Inhaltsverzeichnis:
1. Gegenstand und Zielsetzung dieser Arbeit 3
2. Die Sprachkrise als Phänomen um 1900 4
2.1. Friedrich Nietzsche 5
2.2. Fritz Mauthner 7
2.3. Hugo von Hofmannsthal 10
2.4. Konsequenzen und Überwindungsversuche 13
3. Franz Kafkas Schweigen: seine Beziehung zur Sprachkrise 16
3.1. Kafka und Prag 17
3.2. Der Prozesscharakter in Kafkas Schreibstil 18
3.3. Die ambivalente Bedeutung der Sprachkrise für Kafka 21
4. Schlussbetrachtung: Die Sprachkrise als Phänomen der 23
Moderne ?
5. Literaturverzeichnis 26
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1. Gegenstand und Zielsetzung dieser Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit soll im Wesentlichen Kafkas Verhältnis zur Sprachkrise herausstellen. Kafkas Schweigen als direkte Reaktion auf die um die Jahrhundertwende virulent gewordene Sprachskepsis zu interpretieren ist durchaus problematisch, denn er zählt nicht zu den Propagandisten, die die Unzulänglichkeit sprachlichen Ausdrucks in theoretischen Abhandlungen darlegen.
Gegenstand dieser Arbeit wird es in einem ersten Schritt sein, die Sprachkrise als ein Phänomen um 1900 mit ihren Auswirkungen für das Individuum herauszuste llen und so der Frage nachzugehen, ob die Sprachkrise als Teil einer größeren Sinnkrise zu verstehen ist. Auf diese Grundlage aufbauend gilt es dann die Aussagen der Hauptvertreter Friedrich Nietzsche, Fritz Mauthner und Hugo von Hofmannsthal in ihren unterschiedlichen Nuancierungen zu fokussieren, um abschließend die F rage nach Konsequenzen aus den zuvor aufgezeigten Postulaten, aber auch Überwindungsversuche aufzuzeigen, die exemplarisch durch Hugo Ball als Vater des Dadaismus am prägnantesten herausgestellt werden können.
Auch wenn Kafka nicht eindeutig als Vertreter der Sprachkrise bezeichnet werden kann, finden sich bei ihm durchaus sprachkritische Äußerungen. Aus dieser Widersprüchlichkeit ergibt sich dann auch die Fragestellung des zweiten Hauptteils, nämlich wie sich Kafkas Beziehung zur Sprachkrise beurteilen lässt. In diesem Zusammenhang gilt es zunächst Prag als seinen Lebensmittelpunkt und die ihn am stärksten prägende Stadt zu berücksichtigen. Entscheidender aber sind der für Kafkas Schreibstil charakteristische Prozesscharakter, sowie seine stets erneut auftretenden Schreibblockaden, um abschließend die ambivalente Bedeutung der Sprachzweifel auch im Hinblick auf Konstruktivität oder Destruktivität abzuwägen.
In der Schlussbetrachtung werden die vorangegangenen Überlegungen noch einmal im Hinblick auf die Moderne beleuchtet, um abschließend die Frage zu stellen, wie dauerhaft die Angst vor dem Sprachverlust ist, ob die Sprachkrise als Phänomen auch der neueren Moderne einzustufen ist. In diesem Zusammenhang finden unter anderem exemplarisch Peter Handke und Botho Strauss nähere Berücksichtigung, denn sie greifen durchaus sprachkritische Impulse auf.
