Inhaltsverzeichnis
Vorwort 1
Abschnitt 1: Einleitung 3
Abschnitt 2: Lebensweg und Schaffensperiode 4
1. Kindheit und Ausbildungsjahre 4
1.1. Jugendzeit 4
1.2. Ausbildung an der Howard-High-School 5
1.3. Schulische Ausbildung in Philadelphia 6
1.4. Begegnung mit Fats Navarro 6
1.5. Schicksalhafte Begebenheiten 7
2. Karriere als Jazzmusiker 9
2.1. Erstes Projekt mit „Chris Powell and the Blue Flames“ 9
2.2. Zusammenarbeit mit Tadd Dameron 10
2.3. Europatournee mit Lionel Hampton 11
2.3.1. Brownie und Art Farmer 13
2.3.2. Aufnahmesessions während der Zeit in Paris 13
2.4. Art Blakey und Clifford Brown 15
3. Das legendäre „Clifford Brown - Max Roach Quintet“ 16
3.1. Entstehung und Anfangszeit des Quintetts 16
3.1.1. Personelle Umstrukturierung 18
3.2. Erste Aufnahmesessions mit dem „Brown - Roach Quintet“ 18
3.3. Höhepunkt des „Clifford Brown - Max Roach Quintet“ 19
3.4. Personelle Veränderung im Quintett 22
3.5. Letzte Tournee für das „Brown - Roach Quintet“ 23
1. Instrumentenspezifische Übungstechniken 25 1.1. Warm-Up Übungen 25
1.1.1. Luft- und Zungentechnische Übungsmethoden 26
1.1.2. „Buzzing“ mit dem Mundstück 28 1.2. Non-pressure-System 29
2. Übungstechnische Aspekte zum Thema Improvisation 31
2.1. Klavier als Hilfsmittel 31 2.1.1. Schulung des Gehörs 31
2.1.2. Anfertigen von Arrangements und Kompositionen 33
2.2. Tonaufnahmen seiner Übungsphasen 34
3. Analyse der Arbeitsweise anhand von Übungstapes 35
3.1. Üben im Kontext mit Jazzstandards 35 3.2. Transpositionen 37
3.3. Entwicklung von Melodiephrasen und verschiedenen Artikulation 38 3.4. Timing (innerer Puls) 41
Abschnitt 4: Analytische Betrachtungsweise von Solotranskriptionen
43
1. Quellenangabe 43 1.1. Jazzstandard: „Jordu“ 43
1.2. Jazzstandard: „Walkin´“ 47
2. Analyse der Melodie 51
2.1. Verwendung von Ornamentik 51 2.2. Tonumspielung 52 2.3. Artikulation 53 2.4. False Fingering 54 2.5. Tonumfang 56 2.6. Tonhöhenveränderungen 57 2.7. Blue Note 58 2.8. Melodiepattern 59
3. Analyse der Rhythmik 61 3.1. Triolische Figuren 61 3.2. Doubletime-Pattern 63
3.3. Rhythmische Verschiebung 64 3.4. Rhythmuspattern 67 4. Analyse der Harmonik 69 4.1. Skalen 69 4.1.1. Bebopskala 69 4.1.2. Verminderte Skala 72 4.1.3. Bluesskala 73 4.2. Akkorde 75 4.2.1. Umspielungen 75 4.2.2. Erweiterungen 76 4.3. Ersatzkadenz 78
Abschnitt 5:
Schlussbemerkung
Anhang: Discographie, Literaturverzeichnis, CD-Index
Vorwort:
Diese vorliegende Diplomarbeit stellt den Abschluss meines Studiums am Richard-Strauss-Konservatorium dar. Hierbei habe ich mich zu einem Thema entschlossen, das mich durch mein ganzes Studium begleitet hat. Da Clifford Brown für mich zu den wichtigsten Jazztrompetern zählt, befasste ich mich schon seit längerem mit seinen Improvisationen und Kompositionen. Die daraus gewonnen Erkenntnisse versuchte ich in dieser Diplomarbeit zu verarbeiten. Auf der beigefügten CD befinden sich einige Klangbeispiele, die dabei helfen sollen, die Spielweise von Clifford Brown näher zu verdeutlichen. Die Tonbeispiele sind im Text durch Markierungen (z.B. CD 1) gekennzeichnet. Im Anhang befindet sich der zugehörige CD-Index.
