Gewissheit über die Wahrheit, sondern immer nur eine Annäherung an die Wahrheit gibt. Dies zeigt, dass der Kritische Rationalist eine objektive und autonom existierende Realität als Wirklichkeitsverständnis hat, wobei Erkenntnisobjekt und reales Objekt nicht übereinstimmen müssen (= Unabhängigkeitsthese des Realismus, nach der alle Dinge unabhängig von dem menschlichen Verstand existieren). Demnach kann der interessierte Mensch die Wahrheit bis zu einem gewissen Grad erkennen. 36
c. Der Verwertungs- und Wirkungszusammenhang
Der Verwertungs- und Wirkungszusammenhang beschäftigt sich mit der Darstellung oder der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse und steht nicht mehr im Zentrum des Forschungsprozesses. Das Postulat der Wertefreiheit gilt in diesem Zusammenhang nicht mehr.
33 Wolf, 1971, S. 99
34 Vgl. Popper, 1979, S. 67.
35 Der allgemeine Satz kann durch die Falsifikation eines weniger allgemeinen Satzes als Problem-
lösung eliminiert werden: Wenn p aus t ableitbar ist, und p ist falsch, so ist es logisch, dass auch t
falsch ist; siehe Popper, 1969, S. 44 ff.
36 Siehe Albert, 2000, S. 16.
9
4. Graphische Zusammenfassung zum Kritischen Rationalismus
Abbildung 2: Darstellung des forschungslogischen Ablaufs des Kritischen Rationalismus
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Vorlesungsunterlagen: Prof. Dr. Josef Aff, Vorlesung zur
integrativen Prüfung C; WS 2001/2; Einheiten 1 + 2.
5. Der Kreislauf des forschungslogischen Ablaufs
Neue Probleme ergeben sich, wie vorher erwähnt, aus dem Leben selbst. Unser Leben fußt auf dem Wissen, das sich die Menschheit in der Vergangenheit über Generationen hinweg angeeignet hat (ein neues Modell eines Autotyps beispielsweise entsteht durch die Weiterentwicklung des Vorgängermodells). Deshalb bilden die Theorien, die nach der Überprüfung als vorläufig bestätigte Wahrheit gelten, durch Kritik und Verwunderung an eben diesen Theorien die Basis für neue Probleme: Sie sind
10
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Saskia-Nicole Siegl, 2005, Denkverhalten in Abhängigkeit von der paradigmatischen Vorprägung, München, GRIN Verlag GmbH
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