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2. Die Sprachkrise als Phänomen um 1900
Wenn Hugo von Hofmannsthal Worte mit „modrigen Pilzen“ 1 vergleicht und Friedrich Nietzsche ebendiese als bloße „Abbildung[en] eines Nervenreizes in Lauten“ 2 auffasst, zeugt dies von einer Sprachskepsis, die sich durch eine selbstreflexive Wende in der Literatur um 1900 manifestiert. Als gr undlegend gelten in diesem Zusammenhang Bedenken an dem Objektivitätsanspruch der Sprache, also „philosophisch begründete Zweifel an der Adäquationstheorie“ 3 . Infolgedessen wird die Vorstellung, dass es zwischen der wahrnehmbaren Welt, dem erkennenden menschlichen Geist und der darstellenden Sprache eine sachlogische Übereinstimmung gibt, negiert. 4
Zum einen wird also die Arbitrarität von Repräsentant und Repräsentiertem in den Vordergrund gerückt, zum anderen ergibt sich aber auch eine für das Individuum relevante Nuancierung. Denn wenn Fritz Mauthner die Sprache allgemein als „elendes Erkenntniswerkzeug“ 5 verurteilt, unterstreicht dies zudem die Verschränkung von Sprach- und Erkenntniskritik. So ist Sprache einerseits nicht in der Lage Wirklichkeit adäquat wiederzugeben, andererseits kann mit ihr aber ebendiese auch nicht erfasst werden. Es ergibt sich also nicht nur die Frage nach der Abbildbarkeit der gegebenen Welt, sondern auch die der verstandesmäßige n Erkennbarkeit, wobei nach Eschenbacher in diesem Z usammenhang einschränkend zu formulieren ist, dass
„vom Verlust der Wirklichkeit und von der Entfremdung der Dinge zu sprechen […] nur dann einen Sinn [hat], wenn man dabei das Verhältnis des Menschen zur Realität und zu
den Dingen als ein sprachlich bedingtes und vermitteltes voraussetzt.“ 6
Diese Problematisierung von Wahrnehmen und Bewusstsein führt dann zu einer Ich-Krise, wenn das Individuum durch eine von ihm selbst wahrgenommene Auflösung der „Einheitlichkeit und Ganzheitlichkeit von Welt und Dasein“ 7 tiefgreifend verunsichert wird. Dass diese Orientierungs- oder Identitätskrise ein Phänomen der Moderne ist, zeigt ein Blick sowohl in den philosophisch-
1 Hofmannsthal: Brief, S. 14.
2 Nietzsche: Wahrheit, S. 4.
3 Kiesel: Literarische Moderne, S. 177.
4 Cf. Ebd.
5 Mauthner: Kritik der Sprache, S. 88.
6 Eschenbacher: Fritz Mauthner, S. 34.
7 Kiesel: Literarische Moderne, S. 194.
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historischen als auch in den sozial -historischen Kontext: Im Gegensatz zum Theozentrismus im Mittelalter vollzieht sich in der Renaissance seit Montaigne ein Paradigmenwechsel hin zum Egozentrismus, der den Menschen nicht mehr als bloßes imago dei auffasst, und der cartesianische Zweifel hebt das denkende Ich hervor: Cogito ergo sum. Im 18. Jahrhundert postuliert Rousseau in seinem Contrat Social die subje ktive Rückwende, die dem Menschen die Eigenzweckmäßigkeit zugesteht. Die Konsequenz ist das Ausbleiben einer Identitätsbestimmung durch eine höhere metaphysische Instanz und in der sozialen Entwicklung mit dem Wegfall der Ständeordnung die Einbuße eines - das Individuum - übergreifenden Zwecks. So wird die Würde der Freiheit gleichzeitig zu einer Bürde für das Individuum, das Identitätsfindung oder -schaffung als persönliche Aufgabe leisten muss. Es ist also nicht tautologisch, abschließend zu formulieren, dass persönliche Identität lange Zeit sozial hergestellt wurde , weil sie von gesellschaftlichen Lebe nsformen geprägt und getragen worden ist. Im Vordergrund standen lebenspraktische Probleme und erst in der Moderne stellte sich die Problematik der Individuation in Form von Reflexionen über das Selbst und über die Fragwürdigkeit seiner Einzigartigkeit.
2.1. Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsches 1873 verfasster Essay Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne ist in erster Linie erkenntnispessimistisch und verbindet die Identitätsproblematik mit der Sprachkrise aufs Unmittelbarste. In seiner misanthropischen Betrachtungsweise legt der Schüler Schopenhauers dar, dass Wahrnehmung für das Subjekt sow ohl bezogen auf das Selbst als auch auf die ihn umgebende Welt nichts als eine Täuschung sei.
„Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung“ 8 , so lautet die markante Charakterisierung des Menschen, der als Verstellungskünstler sein Leben als „Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst“ bestreitet. Dieses „Maskiertsein“ täuscht also nicht nur andere, sondern auch das Individuum selbst hinsichtlich seiner Identität, so dass
8 Dieses, sowie folgende ohne Fußnote versehene Zitate beziehen sich allesamt auf Nietzsche:
Über Wahrh eit und Lüge im außermoralischen Sinne. Aufgrund des überschaubaren Umfangs von
nur fünf Seiten soll zugunsten des Leseflusses auf eine ausführlichere Zitierweise verzichtet
werden.
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Nietzsches Frage „Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst!“ als eine bloß rhetorische aufzufassen ist. Denn mit seinem Ausspruch „Ja, vermöchte [das Individuum] auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren?“, spricht er dem Menschen jegliche Fähigkeit zur sinnlichen Wahrnehmung seines Selbst ab.