Die besprochene Literatur über Clifford Brown ist vorwiegend in englischer Sprache verfasst, deshalb sind die Zitate ebenfalls in englischer Sprache, außer der Verfasser hat die Zitate schon übersetzt.
Im Folgenden möchte ich die verwendeten Abkürzungen, die im Text vorkommen näher erläutern:
tp = Trompete; tb = Posaune; as = Altsaxophon; ts = Tenorsaxophon; bar = Baritonsaxophon; p = Klavier; b = Bass; d = Schlagzeug; g = Gitarre; arr = Arrangeur
Diese Diplomarbeit hat mir bei meiner Tätigkeit als Jazztrompeter wieder neue Wege und Ziele aufgezeigt. Bei der Erarbeitung dieses Themas sind einzelne Fragen und Probleme aufgetreten, bei denen mir einige Personen geholfen ha- ben, denen ich meinen Dank aussprechen möchte:
• Meinen beiden Hauptfachlehrern Claus Reichstaller und Wolfgang Guggenberger für die fachlichen Fragen zum Instrument
• Thomas Zoller für die Hilfe bei der Erstellung des Themas
• Frau Bianca Bodalia für die Verschiebung des Abgabetermins
• Meinen Freunden Georg Alkofer, Florian Busch und Christian Ludwig Maier für die Begleitung bei der Diplomarbeit
• Meinen Eltern Erwin und Brigitte Greiner für ihr Vertrauen
• Dem Jazzarchiv Darmstadt für die freundliche Zuverfügungstellung wissenschaftlichen Materials
München, den 25.04.01
Der Einfluss von Clifford Brown auf die Geschichte der Jazztrompete wird meist völlig unterschätzt. Fragt man aber die Jazztrompeter, so wird klar, dass die meisten der heute aktiven Spieler dieses Instruments sehr stark von ihm beeinflusst sind. Man muss nur die Interviews mit Musikern wie Freddie Hubbard, Wynton Marsalis, Woody Shaw, Red Rodney, Randy Brecker oder den ganz neu aufkommenden jungen Trompetern lesen. Als der erst fünfundzwanzig Jahre alte Trompeter Clifford Brown 1956 bei einem Autounfall ums Leben kam, fand die Karriere von einem der vollkommensten Trompeter, die der moderne Jazz je hatte, ein jähes Ende. Gleichzeitig bedeutete dies auch das Ende jener Band, die mit ungeheurem Feuer und ebenso unbedingtem Formwillen und intellektueller Disziplin dabei war, dem schwarzen Bebop-Erbe die Führung im Jazz zurückzuerobern, was die Hervorbringungen des West Coast Jazz als blutleere Spielereien erscheinen ließ. Mit dem Tod von Clifford Brown begann eigentlich auch ein neues Kapitel in der Stilgeschichte des Jazz. Schon kurze Zeit darauf schrieben die Kritiker, mit diesem „Clifford Brown - Max Roach Quintet“ sei eine neue stilistische Epoche des Jazz eingeleitet worden. Man nannte sie Hard Bop, weil man - wie schon so oft - kein besseres Wort zur Hand hatte.
Die Combo, die der junge Trompeter Clifford Brown zusammen mit dem vielleicht besten Schlagzeuger der Jazzmusik Max Roach leitete, kümmerte sich nicht mehr viel um die Stilideale des Cool Jazz, der bis dahin geherrscht hatteum die Reserviertheit des Ausdrucks, die kühle Verfremdung der Tonbildung und die leise, intime Versponnenheit der Melodien; sie blies und trommelte in der besten Tradition der heißen Expressivität des Bebop. Ihre Musik leitet nicht eine einfache Renaissance des Bobop ein, sie verschmolz bekannte Stilmittel des Bebop, des Cool Jazz und der Musik Harlems zu einer neuen, von starken Persönlichkeiten gestalten Synthese.
1. Kindheit und Ausbildungsjahre
1.1. Jugendzeit
Clifford Brown wurde am 30. Oktober 1930 als Sohn von Joe und Estella Brown in Delawere´s East Side geboren. Clifford war das jüngste von 8 Kindern, welche alle musikbegeistert waren oder selbst musikalisch tätig waren. Vater Joe, der selber ein Amateurmusiker war, versuchte seinen Kindern die Welt der Musik näher zu bringen, so gründete er z. B. mit seinen Söhnen ein Vokal-Quartett. Marie, die älteste Tochter, wurde sogar später als Solistin an der Mt. Carmel Church verpflichtet.
