Einleitung. 4
1. Die Erzählsituation. 4
1.1 Die Erzählergegenwart. 5
1.2 Die Erzählform. 6
1.3 Der Erzählerstandort. 6
1.4 Die Erzählperspektive 7
1.5 Die Erzählhaltung 8
2. Aufbau 10
3. Spannungssteigerung 11
4. Fazit 14
Literaturverzeichnis 16
3
Einleitung
Kaum ein Werk Kafkas ist so vielseitig interpretiert worden, wie „Das Urteil“. Es liegt eine Vielzahl von Abhandlungen vor, die die Novelle auf der Basis psychologischer, soziologischer, theologischer und anderer Interpretationsansätze deuten. Vor allem durch die Veröffentlichung seiner Tagebücher und Briefe bietet es sich geradezu an, Kafkas Werke unter biografischen Aspekten zu deuten.
Da das Wesen einer Erzählung jedoch nicht nur durch außerliterarische Faktoren bestimmt werden sollte, versucht diese Arbeit, die besondere Technik des Erzählens im „Urteil“, seinen Aufbau und die Spannungssteigerung zu analysieren. Textgrundlage der Untersuchung ist die Novelle „Das Urteil“ von Franz Kafka. Entnommene Zitate beziehen sich auf einen 1994 erschienenen Band 1 , dessen Textgrundlage die Kritische Ausgabe „Drucke zu Lebzeiten“ ist. Der erste Teil meiner Seminararbeit orientiert sich stark an Jürgen Schuttes Bestimmung der Erzählsituation. 2
1. Die Erzählsituation
Die Erzählsituation bezeichnet die fiktionale Kommunikationsebene 3 , in der der vom Autor erfundene Erzähler agiert. Da sie alle Bedingungen, unter denen erzählt wird, fasst, wird sie hier als Oberbegriff für die erzähltheoretischen Kategorien der Erzählergegenwart, die Erzählform, den Erzählerstandort, die Erzählperspektive und die Erzählhaltung verwendet. 4
1
Kafka, Franz: Das Urteil. In: Franz Kafka. Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten. (Franz Kafka.
Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Bd.1). Hrsg. v. Hans-Gerd Koch. Frankfurt a. M. 1994.
2 Schutte, Jürgen: Einführung in die Literaturinterpretation. (Sammlung Metzler). 4., akt. Aufl.
Stuttgart/Weimar 1997. S. 128-137.
3 Schutte unterscheidet drei Kommunikationsebenen eines erzählenden Textes: die reale, die fiktionale
und die fiktive Kommunikation (vgl. Schutte 1997: S.130).
4 Vgl. Schutte 1997: S.132.
4
1.1 Die Erzählergegenwart
Ist die Erzählsituation aus dem Text heraus erkennbar, bezeichnet man sie als Erzählergegenwart. Die Analyse dieser erzähltheoretischen Kategorie sollte mit der Untersuchung der verschiedenen Darstellungsweisen, wie z.B. Bericht, szenisches Erzählen etc. verbunden sein. 5
Im Fall der kafkaschen Erzählung „Das Urteil“ ist die Gegenwart eines Erzählers nicht explizit erschließbar. Lediglich die sprachliche Form gibt Aufschluss über die Existenz eines Erzählers: „Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemannn, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer […]“ 6 . In diesem raffenden Bericht führt der Erzähler den Leser an den Protagonisten heran. Es folgt eine Wiedergabe von Georgs Reflexionen in erlebter Rede. Der im Mittelteil der Erzählung szenisch vergegenwärtigte Dialog zwischen Vater und Sohn ähnelt dramatischen Darstellungen.
Durch die konsequente Verwendung der dritten Person wird dem Leser vergegenwärtigt, dass erlebendes und erzählendes Ich nicht dieselbe Person sind.
Der von Kafka eingesetzte Erzähler agiert nur auf der fiktionalen Kommunikationsebene: Er ist nicht selbst Teil des Geschehens und der fiktiven Kommunikation. 7 In dritter Person erzählt er von anderen, tritt weder als Haupt- oder Nebenfigur auf, noch wird er durch eingeschobene Kommentare präsent. Subjekt, Zeit, Ort und Adressat des Erzählens bleiben unbestimmt. Es kann von einer „konsequente[n] Reduktion der Präsenz […] [der] narrativen Instanz“ 8 gesprochen werden.
6 Kafka 1994 : S.39
7 Jede Art von Kommunikation, die zwischen den auftretenden Figuren einer Geschichte stattfindet,
bezeichnet man als fiktive Kommunikation (vgl. Schutte 1997: S.130).
8 Scheffel, Michael: Das Urteil - Eine Erzählung ohne „geraden, zusammenhängenden, verfolgbaren
Sinn“? In: Kafkas „Urteil“ und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Hrsg. v. Oliver Jahraus u.
Stefan Neuhaus. Stuttgart 2002. S. 63.
5
1.2 Die Erzählform
Das personale Verhältnis zwischen Erzähler und Erzählgegenstand bezeichnet die Erzählform. Während der Ich-Erzähler gleichzeitig auch Teilnehmer der dargestellten Ereignisse ist, besitzt der Er-Erzähler keine Personalität. Dies bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass er die Geschichte objektiv und neutral erzählt. 9
In Kafkas „Urteil“ wird der Erzähler für den Leser nicht sichtbar. Wie weiter oben schon erörtert wurde, erzählt er in der dritten Person nur von anderen. Nachdem der erste Absatz auf S.39 als auktorial erzählt erscheint, werden die folgenden Darstellungen konsequent in personaler Er-Erzählung vermittelt. Daraus ist zu schließen, dass der Erzähler nicht das erlebende, sondern nur das erzählende Ich verkörpert. Nach der Unterscheidung von Martinez/Scheffel ist der im „Urteil“ präsente Erzähler heterodigetischer Art. 10
1.3 Der Erzählerstandort
Die Fragen nach dem Erzählerstandort in einem erzählendem Text lauten: Wo steht der Erzähler und was sieht er? Der auch als Blickpunkt oder „point of view“ bezeichnete Terminus stellt das zeit-räumliche Verhältnis des Erzählers zu den erzählten Vorgängen und Gegenständen dar. 11
In unserem Fall bindet sich der Erzähler an die Wahrnehmung Georgs. Bis auf zwei Ausnahmen scheint er räumlich nahe bei dem erlebenden Protagonisten zu stehen. Die erste Ausnahme bildet hier der erste Abschnitt der Erzählung auf S.39: In einem Art Bericht nennt der Erzähler den Wochentag („Sonntagvormittag“) und die Jahreszeit („im schönsten Frühjahr“). Er bezeichnet Georg als einen jungen „Kaufmann“ und schildert seine räumliche Situation. Er führt den Leser an das Geschehen heran, indem er eine Übersicht gibt. Es folgt ein Wechsel dieses
10 Als heterodigetisch bezeichnet man einen Erzähler, der nicht als Person in der Erzählung auftritt (vgl. Martinez,
Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 6., Aufl. München 2005. S.81).
11 Vgl. Schutte 1997: S.134f.
6
Arbeit zitieren:
Corinna Götz, 2006, Die narrative Instanz in Kafkas Novelle 'Das Urteil'. Eine Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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