Zusätzlich erschwert wird die Identitätsproblematik dadurch, dass das Individuum seine Stellung in der Welt und somit seinen Daseinssinn nicht für sich erklären kann, weil es die ihn umgebende Welt ebenso wie sein Dasein verkennt. Denn die Natur hat den Schlüssel zur objektiven Welterkenntnis weggeworfen, so dass die menschliche Erkenntnis als bloß menschliche in ihrer Bedeutung herabgesetzt wird, da sie in ihrer Subjektivität, also in ihrer perspektivischen Gebundenheit, objektiv betrachtet ebenso nihilistisch ist, wie die einer Mücke. Ähnlich wie bei Kant ist auch bei Nietzsche das einzelne Ich Produzent der Welt, die aber durch ihre konstruktivistische Natur keine Absolutheit oder objektive Wahrheit für sich beanspruchen kann. Dass aber dennoch ein „ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte“, liege in der durch Not und Langeweile unerlässlich gewordenen Herdentier-Existenz des Menschen begründet. Wenn der Mensch also angewiesen ist auf Gesellschaft muss er „wenigstens das allergröbste bellum omnium contra omnes“ vermeiden, so dass es folgerichtig einer „gleichmäßig gültige[n] und verbindliche[n] Bezeichnung der Dinge“ bedarf, die ihm erst den Austausch möglich macht und ihm darüber hinaus seine Stellung in der Welt verdeutlicht. Diese „Verabredung“ einer Verständigungsstruktur, der Nietzsche den Status einer „Erfindung“ beimisst, die konventionellen Charakter erlangt, ohne dabei die Frage zu berücksichtigen, ob „Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten“ ist, muss Nietzsche zufolge als „Täuschung“ oder „Betrug“ bewertet werden. Denn „[d]er Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen.“ Bei der Wortwahl kommt es demzufolge nie auf den adäquaten Ausdruck an, sondern viel mehr trachtet der Mensch danach, sich die Welt durch anthropomorphistische Begriffe verständlich zu machen:
„[Der Sprachbildner] bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hülfe. Ein Nervenreiz zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedes Mal vollständiges Überspringen der Sphäre mitten hinein in eine ganz andere und neue. […] Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen […] und besitzen doch
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nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen.“
Menschliche Welterkenntnis ist für Nietzsche also ein Prozess der Metaphernbildung und nur im Medium der Sprache möglich. Diese ist die lautliche Umsetzung von „Einbildungen“, die nicht den Dingen entsprechen, sondern den menschlichen Empfindungs- und Vorstellungsmöglichkeiten. Aufgrund der Radikalität seiner Thesen ist es nicht verwunderlich, dass Nietzsche seinen sprach- und erkenntniskritischen Essay dreizehn Jahre lang geheim gehalten hat und erst 1886 in Druck gegeben hat 9 . Offensichtlich aber fehlte dem Lesepublikum zu jener Zeit noch das entsprechende V erständnis für eine sprachkritische Reflexion, so dass der Aufsatz zunächst weitgehend unbeachtet blieb. S o auch unter Autoren, die ihre sprachkritischen Werke fünfzehn Jahre später veröffentlicht haben, wie Hugo von Hofmannsthal und Fritz Mauthner, der ihm ansonsten wohl kaum den Vorwurf hätte machen können, Nietzsche habe uns „keine Sprachkritik geschenkt“ 10 und verwerfe die Sprache nicht als Erkenntniswerkzeug 11 . In seinem Kapitel Über Nietzsche und Sprachkritik findet Nietzsches Essay Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne dementsprechend auch keine Erwähnung. Ein weiterer Vorwurf an Nietzsche ist, dass er nur dort Sprachkritiker sei, wo ihm die Sprache im Wege steht.
2.2. Fritz Mauthner
Die Tatsache, dass Fritz Mauthner als „eifrigste[r] und vielleicht auch wirkungsreichste[r] Vertreter jener Sprachskepsis und Sprachkritik“ 12 bezeichnet wird, mag auch am Umfang seiner Werke liegen, die sich der sprachkritischen Analyse widmen, denn allein seine Beiträge zu einer Kritik der Sprache, die 1901 und 1902 veröffentlicht worden sind, umfassen immerhin drei Bände. Auch wenn sich Mauthner selbst stark von Nietzsche distanziert, ergeben sich durchaus Parallelen. Denn Mauthner schreibt in seinem 1900 verfassten Vorwort, dass er schon vor „dreimal neun Jahren [den] Zwang [verspürt hat,] alle Kräfte einer
9 Cf. Kiesel: Literarische Moderne, S. 186.
10 Mauthner: Kritik, S. 331.
11 Cf. Ebd. S.332.
12 Kiesel: Literarische Moderne, S. 186.
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Arbeit zitieren:
Anneke Veltrup, 2006, Die Sprachkrise und Franz Kafkas Schweigen, München, GRIN Verlag GmbH
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