Natürlich gab es im Haus Brown auch ein Klavier, welches jedes Familienmitglied mehr oder weniger spielen konnte. Neben dem Klavier gab es auch noch andere Instrumente, die Joe Brown im Laufe der Jahre angesammelt hatte. Der junge Clifford war von diesen Instrumenten sehr angetan, von einem aber ganz
besonders, der silbern glänzenden Trompete 1 . Die ersten Schritte auf dem Instrument brachten sich sein Bruder und Clifford selber bei. Später jedoch verlor sein Bruder die Lust am Trompete spielen und hörte damit auf. Clifford blieb bei seiner Trompete und machte riesige Fortschritte. Der Vater bemerkte Brownies Musikalität und Freude, die er auf diesem Instrument ausstrahlte und schickte ihn mit seinen 12 Jahren zu einem in der Stadt lebenden Jazzmusiker und Lehrer, Mr. Robert „Boysie“ Lowery.
1 Vgl. Nick Catalano, “Clifford Brown-The Life and Art of the Legendary Jazz Trumpeter”, S. 4
1.2. Ausbildung and der Howard-High-School
Clifford Brown wurde von Lowery durch eine ganz bestimmte Art und Weise ausgebildet. Wie er nach Jahren selbst erklärt, hat er nicht wie gewöhnlich mit einer Trompetenschule begonnen. Boysie Lowery hat ihm zu Beginn beigebracht, sein Gehör richtig einzusetzen. Lowery selbst: „The most important thing is to be able to hear. I know a lot of guys that have been to college, but they don’t have what it takes to improvise. They can´t hear. You´ve got to be able to hear things before you can do them .“ 2 Lowery lehrte seinen Schülern die Akkorde und Akkordwechsel zu hören und im Anschluss daran zu improvisieren. Diese Methode fördert die Kreativität und Freiheit des Schülers Clifford Brown. Ein weiterer Lehrinhalt war das Aufnehmen der Übungsstunde mit einem Rekorder. Brownie nutzte diese Technik als einer der ersten Jazzmusiker und führte sie in seiner ganzen Karriere weiter. Lowery sagte später über Brownie: „ All he needed was the right person, and I
think I was the one at the time“ 3
Clifford Brown war aber nicht der beste Schüler von Lowery, wie man meinen könnte. Sein schneller Fortschritt ist auf seine Entschlossenheit und seine Willenskraft zurückzuführen.
Clifford Brown spielte in seiner Schulzeit in einer Jazz-Formation Namens „The Little Dukes“. Diese Gruppe junger Musiker begann schnell zu wachsen und spielte zahlreiche Auftritte im Raum Wilmington.
Mit 15 kam er auf die Highschool, wo sich sein musikalischer Horizont noch weiter ausdehnte. Harry Andrews und Sam Wooding, die Musiklehrer der Schule öffneten dem jungen Clifford die Welt der klassischen Musik. Andrews arbeitet mit Clifford an einer klassik-orientierten Schule Namens „Arban´s Method“.
Brownie spielte zu dieser Zeit mit sehr viel Druck auf den Lippen, deshalb versuchte Andrews seinen Ansatz auf das non-pressure System umzustellen.
2 Hollie West, “Clifford Brown-Trumpeter´s Training” Down Beat Juli 1980
3 Phil Schaap, Radio Interview mit Robert “Boysie” Lowery, WKCR-FM Columbia University
New York, N.Y. 31. Oktober 1990
Clifford Brown verschaffte sich durch die Ausbildung bei Andrews eine größere Flexibilität und Ausdauer. Sein Sound wurde durch die klassische Ausbildung noch runder und schöner.
1.3. Schulische Ausbildung in Philadelphia
Clifford arbeitete sich in der Highschool als führender Lead-Trompeter sehr schnell voran. Doch nicht nur im Fach Musik war er sehr begabt, sondern auch in Mathematik. Im Jahre 1948 matrikulierte Clifford an dem Delaware State College. Da es zu dieser Zeit keine Musikabteilung gab, schrieb er sich in den mathematischen Zweig ein.
Brownie spielte zu dieser Zeit hauptsächlich in Bands, die in Philadelphia tourten. Philadelphia war in der aufkommenden Bebop Zeit 1940 eine der wichtigsten Städte neben New York. Die Liste der Musiker die in dieser Stadt groß ge-worden sind ist lang: Benny Golson, Philly Joe Jones, Lee Morgan, Red Rodney
sind nur einige. 4 So kam es auch, dass Brownie sein erstes Idol ganz nah zu Gesicht bekam: Fats Navarro.
1.4. Begegnung mit Fats Navarro
Fats Navarro wurde am 24. Sept. 1923 in Key West geboren. Seine ersten Gigs spielte er mit der Andy Kirk Band von 1943-1944. 1945 ersetzte Navarro den Platz von Dizzy Gillespie in der Band von Billy Eckstine. In den folgenden 1 _ Jahren entwickelte sich Fats Navarro zu einem der großen Beboptrompetern. Fliesend gespielte Achtelketten, klare Artikulation, voller Sound sind nur einige seiner wichtigen Merkmale. Im Gegensatz zu Dizzy legte er seine Schwerpunkte auf den Sound im mittleren Register der Trompete. Seine Solos waren struktu-
4 vgl. Nick Catalano, “Clifford Brown-The Life and Art of the Legendary Jazz Trumpeter”,S. 31
riert und ausbalanciert. Nach seiner Zeit bei Eckstine spielte er in verschiedenen kleineren Gruppen. Zwischen 1946 und seinem Tod 1950 hat er etwa mit 150 kleineren Besetzungen Aufnahmen produziert. Unter anderem mit Kenny Clarke, Bud Powell, Charlie Parker und vielen anderen. Clifford Brown folgte somit als 15-jähriger den Pfaden seines Meisters. Während seines Aufenthalts in Philadelphia konnte er die Auftritte von Navarro mitverfolgen und seine Phrasierung und Sound studieren. Clifford Brown wurde Jahre später gefragt, wer den sein wichtigstes Vorbild auf seinem Instru-
ment sei. Er antwortete: „The late Fats Navarro“ 5
1.5. Schicksalhafte Begebenheiten
Wie bereits erwähnt, hatte Clifford Brown neben der Musik noch ein Talent: Mathematik. Es war ihm klar, dass es sehr schwer sein wird, mit Jazzmusik Geld zu verdienen. Deshalb strebte er ein Studium an, bei dem er seine Fähigkeiten verwirklichen könnte. Damit würde er genügend Geld für seine Familie verdienen, falls seine Karriere als Musiker fehlschlagen würde. Eines Tages hatte Dizzy Gillespie mit seiner Bigband in Wilmington ein Gastspiel, bei dem auch Brownie anwesend war. Durch einen glücklichen Umstand konnte Clifford kurzfristig als Substitut von Benny Harris einspringen. Er spielte das erste Set und durfte auch einige Solos spielen. Dizzy wurde auf ihn aufmerksam und kam mit Clifford Brown in Kontakt. 6
Dieses Erlebnis hatte Brownie so fasziniert, dass er beschloss, seine Karriere als Mathematiker zu beenden und sich nur noch auf die Musik zu konzentrieren.
5 Leonard Feather, Jazz Encyclopedia Questionnaire, 1954
6 vgl. Nick Catalano, “Clifford Brown-The Life and Art of the Legendary Jazz Trumpeter”, Seite
42
Im Jahre 1949 ging Clifford Brown zurück auf das Maryland State College, wo er sofort in eine Jazzband der Studenten einstieg. In dieser Band konnte Brownie nun auch seine Talente als Komponist und Arrangeur ausleben. Die Maryland State Band wurde ziemlich schnell bekannt und tourte durch den ganzen Staat.
Während einer Spritztour mit 3 Freunden kam es am 06. Juni 1950 zu einem schweren Autounfall. Zwei Insassen überlebten den Unfall nicht. Clifford Brown wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Seine Verletzungen waren so schwerwiegend, dass er für ein Jahr aus seiner musikalischen Karriere gerissen wurde. Doch Clifford versuchte in dieser Zeit seinen Ansatz und seine Übungsphasen aufrecht zu erhalten, was ihm aber manchmal sehr schwer viel.
Anfang des Jahres 1951 war Clifford wieder gesund genug um in den Clubs von Philadelphia zu spielen. Bei einer dieser Sessions traf er im Mai 1951 Charlie Parker, mit welchem er einige Tunes spielte. Der Drummer Roy Haynes sagte zu diesem Gig später: „ I remember that he [Brownie] played a phrase and the
people went crazy.” 7 Auch das führende Musikmagazin Down Beat wurde ab diesem Zeitpunkt auf Brownie aufmerksam, er wurde als einer der neuen Jazz-Trompeter angekündigt.
Diese beiden Gigs mit Parker und vorher mit Gillespie spielen eine wichtige Rolle in Clifford Browns musikalischem Lebensweg, der sich ab diesem Zeitpunkt noch stärker auf seine Karriere als Jazzmusiker konzentrierte.
7 Nick Catalano, “Clifford Brown-The Life and Art of the Legendary Jazz Trumpeter”,
Interview mit Roy Haynes, 21. Juli 1998
2. Karriere als Jazzmusiker
2.1. Erstes Projekt mit „Chris Powell and the Blue Flames“
Wie viele andere Jazzmusiker spielte auch Brownie bei kommerziellen Projekten. 1951 tourte die Band „Chris Powell and the Blue Flames” durch den Ort Wilmington. Clifford war an diesem Abend zufällig anwesend und wurde wie so schon so oft aufgefordert einige Stücke mitzuspielen. Chris Powell war begeistert und engagierte ihn für seine Band.
Während dieser Zeit tourte die Band viel im Raum Philadelphia und später in New York. Das Repertoire der Band reichte von Rhythm ´n´ Blues, Mambo, Calypso bis hin zu Jazz. Durch die Mitwirkung von Clifford Brown wurde das Programm immer jazzorientierter. Billy Taylor, der Pianist der Band „Blue Flames“ beschrieb die Entwicklung der Musik damals wie folgt: „There were groups that i would call ´pre-bop´ groups because they were playing danceable music but they were not playing rhythmically what beboppers were playing. But harmonically and melodically they were playing some of the same kind of lines” 8
Während andere Jazzmusiker versuchten Dizzy Gillespie zu imitieren, entwickelte Clifford Brown seine eigene musikalische Sprache. Deutlich zu hören ist dies bei einer seiner frühen Aufnahmen mit Chris Powell bei dem Stück „I Come form Jamaica“. CD 1
Brownies Solo über diesen einfach gestrickten Calypso war sehr bluesorientiert, doch die Sequenzen von triolischen Figuren in seinem Spiel deuten auf seine eigene Bebop-Sprache hin.
Während der Zeit bei den „Blue Flames“ knüpfte Clifford Brown Kontakte zu zahlreichen wichtigen Musikern, wie z. B. Stan Getz, Benny Golson, Sonny
8 Nick Catalano, “Clifford Brown-The Live and Art of the Legendary Jazz Trumpeter”,
Interview mit Billy Taylor, Austin, Texas, 13. Oktober 1992
Stitt, Gene Ammons, Red Garland usw. Durch diese Bekanntschaften mit guten Musikern entwickelte sich Clifford Brown zu einem der besten Hard-Bop Trompetern.
2.2. Zusammenarbeit mit Tadd Dameron
Clifford Brown wurde jetzt immer öfter von Musikern aus der Bebopszene gebucht um mit ihm Gigs oder Aufnahmesessions zu spielen. Doch Brownie be-vorzugte einen Mann ganz besonders: Tadd Dameron und seine Band. Tadd Dameron wurde 1917 in Cleveland geboren. Bevor er seine Musikkarriere startete studierte er Medizin. Am Höhepunkt der Schwingbands schrieb Dameron zahlreiche Arrangements und Kompositionen für Harlan Leonard, Jimmie Lunceford und Coleman Hawkins. Im aufkommenden Bebopzeitalter schrieb Tadd Dameron für Dizzy Gillespies Bigband und für seine eigene For-
mationen. 9
Die erste Aufnahmesession mit Clifford und „Tadd Dameron and his Orchestra“ fand am 11. Juni 1953 statt. Die Musiker waren: Clifford Brown, Idrees Sulieman (tp), Herb Mullins (tb), Gigi Gryce (as), Benny Golson (ts), Oscar Estella (bar), Tadd Dameron (p,arr.), Percy Heath (b), Philly Joe Jones (d). Seine erste Jazzaufnahme aber spielte Brownie mit dem Altsaxophonisten Lou Donaldson ein. Diese Aufnahme, welche am 9. Juni 1953 entstand, wurde von Alfred Lion organisiert, der später einer der wichtigsten Bebop Plattenproduzenten wurde. Die Bandmitglieder waren Elmo Hope am Klavier, Percy Heath am Bass und Philly Joe Jones am Schlagzeug. Die Kompositionen waren hauptsächlich Stücke von den Bandmitgliedern - unter anderem auch ein Stück von Clifford „Brownie Speaks“.
9 vgl. Nick Catalano, “Clifford Brown - The Life and Art of the Legendary Jazztrumpeter”, S.65
An diesem heißen Sommertag also begann die Jazzkarriere des jungen Clifford Brown. Später erzählte Lou Donaldson in einem Interview folgendes über Brownie: „Back then, a lot of guys were strung out. But Clifford was strong. There was nothing to get in his way. He was powerful, the guy who could play all night and never split a note.” 10
Weitere Aufnahmen folgten mit dem Posaunisten Jay Jay Johnson und dessen Sextett am 22 Juni 1953. Die Besetzung waren Clifford Brown (tp), Johnson (tb), Jimmy Heath (ts, bar), John Lewis (p), Percy Heath (b) und Kenny Clarke (d).
Im Juli des Jahres 1953 wechselte Clifford mit seinem Kollegen Gigi Gryce von Dameron zu Lionel Hamptons Band, welcher gerade eine Europatournee plante. Etwa zur gleichen Zeit bekam Clifford einen Plattenvertrag von Alfred Lion für das Blue Note Label. Für sein eigenes Projekt suchte er sich Musiker wie Gigi Gryce, Percy Heath, Charlie Rouse und John Lewis und den große Art Blakey aus.
2.3. Europatournee mit Lionel Hampton
Lionel Hampton buchte sich bekannte und talentierte Bebopmusiker um eine Tournee durch ganz Europa zu planen. Unter den Musikern waren unter anderem Quincy Jones, Walter Williams, Art Farmer und Clifford Brown in der Trompetensektion. Bei den Posaunisten fanden sich Namen wie George „Buster“ Cooper und Jimmy Cleveland und ein alter Weggefährte Hamptons, Al Hoyse. Im Holzbläsersatz spielten Gryce, Estelle Anthony Ortega, Clifford Scott und Clifford Solomon. Monk Montgomery (b) , Billy Mackel (git), Alan Dawson (d) und George Wallington waren die Rhythmusgruppe der Hampton-
10 Nick Catalano, “Clifford Brown - The Life and Art of The Legendary Jazztrumpeter”, S. 67
Bigband. Auch die Sängerin Annie Ross war mit von der Partie, mit der es aber später einige Probleme gab.
Die Tour begann am 2. September in Oslo, wo sie 2 Konzerte spielten. Nach diesen beiden Konzerten gab es schon die ersten Meinungsverschiedenheiten in der Band. Lionel und seine Frau Gladys Hampton stellten vor der Europatournee einige Regelen auf, die den Mitmusikern nicht ganz zusagten. Sie verboten den Musikern während ihres Aufenthalts in Europa Aufnahmesessions mit anderen Produzenten zu machen, andernfalls würden sie sofort entlassen und bekämen kein Geld für das Rückflugticket.
Quincy Jones ließ sich von dieser Drohung nicht beeindrucken und nahm am 15. September einige Tracks für das Schwedische Label „Metronome“ auf. Er versprach den Produzenten von „Metronome“, dass er das nächste Mal seine Kollegen Clifford und Art Farmer mitbringen werde. Sofort nach der nächsten Show mit Hampton wollten die 3 Musiker um Mitternacht ins Studio des schwedischen Labels. Doch der Roadmanager von Lionel hatte Anweisung, dass kein Musiker mit seinem Instrument das Hotel verlassen darf. Quincy, Clifford und Art Farmer ließen sich nicht abschrecken und „entkamen“ durch die Hintertür.
Die Produktion die an diesem Abend eingespielt wurde erhielt den Namen „Clifford Brown - Art Farmer Swedish All Stars“. Die Besetzung stellte sich wie folgt dar: Clifford Brown (tp), Art Farmer (tp), Ake Persson (tb), Arne Domnerus (as), Lars Gullin (bar), Bengt Hallberg (p), Gunnar Johnson (b), Jack Noren (d), Quincy Jones (arr)
Die Tunes waren hauptsächlich Standards wie z. B. „Lover, Come Back to me“, „Falling in Love with Love“ und auch zwei Eigenkompositionen von Quincy „Scuse Those Blues“ und „Stockholm Sweetnin“. Die Improvisationen von Clifford gefielen Quincy so sehr, dass er sein Solo bei „Stockholm Sweetnin´“ für einen Bigbandchart transkribierte, den er in seinem späterem Album „This Is
How I Fell About Jazz“ veröffentlichte. 11
11 vgl. Nick Catalano, „Clifford Brown- The Life and Art of The Legendary Jazzt Tumpeter“,
Seite 80
Zwei Tage nach dieser Session in Stockholm tourte die Band weiter nach Dänemark und Amsterdam. Während dieser Zeit ergaben sich mit der Sängerin Annie Ross, wie schon erwähnt einige Probleme. Die Feststellung, dass Annie eine weiße Sängerin in mitten von schwarzen Musikern war, gefiel dem europäischen Publikum ganz und gar nicht. Die Abneigung der Zuhörer ging soweit, dass Hampton seine Sängerin entlassen musste.
2.3.1. Brownie und Art Farmer
Hampton versuchte auf der Bühne die beiden Trompeter Clifford und Art Farmer gegenseitig anzustacheln. Hampton versuchte deshalb immer wieder Battle-Choruse in die Arrangements einzubauen. Die beiden Musiker schaukelten sich dabei so auf, dass die Solos immer länger und länger wurden. Art Farmer erklärte später in einem Interview folgendes: „Brownie and I received our primary inspiration from the same source [Fats Navarro], and I think at one time we sounded somewhat similar, but he was
always the more capable for being able to move around the horn.“ 12
2.3.2. Aufnahmesessions während der Zeit in Paris
Die nächste Station der Band war die Metropole Paris, in der sie 5 Tage Aufenthalt hatten. Da aber nur 2 Konzerte angesetzt waren hatten die Musiker genügend Freizeit, die sie auch prompt ausnutzten. Während dieser Zeit in Paris wurden insgesamt 4 Sessions mit Clifford Brown aufgenommen und veröffentlicht. Daraus entstanden folgende Platten „The Complete Paris Session Vol. 1 -
12 Barbara Gardner, „The Legacy of Clifford Brown,“ Down Beat, 30. Oktober 1994
Vol. 3“, „Clifford Brown Sextet“, „Clifford Brown - Gigi Gryce Sextet“, Clifford Brown Quartet“.
Die erste Aufnahme entstand mit dem Trio von Henri Renaud. Die Musiker waren Henri Renaud am Klavier, Pierre Michelot am Bass und Jean-Louis Viale am Schlagzeug. Dieses Trio wurde noch durch Gigi Gryce (as) , Jimmy Gourley (g) und natürlich durch Clifford Brown erweitert. Für die größeren Besetzungen der Aufnahme wurden noch anderer Musiker eingeladen: Fernand Verstrate (tp), Fred Gerard (tp), Al Hayse (tb), Jimmy Cleveland (tb), Bill Tamper (tb), Anthony Ortega (as), Clifford Solomon (ts), Henry Bernard (ts), Henry Jouot (bar).
Die Arrangements für diese Produktion wurden überwiegend von Gigi Gryce selbst geschrieben. Er studierte 1948 Komposition an dem „New England Conservatory of Music“ und bekam später ein Stipendium um bei Nadia Boulanger und Arthur Honegger zu studieren.
Am 29. September gingen Clifford und Gryce wieder mit dem Henri Renaud -Trio ins Studio. Bei dieser Session holten sie sich noch den Gitaristen Jimmy Gourley um das „Clifford Brown Sextet“ zu vervollständigen. Diese Aufnahmesession musste aber leider unterbrochen werden, da die Hampton Band nach Deutschland weitertourte, wo sie Konzerte in Düsseldorf, München, Frankfurt, Hamburg, Berlin und Mannheim gab. Später jedoch kehrten sie wieder nach Paris zurück, um noch die letzen Veranstaltungen im Theater zu spielen. Clifford nutzte die Chance und vollendete seine Aufnahmesession mit dem „Clifford Brown - Gigi Gryce Sextet“.
Seine letzte Aufnahme in Paris entstand in der letzten Minute seines Aufenthalts. Henri Renaud erinnert sich später: „It was absolutely unprepared and we did it in three hours one afternoon which turned out to be his final day in Paris.
Arbeit zitieren:
Reinhard Greiner, 2000, Clifford Brown: Arbeitsweise und Meisterwerke eines Jazztrompeters, München, GRIN Verlag GmbH
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